Freitag, 28. Dezember 2007

Werte Leser, das ist ein Weblog und wird daher sozusagen von unten nach oben gelesen. D. h. der neueste Beitrag ist oben, die älteren weiter unten ...

Mist!
Bevor ich mich ganz meinem Ärger zuwende, möchte ich mich herzlich bei A. Maria Puchheim
für seinen
Kommentar bedanken. Nicht wegen seiner wohlwollenden Behandlung meiner hier veröffentlichten Texte, vielmehr wegen der literarischen Qualität seines Kommentars.
Und nun zum Gegenstand meines Ärgers: Jemand hat mir gesagt, ich sollte hier lieber nicht zuviele Teile meines im Entstehung begriffenen Romans veröffentlichen, weil ja sonst kein Verlag ...
Das ärgert mich jetzt. So sehr, daß ich mich mit dem Gedanken trage, diese verdammten Verlage allesamt zu boykottieren und meinen Roman überhaupt nicht ... Allerdings wäre ich dann in der gleichen Position wie der monologisierende Erzähler in Gustavs Ernsts Roman "Grado, Süße Nacht" (Deuticke 2005 glaube ich), der das ganze Buch lang einer deutlich jüngeren Dame, die er gerade erst kennengelernt und zum Essen ausgeführt hat, zu erklären versucht, warum er keinesfalls mit ihr zu schlafen gedenkt, obwohl diese ja überhaupt nicht ...
Na ja. Muß mir das alles noch gründlich überlegen.

Derweil ein älterer Text von mir, der mit dem Roman nichts zu tun hat. Die Geschichte meines Dünnseins.

Was das Foto betrifft: Man beachte - von wegen Dünnsein -
die Zahnstocher ...


Die Geschichte meines Dünnseins

Teheran

Der erste Mensch, der mein Dünnsein entdeckte, war meine Mutter. Lange Zeit glaubte ich, mein Dünnsein zeige sich ausschließlich ihren Augen und hielt es für ausgeschlossen, daß irgend ein anderer Mensch fähig wäre, es wahrzunehmen. Wenn andere Menschen über mein Dünnsein sprachen, was gelegentlich vorkam, glaubte ich, meine Mutter hätte ihnen von meinem Dünnsein erzählt, ohne daß sie selbst in der Lage wären, es wahrzunehmen.
Später wurden meine Ansichten über die Fähigkeit der Leute, mein Dünnsein zu erkennen, gemäßigter. Ich dehnte den Kreis der Menschen, denen ich die Wahrnehmung meines Dünnseins zutraute, auf erwachsene Menschen mit besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten aus. Noch später wurde mir klar, daß praktisch jeder Erwachsene in der Lage war mein Dünnsein zu erkennen.
Nach meiner Einschulung in der Deutschen Schule Teheran wurden meine Ansichten über die Fähigkeit der Leute mein Dünnsein zu erkennen nochmals erschüttert. Eines Tages, es muß in der ersten Schulstufe gewesen sein, gingen meine Klassenkameraden und ich mit unserer Klassenlehrerin Frau Howe irgendeinen Weg im Gelände der Schule. Wir gingen in einer zweier Reihe und hielten uns an den Händen. Ich trug ein oranges T-Shirt mit afrikanischen Motiven und kurzen Ärmeln, das mir Tante Sima, die Mutter meiner altklugen Kousine Sepide, aus Kenia mitgebracht hatte. In einem überdeckten Gang zwischen zwei Klassenzimmern sagte meine Kollegin Barbara, die ich bei der Hand hielt, „Wie dünn Deine Arme doch sind!". In diesem Augenblick wurde mir klar, daß ich in einer Welt lebte, in der nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder - zumindest manche mit Einsicht begabte Kinder - mein Dünnsein erkennen konnten und daß es in einer solchen Welt gefährlich war, mit kurzen Ärmeln herumzulaufen.
Nach wie vor jedoch war meine Mutter jene Person, die sich die meisten Gedanken über mein Dünnsein machte. Es kränkte sie, daß ausgerechnet ihr Sohn so außerordentlich und unabänderlich dünn war und sie suchte nach Gründen dafür. Sie entwickelte zu verschiedenen Zeiten verschiedene Theorien über die Entstehung meines Dünnseins und manchmal auch zwei oder mehr davon zur selben Zeit. Einerseits glaubte sie, daß ich zu viel Energie hätte, die ich jedoch ständig in viel zu hohem Ausmaß und viel zu schnell verlieren würde. Andererseits sah sie den Grund meines Dünnseins in einer schlechten oder unzureichenden Nahrungszufuhr. Wenn ihre Stimmung trübe war wurde sie fatalistisch und machte unabänderliche Faktoren wie meinen Knochenbau, meinen Hormonhaushalt oder einen mysteriösen Fluch, der seit den Zeiten Soltan Sanjar's auf unsere Familie lasten soll, für mein anhaltendes Dünnsein verantwortlich.

Mein Kinderarzt Dr. Adham, ein sympathischer Mann mit einem unüberhörbaren Isfahaner Dialekt, den ich, soweit ich mich erinnere, nie ohne eine Pfeife im Mund sah, wog mich alle zwei Monate. Jahrelang überschritt ich die 20-Kilogrenze nicht, zumindest nicht nach oben. Dr. Adhams Reaktionen auf mein Dünnsein waren gemäßigter als diejenigen meiner Mutter, wenn auch nicht weniger wechselhaft. Manchmal meinte er, indem er andeutete, die Bedenken meiner Mutter zu verstehen, sie aber gleichzeitig zerstreuen zu wollen, daß ich zwar für mein Alter zu dünn, aber Choda ro Schokr - Gott sei Dank - ein gesundes Kind sei. Dann wieder, sah er sich veranlaßt weitreichende diätetische Maßnahmen wie die regelmäßige Zufuhr von Lebertran, Fladenbrot oder großen Mengen an Klobasse, zu empfehlen.
Wenn es Streit gab, nannten mich meine Spiel- , Straßen und Klassenkameraden Laghar mordani, was wörtlich übersetzt „magerer, todgeweihter Mensch" bedeutet. Im Persischen klingt Laghar mordani weniger schlimm als es die deutsche Übersetzung vermuten läßt, aber es war für mich Anlaß genug mir ernsthafte Sorgen über mein Gewicht zu machen. Es beruhigte mich ein wenig, daß ich aus der Art wie man in unserer Klasse mit Termeh, einer Klassenkollegin umging, schließen konnte, daß nicht Dünnsein sondern übermäßiges Dicksein das größte denkbare Übel war. Des weiteren gab es in meiner Umgebung erwachsene Menschen, die mich nicht als dünn ansahen, sondern als sarif, zu deutsch „zartgliedrig“. Andererseits entnahm ich den Äußerungen Erwachsener, sowie gelegentlichen Lektüren von Teheraner Frauenillustrierten, daß „Zartgliedrigsein“ eine Eigenschaft war, die man hauptsächlich von jungen Mädchen und Frauen erwartete.
Zu jener Zeit sendete das persische TV eine Nachmittagsserie, die Aghaje Motale’e hieß. Obwohl sie in den 70er Jahren gedreht vorden war, war Aghaje Motale'e, zu deutsch „Herr Leseratte“, den stummen amerikanischen Slapstikkomödien der 20er Jahre nachempfunden. Aghaje Motale’e war ein mittelgroßer, sehr dünner Mann mit einem schwarzen Chapeau, einem schwarzen Anzug, einem Schnauzer und einer Brille mit einer dicken schwarzen Fassung. Ich kann mich an keine einzige Szene erinnern, in der Aghaje Motale’e nicht las. Er las beim Autofahren, beim Essen, beim Spazierengehen, sogar dann, wenn er eine Frau in den Armen hielt.
Die Tatsache, daß Aghaje Motale’e gelegentlich eine Frau in den Armen hielt, ermutigte mich, da ich mich mit ihm, der ständig las, und ausgesprochen dünn war, identifizieren mußte. Im übrigen hatte ich Ermutigung dringend nötig. Mehr und mehr zog ich mich von meinen Klassen- und Straßenkameraden zurück, und tauchte in eine andere Welt ein. Aghaje Motale’e war nur die Spitze des Eisbergs. Den Eisbergkörper bildeten Fernsehserien wie Boschghab parandeh (UFO), Sarsamine Adjajeb, "Walt Disneys Welt", Tarzan und Bücher wie "5 Freunde", "Dr. Doolittle" und Kindermagazine wie Keyhane Batscheha und Mickey Mouse.

Auch meine erste Liebesbeziehung habe ich dieser Welt zu verdanken: Meine erste Liebe war nämlich ein Buch. Kein gewöhnliches Buch, sondern das persische Nationalepos, Schahnameh, das „Buch der Könige“. Als ich sie kennen und bald darauf lieben lernte, war die Schahnameh gerade 1063 Jahre alt geworden. Ferdosi hatte 30 Jahre auf ihre Erschaffung verwandt, um die Kultur und Sprache Persiens nach der islamischen Eroberung zu retten. Die Schahnameh enthält in tausenden Versen die Geschichte Persiens von den mythischen Dynastien, bis zur Eroberung durch die Araber. Sie wird von Königen, Helden, Prinzessinen, Magiern, Drachen und Dämonen bevölkert, die alle den Vorteil hatten, für mein Dünnsein kein Erkenntnisorgan zu besitzen. Ich liebte diese Wesen und ihre Schicksale so sehr, daß ich ihnen ewige Treue schwor. Ich beschloß mein Leben der Dichtkunst im allgemeinen und der Schahnameh im besonderen zu widmen.
Außerdem entwickelte ich damals - vielleicht, weil ich Fotografien des persischen Schriftstellers Hedajat, der 1952 durch Selbstmord aus dem Leben geschieden war, gesehen hatte - die Vorstellung, daß Dichter in der Regel dünne Menschen seien.
Meine Großmutter, eine fröhliche Matrone mit melonengroßen Brüsten, pflegte immer dann, wenn sie eine Partie Back-Gammon verloren hatte, meinen Großvater zu beschuldigen, geschummelt zu haben. Nachdem sie ihn eine Zeit lang beschimpft hatte, beruhigte sie sich, ihre Stimmung hob sich und sie meinte „Schahnume Acharesch chosche“, zu deutsch: „Die Schahname endet gut.“, womit sie zu verstehen gab, daß sie zwar die Schlacht, aber keineswegs den Krieg verloren hatte, denn im persischen Back-Gammon gewinnt derjenige, der 5 Partien für sich entscheidet.
Für dieses von meiner Großmutter täglich gebrauchte Sprichwort gibt es zwei deutsche Entsprechungen:

1. Ende gut alles gut.
2. Das dicke Ende kommt noch.

Das dicke Ende meiner Liebe zur Schahnameh kam, als wir im Persischunterricht der 5. Schulstufe ein Kapitel über den Sport durchzunehmen hatten. Die Lektion begann mit einem Loblied auf die sportlichen Leistungen der Finnen (ich habe keine Ahnung, warum gerade der Finnen) und behandelte dann die gesellschaftliche Bedeutung des Sports im allgemeinen und den olympischen Gedanken im besonderen. Gegen Ende der Lektion fand sich ein Zitat von der Schahnameh, worin es sinngemäß hieß, „daß einem mißgestalteten Körper nur Böses, Lug und Trug entspringen könne“. Obwohl der Vers weder über mich, noch über mein Dünnsein sprach, empfand ich ihn als persönliche Beleidigung. Ferdosi und seine Schahnameh hielten also mich und meinesgleichen für unfähig Gutes zu tun oder auch nur zu denken. Ich empfand das als einseitige Liebesaufkündigung und lief tagelang mit gebrochenem Herzen und mit dem Gesicht eines verlassenen Liebhabers herum.
Ich brach den Kontakt zur Schahnameh zwar nie vollständig ab, zwischen uns stellte sich aber nie wieder das ungetrübte Gefühl der frühen Jahre ein. Was blieb war meine Liebe zur Literatur und die Vorstellung, Dichter seien, wenn es mit rechten Dingen zugeht, dünne Menschen.
Im Sommer 1972 unternahm ich meine erste zaghafte Expedition in das Reich der Dichtung oder dorthin wo ich es vermutete. Ich übersetzte das gereimte österreichische Kinderbuch „Hatschi Bratschis Luftballon“ in persische Reime. „Hatschi Bratschi“ war ein dicker böser Orientale, der unschuldige europäische Kinder mittels Heißluftballon ins Morgenland entführte. Ich wurde als literarischer Wunderknabe bekannt und eines Tages lud mich eine Reporterin der Teheraner Fernsehzeitschrift „Tamascha“ zum Interwiew. Nach dem Gespräch an dem auch meine Mutter, mein Vater, mein Großvater - Gott habe ihn selig - und meine Persischlehrerin teilnahmen, teilte mir die Reporterin mit, daß sie als Angehörige der Kulturredaktion Zugang zu sehr guten in- und ausländischen Büchern hätte. Sollte ich diesbezügliche Wünsche haben, könnte sie sie mir erfüllen. Da sich schon damals leise Zweifel an meiner Hypothese vom Dünnsein der Dichter zu hegen begann, antwortete ich, daß ich sehr an Büchern, noch mehr jedoch an Fotografien berühmter in- und ausländischer Schriftsteller interessiert sei, und nannte einige Namen. Die Fotografien sollten aber nicht wie üblich nur die Gesichter, sondern den ganzen Körper der Dichter zeigen. Im übrigen wäre es mir sehr recht, wenn die abgebildeten Herren (mit dem Körper von Dichterinnen identifizierte ich mich als Junge weniger) so spärlich wie möglich bekleidet seien.
Mein Vater und meine Persischlehrerin erzählten mir später unabhängig voneinander, daß die Journalistin der „Tamascha“ rot geworden war und verlegen gelächelt hatte. Ich selbst hatte es mir angewöhnt, die Menschen, wenn sie mit mir sprachen, nicht anzusehen.

Eine Woche nach dem Interwiew wurde mir per Post ein Paket zugestellt. Es enthielt eine Sammlung indischer Göttersagen sowie die persische Übersetzung des Kunstmärchens „Die verliebte Wolke“ des türkischen Schriftstellers Nazim Hikmet. Auf dem Umschlag der „Verliebten Wolke“ war eine Fotografie von Hikmet zu sehen. Es zeigte nur das Gesicht des Schriftstellers, aber es war unzweifelhaft klar, daß dieses Gesicht zu einem athletischen Körper gehörte. War es also am Ende falsch, daß Dichter allesamt dünne Menschen waren?
Wenn dem so war, dann waren nicht einmal Dichter, diese Bewohner einer fernen Sphäre, in der Gewichte und Körper keine Rolle zu spielen hatten, meinesgleichen. Immerhin gab es aber noch die Möglichkeit, daß es sich bei Nazim Hikmet um eine Ausnahme handelte, und es gab einen Umstand, der diese Vermutung stützte. Trotz seines romantischen Titels war „Die verliebte Wolke“ eine politische Parabel. Seine politische Tendenz mußte sogar einem 10-jährigen Teheraner Jungen aus einem apolitischen Elternhaus ins Auge springen. Nazim Hikmet, der berühmte türkische Schriftsteller war also ein Kommunist!
Für die damalige persische Regierungspropaganda waren Kommunisten irregeleitete, gefährliche Menschen, die man einsperren, umerziehen und fallweise hinzurichten hatte. Mangels alternativer Informationen teilte ich diese Meinung. Zugleich erweckte das Wort „Kommunist“ in mir und in meinen Altersgenossen Neugier und Faszination. Daß ein Kommunist zugleich Dichter, noch mehr, daß ein Dichter zugleich Kommunist sein konnte, verwirrte und verwunderte mich ungemein. In meiner Vorstellung - ich hatte nie, nicht einmal im Fernsehen, einen leibhaftigen Kommunisten gesehen - war ein Kommunist ein zwanzig bis dreißigjähriger junger Mann mit dunklen langen Haaren, einem grimmigen, unrasierten Gesicht, einer Parkajacke und einer MP. Er bewohnte die gebirgigen Wälder nördlich von Teheran und verübte dann und wann einen Terroranschlag.
Ein solcher Kommunist konnte natürlich nicht dünn und schon gar kein Dichter sein. Er mußte kämpfen können. Ich folgerte, daß Nazim Hikmet ein Kuriosum war: Gott hatte ihm die Seele eines Poeten und den Körper eines kämpfenden Kommunisten gegeben. Jetzt (Ich wußte nicht, daß er damals schon tot war) kämpfte er mit der Feder um soziale Gerechtigkeit. Ich folgerte weiters, daß es

1. Menschen gab, die sowohl Kommunisten, als auch Dichter sein konnten, und daß es sich
2. bei dieser Sorte Menschen um Personen handeln mußte, die nicht dünn sein konnten.

Wie viele meiner anderen Überzeugungen im Zusammenhang mit meinem Dünnsein mußte ich mit der Zeit auch diejenige vom Zusammenhang zwischen dem Dichtersein und dem Dünnsein, sowie die Vorstellung, daß alle dichtenden Kommunisten respektive Sozialisten nicht-dünne Menschen seien, völlig aufgeben. Ich mußte zur Kenntnis nehmen, daß es zum einen nichtsozialistische Dichter gab, die nicht dünn waren, wie z.B. Ernest Hemingway, Honoré de Balczac, Wolfgang Bauer. Zum anderen sozialistische, die dünn waren, wie etwa Bertold Brecht. Zusammen mit der einseitigen Liebesaufkündigung seitens der Schanameh, zwangen mich diese Erkenntnisse, mein Verhältnis zur Dichtkunst grundsätzlich zu überdenken. Ich gab schließlich den Gedanken auf, einzig zum Dichter bestimmt zu sein.

Graz

Kurz darauf übersiedelte ich mit meinen Eltern von Teheran nach Graz. In Graz war mein bester Freund mein Klassenkollege Robert Filz. Er war noch dünner als ich und wir beide zusammen wogen weniger als der drittdünnste Bursche in der 3a des Akademischen Gymnasiums. Das allerdings nur deshalb, weil Lippmann - so hieß der drittdünnste Bursche der 3a - übermäßig groß war.
Wenn ich an Filz denke, fällt mir als erstes sein eigenartiges Gesicht ein. Sein Schädel war ein spitzes Oval, er hatte eine blaßgelbe Gesichstfarbe, Schlitzaugen und eine immens hohe Stirn. Filz wurde später Physiker, was sich schon in der Mittelschulzeit abzeichnete. Er war Legastheniker und hatte enorme Probleme in Deutsch, Latein, Französisch und Englisch. Aber in naturwissenschaftlichen Fächern, wie Biologie, Physik und Chemie sowie in Mathematik war er genial. Er stellte eigene Hypothesen auf, hinterfragte die fundamentalsten Dinge und brachte die Lehrer, denen er die kompliziertesten Fragen stellte, immer wieder in Verlegenheit. So wurde er gerade für jene Lehrer, die seine Lieblingsfächer unterrichteten, zum roten Tuch. Jedesmal, wenn Robert Filz die Hand hob, um etwas zu sagen, taten sie, als ob sie ihn nicht sehen würden, oder winkten mit weit ausholenden wegwerfenden Gesten ab.
Robert Filz war dünn, aber er war auf eine kantigere Art dünn als ich. Sein Körper schien aus Stahl oder zumindest aus Draht gebaut zu sein. Aber seine Finger waren fein, beinahe weich und ich entwickelte die Vorstellung, daß er eine weiche Seele besaß, die sein dünner Körper nur dann schützen konnte, wenn er sich entschloß aus Stahl oder zumindest aus Draht zu sein.
Von der vierten bis zur sechsten Klasse der Mittelschule war Robert Filz mein unmittelbarer Tischnachbar. Wir saßen wandseitig am ersten Tisch der dritten Reihe. Es war eine beschissene Zeit. Ich war dünn und unsportlich und kam aus Teheran, einem vollkommen weißen Fleck auf der inneren Landkarte meiner Mitschüler und Lehrer. Das wenige, was sie über meine Heimat zu wissen glaubten, war auf eine schmerzhafte Art dumm. Sie fragten mich ob Persien ein Teil Sibiriens sei und ähnlichen Unsinn. Später erfuhr ich, daß ich im falschen Jahrhundert von Teheran nach Graz gezogen war. Wäre ich im neunzehnten statt im zwanzigsten Jahrhundert nach Österreich gekommen, hätten meine Mitschüler ein kultivierteres Bild von meiner Heimat gehabt. Sie hätten Goethes Diwan gelesen, hätten Rückert, Platen oder Kellers Hafes-Lieder gekannt oder sie hätten zumindest gewußt, daß der Sarastro der Zauberflöte eine Verballhornung von Zarathustra war. Ich glaube des weiteren, daß sich Nietzsche nicht ausgerechnet über Zarathustra hergemacht hätte, wenn der für die Gebildeten seiner Zeit keine bekannte Größe gewesen wäre.
Robert Filz hatte mit persischer Lyrik wenig im Sinn. Er interessierte sich, obwohl er später Physiker wurde, für chemische Experimente und für Motorräder. Im Keller der Wohnung seiner Eltern hatte er in einem Zimmer zwei große alte Schreibtische aus dunklem Holz hingestellt, auf denen Pipetten, Phiolen und Bunsenbrenner standen. Ich verstand wenig von Chemie, weshalb Robert Filz über das, was er im Keller trieb nie mit mir redete. Nur einmal verriet er mir, daß er monatelang die ganze Stadt nach gelbem Phosphor abgesucht hatte. Der Verkauf von gelbem Phosphor an Jugendliche war wegen der hohen Explosionsgefahr verboten. Filz' Hartnäckigkeit in naturwissenschaftlichen Dingen beeindruckte mich, vor allem weil ich selbst sie nicht besaß.
Auch was die Liebe betrifft war Robert Filz aus anderem Holz geschnitzt als ich. All die Jahre war er in eine gewisse Gertraud Janisch verliebt. Die Janisch war blond und rund aber gerade so rund, daß wir sie nicht als fett empfanden. Wir hielten sie für hübsch. Zu Weihnachten schenkte ihr Filz jedes Jahr Schmuck. Ich nehme an, daß der Schmuck, gemessen an Filz' Taschengeld teuer gekauft war, aber ich weiß nicht wie die Gertraud auf Roberts Geschenke reagierte. Sie sprach niemals mit ihm, zumindest nicht in meiner Gegenwart. Daß sich die Gertraud für den Filz interessieren könnte, galt allerdings in der 3a des Akademischen Gymnasiums ohnehin als ausgeschlossen, weil der Filz nicht nur dünn war, sondern eine dicke Plexiglasbrille und zwei dünne Schlitzaugen besaß. Des weiteren war seine Stirn, wie gesagt, derart hoch, daß er glatzköpfig aussah.
Andere Burschen in der 3a waren für die Mädchen interessanter. Beim Peter Streck konnte ich das noch verstehen. Der Streck war groß, blond, braun gebrannt, sportlich, nicht dumm, nicht ungutmütig. Sogar eine unserer Lateinlehrerinnen, eine höchst exzentrische Person namens Nowak, gab an, sie hätte sich, wäre sie jünger gewesen, in den Streck verliebt. Da gab es aber noch den erwähnten Gerd Lippmann, der genauso dünn war, wie Filz und ich, nur viel größer. Trotzdem gehörte er zu den bei den Mädchen beliebten Burschen in der Klasse. Vielleicht, hing das mit dem Umstand zusammen, daß Lippmann sämtliche in Graz auffindbare Beatles-Platten besaß und darüber hinaus Schlagzeug spielte. Andererseits hatte er einen auffallend großen Adamsapfel und ein dümmliches, aufgeblasenes Gesicht. Lippmann wurde später Jurist. Fritz Guggi, ein anderer der beliebten Burschen in der 3a des Akademischen Gymnasiums in Graz, war mir zwar lieber als der Lippmann, aber wesentlich unschöner. Er hatte eine eigenartige Haarfarbe - eine Mischung aus grau, braun und blond - und den Blick eines todmüden Hundes. Er trug immer dieselbe vergilbte blaue Baumwollweste. Auf seinem pickelübersäten Gesicht zeigten sich kaum je Gemütsbewegungen. Vielleicht gab ihm das etwas von Humphrey Bogart und vielleicht veranlaßte diese Ähnlichkeit Waltraud Janisch, die Zwillingsschwester der Gertraud Janisch, die ebenfalls in die 3a ging, sich in ihn zu verlieben.
Robert Filz und ich gehörten jedenfalls nicht zu beliebten Burschen der 3a. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, daß sich je irgendein Mädchen aus unserer Schulklasse in einen von uns verliebt hätte oder auch nur Gefallen an uns gefunden hätte. Die einzige Ausnahme bildete Maria Knoch. Sie war eine Zeit lang meine Tischnachbarin, war größer als ich und hatte kurze dunkelbraune Haare. Maria Knoch galt als Außenseiterin, weil sie stets steirisch angezogen war und Märchen erfand. Auch mir gefiel sie nicht, aber nicht wegen ihrer Märchen oder ihrer steirischen Kleidung, sondern wegen ihres Aussehens. Obwohl sie einmal gesagt hatte, daß sie niemals einen Perser heiraten würde, gab es Hinweise , daß ich ihr eine Zeit lang gefallen hatte. Einmal holte sie mich von zuhause ab, um mit mir auf die Grazer Herbstmesse zu gehen und brachte mir eine Tafel Finessa-Schokolade mit. Ob irgendeine meiner Klassenkameradinnen je auf den Filz scharf gewesen ist, ist sehr zu bezweifeln.
Ich selbst verliebte mich, kaum daß ich nach Graz gekommen war, in meine hübsche Klassenkollegin Antonia Benedini. Sie war italienischer Abstammung, sah aber mit ihren sehr langen, dunkelblonden Haaren sehr deutsch aus. Genauso wie ich, war sie gerade mit ihren Eltern aus dem Ausland, nämlich aus Deutschland, nach Graz gezogen. Ich vermochte diese Gemeinsamkeit unter anderem deshalb nicht auszunutzen, weil sie mich nie ansah.

In der vierten Mittelschulstufe verliebte ich mich in Antonias Freundin Uta Waldmann, weil sie weniger hübsch war und ich mir bei ihr größere Chancen ausrechnete. Ich lud sie auf Anraten von Filz ins Kino ein, was sie aber entrüstet ablehnte. Einen Tag später beschloß ich, mich in die Waltraud Janisch, die Schwester der Gertraud Janisch zu verlieben. Sie redete wenigstens gelegentlich mit mir, meistens bat sie mich ihr von Gerd Guggi, in den sie wie gesagt verliebt war, zu erzählen, oder ihm irgendwelche Dinge auszurichten. Nach einiger Zeit verliebte ich mich der Reihe nach in die Katja Ramschitz, die Birgit Kramer und die Isabella Lechner, sah dann aber schließlich ein, daß mit den Mädchen unserer Klasse kein Staat zu machen war und verliebte mich fortan nurmehr außerhalb der Schule.
Verständlicherweise machten mich diese dauernden Mißerfolge nicht sehr glücklich, aber ich wäre noch viel unglücklicher gewesen, wenn sich mein Freund Filz, über sein Interesse für die Gertraud Janisch und naturwissenschaftlichen Experimenten hinaus, nicht auch für höhere Dinge interessiert hätte. Es gibt nämlich keinen dünnen Menschen, der nicht einen Sinn für Philosophie, Metaphysik oder Religion entwickelt. Da mein Freund Robert Filz besonders dünn war, war er auch besonderes stark an solchen Dingen interessiert. Über Religionen diskutierten wir viele Tage und Nächte, vor allem darüber, warum es so viele davon gibt. Ich war, angeregt durch meinen intellektuellen Kousin Soheyl, zu der Überzeugung gekommen, daß es nur einen Gott geben konnte, der sich je nach dem Entwicklungsstand der Menschen in den verschiedensten religiösen Formen manifestierte. Meinem Freund Filz gefiel diese „religiöse Evolutionstheorie“, wie er sie nannte, ausnehmend gut, und er sah in mir eine Art Guru. Das machte mich glücklich und entschädigte mich ein wenig für mein Dünnsein, mein Fremdsein und für mein andauerndes Unglück in der Liebe zu den Mädchen.

Wien

Ich war sechzehn als meine Eltern aus geschäftlichen Gründen von Graz nach Wien übersiedelten. Zu meinem Freund Robert Filz verlor ich jeglichen Kontakt. Nur einmal traf ich ihn, beim fünfjährigen Maturatreffen meiner ehemaligen Grazer Klassenkollegen wieder. Ich selbst hatte die Matura in Mödling bei Wien gemacht.
Zur Zeit als ich die Matura machte, war ich immer noch dünn. Darüber hinaus hatte ich den Ansatz eines Schnauzbartes und war Brillenträger. Ich hatte aber anders als Aghaje Motale’e eine Brille mit einem massiven Metallrahmen und viereckigen Gläsern aus dickem Plexiglas.
Im Mödlinger Gymnasium, machte ich die Erfahrung, daß ich, ähnlich wie bei Robert Filz, bei meinen neuen Klassenkollegen als „Intellektueller“ punkten konnte. Was „Intellektualität“ ist, und wie sich ein Intellektueller zu verhalten hatte, das hatte ich von meinem Kousin Soheyl gelernt, aber das ist eine andere Geschichte.

Nach der Matura stand die Berufswahl an. Ich war mir bewußt, daß ich von der Beschäftigung mit meinem Dünnsein, die den Großteil meiner Zeit in Anspruch nahm, nicht leben konnte. Neben meinem Wunsch Dichter werden zu wollen, hatte ich als Kind in Teheran nacheinander und in wechselnder Intensität drei Berufswünsche gehabt: Indianerhäuptling, Astronaut, Sportler. Meine Liebe zum Sport war in Teheran soweit gegangen, daß ich in meinem Zimmer nach dem Vorbild der Asiatischen Olympiade 1974 in Teheran ausgedehnte Phantasieolympiaden veranstaltete, bei denen ich selbst die Sportler, die Trainer, das Publikum und den Reporter gab. Von den imaginierten ostasiatischen Sportlern, die klangvolle Namen wie Tsi-Tan, Wey-Tu oder Scho-Mi-tsu bekamen, war ich so angetan, daß ich mir mit der Zeit einbildete ihre Gesichter, ihre Familie und ihre Heimatorte zu kennen. Aber mit den Jahren war mir klar geworden, daß ein dünner Mensch, der Brillenträger und Bücherwurm war, weder Sportler, noch Astronaut, noch Indianerhäuptling werden konnte.
Ich mußte also studieren. Was studiert aber ein außerordentlich dünner Mensch, der den Glauben an die Dichtkunst verloren hat, eine Plexiglasbrille und einen Schnauzbart trägt? Mich intressierten Philosophie, Sprachen, Geschichte, Literaturwissenschaften oder Psychologie und für jedes dieser Fächer hätte ich eine ganze Menge Talent mitgebracht. Entscheidend war aber eine anderer Gedanke: Wenn ich schon nicht die Schahnameh studieren konnte, dann mußte sich das Studium wenigstens lohnen - das bedeutet finanziell lohnen.
So beschloß ich Medizin zu studieren.
Was in den medizinischen Lehrbüchern stand, konnte mich nicht recht begeistern. Sie konnten weder der Schahnameh noch anderen Werken der persischen oder der Weltliteratur das Wasser reichen. Erst der Seziersaal und das Studium anatomischer Bücher machten mich neugierig. Ich erfuhr, daß am Skelet des Menschen, an seinen Extremitäten und an seinem Rumpf, zahllose Muskeln mit je ganz bestimmten Formen und Funktionen ansetzten. Abgesehen von Geschlechtsdifferenzen und geringfügigen Normvarianten, sollte es diesbezüglich keine Unterschiede zwischen den Menschen geben. Ich schaute meine Arme und Beine an, betatstete meinen Bauch und staunte. Wie war es möglich, daß hunderte Muskeln an meinen Knochen hingen und das Ergebnis so kläglich war? Hatte Gott meine Muskeln nur ansatzweise und als Alibi angelegt? Warum hatte er das getan? Wo blieb seine Gerechtigkeit, ganz zu schweigen von seiner Freigebigkeit und Barmherzigkeit? Ich erinnerte mich daran, daß es Millionen Menschen gab, denen es noch viel schlechter ging: Hungernde Kinder, verlassene Frauen, Behinderte, Blinde, Gelähmte. Aber diese Gedanken konnte mich niemals trösten. Sie machten mich nur noch trübsinniger.

Irgendwer - war es Nietzsche?- hat gesagt, daß die großen Veränderungen auf Taubenfüßen kommen, wie Diebe in der Nacht. Ohne daß ich es zunächst merkte, hörte irgendwann mein Dünnsein auf mich zu beschäftigen. Es war Sommer, gegen Ende meines Medizinstudiums. Mein Desinteresse an meinem Dünnsein fiel mir erst auf, nachdem ich längere Zeit hindurch ärmellose T-Shirts getragen hatte und ohne weiteres an Orten, an denen ich erwarten konnte, Bekannte anzutreffen baden gegangen war. Im Herbst desselben Jahres geschah etwas noch ungewöhnlicheres: Ich lernte die Beate Uhland kennen, eine blonde Krankenschwester mit einem rundlichen Körper und vorstehenden Zähnen. Für ihr Aussehen gilt dasselbe, was ich weiter oben über Robert Filz' Angebetete Gertraud Janisch gesagt habe. Ich fand sie hübsch und ihr Rundlichsein erregte mich maßlos. Ich stellte mir vor, daß, da ich dünn und die Beate Uhland rundlich war, unsere Beziehung ausgeglichen, ja ideal sein müßte. Im Halbschlaf stellte ich mir unsere Beziehung als Person aus Fleisch und Blut vor. Unsere personifizierte Beziehung war androgyn, athletisch, muskulös. Sie hatte eine helle, leuchtende Haut und ihr Haarfarbe oszillierte zwischen hellblond und pechschwarz. Ich verliebte mich in diese Beziehungs-Person - und in die blonde Beate Uhland selbst. Das an sich war nichts ungewöhnliches. Ich hatte mich im Laufe meines bisherigen von meinem Dünnsein bestimmten Leben nacheinander in die Schahnameh, die Antonia Benedini, die Uta Waldmann, die Waltraud Janisch, die Katja Ramschitz, die Birgit Kramer und die Isabella Lechner verliebt, um nur einige wenige wichtige Namen zu nennen. Ich war aber nie auf Gegenliebe gestoßen. Sogar die Schahnameh hatte mich zurückgewiesen.
Beate Uhland jedoch liebte mich. Sie liebte mich mit einer Intensität, die mich zuerst glücklich und dann sehr ängstlich machte, denn anders als die Schahnameh war die Beate Uhland ein Wesen aus Fleisch und Blut. Sie hatte Bedürfnisse, sie stellte Ansprüche. Sie wollte mit mir ins Bett gehen. Ich aber hatte - im Gegensatz zu ihr - keinerlei Erfahrung mit der körperlichen Liebe. Was nicht heißen soll, daß ich abgeneigt gewesen wäre, mit dieser hinreißenden Person all die Dinge zu tun, die auch sie mit mir tun wollte. Immerhin war ich trotz meines eklatanten Dünnseins ein 24 jähriger Mann, ausgestattet mit einer genügend hohen Menge männlicher Triebenergien und einer sehr großen Menge angestauter Sehnsucht nach Frauen - nach den Körpern der Frauen, um genauer zu sein.
Aber an jenem Abend, an dem ich mit der blonden und rundlichen Krankenschwester Beate Uhland am Wiener Donaukanal entlangspazierte und sie mir mitteilte, daß sie niemals mit einem Mann ausgehen würde, ohne etwas von ihm zu wollen, mußte ich noch einmal - zum ersten Mal seit langem wieder - an mein Dünnsein denken. In meinem Kopf nahm die Anatomie meines Körpers Gestalt an und ich erinnerte mich daran, daß mir an jedem vorderen oberen Darmbein ein je ganz besonders spitzer, hervorspringender Knochenfortsatz zu eigen war, der, sobald unserer beider Sehnsucht in Erfüllung ginge, sich in das nackte Fleisch meiner hübschen Freundin bohren und sie vor lauter Schmerz in Ohnmacht versetzen würde.

Seit langem bin ich nicht mehr dünn. Ich habe mein Dünnsein in der Zeit, in der ich mit der rundlichen Beate Uhland zusammen war verloren, aber die Angst, die spitzen knöchernen Vorsprünge meines in meiner Vorstellung noch immer sehr dünnen Körpers könnten sich in die Frauen, die sich mir hingeben, bohren und sie für immer verunstalten oder töten, werde ich für immer behalten.


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Genialer Text, und ausserdem sehr amüsant.