Sonntag, 11. Dezember 2011

Wunderland 36


Gefällt er Dir?, fragte der Militärschneider.

Obwohl ich ein ‚Mädchen‘ war, oder auf dem Weg zu einem solchen, dachte ich, daß er wissen wollte, ob ich Paskarani als Sänger, resp. Schauspieler mochte, was ich verneinte, weil ich weder Teheraner Lieder noch Teherano-Western mag.

Paskarani steht zwar nicht auf ‚Mädchen‘ wie Euch, sagte der Militärschneider – und erst da kapierte ich, was er mit der Frage, ob mir Paskarani gefiel, gemeint hatte; daß Paskarani nicht auf ‚Mädchen wie uns‘ stand, verletzte mich übrigens, obwohl ich ihn als Schauspieler, wie gesagt, und Sänger nicht mochte, und sich seine Ablehnung von ‚uns Mädchen‘ nicht auf mich persönlich bezog, und ich mich ohnehin nicht als ‚Mädchen‘ fühlte, und mich zur Teilnahme an der Mädchenweihe nur bereit erklärt hatte, um das Lager verlassen zu können - Paskarani steht zwar nicht auf ‚Mädchen‘ wie Euch, aber darum geht es hier nicht, der Militärschneider sah mich erwartungsvoll an.
Nein, sagte ich.
Ich kannte mich nicht aus.

Paskarani ist verheiratet, sagte der Scheider, und er hat eine Affäre. Eine Studentin und Mitarbeiterin seines Teams“, der Junge wandte sich an mich, „Paskarani hatte für das Präsidentenamt der klerikalen Republik kandidiert. Er galt als linksliberal. Die Wahlen sollten ein halbes Jahr nach jenem Gespräch mit dem Militärschneider stattfinden.

So weit ich weiß, sagte der Militärschneider, ist die Geliebte unsere Agentin, aber ich bin mir nicht sicher. Wie auch immer - sie wird kooperieren. Paskarani hat ein Appartement in Nord-Teheran, wo die beiden sich treffen. Wir wissen, daß er immer nur im Dunkeln Sex hat. Und immer nur im Schlafzimmer.

Wovon reden Sie überhaupt, sagte ich, oder wollte ich sagen. Es irritierte mich übrigens, daß der Militärschneider mit seiner phrygischen Mütze und den Folianten auf dem Tisch, Sex gesagt hatte, und nicht etwa Liebe. Auf meine Frage - falls ich sie wirklich gestellt haben sollte - reagierte er nicht.

An das Schlafzimmer schließt ein großer begehbarer Schrank an. Darin wartest Du. Kurz nachdem der Sex begonnen hat, verläßt das Mädchen unter irgendeinem Vorwand das Schlafzimmer, um in das Badezimmer zu gehen, und vom Badezimmer, das durch eine Tür ebenfalls mit dem begehbaren Kleiderschrank verbunden ist, in eben diesen. Dort löst Du sie ab und gehst über das Badezimmer in das Schlafzimmer, wo Paskarani glauben wird, Du seiest das Mädchen. Du wirst Dich nach Möglichkeit so positionieren, daß er nicht gleich merkt daß Du … kein richtiges Mädchen bist, das werden wir natürlich üben, und die Zeit, die er braucht, bis er es merkt, nützen wir, um Euch zu filmen.

Als er das sagte, lächelte der Schneider wie ein gütiger Vater“.

wird fortgesetzt

1 Kommentar:

Susanne Namdar hat gesagt…

Lieber Sama, habe gerade deinen Artikel in der DST Bi-Kultur gelesen. Danke fuer diese schoene Geschichte.
Susanne Namdar