Donnerstag, 20. März 2008

Wo ich herkomme


Wo ich herkomme, behaupten die Menschen, ihre Sprache sei Deutsch. Aber schon damals als ich dort, wo ich herkomme, ankam, wurde mir klar, daß die Menschen dort, wo ich herkomme, nicht wirklich ein Deutsch sprechen. Was die Menschen dort, wo ich herkomme, sprechen, war damals - und ist auch heute - nur scheinbar ein Deutsch, in Wahrheit war es – und ist es auch heute - ein falsches, verrenktes, verzogenes Deutsch, einmal fragten sich plötzlich drei meiner seinerzeit pubertierenden Schulkameraden - es waren der Ehrenfried, der Kurt, der Leopold, die allesamt von dort, wo ich herkomme, gebürtig waren - in der Nacht während eines Schulskikurses, in den Stockbetten der Jugendherberge von F., einmal fragten sich plötzlich drei meiner seinerzeit pubertierenden Schulkameraden, wie sie denn als zukünftiger Mann im Deutsch der Menschen von dort, wo ich herkomme, einer Frau sagen können würden, daß sie sie liebten. Meine seinerzeit pubertierenden Schulkameraden versuchten, ein jeder ein Kopfkissen in Vertretung seiner zukünftigen Geliebten vor sich haltend, mehrere Varianten des Liebesbekenntnisses im Deutsch der Menschen von dort, wo ich herkomme. Alle Varianten waren verrenkt, verzogen und falsch, sodaß alle drei meiner damals pubertierenden Schulkameraden begriffen, daß man im Deutsch der Menschen von dort, wo ich herkomme, niemandem sagen könne, daß man ihn liebe, und schon gar keiner Frau.

[...]

Dort, wo ich herkomme, schützen sie sich mit dem Gallert ihrer Sprache vor aller Welt - schlimm ist die Welt für die Menschen dort, wo ich herkomme, vor allem jenseits ihrer Landesgrenzen - man kommt aber, wenn man, wie ich, irgendwann einmal dort, wo ich herkomme, angekommen und aus Gründen, die man wieder vergessen hat, geblieben ist, und man hin und wieder, in den Ferien wenigstens, von den Menschen dort, wo ich herkomme seine Ruhe haben will – man kommt aber in keinem Land dieser Welt um die Begegnung mit den Menschen von dort, wo ich herkomme, herum.

[...]

Ich behaupte: Dort, wo ich herkomme, täten die Menschen besser daran, zu verstummen. Das Verstummen der Menschen dort, wo ich herkomme, würde mehr bedeuten, behaupte ich, als ihr Reden, da die Menschen dort, wo ich herkomme, wenn sie reden, doch nicht sagen, was sie wollen - im Gegenteil wollen die Menschen dort, wo ich herkomme, wenn sie reden, das, was sie wollen, am Verlassen ihrer Mundhöhlen hindern: Zum einen will das, was die Menschen dort, wo ich herkomme, wollen, aus ihren Mündern hinaus und in das Ohr ihres Gegenübers hinein, zum anderen wollen die Menschen dort, wo ich herkomme, wenn sie schon einmal etwas wollen, ihr Wollen auf keinen Fall auslassen, dort, wo ich herkomme, bringt man den Kindern schon bei, ja nichts auszulassen:

Wenn man Dir gibt,
Dann nimm,
Wenn man Dir nimmt,
Dann schrei.
Was Du hast,
das laß nie aus.

[...]

Man kann auch sagen: Der Mensch von dort, wo ich herkomme, kotzt, wenn er redet, unter vorgehaltener Hand.
Nur wenn er ordentlich auf die Schnauze gefallen ist, kotzt der Mensch von dort, wo ich herkomme, ohne die Hand vor dem Mund zu halten, im hohen Bogen, um vielleicht eine Brücke zum Nebenmenschen zu schlagen, in der Regel ist der Angekotzte ein Fremder oder Minderheitenangehöriger.
Dort, wo ich herkomme, kommt der Fremde resp. der Minderheitenangehörige in der Regel aus dem Lappland oder aus Honolulu. Die Menschen dort, wo ich herkomme, bezeichnen aber die Fremden nicht als lappländische oder als honoluluische Mitbürger, wie es sich gehörte, sondern als Läppische oder Honoluluische, und bringen ihren Kindern bei, daß alles Übel der Welt von den Honoluluischen käme resp. von den Läppischen, und daß die Läppischen und die Honoluluischen es sich in Wahrheit immer richteten und das Volk von dort, wo ich herkomme, übervorteilen würden. Dort, wo ich herkomme, leben die Menschen in der aufrichtigen Sorge, daß ihr Leben von der fremden Art der Läppischen und Honoluluischen nach und nach überwuchert werden könnte, manche behaupten, der Atem und die Gerüche der Läppischen und der Honoluluischen würden die heimatlichen Winde und Lüfte und Sonnenstrahlen und Wolken verändern, so daß das Klima dort, wo ich herkomme, seinen Eigencharakter zu verlieren drohte, wofür sie den Ausdruck Umwolkung geschaffen haben, auch ich bin, wenn ich es recht bedenke, seinerzeit als Läppischer oder als Honoluluischer dort hin gekommen, wo ich jetzt her komme, aber so wie sie dort, wo ich herkomme, behaupten, das Wetter habe sich dort, wo ich herkomme, durch das Fremde verwandelt, so habe auch ich mich im Laufe der Jahre verwandelt, und habe über die Zeit bevor ich dort, wo ich herkomme, ankam, nichts mehr zu sagen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wie auch immer man dort, wo Du herkommst, redet – ist es nicht schön, dass man redet?
Wer im Land der Sprachlosigkeit aufgewachsen ist, in dem Äußerungen grundsätzlich zu misstrauen ist, Fragen nicht gestellt werden und Antworten verschwiegen, der würde das kleinste gallertige Wort dem Nicht-Wort vorziehen. Selbst wenn er aus Lappland oder Honolulu käme.

Anonym hat gesagt…

kannst du mehr dazu sagen?
sama maani