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Giorgio de Chirico, Das Rätsel der Ankunft und des Nachmittags |
Das Treffen mit U. dauerte bis spät in die Nacht.
Ich ging mit dem Vorsatz zu Bett, mich am Morgen an die Lektüre des
Antisemitismus-Kapitels der Dialektik der
Aufklärung zu machen. In der Nacht hatte ich einen Traum, von dem ich nur Bruchstücke
erinnere. Er spielte in einer kargen, unwirklichen Landschaft, wie in den
Bildern Giorgio de Chiricos. Eine
unendlich lange Menschenschlange führte zu einem unendlich langen Tisch - oder
einer Art Theke. Die Menschen waren dunkel gekleidet und hielten blaue Luftballons
in der Hand. Es hieß, der Jüngste Tag sei nahe. Jemanden flüsterte: „Es ist das
Seltsame Opferritual“. Mehr erinnere
ich nicht.
Am nächsten Morgen fand ich in der Dialektik der Aufklärung das folgende:
„Der Antisemitismus ist [...] ein Ritual der
Zivilisation, und die Pogrome sind die wahren Ritualmorde.“ (Max
Horkheimer/ Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M. 1969,
S.180)
„[Der Jude] ist in der Tat der Sündenbock. Nicht
bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfaßenden Sinn,
daß ihm das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird.“(Ebd., S.
183)
„Den Juden, mit dieser ihrer Schuld beladen, [...]
schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.“(Ebd.,
S.177)
Erst beim Lesen dieses Satzes wurde mir bewußt, daß
ich in der Nacht jenen Traum geträumt hatte, in dem vom Seltsamen Opferritual die Rede war. Das kam mir, angesichts der
zitierten Passagen, ein wenig unheimlich vor, und - wie immer, wenn
ich eine unheimliche Begegnung mit dem vorgeblich Übersinnlichen habe - mußte ich an
meinen Lehranalytiker denken, der für alles vorgeblich Übersinnliche eine
nüchterne Erklärung hatte. Nach einigem Überlegen fand auch ich eine nüchterne
Erklärung für meinen vorgeblich prophetischen Traum: Ich hatte die Dialektik der Aufklärung, einschließlich
des Antisemitismus-Kapitels, ja vor Jahren schon einmal gelesen - und auch wenn
ich mich an dessen Inhalt kaum mehr erinnerte, war der nächtliche Vorsatz, am
nächsten Morgen die Dialektik der
Aufklärung (noch einmal) zu lesen zusammen mit der - unbewußten - Erinnerung an das
Antisemitismus-Kapitel wohl die Quelle für die Rede vom seltsamen Opferritual in dem Traum.
Eine Kette von Assoziationen führte mich von der Dialektik der
Aufklärung und meinem Lehranalytiker - einem Lacanianer - zu Jaques Lacan, der
in Zusammenhang mit dem Holocaust ebenfalls von einem – „den dunklen Göttern“
dargebrachtes -„Opfer“ spricht (Jaques Lacan, Das Seminar. Buch XI (Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse),
Weinheim und Berlin 1987).
U. hatte mir vorgeworfen, die Juden nur als Opfer zu sehen, was ich empört verneint
hatte. Bei „Opfer“ hatte ich, und wie ich vermute auch U., einfach nur an jemanden
gedacht, dem irgendwie etwas Böses widerfährt. Opfer im ursprünglichen und wörtlichen Sinn ist
aber jemand, oder etwas, der, oder das, zum Objekt eines Tausches wird: Ich
opfere etwas (den Göttern, einem Menschen, einem Ziel), in der Hoffnung, dafür etwas anderes - wertvolleres - zu
erhalten. Könnte es nicht sein, fragte ich mich, daß wenn wir - wie Horkheimer/Adorno und Lacan es getan haben -, das Wort „Opfer“ in dieser Weise wörtlich nehmen, der Antisemitismus, der Holocaust, Israel und auch jene Unfähigkeit
meiner Vorstellungskraft in einem anderen Licht erscheinen?
wird fortgesetzt
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