Donnerstag, 11. Oktober 2018

Achte Folge der Radiokolumne "Im Bus mit Sama Maani"


"Gott gehört vielleicht der NSDAP an ..."
„Gott“, sagt der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu Beginn einer Doku, die ich mir im Bus, im Smartphone, ansehe, „Gott ist eine literarische Erfindung. Es gibt keinen Gott.“ Und dann: „Wenn ich damals, unter den Nazis, von Gott hörte, hatte ich den Verdacht, Gott gehört vielleicht der NSDAP an. Denn er unterstützt alles, was die Nazis machen. Vieles gelingt ihnen. Was glauben Sie, was das für ein Erlebnis war, die Nachricht, dass die Nazis Paris erobert haben“.

Die Blicke des sympathischen, älteren Herrn vis à vis, der mir bekannt vorkommt, zeigen, dass irgendetwas nicht stimmt. Na klar. Mein Smartphone ist zu laut eingestellt, was ich – mit den Kopfhörern im Ohr – nicht mitbekommen konnte – er hat wohl alles mitgehört, und sein Blick signalisiert alles andere als Zustimmung.

„Früher“, sagte der Religionslehrer im Gymnasium in Graz, den wir, seiner Streitlust wegen, Don Camillo nannten, „früher war der Sex tabu – heute die Religion“. „Heute“, fuhr Don Camillo fort, „können Sie alles sein: Anarchist, Kommunist, Terrorist, Sadist, Masochist – aber sagen Sie einmal: Ich bin fromm“.

Don Camillo hatte recht. Heute scheint Religion aber in einem anderen Sinn tabu zu sein, als damals in den Achtziger Jahren. Tabu nicht mehr im Sinn von: unmöglich, weil hoffnungslos veraltet – sondern im Sinn von: unantastbar, weil heilig.

Die Worte „Gott ist eine literarische Erfindung“ an den Anfang dieser Kolumne zu setzen, erfüllte mich dementsprechend mit Scham. So wie mich das Bekenntnis: „Ich bin Atheist“ mit Scham erfüllt – oder der Gedanke, dass er – der Herr vis à vis – jedes Wort des verstorbenen, gottlosen Literaturkritikers mitgehört haben könnte.

Er, der auf einmal aufsteht – und den ich wiedererkenne. Den sympathischen, ein wenig verwahrlosten, älteren Herrn, dem ich, lang lang ist’s her, hier, im 13 A, häufig begegnete. Jedesmal war er – irgendwann – auf einmal aufgestanden um, so wie jetzt, ohne Vorwarnung eine Predigt zu halten. Ein Buß- und Busprediger mit ungarischem Akzent.

„Wo viele Gottlose sind“, sagt die unverändert sanfte Stimme in einer Art Sprechgesang, „da – ist viel Sünde ... Wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst. Wohl dem, der auf das Gesetz achtet!“

Meine Scham verdoppelt sich – um eine gute Portion Fremdscham. Fremdscham ist aber auch den anderen Fahrgästen ins Gesicht geschrieben. Als seien wir alle Zeugen eines höchst anstößigen Aktes.

Ich muss das eben gefällte Urteil revidieren. Tabu ist heute sowohl ein offenes Bekenntnis zur Religion – als auch gegen sie.