Sonntag, 24. April 2011

Wunderland 26

„Nach der Vorstellung spazierten das Mädchen und ich durch den Park, es war warm, wir legten uns auf eine Wiese. Das Mädchen gab mir einen joint, und erklärte, daß es im Lager weder Umerzieher noch Aufseher gäbe, nur Inhaftierte, aber Inhaftierte sei
Colascione

nicht das richtige Wort. Man könnte, wann immer man wollte, das Lager verlassen, aber die Konsequenzen dieses Verlassens seien nicht klar. Es hieße, daß man, wenn man das Lager verlasse und untertauche, von den Faschisten aber aufgegriffen werde, in ein gewönliches Lager komme, was niemand wollte, so das Mädchen.

Ich fragte, wie das mit der Umerziehung ohne Umerzieher funktionieren sollte, und woher man überhaupt wüßte, daß das Ziel die Umerziehung sei. Die Fragen schienen das Mädchen zu irritieren, das im Übrigen hübsch war. Seit ihrer Ankunft hätten ihr alle gesagt, das Lager sei ein Umerziehungslager der Reform-Faschisten, niemand, sie miteingeschlossen, hätte das je hinterfragt. Wie aber eine Umerziehung ohne Umerzieher funktionieren sollte, hätte sie sich selbst schon gefragt - und warum sich die Faschisten das überhaupt antaten. Wenn sie schon ein Umerziehungslager errichteten, und Menschen in dieses verschleppten, warum keine Umerzieher? Wenn es aber - gegen den äußeren Anschein - sehr wohl Umerzieher geben sollte, so das Mädchen, also als Inhaftierte getarnte Spione, warum dann dieser Aufwand mit der Tarnung, wo doch jeder wüßte, daß er sich in einem Umerziehungslager der religiösen Faschisten befände?

Aber die Umerziehung könnte auch ohne Umerzieher funktionieren, erklärte das Mädchen. Hin und wieder würden einzelne Lagerbewohner Zertifikate erhalten, die sie für berechtigt erklärten, das Lager auf der Stelle zu verlassen. Daß manche die Zertifikate erhielten, und andere nicht, könnte man, so das Mädchen, als Hinweis auf das Eintreten eines Umerziehungs-Effektes interpretieren, der den Erhalt des Zertifikates zur Folge hätte. Im Übrigen drohten einem die Zertifikate für den Fall politischer Aktivitäten nach der Entlassung mit der Einweisung in die berüchtigte Anstalt -“, der Junge nannte einen Namen, ich habe ihn aber vergessen, „in Nord-Teheran. Allerdings sei der Zusammenhang zwischen dem Erhalt des Zertifikates und einem - den Erfolg der Umerziehung belegenden – Verhalten des Inhaftierten oft nicht ersichtlich. Immerhin, so das Mädchen, schienen dem Erhalt des Zertifikates häufig Äußerungen des Betroffenen vorauszugehen, die auf dessen Bekehrung schließen lassen könnten, resp. könnte man jene Äußerungen – oft aber nur im weitesten Sinn - als Bekehrung zum religiösen Faschismus interpretieren, also zur Religion Teherans.

'Auf der anderen Seite', sagte das Mädchen, 'müßten die religiösen Faschisten von jenen Äußerungen, die sie - mutmaßlich - als Ausdruck einer Bekehrung interpretieren, irgendwie erfahren, was aber doch wieder heißt, daß es Spione im Lager gibt. Oder sie verschicken die Zertifikate ganz willkürlich'.

Wir spazierten wieder durch den Park, der in Terrassen angelegt war, auf der höchsten wußte man nicht, ob man sich noch im Park befand oder in der Kanada-Landschaft. Mir war schwindlig. Im Lager, erklärte das Mädchen - mir war schwindlig und ich spürte eine Euphorie, ich wollte nach ihrer Hand greifen, tat es aber nicht -, im Lager, erklärte das Mädchen, hätte das Jahr drei Epochen‚ wir befänden uns in der ersten, Kirschblüte genannten. Jede Epoche hätte ein Thema, das aktuelle lautete Wege aus der Moderne. Der Betrieb im Lager war nämlich dem einer Universität nachempfunden. Es gab eine Unzahl Veranstaltungen - Seminare, Vorlesungen, Praktika, Privatissimma, aber auch praktische Projekte und Kurse, in denen man z.B. Instrumente lernen konnte, auch ganz ausgefallene, wie das Colascione, ein historisches Zupfinstrument aus Unteritalien, oder die Tromba marina, in den Deutschsprachigen Bergen auch Trumscheit oder Nonnengeige genannt. Wer wollte, konnte auch das Bauen dieser Instrumente erlernen, und ganz andere Dinge, wie Tontechnik, Töpfern, Tischlerei, die Kunst des Marionettentheaters; es gab eine Filmwerkstatt, die sie damals gerade aufbauten, später wurden dort die besten der international beachteten Teheraner Filme gemacht. Es gab Werkstätten für Kunsthandwerk, Kraftfahrzeugtechnik, Kalligraphie, eine Schule der Teheraner Dichtung, Zeitungen, Tanz-und Theaterwerkstätten, man konnte Malerei, Bildhauerei, Videokunst oder Fotografie studieren sowie diverse Sportarten.

1 Kommentar:

Barbara hat gesagt…

Hi,

habe die anderen Teile nicht gelesen, es fehlt mir also der Zusammenhang. Trotzdem hinterlässt das Kapitel einen starken bleibenden Eindruck bei mir, da arbeitet was weiter im Inneren. Erinnert mich vom Erzählstil irgendwie an Kafka.

Und wenn da nicht der Hinweis wäre, dass das Ganze in Teheran spielt... ich hätte es glatt für eine absurd-treffende Allegorie unserer gesellschaftlichen Zustände gehalten was die angstgetriebene Tabusetzung, die innerliche Gleichmacherei und Selbstbeschneidung im Denken und Fühlen angeht. Oder so ähnlich, ist vermutlich wirklich besser in Bilder zu bringen als in Worte...

Viele Grüße!