Samstag, 4. August 2018

Rezension von Richard Schuberth im Wiener "Augustin"



Sama Maani macht die Wahrheit durch Verzerrung glaubhaft Teheran Wunderland und deutschsprachige Gemütlichkeit 

Passiv und beiläufig schlittern die fragilen Helden von Sama Maanis neuem Roman, die sich als Vollstrecker der Geschichte wähnen, in einen Gottesstaat – in einem Land, in dem am wenigsten die Klerikalen an diesen Gott glauben. Richard Schuberth hat sich von diesem ebenso witzigen wie tragischen Buch überraschen lassen. 

Auf wunderliche Pfade lockt der österreichische Autor Sama Maani die Leser_innen schon am Anfang seines Romans Teheran Wunderland. Der Ich-Erzähler – wie der Autor persischer Abstammung – gerät eher durch Zufall in die Demonstration von Exiliranern gegen das Regime ihrer Heimat – in einer nicht näher ausgewiesenen Provinzstadt, in welcher die biografische Neugier gern Graz sehen will und damit vermutlich auch recht hat.

Von den Ereignissen wird er in ein Wirtshaus gezogen, wo drei Brüder ihn als neutralen Zeugen zu einem eigentümlichen Familientribunal einladen. Einer von ihnen, im Buch heißt er nur der «Feine», soll nämlich mit dem klerikalfaschistischen Regime kollaboriert haben.

Der Schriftsteller, Psychoanalytiker und Kulturkritiker Sama Maani, der mit 12 Jahren nach Österreich kam, erzählt die Geschichte der iranischen Revolution als Farce. Der Name Teheran steht als Pars pro toto für den gesamten Iran, ein erster Hinweis auf den fantastischen Charakter des Buchs. Das unbestimmte Österreich trägt den Namen «Die deutschsprachige Provinz», aus ihr ragen die «deutschsprachigen Berge», und Ort des Gerichts ist das Gasthaus «Zur deutschsprachigen Gemütlichkeit». Wie alles hier trägt auch dieses launige Spiel der Bezeichnungen einen tieferen Sinn. Es soll uns zeigen, dass unsere nationalen und ethnischen Identifikationen auf philologischen Konstrukten beruhen, die nachträglich zu Schicksalsgemeinschaften zusammengespachtelt wurden. Sama Maani gilt nicht zu Unrecht als einer der streitbarsten Kritiker des Kulturalismus, wovon schon der Titel seines auch bei Drava erschienenen Essaybandes Respektsverweigerung zeugt: Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht. 

Der Autor spielt mit den romantischen Vorstellungen kultureller Differenz ebenso wie mit den revolutionären Illusionen einer kleinbürgerlichen Linken. Diese müssen hilf- und ratlos dabei zusehen, wie ihre Revolution – die ja dem vorbestimmten Lauf der Geschichte gemäß, welcher sie als Avantgarde vorstünden, eine proletarische sein müsse – von den religiösen Fanatikern und Faschisten binnen kurzer Zeit übernommen wird. Eine kleine Ohrfeige auch für die Selbstüberschätzung einer Schicht, welche das einfache Volk idealisiert und gleichzeitig als Manövriermasse des eigenen emanzipatorischen Führungsanspruchs verdinglicht. Die Arbeiter und Landbevölkerung leben vorwiegend im fiktiven Süd-Teheran, während die jungen Revolutionäre aus dem wohlsituierten Nord-Teheran stammen. Zu Beginn der Revolution verliebt sich der Poet unter den Brüdern, der «Feine», in ein Mädchen aus Süd-Teheran. Als diese ihn wegen des Sohnes eines Wurstfabrikanten, des Klassenfeindes also, im Stich lässt, wird eine Dynamik von epischem Ausmaß in Gang gesetzt. Vorausgeschickt sei, dass ganz Teheran amerikanische TV-Serien schaut, gerne sauft und von früh bis spät Wurstsemmeln verzehrt, auf deren Inhalt Sams Vater, der Wurstfabrikant, das Monopol hält. 

Wir sind in Teheran und nicht in Berlin 

In seiner Enttäuschung lässt sich der Feine zu einer poetischen Abrechnung mit den Frauen hinreißen und dichtet die hinreißend blöden Zeilen: «Versuche sie also nicht zu verstehen / Wie soll das auch gehen / Sie versteht sich ja selbst nicht / Und bevor sie dich bricht / Komm zu Verstand / Und nimm ihr bitte das Heft aus der Hand / Du musst sie bezwingen / Du musst sie erzieh’n / Wir sind in Teheran / Und nicht in Berlin.» Prompt kriegen Machismo und narzisstische Kränkung moderner linker Männer ihre folgerichtige Rechnung serviert. Der «Feine», der so gerne der Chefpoet der proletarischen Revolution geworden wäre, muss mit Schrecken erkennen, dass er über Nacht zum Lieblingsdichter der Religiösen avanciert ist und sein «Berlin-Gedicht» von den fanatisierten Massen in den Straßen skandiert wird.

Als er seinen Widersacher, den Klassenfeind Sam, töten will, bemerkt er, dass dieser längst Karriere bei den Klerikalen gemacht hat.  Mit dessen Verhältnis zur Religion liefert Maani einen interessanten psychologischen Schlüssel zum Verständnis des modernen Fundamentalismus, das über bloßen Opportunismus oder gar Gläubigkeit hinausweist: Identifikation mit dem Angreifer und ein unendlicher Pool an Allmachtsfantasien, auch gegenüber der Religion: «Und mit der Stimme des Glaubens wäre ihm möglich, was ihm als Ungläubiger undenkbar schien: auf Gott zu scheißen.»

Immer bizarrer und unglaubwürdiger werden die Maßnahmen der gekidnappten Revolution, deren Vollstrecker sich als Meister der repressiven Toleranz erweisen. Kritiker werden manchmal erschossen, zuweilen auch – wie im konkreten Fall der jüngste Bruder – in luxuriöse Umerziehungslager verfrachtet, wo die Umerziehung darin besteht, die freien Geister ihre Freiheiten in ihren Gated Communities so frei ausleben zu lassen, bis sie diese über haben. Böse, wer Böses dabei denkt, und das – auch – als Anspielung auf die sozialen Echoräume unserer Tage verstehen will. 

Erziehung zum «Mädchen» 

Für Männer mit schwulen Neigungen gibt es eine Möglichkeit, dieser Toleranzhölle vorzeitig zu entkommen. Das Regime, radikal puritanisch und schwulenfeindlich und doch aus allen Poren seiner patriarchalen Kumpanei homophil und vergewaltigungsbereit, hat eine sehr zweckrationale Lösung gefunden, dieses scheinbare Paradox zu seinem Nutzen zu wenden. Männer können sich mit juristischem und geistlichem Sanktus zu «Mädchen» ausbilden und sich hernach vom Staat als ideellem Gesamtzuhälter in eigenen Bordellen für gottesfürchtige Freier prostituieren lassen.

Sama Maani ist ein Aufklärer. Aufklärer stellt man sich, weil sie beständige Störenfriede sind, zu oft als grimmige Kerle vor. Er aber ist ein heiterer Aufklärer, und die immer absurderen und dennoch gespenstischen Sprünge seiner Handlung erinnern an die großen Humoristen der Aufklärung, an Diderots Jacques der Fatalist, seine Parabeln an Swifts Gulliver. Da jegliche Satire gegen eine wahnwitzige Realität abstinkt, hat Maani auf eine alte Methode zurückgegriffen, die sich in seinen verspielten Händen bestens bewährt. Andere verrätseln die Realität, verdoppeln sie bloß oder flüchten aus ihr, er macht sie durch das Fantastische kenntlich, indem er ihre Koordinaten verschiebt, sie als Parabel und bösen Traum erzählt, aus dem zu erwachen nur durch bessere Revolutionen gelingen mag. Und diese Methode möge uns noch viele weitere kurzweilige Romane dieses Autors bescheren.

Richard Schubeth, Augustin vom 1. August 2018

Sama Maani 
Teheran Wunderland 
Klagenfurt/Celovec 2018, 104 Seiten, 19,80 Euro

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