Sonntag, 27. Januar 2008

Hegel und die Geheimnisse der alten Ägypter





Ganz unerwartet bringe ich doch wieder einen Teil meines Romans Ungläubig (Arbeitstitel).

Um ein Minimum an Zusammenhang mit den im Dezember veröffentlichten Passagen herzustellen sei angemerkt:

Arman Kalami
ist ein im Grazer Exil wohnhafter altlinker Berufsrevolutionär, der mithilfe seines Freundes und Hausgenossen
Danusch Bastani, dem charismatischen, zeitweise psychotischen Onkel von
Arasch Bastani
die Teheraner Revolution von 1979 "auf den Kopf stellen" möchte.
D.h., er will den Prozeß, der 1979 eine ursprünglich säkulare Revolution in eine religiöse verwandelte, umdrehen: Mit einer religiösen Revolution beginnen, die der charismatische Danusch Bastani als eine Art Messias anführen soll, und diese in weiterer Folge in eine "normale marxistisch-säkulare" Revolution überführen.
Als sich Danusch endlich bereit erklärt, an Kalamis revolutionärem Projekt mitzuwirken, ist seine Mitarbeit an eine Bedingung geknüpft: Kalami soll Danuschs Neffen Arasch - der ebenfalls in Graz lebt - zu ihm bringen, damit dieser sein Mund sei ...


Arman Kalami an das Zentralkomitee

Wertes Zentralkomitee,

Was genau diese Worte

Bring mir meinen Neffen, daß er mein Mund sei

tatsächlich bedeuten, bin ich nicht sicher, womöglich: Bring mir meinen Neffen, daß er mein Sprachrohr sei?, aber warum sagt er Mund, wenn er Sprachrohr sagen will und das Wort Sprachrohr ansonsten durchaus verwendet, z.B. wenn er sich als

Sprachrohr Gottes

bezeichnet, auch - und gerade - in seinen psychotischen Schüben, so daß man nicht behaupten wird können, er habe Sprachrohr sagen wollen und habe ihm die Psychose das Sprachrohr im Mund umgedreht, obwohl ich auch das nicht ausschließen würde, im Grunde ist es mir wurscht, wertes Zentralkomitee, was Danusch mit diesem

Bring mir meinen Neffen, daß er mein Mund sei

gemeint haben könnte, er wird es selber nicht wissen, so wie Hegel gesagt haben soll, die Geheimnisse der alten Ägypter sind auch für die alten Ägypter Geheimnisse gewesen. Als ich Arasch mitteilte, daß sein Onkel bei mir hier in Graz wohnt, wurde er panisch und war er aber bemüht, seine Panik vor mir zu verbergen. Ich bin ein Soldat der Revolution, wertes Zentralkomitee, und habe ich gelernt, auch brutal zu sein, wenn es sein muß, d.h. wenn es zweckdienlich ist, es fiel mir deshalb nicht schwer, die Panik Arasch Bastanis zu nützen und statt, wie für Teheraner typisch, voller Rücksicht zu fragen, ob er womöglich bereit wäre, mir die Ehre zu geben, seinen Onkel bei mir zu besuchen, sagte ich bloß: Ich wohne am Rosenhain - zu Fuß oder Taxi? Ich hatte meine Frage kaum zu Ende gefragt, da stand Arasch schon auf, wertes Zentralkomitee, er wankte und nahm er seine Tasche zur Hand und sah er dabei, wie soll ich sagen, wie ein Märtyrer aus, obwohl er ungläubig ist, Gehen wir, sagte er und wankte er, ohne aber auf mich zu warten, zum Ausgang. Ich ging zur Kellnerin und bezahlte ich, wertes Zentralkomitee, unsere beiden Getränke, die Rechung lege ich bei. Daß Arasch auf das Zahlen vergaß und folglich ich für ihn zahlen mußte, zeigt das Ausmaß seiner Konfusion, denn niemals läßt sich ein Teheraner einladen - auch ein in Graz aufgewachsener nicht - ohne daß er das Angebot, eingeladen zu werden, zwei oder dreimal zurückweist. Ich ging auf die Straße hinaus, wo ich Arasch antraf, heftig atmend, und war er offensichtlich in Panik, jedoch versuchte er sich, sobald er mich aus dem Café treten sah, zu beherrschen und langsam zu atmen, so daß sein an und für sich schmales Gesicht immer aufgeblasener wurde. Man geht vom Theatercafé zu meinem Haus am Rosenhain etwa dreißig Minuten, Arasch wurde gesprächig, sobald wir aufgebrochen waren, als wollte er die Panik durch sein Sprechen vertreiben, er fürchte sich, sagte er, seit seiner Kindheit vor Danusch, den er ja nur aus Erzählungen kennt, resp. vor dessen Psychose - bestimmte Worte und Sätze, die Danusch in seiner Psychose gesagt haben soll, hält Arasch für, wie soll ich sagen, infektiös, d.h. daß er glaubt, auch er könnte, sobald er einen dieser Worte oder Sätze denken oder aussprechen sollte, psychotisch werden, man hat ihn im Alter von dreizehn ja tatsächlich in eine Anstalt für Psychosen der Jugend gesperrt, weil er an einen dieser Sätze, die Danusch in seiner Psychose ausgesprochen haben soll, denken hatte müssen, in den Bergen nördlich von Nord-Teheran hatte Danusch Bastani in den sechziger Jahren dem Großvater von Arasch Bastani, d.h. dem Schwiegervater seines Bruders Pedram Bastani, die Vision eines Welt-Zentralkomitees auseinandergelegt, welche nach einer sozusagen von Gott ausgehenden Weltrevolution installiert werden würde, mit Danusch als oberstem Führer. Das Welt-Zentralkomitee, so Danusch, müßte zehn Mitglieder umfassen, und müßten diese Zehn einen Vorsitzenden wählen, den Weltzentralausschußpräsidenten, der Großvater hätte gefragt: Wie, wenn es bei der Wahl des Weltzentralausschußpräsidenten zur Stimmengleichheit käme?, woraufhin Danusch gesagt hätte: Sie müssen noch einmal wählen und noch einmal wählen und hatte er dieses nocheinmal wählen so oft wiederholt, bis der Großvater ihn durch eine Ohrfeige hätte zur Räson bringen müssen. Von diesem Gespräch in den sechziger Jahren in den Bergen nördlich von Nord-Teheran und von Danuschs psychotischem Satz Sie müssen noch einmal wählen hätte Arasch durch Erzählungen seines Großvaters Kenntnis und wäre ihm über die Jahre Danuschs psychotischer Satz Sie müssen noch einmal wählen immer wieder einmal durch den Kopf geschossen, es war ihm aber über die Jahre immer wieder gelungen, den psychotischen Satz mit Mühe und Not - mental sozusagen - wieder auszuscheiden. Doch einmal, als er dreizehn war, war es ihm nicht mehr gelungen, und hatte er nicht mehr aufhören können, an den psychotischen Satz seines Onkels zu denken und hatte er den psychotischen Satz, Sie müssen nocheinmal wählen, vom elterlichen Balkon, in den Innenhof hinuntergebrüllt, um ihn endlich loszuwerden, die Grazer, wertes Zentralkomitee, sind ruhebedürftig, was mit ihrem Faschismus zu tun hat und habe ich vor, über den Zusammenhang von Ruhe- und Faschismus-Bedürfnis ein Traktat zu verfassen, Arasch hatte also Ruhe der Grazer gestört, indem er den psychotischen Satz seines Onkels, Sie müssen nocheinmal wählen, vom elterlichen Balkon aus hinuntergebrüllt hatte und wurde er in Folge in eine Anstalt gebracht, wo er sechs Wochen blieb, ich vermute, wertes Zentralkomitee, einen Polit-Hintergrund, in Graz herrscht bekanntlich die Demokratie, wie ja auch in Paris, d.h. daß das Volk die Aufgabe hat, sich selbst zu beherrschen und haben die Menschen in der Demokratie bekanntlich die Freiheit der Wahl, sich im Leben auf die eine oder andere Weise ausbeuten zu lassen oder beuten sie selbst, als Großunternehmer, andere aus. Auch haben sie alle vier Jahre - oder fünf – das Recht oder die gesetzliche Pflicht, Parteien zu wählen, welche Gesetze erlassen und Regierungen bilden und haben in der Demokratie bekanntlich die linken Parteien den Zweck, den Unmut der Lohnabhängigen zu kanalisieren und zu neutralisieren, damit sich nie am System etwas ändert, in diesem System, wertes Zentralkomitee, hat auch die PsychiatrIn ihre Funktion, genauso wie die PsychotherapeutIn, die Psychotherapie nämlich suggeriert ja: Alles ist im Grunde, wie der Grazer sagen würde, paletti, so daß sich im Grunde alle wohl fühlen müßten, nur die PatientInnen der PsychotherapeutInnen eben nicht, diese hätten leider ein Problem oder eine Persönlichkeitsstörung, hier, helfen wir! sagt die Psychotherapie, unseren Kunden, das Wohlgefühl (wieder) zu erlangen und propagieren sie die think positive-Strategie, was bedeutet: Noch die größte - verzeihen Sie – Scheiße, wertes Zentralkomitee, als angenehm zu empfinden. Manchem hilft jedoch nicht einmal das – daher die Psychiatrie. Diese verordnet Medikamente, durch welche man das Wohlgefühl sozusagen direkt im Gehirn installiert. Arasch wurde also in die Anstalt gebracht, ich vermute aus politischen Gründen, irgendwem - vermutlich einem Spitzel der Staatspolizei - war wohl die Wiederholung des Satzes Sie müssen nocheinmal wählen verdächtig erschienen - als Anspielung auf die sich ständig wiederholende stupide Sinnlosigkeit demokratischer Wahlen womöglich, und hat der Spitzel in Folge die Polizei alarmiert, die Arasch in die Heilanstalt brachte.

Ich muß jetzt dringend, wertes Zentralkomitee, zum Gericht, wie berichtet hat meine sechszehnjährige Tochter einen jungen Genossen aus Teheran und Studenten der Technik in Graz niedergestreckt und am Schienbein verletzt, wie dessen Anwalt behauptet, nachdem ihr dieser über die Straße hin zugerufen hatte: Wir wissen, daß Dein Vater an Gott glaubt.
Ich melde mich ehebaldigst.

Hochachtungsvoll

Arasch Kalami aus Graz

1 Kommentar:

andreas maria puchheim hat gesagt…

liebster herr maani,

da hat sich ja schon etliches zusammengestaut in ihrem geschätzen blog.
und!
angesichts des letzten textes, der sich den unverbesserlichsten aller idealisten zum leitenden motiv nimmt, hat sich auch in meinem (nicht ganz so klugen aber doch wenigstens etwas hübscheren) kopf (na, das ist zumindest etwas) eine gedankenmasse zusammengestaut, die, weil's ihr an trefflichem platze mangelte, zum gedankengange formierte und hier zu buche, bzw. zu blogge schlägt. aber mehr halb- als verdaut.
also!
hegel, so wird in ihrem text behauptet, meinte, die geheimnisse der alten ägypter seien auch für sie selbst geheimnisse gewesen. und wenig später heißt es, arasch „fürchte sich, sagte er, seit seiner Kindheit vor Danusch, den er ja nur aus Erzählungen kennt“.
was, so frage ich mich, wäre das für eine schöne literarische figur, die SICH SELBST nur aus erzählungen kennt?
mein erster gedanke also: partiell ist uns das phänomen ja allen bekannt. „als kind hast du ja das und das gemacht“.
mein zweiter gedanke: was, wenn man den begriff „erzählung“ nicht allzu wörtlich nimmt, sondern davon ausgeht, dass jedwede reaktion, die uns wiederfährt, eine art erzählung ist? sind wir dann nicht ägypter und die geheimnisse der ägypter zugleich?
und wieder zersprangelt sich mir alles im hirn. oh, wie postmodern, herr puchheim!
Menschen, die keiner kennt
Musik, die keiner hört
Bilder, die keiner sieht
Texte, die keiner liest
Wunderbar.
mein dritter (und abschließender) gedanke: gibt es in ihrem geschätzen roman eine figur, gibt es überhaupt eine literarische figur, die's endlich einmal zu sagen schafft: ICH BIN ICH! (abgesehen von dem kinderbuch, das diesen titel trägt)
halbverdautes, natürlich, und unausgegorenes.
dennoch!
mit den allerfreundlichsten grüßen,
ihr
andreas maria puchheim