Samstag, 22. September 2012

Zizek in Teheran (11)

Wohin? hilft also nicht. Ich flüchte in meine Ordination für Psychoanalyse, aber ich muß an den

Ort.

Ohnehin liegt es - das habe ich schon der Anzeige des Vermieters entnommen - um die Ecke. Die Deutsche Schule Teheran. Jetzt natürlich das Internat für Islamische Mädchen.

Geil, gell?

Aber ich will nicht.

Den Haupteingang des Internats für Islamische Mädchen meide ich. Natürlich. Um am Seiteneingang zu stehen - einem blechblauen Tor, nichts hat sich verändert - und zu warten. Als erwartete ich, daß ein Wunder geschieht. Sesam öffne Dich oder Simsalabim und heraus treten zwei islamische Mädchen. Voller Kraft. Durch Freude. Der Jugend.

Die Mädchen sind äußerst sympathisch, aber äußerst hübsch sind sie nicht. Ihrer beider Haut leuchtet, hell, und rotbraune Haare. Die Koptücher züchtig nach oben und hinten versetzt. Zusatz: Und ungemein freundlich.

Wo kommen Sie her?

Daß Teheranerinnen Auslands-Teheraner sofort als solche erkennen, ist für Teheran typisch, aber nicht erklärlich.

Aus Graz.

Die Mädchen sind beeindruckt und stumm. Eine Weile. Graz enthält zwei Konsonanten, die unmittelbar aufeinanderfolgen: Gratz. In der Sprache Teherans darf es aber zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Konsonanten nicht geben, es sei denn, es geht ihnen ein Vokal voraus:

Enqelab
Erteja‘
Enteha

Revolution
Reaktion
Ende

Die Mädchen sagen denn auch G-e-r-a-z, wenn nicht gar G-e-r-a-t-e-s, sind siebzehn und lachen, ihre schneeweißen Hände halten Bücher. Eines pro islamisches Mädchen. Den Titel des Buches in der Hand der Linken bin ich imstande, mit ein paar Verrenkungen, zu erkennen: Die Nonne. Von Diderot. Daß es das Werk des Atheisten und Enzyklopädisten in Teheran überhaupt gibt. Noch dazu im Internat für Islamische Mädchen.

Das braucht Sie nicht zu verwundern, sagt Schirin. So heißt oder nennen wir die Linke. In der Bibliothek haben wir lauter solche Bücher. Kommen Sie. Ich erröte und wir betreten das Areal der Deutschen Schule Teheran.

wird fortgesetzt