Sonntag, 23. Dezember 2007


Jeder Idiot hat ein Weblog, ich also auch.

Ich habe vor, in mein Weblog (literarische) Texte von mir zu veröffentlichen - ob ausschließlich oder nicht, weiß ich noch nicht.
Sollte ich mich entschließen, über meine Texte hinaus,
auch noch zu anderen Themen zu "posten", wird es sich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) um folgende Themenbereiche handeln:

- Politik - mit besonderer Berücksichtigung der österreichischen und der iranischen Politik, überhaupt der
- Iran
- Psychoanalyse, mit besonderer Berücksichtigung von Freud, Lacan und Slavoj Zizek (daß ich Freud im Zusammenhang mit der Psychoanalyse ausdrücklich erwähne, ist so selbstverständlich nicht, Näheres dazu vielleicht später).
- Literatur, will heißen posts über Literatur im Unterschied zu den literarischen Texten selbst, eventuell auch Texte von anderen Autoren.
- Philosophie

So. Jetzt der erste Text. Es handelt sich um den (mutmaßlichen) Beginn meines im Entstehung begriffenen Romans mit dem Arbeitstitel "Ungläubig". Dieses Romanfragment ist auch in der Literaturzeitschrift kolik (Nr. 31)erschienen. Für das Romanprojekt habe ich 2006 das österreichische Staatstipendium erhalten.

Aus dem Romanprojekt "Ungläubig"

Arasch Bastani an Veronika Wundt

Sehr geehrte Veronika Wundt,

Von den Irren in unserer Familie, die mir meine Eltern ständig vor Augen hielten, weil ihnen mein Verhalten Anlaß gab, zu glauben, mir drohe dasselbe Schicksal, ist mir mein seit Jahren verschollener Onkel Danusch der liebste. An den Irren irritiert bekanntlich ihre Fähigkeit, sich eine Welt aufzubauen, eine Eigenwelt, in die sie sich mehr oder weniger behaglich und unabhängig von der Nicht-Irren-Welt einzurichten vermögen, auch ich hatte mir als Kind eine Eigenwelt aufgebaut ohne noch ein Irrer zu sein, nein, mehrere, und mit jeder Eigenwelt wurde die Sorge der Eltern, mir drohe das Irrenschicksal, größer - und größer und nicht zu Unrecht, bedenkt man, was später geschah. Bis in die Pubertät hinein gab ich zum Beispiel meine Gewohnheit nicht auf, wie ein Säugling an meinem Daumen zu lutschen, auch heute noch lutsche ich, um ehrlich zu sein, wenn mich Angst oder Sorgen quälen, meinen Daumen oder reibe, wenn mich Angst oder Sorgen in der Öffentlichkeit quälen, meinen Daumennagel, der Wärme verströmt
und mannigfache Gerüche,
Muttermilchgerüche,
Mutterbrustgerüche
und die anrüchigen Düfte eines Frauenschosses,
zwischen Oberlippe und Nase.
Sie verstehen mich schon richtig, Frau Wundt. Die Wärme und der Eigengeruch meines linken Daumennagels sind eine Welt für mich, eine Eigenwelt, in der ich mich, ohne noch ein Irrer zu sein und unabhängig von der Nicht-Irren-Welt, mehr oder weniger behaglich einzurichten vermag.

Die zweite meiner Eigenwelten betrat ich kurz nach der Vollendung meines elften Lebensjahres, Frau Wundt, als ich - wie irgendeinmal in seinem Leben jeder Teheraner - mich plötzlich für Gedichte zu interessieren begann, für gewöhnlich setzt das Gedichte-Interesse allerdings bei einem Teheraner etwas später ein, in etwa zwischen fünfzehn und sechzehn, Gedichte zu memorieren und zu rezitieren, Gedichte zu fabrizieren und an endlosen Gedicht-Ketten-Wettbewerben teilzunehmen, ist in Teheran, wie das Skilaufen in der kalten und das Buschenschank-sitzen in der warmen Jahreszeit hierorts in Graz, ein Volkssport. An Gedicht-Ketten-Wettbewerben nehmen zwei Personen teil, die erste Person sagt einen Vers eines bekannten Gedichts auf, draufhin muß die zweite Person ebenfalls einen bekannten Gedichtvers aufsagen, der den Endbuchstaben des ersten Verses als Anfangsbuchstaben enthält, alle Teheraner, auch die Analphabeten, Frau Wundt, kennen eine Menge Gedichte auswendig, der erste Spieler muß dann einen dritten Vers aufsagen, der mit dem letzten Buchstaben des zweiten Verses beginnt und so fort. Derjenige, dem als erster kein passender Vers mehr einfällt, hat verloren - ist verloren, müßte man sagen, er schämt sich in Grund und Boden, die Kultur der Teheraner gehört nach der Einteilung des Ethnopsychoanalytikers Kinz zu den Scham-Kulturen, es kommt vor, daß sich der Verlierer eines Gedicht-Ketten-Wettbewerbs anderntags den Strick gibt, oder die Kugel -
ich begann mich also nach der Vollendung meines elften Lebensjahres für Gedichte zu interessieren, wie irgendeinmal in seinem Leben jeder Teheraner, meinem Alter entsprechend war mein Gedichte-Interesse ein infantiles, ich interessierte mich ausschließlich für Endreime, andere Aspekte der Lyrik, welche die Seele der Teheraner Kultur ausmacht, um nicht zu sagen das Teheranertum schlechthin, interessierten mich nicht, am wenigsten interesierte mich der Inhalt eines Gedichts. Auf meinem blauen Fahrrad - made in Hongkong - sitzend und durch die Straßen Schemirans fahrend, rezitierte ich – laut und oft brüllend, so daß mich Passanten für ein psychopathisches Kind halten mußten - einen selbstfabrizierten Vers nach dem anderen, alle meine selbstfabrizierten Verse waren sinnlos, manchmal veranstaltete ich für mich allein Gedicht-Ketten-Wettbewerbe, ich war mein eigener Konkurrent und gab es zwischen den Konkurrenten einmal Streit auch die Jury. Einmal fiel mir ein Vers ein, dessen Sinnlosigkeit die Sinnlosigkeit meiner anderen Verse weit übertraf, und den ich in weiterer Folge so in mein infantiles Herz schloß, daß ich ihn Tag und Nacht und immer - und immer wieder - laut rezitierte, ich rezitierte meinen selbstfabrizierten Vers nicht nur auf dem Sattel meines blauen Hongkong-Fahrrades, sondern auch in der Kinderstube und in der Gegenwart meiner Mutter im Fernsehzimmer unserer Wohnung in der Teheraner Kuje Baschardust – der sogenannten Straße der Philantropie. Mein sinnloser, selbstfabrizierter Vers ging in der Sprache Teherans so:

Je mardi bud
Ke tardi bud

Zu deutsch

Es war einmal ein Schwätzer
Ein gottverdammter Ketzer

Die zweite Zeile meines insgesamt sinnlosen Verses war besonders sinnlos und stand mit der ersten in keinem Sinnzusammenhang, der Ketzer in der zweiten Zeile hatte keine Bedeutung für mich, ich hatte ihn bloß wegen des Reims eingefügt, die Mutter aber, sobald sie meinen selbstfabrizierten Vers zu Ende gehört hatte, wurde blaß im Gesicht, starrte mich an und begann heftig ihren Kopf zu schütteln, und ihren Kopf immer heftiger schüttelnd verbot sie mir, je wieder meinen selbstfabrizierten Vers aufzusagen, ich war verwirrt, Dr. Wundt. Wie alle Teheraner war ich stolz auf meinen selbstfabrizierten Vers und sah beim besten Willen nicht ein, warum ich ihn nicht wieder aufsagen durfte, ich fragte die Mutter nach dem Grund des Verbots, sie aber verließ mit den Worten, sie müsse zu ihrem Friseur, dem homosexuellen Armenier Manis, das Wohn- und Fernsehzimmer unserer Wohnung in der Straße der Philantropie - ich war als Kind nicht gewohnt und gewillt, mich an die Gebote der Mutter zu halten, insbesondere nicht, wenn sie mit keiner Begründung verbunden waren, so fuhr ich fort, meinen selbstfabrizierten Vers auch in Gegenwart der Mutter aufzusagen. Anfangs reagierte Mutter auf mein wiederholtes - heute würde ich sagen provokantes - Aufsagen des Ketzerreims, indem sie den Raum blaß und wortlos verließ, an einem für die Jahreszeit zu warmen Herbstnachmittag hatte ich den sinnlosen Ketzerreim wieder aufgesagt, als Mutter blasser und wortloser als jemals zuvor das Wohn- und Fernsehzimmer unserer Wohnung in der Straße der Philantropie verließ - kurz darauf kehrte sie in Begleitung meines Vaters und ihres Vaters weider zurück.
Wir müssen, sagte einer von ihnen, ich weiß nicht welcher von ihnen, wir müssen mit Dir reden, in meiner Erinnerung sprechen alle drei, sprechen alle drei ihrer Gesichter auf einmal und wie aufgezogen und sind bleich und düster und hell und dunkel zugleich.

[...]

Dein Onkel Danusch, sagte die Mutter, nachdem sie den Fernseher abgedreht hatte, Dein Onkel Danusch ist ein Ketzer. Sie haben ihn in Indonesien verrückt gemacht, sagte - sich auf die Rückenlehne eines Thonet-Sessels stützend - der Vater und Großvater, neben dem Vater stehend und wie immer gleichzeitig mit ihm redend: Onkel Danusch hat Schande über die Familie gebracht. Deine Großeltern väterlicherseits, sagte die Mutter und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Vaters sind ebenfalls Ketzer geworden, sie schlossen sich Deinem Onkel an und auch sie wurden, wie Dein Onkel, von der Glaubens-Gemeinde verstoßen.


1 Kommentar:

Andreas Maria Puchheim hat gesagt…

schade drum, wenn solche texte verborgen werden. sie sollten eher verborgt werden. mag sein, jemand anderer wünschte sie sich verbogen oder verboten, aber sicher bin ich mir, dass sie allemal vorboten einer literarischen botschaft sind, die als verborgener schatz hoffnungsvoll auf fruchtbaren boten (ah ... boden)fallen wird. herzliche gratulation jedenfalls zum gelungenen webauftritt, herr dr. maani. mfg, ihr LAL-kollege, andreas maria puchheim