Donnerstag, 25. August 2011




Die Düfte Gottes

Zeit seines Lebens wird Dimpfelmoser den Namen des Wachtmeisters in einem Kinderbuch tragen, das bei uns sehr beliebt, im Ausland aber auch nicht unbekannt ist.
Hinzu kommt:
- Betritt, eines Nachmittags, die Polizeiwachstube im Wohnbezirk.
- Gibt an, es sei ihm als er, am Vormittag bei strahlendem Wetter, im Strandkorb, im Städtischen Freibad, eingenickt sei, sein Glauben abhanden gekommen. Er glaube an ein Diebstahlsdelikt.


Mein gesamtes

BIO-PSYCHO-SOZIALES

ist im Autobus der Linie 13 A der Wiener Linien enthalten.

BIO: Slavoj Zizek, Slowene und schwitzender Philosoph, der Einzige, den heutzutage zu lesen sich lohnt:

PSYCHO: While watching PSYCHO* for the 20th time, I noticed the scene of Marion driving in the night on her escape from Phoenix … what we perceive here is a smile of a deeply PERVERSE SATISFACTION ... So, in a way, even before actually meeting him, MARION ALREADY BECOMES NORMAN … THIS IS CALLED TRUE LOVE IN THEORY. **

- SOZIALES: Glücklich sind wir nur, wenn wir glücklicher als die anderen, die anderen unglücklicher sind als wir. Und weil unser Glück sich über das Unglück der anderen definiert, kann Glück nicht allgemein sein - an Sozialismus ist nicht zu denken, sagt die Frau, Buchhändlerin, blond, Anfang Dreißig, Frisur und Bekleidung wie in den Fünfzigern, die den Bürger des besagten Landes, männlich, schwarzhaarig, asthenisch, erwürgt hat, bei der anschließenden Pressekonferenz.
Hinzu kommt:
Erstochen (mit dem Hirschfänger). (Mit der Kettensäge) zerlegt. Arme (2), Rumpf (1), Beine (2), Kopf (1), Nase (1). Im Ganzen sieben. Im Autobus. Am Vormittag. Bei strahlendem Wetter.


Im Gesetz des Casanova ist die Sieben die Zahl der Rache.
Will er eine bestrafen,
- schickt er sieben e-mails,
- versucht er unbedingt, mit sieben ihrer Freundinnen zu kopulieren.
- verabreicht sieben mal sieben Hiebe, mit dem Dreikant-Lineal.

Hat er sie verlassen, denn als Casanova muß er ständig verlassen, ist dennoch er verwundet. Um sie wiederzugewinnen, kontaktiert er sie sieben Mal. Dann nie wieder.

Die er verlassen hat, kommen nicht wieder. Von den sieben verfällt ihm kaum eine. Die sich weigern, machen sich wiederum schuldig, und gehören bestraft.


BIO: Wenn es im 13 A stinkt, glaube ich immer, ich sei die Quelle. Wegen des Migrationshintergrunds.


Seit Dimpfelmoser sein Glauben abhanden gekommen ist, wundert er sich. Oder ihn nichts mehr. Von seinem Nachbarn, dem Casanova, ist er überzeugt, er hätte, entgegen wiederholter Beteuerung, einen Glauben.
Mehr noch: Aus einer Gier heraus hätte er ihm, Dimpfelmoser, als er, Dimpfelmoser, im Liegestuhl, auf dem Balkon, eingenickt sei, seinen Glauben gestohlen (Casanova und Dimpfelmoser sind Balkonnachbarn) und das obwohl der Glaube Casanovas ungleich stärker sein müßte, glaubt Dimpfelmoser, als sein eigener, ihm abhanden gekommener. Denn Casanova kommt aus dem besagten Land.

Trotzdem er den Namen des Wachtmeisters des beliebten Kinderbuches trägt, hat Dimpfelmoser sich in Polizeisachen für untalentiert erklärt. Jetzt entdeckt er den Inspektor in sich. Er nimmt Casanovas Observierung auf. Eine Herausforderung, denn Casanova kennt Dimpfelmosers Gesicht.

In einem Café, dessen spärliche Beleuchtung Dimpfelmosers Absichten entgegenkommt (um unerkannt zu bleiben, trägt Dimpfelmoser Sonnenbrille, Detektiv-Kappe und Schnauzbart-Attrappe) sieht er den Casanova einen Papiersack übernehmen, und aus dem Papiersack etwas entnehmen - schwarze oder braune durch einen Faden miteinander verbundene Kugeln, soweit im spärlichen Licht des Cafés zu erkennen.

Dimpfelmoser ist überzeugt: Casanova ist jetzt im Besitz eines weiteren Glaubens - eines Glaubensartikels zumindest. Es reicht ihm. Die Phase der Observation ist vorüber. Als Casanova das Kaffeehaus verläßt, folgt ihm Dimpfelmoser.


Zumal im Autobus sei der Geruch des Glaubens des besagten Landes nicht zu ertragen, sagt die Frau, Anfang Dreißig, die den Bürger des besagten Landes, männlich - siehe oben, in der Pressekonferenz. Ungleich stärker als der Glaubensgeruch hierzulande. Seit Jahren habe sie eine therapieresistente Geruchsallergie, sagt die Frau, Renate Schöngeist, Buchhändlerin, Frisur und Bekleidung - siehe oben.


Dimpfelmoser folgt Casanova. In der Einkaufsstraße geraten sie in eine Demo - gegen die Tat der Buchhändlerin Schöngeist. Vor BuchhändlerInnen und Schöngeistigen haben die Menschen aus dem besagten Land jetzt Angst. Die Demo erklärt sich mit dem Glauben der Menschen des besagten Landes solidarisch. D.h.: mit dem Geruch jenes Glaubens. Denn erwürgt, und erstochen, und zerteilt, wurde der Mann aus Gründen der Geruchsallergie.

In der Zeitung hat Dimpfelmoser gelesen: Ein Parfumproduzent, ebenfalls solidarisch, hat ein Solidaritäts-Parfum produziert: Die Düfte Gottes - der Geruch des Gottes des Glaubens des besagten Landes. Entlang der Einkaufsstraße sind Kuben aufgestellt, um die Kuben herum Liegestühle. Die Kuben produzieren Die Düfte Gottes. Auf den Liegestühlen liegen Demonstranten mit Trockenhauben, nur daß die Trockenhauben den Kopf, wie bei Astronauten, ganz umschließen. Über Schläuche wird Die Düfte Gottes in die Astronautenhauben geleitet.


SOZIAL: Wegen des Migrationshintergrunds glaube ich immer, ich sei die Quelle, wenn es im 13 A stinkt.


Dimpfelmoser kann Casanova leicht folgen. Die Reihen der Demonstranten sind ja nicht dicht. Casanova wird von einer Gruppe Frauen umringt, später heißt es: Es waren sieben. Die Frauen kreischen, ob freudig oder aus Empörung ist unklar, und beginnen zu tanzen. Für den Tanz fehlen Dimpfelmoser die Worte.

Bei genauem Hinschauen haben die Frauen Auren. Orange, rote, grüne. Alle DemonstrantInnen haben jetzt Auren. Dimpfelmoser denkt: exotisch. Die Düfte Gottes versetzt sie in Trance. Manche singen, im Liegen, die Einkaufsstraße ist mit Heiligenscheinen gepflastert.


PSYCHO: Wegen des Migrationshintergrunds glaube ich immer, wenn es im 13 A stinkt.


Drei heften sich an den Casanova. Ob sie ihn festhalten oder sich zärtlich anschmiegen, ist nicht zu entscheiden. Zerren ihn zu einem der Kuben. Dem Gesichtsausdruck Casanovas ist nichts zu entnehmen. Legen ihn auf einen Liegestuhl.

Sieben Frauen umschreiten den Liegestuhl. Sagen: God, O God! Sind es Amerikanerinnen? Drei knien neben dem Casanova und halten ihn. An Armen und Beinen. Setzen ihm die Astronautenhaube auf. Die Düfte Gotte umströmt sein Gesicht als Wolke. Seinem Gesichtsausdruck ist nichts zu entnehmen. God, O God!


Die DemonstrantInnen singen:

Wir alle
glauben
an
Trat-ra

Ram-Dada


(Trat-ra steht stellvertretend für den Namen des Gottes des Glaubens der Mehrheit der Menschen des besagten Landes)


PSYCHO: Wegen des Migrationshintergrunds glaube ich immer, wenn es im 13 A stinkt.


Im Gesetz des Casanova existiert eine Rache, von der er nichts weiß.
Im besagten Land haben sie einen Vater erschlagen, der den Gott des besagten Landes verflucht. Eine Mutter gefoltert, die hatte ein Buch gelesen.*** Eine Schwester vergewaltigt. Einen Bruder.
Hinzu kommt: Zum Krüppel geschlagen.
Im besagten Land herrscht der Gott des besagten Landes.


Dimpfelmoser – seit er den Inspektor in sich entdeckt hat, ein guter Beobachter - beobachtet wie Casanova den Kopf zu schütteln beginnt. Nicht wie die Demonstranten in Trance, sondern irgendwas stimmt nicht.

Ohne Kaftanstrengung hat sich Casanova von den Frauen gelöst. Er steht. Eine Zeit lang. Dann geht er. Die Trockenhaube hat er noch auf, Röhre und Kubus schleift er hinter sich her. Die Röhre reißt. Aus dem lecken Kubus strömt Die Düfte Gottes. Eine Demonstranten-Traube umschwirrt den Kubus und inhaliert enthusiasmiert.

Die grüne Wolke um Casanovas Kopf wird braun. Erst hellbraun dann dunkel. Später heißt es, er hätte erbrochen. Man nimmt ihm die Haube ab. Er brüllt. Als wäre er Demonstrant. Casanova hat noch nie demonstriert. Nur gefickt.

Wegen den Frauen hat Casanova den Akzent des besagten Landes. Noch immer. Gott, brüllt er. Im Akzent des besagten Landes: Got. Oder besser: Kot. Casanova hebt seine Hände, und hält sie als würde eine jede eine Brust umfassen, und bewegt sie, als käme etwas wichtiges. Brüllt aber immer nur: Got. Oder besser: Kot. Und: Geruch. Oder Ruch.



Der Prediger des 13 A ist dem Akzent nach eindeutig. Ungarn. Auf einmal erhebt er sich. Man ist überrascht und schreckt sich.


Wird Casanova abgeführt?
Gelyncht?
In die Anstalt?
Vor Gericht?
Und Dimpfelmoser?
Wie fühlt er sich?
Besucht er ihn? Im Gefängnis?
In der Anstalt? Schreitet er endlich zur Tat? Für geistig Abnorme? Rechtsbrecher?
Wie wird die Anklage lauten?
Und: Was wird eigentlich aus den Gottes-Perlen? Die Kugeln, Sie wissen schon, die Casanova im spärlich beleuchteten Café -


Der Prediger des 13 A ist dem Akzent nach aus Ungarn. Auf einmal erhebt er sich. Man ist überrascht und schreckt sich womöglich. Er könnte ein Kontrolleur sein. Aber sein Gesicht ist sanft, wie der Mond, der scheint nur am Abend.

Beachten Sie die Bibel.
Brechen Sie nicht Ihre Ehe.
Beachten Sie nicht Ihres Nächsten Weib, Ochsen, Magd.


Das Mädchen, stehend, (wäre es denn sinnvoll, würde an dieser Stelle etwas über ihr Äußeres stehen) dreht sich halb zu mir um: Im Trat-ra, sie sagt den Namen des Buches des Gottes des Glaubens der Mehrheit der Menschen des besagten Landes, im Trat-ra steht das eh alles auch.

Weil natürlich überhaupt nichts davon im Trat-ra steht, dem Buch des Gottes des Glaubens der Mehrheit der Menschen des besagten Landes, will ich ihr widersprechen. Unhübsch ist sie ja nicht. Sie hat mich angesprochen, weil sie an meinen, und ihren, Migrationshintergrund glaubt.

Ansonsten ist zum Glauben zu sagen, was Adorno gesagt hat, daß Glauben nur das heißt, was angenommen wird, ohne daß es in Vernunft sich begründet. ****

Ich aber glaube: Ohne Bezugnahme auf Texte von Philosophen kommt ein literarischer heutzutage nicht aus.

Aber nicht daß Du glaubst, das verhieße was Gutes.

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* PSYCHO wie im Deutschen auszusprechen - wie bei Psychopath oder Psychotherapeut. Nicht wie im Englischen - um einer Verwechslung mit dem homophonen Namen einer Uhrenmanufaktur mit Firmensitz in Fernost (Umsatz 1,3 Mrd.€) vorzubeugen.

** Slavoj Zizek. IS THERE A PROPER WAY TO REMAKE A HITCHCOCK FILM?
http://www.lacan.com/hitch.html

*** Alexander Tisma. Die Schule der Gottlosigkeit

**** Theodor W. Adorno. Kants Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt 1995

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