Dienstag, 8. Januar 2008

Der Autobus nach Schemiran von Goli Taraghi (3)

Paris, wenige Jahre nach der Zeit der Erzählung ...


Heute der dritte und letzte Teil der Erzählung Der Autobus nach Schemiran von Goli Taraghi, ein Text, den ich in den 90ern auf Anregung des österreichisch-iranischen Publizisten Iradj Haschemizadeh ins Deutsche übertragen habe.

Zunächst aber die weitere Leidensgeschichte von Mansur Osanloo, jenem Busfahrer, der mittlerweile zum Symbol für den Kampf um unabbhängige Gewerkschaften im Iran geworden ist (siehe mein letztes und vorletztes post)

Im Juni 2007 reiste Osanloo - er befand sich gerade gegen Kaution auf freiem Fuß - nach London bzw. Brüssel, um an Tagungen internationaler gewerkschaftlicher Organisationen teilnzunehmen.
Nach Teheran zurückgekehrt wurde er im Juli 2007 wieder verhaftet - und befindet sich seither im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis. Aufgrund von Veletzungen, die ihm seitens der Sicherheitskräfte des Regimes zugefügt worden waren (siehe mein voriges post) sowie dem Fehlen adäquater medizinischer Versorgung im Gefängnis, stand Osanloo monatelang in der unmittelbaren Gefahr, das Augenlicht zu verlieren. Im Oktober 2007 konnte schließlich die dringend angezeigte Augenoperation durchgeführt werden.
Kurz darauf wurde er informiert, daß ihn das Gericht aufgrund von "Aktivitäten gegen die Staatssicherheit" zu einer 5-jährigen Haftstrafe verurteilt habe. Sein zu diesem Zeitpunkt ebenfalls inhaftierter Vize, Ebrhaim Madadi, wurde zu zwei Jahren verurteilt.

Beide Prozesse fanden unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

Der Autobus nach Schemiran, von Goli Taraghi (3)

Asis Agha trocknet meine Wangen mit seinen rauhen Fingern und lacht dabei - ohne den Mund zu öffnen. Meine Klassenkameraden - die, die ihn besser kennen - meinen, daß seine Zähne alle aus Gold sind. Ich kann das nicht glauben. Ich frage die Mutter. Sie weiß es auch nicht. Sie kennt ihn ja nicht. Aber meine Frage macht sie wütend und sie droht mir, sie würde mir, sollte ich je wieder einen Busfahrer ansehen oder mit ihm reden, die Haut abziehen. Mutter ist der Ansicht, daß nur schlechte und asoziale Menschen goldene Zähne hätten, allesamt Mörder und Diebe, die kleinen Mädchen alle möglichen Schandtaten antun würden. Ich glaube der Mutter nicht und sie tut mir leid, weil sie manchmal hinterhältig ist und lügt und behauptet, daß Tante Asar häßlich und fett sei, und weil ich traurig werde, wenn ich daran denke, daß sie vieles nicht weiß. Zum Beispiel kennt sie die meisten Hauptstädte nicht und beherrscht nicht einmal die Grundregeln der Mathematik. Dennoch - ich bin überzeugt, daß sie die beste und schönste Mutter der Welt ist. Nachts, vor dem Schlafengehen, tue ich, als hätte ich Bauchschmerzen, damit sie sich an mein Bett setzt. Ich möchte ihr dann all die bösen Sachen, die ich über sie denke, beichten. Aber Mutter hat immer zu tun, hat es immer eilig, hört mir nie zu und sie würde mich bestrafen, wenn sie nur wüßte, daß ich heimlich, hinter der Türe, ihre Gesprächen mit dem Vater belausche.
Der Stau und der Schnee machen Asis Agha nervös. So sehr er sich auch bemüht, der Autobus kommt und kommt nicht vom Fleck. Wir sind Verlorene in einer weißen Wüste. Von weit weg höre ich die Stimme Hassan Aghas, wie er seufzt und klagt. Sein lauter Scluckauf kommt von seiner Angst. Auch ich fühle mich sonderbar. Ich werde krank. Mein Magen ist voller getrockneter Weichseln. Mir ist zum Kotzen und schwindlig. Ich hülle meinen Körper in Asis Aghas Jacke. Ich will aufstehen, aber mein Beine sind tot. Ich öffne den Mund, aber ich habe keine Stimme. Alles ist Schnee. Der Autobus, die Stadt, alles, und ich unter einem weißen Dach zu Eis gefroren. So bin ich seit Jahren: reglos, wie ein Stein. Übrig sind nur meine Augen, die brennen, wie zwei Feuerherde und mein trockener, bitterer Mund, der nach Wasser verlangt - Wasser, Wasser, Wasser ...

Eine kühle Hand streicht mir über die Stirn. Sie duftet herrlich, nach Creme und Puder. Irgendjemand flüstert mir Gebete ins Ohr und bläst mir ins Gesicht. Um mich herum sind vertraute Gesichter, Tante Asars große, liebevolle Augen strahlen mich [...] an, ich rieche den Kräutertee der Bibijan und erkenne meine weichen Decken und die sauberen Bettlacken. Ich weiß, daß ich in meinem Bett bin und daß die Mutter in meiner Nähe ist [...] Ich schlafe ein und träume, daß ich auf Asis Aghas Schultern sitze. Er gleitet wie ein fliegender Teppich über die Wolken und nimmt mich mit zu fernen, fremden Städten. Ich wünsche so sehr, daß er seinen Mund öffnet, damit ich die goldenen Zähne sehen kann - aber seine Lippen sind versperrt, wie der Deckel eines Schatzkastens.
Ich bin schwer krank. Jeden Donnerstag besucht mich Dr. Kossari. [...] In den Nächten habe ich Fieber. Jedesmal, wen er kommt, verordnet mir Dr. Kossari andere Medikamente. Es geht mir von Tag zu Tag schlechter. Ich bin gelb und abgemagert, meine Haare fallen aus. Man holt einen anderen Arzt, der noch mehr hustet als ich. Die Medikamente, die er verschreibt, bekommt man in keiner Apotheke. Die Tage und Wochen vergehen wie im Flug. Ich habe die Schule vergessen. Ich schlafe am Tag und huste im Schlaf. Die Großmutter sezt sich an mein Bett und murmelt Gebete. Wenn ich wach bin, erzählt sie mir Märchen und füttert mich. Ich schaue täglich durch das Fenster auf den Khakibaum mit seinen nackten Ästen und zähle die Tage bis zum Frühling. Jeden Nachmittag um vier sehe ich den Autobus nach Schemiran an der Kreuzung vor der Schule vorbeifahren und den einsamen, traurigen Asis Agha, wie er auf meinen leeren Platz schaut [...] Vielleicht hat er mich aber vergessen und gibt die Leckereien in seinem Handschuhfach einem anderen Mädchen. Ich brenne vor Eifersucht und huste noch stärker. Besorgt ruft Mutter Dr. Kossari. Ich höre die Stimme des Vaters. Er gibt Anordnung, mich für die Reise nach Europa vorzubereiten.
Diesea Jahr werde ich sitzenbleiben. Ich weine. Tante Asar meint, daß nichts wichtiger sei als meine Gesundheit. Ich wünsche den Sommer herbei und daß der Kirschbaum Blätter treibt und Früchte. In unserem Haus ist im Sommer mehr los denn je. Unsere Familie ist ein großer Stamm. Ich habe Dutzende Tanten, Onkeln, Kousinen und Kousins. Vater ist das Stammesoberhaupt, vor dem sich alle fürchten. Jeden Freitag ißt der Stamm bei uns zu Mittag. Mutter behält die meisten der Gäste über Nacht. Wir schlafen alle auf der Terasse im Garten. Die Kinder liegen in einer Reihe nebeneinander, die Großen schlafen unter den Buchsbäumen auf Holzbetten mit Moskitonetzen. Der Vater schläft alleine in der Gartenlaube. Zu beiden Seiten der Laube fließt ein Bächlein, das man bis in den frühen Morgen hinein plätschern hört. Großmutter schläft bei uns Kindern und wacht über uns. An das Kopfende eines jeden Bettes stellt sie ein Glas Wasser mit Eiswürfeln. Jedem legt sie eine Handvoll Jasminblätter unter das Kissen. Damit sie sicher ist, daß alle auf ihren Plätzen liegen, wird jedes Kind gezählt und beim Namen genannt.
Ich liebe die lebendige Stille der Nacht, horche auf den Herzschlag der gereiften Früchte, auf das leichte Atmen der jungen Knospen. Vor dem Einschlafen zähle ich die Sterne und schaue zu den Wolken hinauf, die wie Menschen aussehen. Einer sieht aus wie Asis Agha. Er ruft mich vom Himmel herab und schneidet Grimasen. Die Kousins flüstern einander etwas zu. Ohne aufzustehen, schlägt ihnen die Großmutter mit einer langen Rute auf die Fußsohlen. Der jüngere Onkel schnarcht und bringt die Hunde in den Baracken zum Bellen. Bibjan spricht im Schlaf. Tuba Chanom kratzt sich die ganze Nacht lang. Eines der Kinder läßt einen nach den anderen fahren. Wütend steigt Großmutter aus ihrem Bett und will wisen, wer es gewesen ist. Alle tun so, als ob sie schlafen würden. Niemand wagt es, zu atmen. Der Schlaf, das Surren der Moskitos, das Glitzern der Sterne, sickern in meine Augen und füllen sie aus. Manchmal regnet es nachts. Dann breitet die Großmutter die lange, breite Plastikplane über uns, die sie immer bei der Hand hat. Unter ihrem dicken Schutz kleben mein Kousin und ich aneinander und lauschen wie die Ameisen unter der Erde wir dem Klatschen des Regens.

Seit ich krank bin, hat man mich ins Zimmer gesperrt. Alles macht mir Angst. Die Angst ist ein unsichtbares Wesen, das sich überall aufhält. Manchmal öffnet sie eine Spalt weit die Tür. An den Nachmittagen, wenn die Großen ihre Siesta halten, ist sie da. Manchmal hält sie sich hinter dem Fensterglas auf oder versteckt sich unter dem Rock der Mutter. Heute morgen war sie im Spiegel. Mir schien, als wollte sie mich verspotten. Es ist die Angst, die mich Husten macht. Die Mutter hat kein Vertrauen mehr zu Dr. Kossari und wirft seine Medikamente weg. Mein Onkel - der Arzt - übernachtet bei uns. Die Mutter und er haben miteinander vereinbart, daß sie mich abends abwechselnd spritzen. Der Vater meint, die Ärzte in Europa seien Genies, die mit einer einzigen Medikamentenverordnung die schlimmsten Krankheiten heilten. Tante Asar schaut mich mit traurigen Augen an und küßt mich, als wäre es das letzte Mal. Hassan Agha ist im Besitz einer alten Ansichtskarte, auf der eine fette Frau mit goldblonden Haaren und einem Kleid aus Seide [...] abgebildet ist. Er sagt, das sei die Königin von Paris, die weder an den Koran noch an Mohammad glaube. Er macht sich Sorgen um Mutter und um mich und fleht die Großmutter an, Tag und Nacht für unsere Rettung aus den Klauen dieser gottlosen Königin zu beten. Mutter packt die Koffer in freudiger Erwartung. Ich weiß, daß die Angst auch in Paris zuhause ist, daß sie uns überallhin verfolgen wird. Großmutter betet in einem fort und bläst mir ins Gesicht. Abends flößt mir Tuba Canom eine Brühe mit Hühnerleberstücken ein. Um meinen Hals und um meine Fesseln haben sie mir allerlei Zettelchen mit Gebetsformeln befestigt, unter meinem Kissen liegen gefaltete Papierblätter.
Nachmittags, um vier, denke ich noch immer [...] an den Autobus, der von weit her gefahren kommt und, wie ein halb vergessener Traum, bevor er mich erreicht, in einer weißen Staubwolke versinkt. Noch immer sage ich vor dem Einschlafen: "Ich steige nur ein, wenn es Asis Aghas Autobus ist!". Es ist ein Versprechen, dem ich bis zum Tag des Jüngsten Gerichts treu bleiben werde, ich schwöre es und schließe beim Schwören die Augen und halte die Luft an. Mein Herz schlägt wie eine Trommel. Ich weiß, daß Asis Agha meinen Herz schlagen hört und mir antworten wird.
In drei Tagen ist es soweit. Wir werden abreisen. Großmutter sitzt vor dem Fenster und fädelt für mich Jasminblätter zu Armreifen und Halsketten auf. Wie traurig alle sind. Sogar Tuba Chanom, die sonst immer ihre Hüften schwingt und mit den Finger schnippt, ist nicht mehr die Alte [...] Irgendjemand klopf an der Tür. Ich denke, daß es ein neuer Arzt ist oder eine der Tanten. Tausend Menschen besuchen uns jeden Tag und klopfen an die Tür. Hassan Agha kommt herein und bleibt neben der Türe stehen. Er ist völlig perplex und schaut ratlos zur Mutter. Er will etwas sagen, traut sich aber nicht. Wie immer hat er Schluckauf vor Angst. Er deutet, daß irgendjemand oder irgendetwas da draußen ist, bleibt aber stumm. Die Mutter ist ungeduldig und genervt. Sie steht auf und begleitet ihn in die Diele. "Wer?", es ist ihre Stimme. Hassan Aghas Antwort kann ich nicht hören. Nur die Stimme der Mutter, die lauter und lauter wird und wie eine Alarmsirene Angst verbreitet. Großmutter steht auf, schließt das Fenster und zieht die Decke bis unter mein Kinn. Jetzt wieder die Stimme der Mutter: "Ein Buschauffeur?".
Mein Herz will mir aus dem Brustkasten springen. Ich setze mich auf. Hassan Aghas Worte klingen wie das Blöken eines Lamms, das geschlachtet werden soll. Mutters Gekreische hallt in meinem Kopf: "Was? Wer? Welcher Bus?". Hassan Agha, mein geliebter Hassan Agha, ist halbtot. Er stottert. Mutters Keifen ist zu hören, die wissen will, wie denn eine Null von einem Buschauffeur es wagen kann, nach dem Befinden ihrer Tochter zu fragen. Hassan Agha möge ihm ausrichten, daß man ihm das Bein brechen werde, sollte er es noch einmal wagen, sich hier blicken zu lassen.
Ich werfe die Decke zur Seite und springe aus dem Bett. Barfuß und mit einem dünnen Pyjamahemd bekleidet, laufe ich Richtung Diele. Tuba Chanom versucht, mich aufzuhalten. Ich schubse sie weg und beiße ihr in die Hand. Die Mutter, die über mein seltsames Verhalten staunt, befiehlt mir, mich sofort wieder ins Bett zu begeben. Ich ignoriere die Drohungen und laufe in Vaters Büro am Ende der Diele, gehe hinein und sperre die Tür zu. Vom Fenster aus, kann man auf die Straße sehen. Ich schiebe den Vorhang weg und stelle mich auf einen Sessel. Ich sehe, daß Asis Agha, wie ein schüchterenes Kind, ratlos mitten auf der Straße steht. Er hat ein Päckchen in der Hand. Seine ansonsten zerzausten Haare hat er gekämmt und sein Hemd bis zum Hals zugeknöpft, er möchte wohl nicht, daß man die Tätowierungen auf seiner Brust sieht. Ich öffne das Fenster. Ich rufe ihn. Er schaut sich um und macht sich auf den Rückweg. Ich rufe noch lauter, winke ihm zu. Er dreht sich um und hebt den Kopf. Jetzt sieht er mich. In seinem Gesicht ist wieder die alte liebevolle Wärme. Rasch fließen mir die Tränen und ich verstehe meine eigenen Worte nicht. Ohne sich von der Stelle zu rühren, grüßt er mich mit einem Nicken. Gott, wie er sich freut! Er lacht, und während er lacht [...] öffnet er seine Lippen. Sein Mund ist eine dunkle Höhle, in deren Tiefe ein Goldzahn funkelt, der ausschaut wie Aladins Lampe. Ich weiß, daß mir diese Wunderlampe jeden Wunsch efüllen wird. Ich schließe die Augen und wünsche mir, wieder gesund zu werden und daß der Husten aufhört und daß die Angst von mir abfällt.
In Paris wohnen wir im Hotel Wagram. Drei Tage nach unserer Ankunft besucht mich der französische Arzt und schreibt ein langes Rezept. Es geht mir schon seit langem besser und ich huste nur selten. Niemand kennt mein Geheimnis [...] Mutter führt meine Besserung auf das Genie des französischen Arztes zurück. Ich aber weiß, wer und was mich gesund gemacht hat. Nachts, im Dunkel des Hotelzimmers, streiche ich unter der Decke über die phantasierte Lampe und erneuere mein altes Versprechen.
Unser Aufenthalt in Paris dauert über sechs Monate. Nach unserer Rückkehr nach Teheran schicken sie mich in eine andere Schule. Die neue Schule ist nur wenige Schritte von unserem Haus entfernt. Ich gehe den Schul- und den Nachhauseweg zu Fuß, wenn ich aber die Straße überquere, krampft sich mein Herz zusammen und meine Augen suchen den Bus nach Schemiran.
Die Jahre vergehen. Ich werde eine junge und geachtete Dame. Sie haben die alten Autobusse ausrangiert und durch Sammeltaxis mit jungen Fahrern ersetzt. Ich aber bin, trotzdem so viel Zeit vergangen ist, meinem großen Freund und meinem alten Versprechen treu geblieben. Wenn ich trübsinnig bin, wenn mich Kummer befällt, wenn es auf meinem Weg ein Hindernis gibt, kommt hinter den Erinnerungen der Kindheit der wunderbare Mund meines Freundes zum Vorschein und das Funkeln seines Goldzahns leuchtet wie eine Venus in die Dunkelheit meiner Nächte.
Der Autobus der Linie 70 biegt um die Kurve und fährt langsam auf uns zu. Eine kindliche Stimme flüstert: "Ich steige nur ein, wenn es Asis Aghas Autobus ist!".
Meine Tochter geht mir voraus und winkt dem Busfahrer zu. Ihre Augen scheinen voller rätselhafter, verspielter Gedanken zu sein, vielleicht hat ja auch sie ein Geheimnis, das sie mir nicht verraten wird, so wie ich es niemandem gesagt habe, weder der Mutter, noch Hassan Agha, nicht einmal den Buchsbäumen hinten im Garten.

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