Montag, 7. Juni 2010

Der Heiligenscheinorgasmus

Der "Heiligenscheinorgasmus" hat 2004 einen Preis des Literaturwettbewerbs "schreiben zwischen den kulturen" erhalten und wurde in den Anthologien "sprachsprünge", "best of ten - 10 jahre exil-literaturpreise" sowie in der Literaturzeitschrift "kolik" veröffentlicht.

Mein Leben in Zürich begann mit einer Lüge. Unmittelbar nach meiner Ankunft im Zürcher Hauptbahnhof hatte ich im Café „Les Arcades” einen entcoffeinierten Café Crème bestellt, als sich eine dunkelhaarige, mittelalte Frau mit Aktentasche, eine Zürcherin wie ich annahm, an meinen Tisch setzte. Die Zürcherin mit der Aktentasche lächelte mich in der mir damals fremden, freundlichen, aber unaufdringlichen Art der Zürcher Menschen an und fragte mich im Hochdeutsch der Deutsch-Schweizer, wo ich denn herkäme. Ich wurde puterrot im Gesicht und starrte eine Zeit lang wie ratlos auf die schmutziggelbe Stuck-Decke des Bahnhof-Cafés. Schließlich begann ich, anfangs leise und wie verschämt flüsternd, zu erzählen. Mein Vater, behauptete ich, sei aus dem Indischen Bophal und nach der Gründung Pakistans dorthin geflüchtet. Von Pakistan sei er
nach Großbritannien,
von Großbritannien
nach Irland,
von Irland
nach Deutschland,
von Deutschland
nach Holland,
von Holland
nach Belgien,
von Belgien
nach Luxemburg,
von Luxemburg
nach Frankreich,
von Frankreich
nach Italien,
von Italien
in die Schweiz weitergeflüchtet. Wo ich selbst herkäme sei ich nicht sicher. Warum mein Vater von Pakistan
nach Großbritannien,
von Großbritannien
nach Irland,
von Irland
nach Deutschland,
von Deutschland
nach Holland,
von Holland
nach Belgien,
von Belgien
nach Luxemburg,
von Luxemburg
nach Frankreich,
von Frankreich
nach Italien,
von Italien
in die Schweiz weitergeflüchtet sein sollte, fragte mich die mittelalte, dunkelhaarige Zürcherin mit der Aktentasche nicht. Vielleicht dachte sie: „Manchmal flüchtet einer und kann das Flüchten einfach nicht lassen.” In Großbritannien fuhr ich fort, hätte mein Vater meine Mutter kennengelernt, eine Österreicherin aus Bregenz, in Großbritannien wäre ich gezeugt und in Irland zur Welt gebracht worden - dann wäre ich mit Mutter und Vater
über Deutschland
und Holland
und Belgien
und Luxemburg
und Frankreich
und Italien
in die Schweiz weitergeflüchtet.

Die Wahrheit ist: Beide meiner Elternteile kommen aus Persien und verbrachten mich mit zwölf Jahren ins österreichische Graz.

Meiner österreichischen aus Bregenz stammenden Mutter wegen, im Grunde wegen meiner österreichischen Großmutter, wohnhaft in Bregenz, setzte ich meine Lüge fort, würde ich das Schweizerdeutsche beherrschen. Jedoch würde ich es strikt ablehnen, das Schweizerdeutsche zu sprechen - es hätte mit mir und dem Schweizerdeutschen so seine Bewandtnis. Ich hätte nämlich, behauptete ich weiters, einen guten Teil meines erwachsenen Lebens in der Türkei und in Persien verbracht. Die vier Länder in denen ich also mein erwachsenes Leben verlebt hätte miteinander vergleichend - Persien, Österreich, die Türkei und die Schweiz - wäre mir klar geworden, daß zwischen der Schweiz und Österreich ein viel größerer Unterschied bestünde als zwischen Österreich und Persien auf der einen, der Schweiz und der Türkei auf der anderen Seite. Das Schweizerdeutsche z.B., behauptete ich, klinge wie türkisch. Wie das Türkische, fuhr ich fort, während die ratlosen Blicke der Zürcherin zwischen meinen Lippen und der Schaumkrone ihres Cappucinos hin und her pendelten, sei für mein an das weiche Persische und das weiche Österreichische gewohnte Ohr, das Schweizerdeutsche rauh, roh und kantig. Wie die Türkei als ganze mit Persien als ganzes verglichen, sei die Schweiz als ganze verglichen mit Österreich, außerordentlich simpel. Wie Bartstoppeln verglichen mit weichen Barthaaren, behauptete ich weiters, während die Zürcherin wortlos aufstand, ihre halbvolle Cappucinotasse zurücklassend an die Theke ging und bezahlte, fühlten sich, im Vergleich zu Persien und zu Österreich die Türkei und die Schweiz an. Daher bräuchten, brüllte ich, während sie hastig und im Laufschritt das Café verließ, der dunkelhaarigen Zürcherin nach, die Schweiz wie auch die Türkei zum Ausgleich für ihre außergewöhnliche Schlichtheit, und im Unterschied zu Persien und zu Österreich einen Artikel.

Über die Türken sagt mein väterlicher Freund Giw, sie seien als Nation zu jung und zu wenig oft gedemütigt worden. Hingegen sei das von den Höhen der Geschichte immer wieder auf die Schnauze gefallene Persien, so mein väterlicher Freund, seit je her immer wieder gedemütigt worden, was die Perser geprägt habe, so daß sie das Sprichwort

Nardeban in Djahan oftadanist

Zu deutsch:

Die Welt ist ein einstürzender Neubau

hervorgebracht hätten. Die Türken hingegen hätten kein solches Sprichwort hervorgebracht, wie überhaupt, so mein väterlicher Freund, die Fähigkeit Sprichwörter hervorzubringen, bei den Türken nicht existiere. In persischen Witzen, so Giw, seien die Türken immer die Esel, obwohl die Türken, wie mein väterlicher Freund meint, für Jahrhunderte Persiens Brücke zum Westen waren, und die türkischstämmigen Perser im Persien der Jahrhundertwende die demokratische Revolution angeführt hätten, wie überhaupt die türkischstämmigen Perser, die Aserbaidschaner, so mein väterlicher Freund Giw, in Wahrheit hochintelligent seien und zurecht die intellektuelle Elite Persiens stellten. Die türkischstämmigen Perser, sagt mein väterlicher Freund - und wird dabei jedesmal rot und wütend im Gesicht - seien in jedem Fall intelligenter als die nichttürkischstämmigen Perser, die über die türkischstämmigen Perser Witze erfänden. Giw, mein väterlicher Freund, stammt selbst aus dem ex-sowjetischen Aserbaidschan - von daher ist er eigentlich Türke. Trotzdem fühlt er sich in jeder Hinsicht als Perser und schimpft bei jeder Gelegenheit, die er findet, solange über die Türkei und über die Türken, bis ein anwesender nichttürkischstämmiger Perser ihm zustimmt. Dann ist mein väterlicher Freund Giw beleidigt und verstummt für längere Zeit.

Mein väterlicher Freund Giw ist Privatgelehrter und Philosoph, in den sechziger Jahren und in den siebziger Jahren studierte Giw Bauingenieurwesen im österreichischen Graz und war politischer Aktivist, Kommunist, Maoist, in den siebziger Jahren brach er das Bauingenieur-Studium ab. Mein väterlicher Freund Giw ist siebenundsechzig. Bei meinen Treffen mit Giw stelle immer ich alle Fragen. Stelle ich meinem väterlichen Freund eine Frage, öffnet er immer den Mund und formt mit seinen Lippen ein O, ein flaches O, als ob er schon Anstalten machte etwas zu sagen. Zuerst einmal sagt mein väterlicher Freund aber nichts, hält bloß die Hände vor seinem Bauch, wie beim Gebet die Mohammedaner, mit nach oben gerichteten Handinnenflächen und seitlich aneinandergepreßt. Dann führt er die Hände rasch auseinander, richtet beide Zeigefinger nach oben, beugt den Kopf weit zurück und läßt ihn wieder in die Vertikale zurückschnellen. Wenn mein väterlicher Freund dann zu reden beginnt, rasend schnell, wie man es von ihm gewohnt ist, aber umständlich und gewunden, habe ich den Mund immer weit offen und während seiner umständlichen und gewundenen Rede wird mein Kopf immer schiefer. Obwohl ich das meiste, was Giw, mein väterlicher Freund, umständlich, wie man es von ihm gewohnt ist und gewunden von sich gibt, nicht glaube, lasse ich seine Worte und Sätze und die Bewegungen seines Gesichts ohne jeglichen Widerstand in mich hinein, mit weit geöffnetem Mund und mit schiefem Kopf, wie gesagt - so hat sich über die Jahre mein Geist mit den Worten und Sätzen meines väterlichen Freundes Giw so sehr gefüllt, daß sie ihn heute von oben bis unten und vollständig ausfüllen. Da aber die Worte und Sätze meines väterlichen Freundes außerordentlich bedenkliche Worte sind und außerordentlich bedenkliche Sätze, geben mir Giws Worte und Sätze beständig zu denken. Seit Jahren geben mir die mich von oben bis unten ausfüllenden Worte und Sätze des Giw beständig zu denken - in meinem Geist findet sich nichts als Giws Worte und Sätze und mein ständiges Bedenken von Giws Worten und Sätzen. Am meisten - obwohl ich das meiste, was Giw von sich gibt, gar nicht glaube - geben mir seine Worte und Sätze über das Österreichische zu denken. Die Österreicher, pflegt Giw, mein väterlicher Freund, zu sagen, würden uns hassen, die Österreicher, so mein Freund, würden uns auf eine perfide, weltweit einzigartige Art verachten und hassen - die meisten Österreicher, so mein väterlicher Freund, hätten den Faschismus im Blut. Jedesmal wenn mein väterlicher Freund Giw erklärt, die Österreicher würden uns hassen, frage ich: Wen uns? Und mein väterlicher Freund Giw antwortet: Uns schwarzhaarige Ausländische. Die Österreicher, zumal die österreichischen Faschisten, so Giw, würden uns schwarzhaarige Ausländische verachten und hassen, jedoch hätte, behauptet mein väterlicher Freund, obwohl ehemals Kommunist, Atheist und Maoist, der Herrgott es so eingerichtet, daß die österreichischen Frauen, Faschistinnen wie Nicht-Faschistinnen, uns männliche, schwarzhaarige Ausländische wie zum Ausgleich heftig begehrten. Wie es den Österreicherinnen, wie mein väterlicher Freund Giw behauptet, möglich sein sollte, uns männliche, schwarzhaarige Ausländische zu hassen und gleichzeitig heftig zu begehren, vergesse ich jedesmal Giw zu fragen. Vielleicht denke ich: „Manchmal haßt und verachtet man, gerade weil man heftig begehrt.“

Im Seziersaal während meines Studiums im österreichischen Wien, hatte ich als Seziertischkollegen drei Medizin studierende österreichische Faschisten. Einer von ihnen, Laszló genannt, stammte aus dem Ungarischen. Jedesmal beim Anschneiden der Leber, der Milz oder des Herzens der Seziertischleiche, brüllten der Laszló, der Walter und der Hanno, so hießen die beiden anderen meiner faschistischen Seziersaalkollegen: „Das ist die Leber, die Milz, das Herz eines Juden!”, hielten die eine behandschuhte Hand vor dem Mund und lachten verstohlen und prustend, als wären sie keine erwachsenen, männlichen Faschisten, sondern pubertierende Backfische im Klassenzimmer eines Gymnasiums. Auch verkündeten sie immer wieder, daß, sollte einmal ein Jude, Mann, Frau oder Kind, ihre medizinische Praxis aufsuchen, sie ihm, statt ihn zu behandeln, mit demselben Seziermesser, das sie gerade in der Hand hielten, in die Leber, in die Milz oder ins Herz stechen würden. Einmal besuchte mich im Seziersaal der Ulrich Zaun, mein liebenswerter, aus Deutschland stammender Freund, ein gutmütiger, rundlicher Studienkollege, der den Sezierkurs zur selben Zeit absolvierte wie ich, jedoch in einem anderen Seziersaal, beim alkoholkranken Dozenten Kelch, der - allseits als Mitglied der Sozialistenpartei bekannt - Jahre später an der Leberzirrhose zugrunde gehen sollte. Es war später Nachmittag und das Licht, das durch die hohen, schmalen, stets verschmutzten Seziersaalfenster ins Innere drang, war trüber als sonst. Die Faschisten Laszló und Hanno waren gerade mit dem Präparieren des Armplexus beschäftigt. Jedesmal wenn sie ein Stück Nerv freipräpariert hatten, preßten sie ein lautes „Servus, Nervus!” aus sich heraus, sowie rülpsartige Laute, die ein Lachen darstellen sollten. Der gutmütige Zaun, mit seinem bundesdeutschen Akzent, fragte mich, ob ich ihm den „Hafferl” ausleihen könnte, ein altes Lehrbuch der topographischen Anatomie, das im Grunde meiner Mutter gehörte, die vor Jahren im österreichischen Graz Medizin studiert hatte. Sobald die beiden mit der Präparation des Armplexus beschäftigten österreichischen Faschistenkollegen Zauns bundesdeutschen Akzent bemerkten, verstummten sie und starrten ihn argwöhnisch an. Auf einmal sprang Hanno, mein österreichischer Faschistenkollege, von seinem Seziersaal-Hockerl, pflanzte sich vor dem gutmütigen bundesdeutschen Zaun auf und fragte ihn mit dem für die Wiener Unterschicht typischen Sing-Sang: „Wüst an Seziermesser im Bauch?”. Dabei hielt er sein Seziermesser schräg in seiner behandschuhten Hand in Augenhöhe. Auf meinem Seziersaal-Hockerl sitzend, dachte ich: Ich muß jetzt sofort etwas tun oder sagen - und weiters: Wenn ich nicht sofort etwas tue oder sage, verliere ich meine Ehre und meinen Stolz auf immer und ewig. Es fiel mir aber nichts was ich sagen oder tun könnte ein, so blieb ich stumm auf meinem Seziersaal-Hockerl sitzen, während mein bundesdeutscher Freund und gutmütiger Studienkollege Ulrich Zaun fortfuhr den österreichischen Faschisten stumm zu mustern. Als ihn schlußendlich mein österreichischer Faschistenkollege fragte, ob er den Seziermesser lieber in seiner Leber oder in seinem Herzen plaziert haben möchte, sagte er: „Weder - noch”, drehte sich um und verließ kurzerhand den Seziersaal römisch eins des Anatomischen Instituts der österreichischen Universität Wien. Ich blieb, bevor ich ihm folgte, auf meinem Seziersaal-Hockerl sitzen und dachte an eine wahre Begebenheit, die im Teheran der siebziger Jahre, wo ich meine Kindheit verbracht habe, die Runde machte. Ein persischer Ingenieur hatte bei einem Streit in einer Maschinenfabrik einen deutschen Ingenieurskollegen heftig beschimpft und ihm mit dem für die Teheraner Unterschicht typischen Sing-Sang gedroht, er würde eine bestimmte Fabriksmaschine in des Deutschen Mutters Fotze stopfen. Die Drohung des Teheraner Ingenieurs aus der Unterschicht hatte den Deutschen verwundert und er hatte gemeint, die Maschine sei für die Fotze seiner Mutter viel zu groß. Die kühle Art der Menschen aus Deutschland, wie sie mein Freund, der gutmütige Ulrich Zaun und der deutsche Ingenieur in der Teheraner Maschinenfabrik vorgeführt hatten, ist den österreichischen Menschen fremd und ein Dorn im Auge. Im Österreicher, ob Faschist oder Nicht-Faschist, sei immer Hitze, meint mein väterlicher Freund Giw, in den Wienern unter den Österreichern, so mein väterlicher Freund, sei die hitzigste Hitze. Meistens, zeige sich, so mein väterlicher Freund, das Hitzige in den Wienern unter den Österreichern als Haß auf die Welt sowie auf Gott, den sie Herrgott nennen. Daß ich meinen deutschen Studienkollegen und gutmütigen Freund Ulrich Zaun im Seziersaal eins der österreichischen Universität Wien einem solchen Haß ausgesetzt sah, verwirrte mich. Bis dahin hatte ich, meinem väterlichen Freund Giw folgend, geglaubt, die Faschisten und Rassisten Österreichs würden die blonden, hellhäutigen, deutschen Menschen lieben und schätzen. Auch ist ja mein väterlicher Freund, wie schon gesagt, der Meinung, die Österreicher, die österreichischen Faschisten zumal, würden uns schwarzhaarige Ausländische verachten und hassen. Der Herrgott jedoch, ist mein väterlicher Freund, obwohl ehemals Kommunist, Atheist und Maoist, überzeugt, der Herrgott jedoch hätte es so eingerichtet, daß - wie zum Ausgleich - die österreichischen Frauen die männlichen unter den schwarzhaarigen Ausländischen heftig begehrten.

Während eines Krankenhauspraktikums als Medizinstudent im österreichischen Wien lernte ich eine Frau kennen, eine rundliche Krankenschwester, die blonde Beate Uhland aus dem Salzburgischen. Sie war eine offenherzige und hübsche Person, die mich, Sekunden nachdem wir uns erstmals am Bett eines todkranken, röchelnden Mannes begegnet waren, der wegen Trunksucht an hochgadiger Herzvergrößerung litt, umstandslos fragte, woher ich denn käme. Ich war dabei dem Kranken mit einem Filzstift die Konturen seines krankhaft vergrößerten Herzens, die ich zuvor durch Klopfen ermittelt hatte, auf die nackte Brust zu malen. Der wegen Sauerstoffmangels beinahe bewußtlose Kranke merkte nicht, was um ihn vorging, so daß ich, um der hübschen und blonden Beate Eindruck zu machen, in die Herzfigur die Konturen Österreichs einzeichnete und im rechten unteren Eck Österreichs einen dicken rundlichen Punkt - für Graz. Die junge Krankenschwester konnte meine Figur nicht deuten, sei es, weil sie als Österreich-Figur nicht zu erkennen war, sei es, weil sie über keine Bildung verfügte. Gleichwohl begriff die blonde Beate, daß meine Zeichnung mit Geographie zu tun haben mußte und in rascher Folge preßte sie „Jugoslawien”, „Türkei”, „Spanien”, „Tunesien”, „Arabien” aus sich heraus. Ich war, wie es bei den Wienern unter den österreichischen Menschen heißt, angefressen, wußte ich doch von meinem väterlichen Freund Giw, daß die persischen die arabischen Menschen verachten und hassen. Ich sei eine Art Perser, erklärte ich der Beate Uhland, während ich sie mit mühsam zusammengepreßten Lippen anlächelte, argwöhnisch in ihre blauen Augen hineinstarrte und meinen Filzstift wie eine Waffe gegen ihr Gesicht richtete, wäre ich aber ein echter Perser, erklärte ich der Beate Uhland, wäre ich jetzt echt angefressen. Die Beate Uhland zog wie bei einer Nackenübung für Bandscheibenkranke ihren Kopf zurück und erklärte, sie kenne einen Perser. Jeder Österreicher, dem ich mitteile, wo ich herkomme, kennt einen Perser. Von diesen, den Österreichern, denen ich mitteile, wo ich herkomme, bekannten Persern, gibt es zwei Sorten. Die eine Sorte ist liebenswürdig und überaus nett, die andere listig und überaus falsch, gelegentlich kriminell. Handelt es sich bei der zweiten Perser-Sorte um einen Mann, ist er immer ein Frauenjäger. In der Schwesternschule hatte die Uhland im Anatomiekurs einen Islam-Fanatiker als Lehrer gehabt, einen Perser mit einem pechschwarzen Bart, Assistent auf der Anatomie und Gynäkologe im Allgemeinen Krankenhaus Wien. Der Anatomieassistent war ein triebbesessener Islam-Fanatiker und persischer Frauenjäger und hatte der Uhland und anderen ihm anvertrauten Schwesternschülerinnen nachgestellt. Die Uhland selbst wurde eine Zeit lang von dem triebbesessenen, islamfanatischen und persischen Anatomieassistenten ausgeführt und zum Abendessen eingeladen, bis sie einmal, von ihm, da er verheiratet war - mit einer Hiesigen, wie die Uhland betonte - wissen wollte, was für Absichten er ihr gegenüber hegte. Der triebbesessene Assistent und persische Islam-Fanatiker hatte der Uhland keine rechte Antwort gegeben, daraufhin hatte die Uhland den Kontakt zu ihm kurzerhand abgebrochen - der Anatomiekurs für Schwesternschülerinnen war ja auch schon zu Ende gewesen. Ich führte die Uhland am Abend nach unserer Begegnung am Bett des todkranken Trinksüchtigen zum Essen aus. Um Mitternacht, im Musikcafé „Tote Engel”, bekannte ich wahrheitsgemäß, daß ich noch nie mit einer Frau geschlafen hatte. Die Uhland glaubte mir nicht. Das könne, meinte sie, augenzwinkernd und spitzbübisch lächelnd, nicht wahr sein. Die Frauen müßten mir, meinte die Uhland, meines Aussehens und meiner pechschwarzen Haare wegen, in Scharen nachlaufen. Derartiges hatte mir bislang noch niemand gesagt, schon gar keine Frau, noch dazu eine so hübsche, wie die blonde und salzburgische Beate Uhland. Falls mir tatsächlich die Frauen in Scharen nachgelaufen waren, war es mir bislang völlig entgangen. Die blonde, salzburgische Beate Uhland jedoch redete im „Toten Engel” und anschließend bei unserem Spaziergang am Wiener Donaukanal unablässig - und dabei ständig mit den Augen zwinkernd und spitzbübisch lächelnd - von der Wirkung, die ich meiner pechschwarzen Haare wegen auf Frauen hätte, so war ich am Ende überzeugt, daß mir die Frauen immer schon nachgelaufen waren, meiner pechschwarzen Haare wegen und ohne von mir bemerkt zu werden.

Später fiel mir ein, daß ich wenige Tage vor meiner Begegnung mit der Beate Uhland meine dicke Plexiglasbrille gegen Kontaktlinsen ausgetauscht und meinen pechschwarzen, mein Gesicht seit Jahren verunstaltenden Schnauzbart abrasiert hatte. Beim selben Spitals-Praktikum im Wiener Allgemeinen Krankenhaus bei dem ich die Uhland kennenlernte, hatte mich einige Tage zuvor ein Patient, ein rüstiger Alter aus dem steirischen Hochland, ein Eisenbahner, während ich versuchte ihm Blut abzunehmen meines schwarzen Schnauzbarts und meiner pechschwarzen Haare wegen Dschingis Khan genannt. Mein weit geöffneter Mund (wenn ich angespannt und nervös bin, und seinerzeit, beim Blutabnehmen, war ich immer angespannt und nervös, ist mein Mund immer weit offen) war zugeschnappt und ich hatte eine Weile in die graublauen, steirischen Hochland-Augen gestarrt. Dann hatte ich plötzlich laut und heftig zu lachen begonnen, meine Hände mitsamt meines ganzen übrigen Körpers zitterten heftig, so daß die Blutabnahmekanüle in der Armvene des alten, rüstigen Steirers mehrmals heftig vor- und zurück- und auf- und abgerutscht war. „Dschingis Khan!”, hatte ich, laut und heftig lachend und am ganzen Körper zitternd gebrüllt, während die Blutabnahmekanüle sich in verschiedene Richtungen in das Steirer-Fleisch bohrte, „Dschingis Khan”, hatte ich immer wieder und immer lauter gebrüllt, wie ein Kleinkind ein neu aufgeschnapptes Wort ständig im Mund führt. Dem alten österreichischen Hochland-Steirer war das Gesicht zusammengezuckt, aber wie alle alten, österreichischen Männer war auch der Steirer im Krieg gewesen, so daß er lieber gestorben wäre, als einen Schmerz zuzugeben. Nur in der Psychiatrie habe ich alte österreichische Männer getroffen, die körperlicher Schmerzen wegen geklagt oder geweint hätten. Am Tag nach meiner Begegnung mit dem Hochland-Steirer hatte ich meinen Schnauzbart abrasiert und mir Kontaktlinsen anpassen lassen.

Den weiblichen Österreichern übrigens, ob jung oder alt, ist das Klagen, Jammern und Weinen nicht fremd. Das traf auch, wie ich bald erfahren mußte, auf Beate Uhland zu. Obgleich aus dem Salzburgischen, wo die Klaghaftigkeit der Menschen weit weniger ausgeprägt ist als im österreichischen Wien, hatte die Uhland lange genug in Wien gelebt, um sich diese Eigenart der Wiener unter den Österreichern angeeignet zu haben. Die Beate Uhland, weil sie drall und blond war, gefiel mir, sie wurde die erste Frau meines Lebens. Je länger ich jedoch mit ihr zusammen war, desto klaghafter wurde die Uhland. Sie klagte über die Entfernungen, wenn wir auf Reisen in fremden Metropolen zu Fuß unterwegs waren. Sie klagte, wenn wir öffentliche Verkehrsmittel benützten, über den Gestank und das Gedränge in Autobussen und Untergrundbahnen, nahmen wir ein Taxi, klagte sie über den Stau. Die Uhland klagte regelmäßig über Mattigkeit, Müdigkeit, Schwindelgefühl, Zahn-, Kopf-, Hals-, Rücken- und Magenschmerzen, über Menstruations-, Blasen-, und Atembeschwerden. Die Uhland trug Kontaktlinsen, die sie regelmäßig nachts herauszunehmen vergaß, weshalb sie immer über Augenbrennen zu klagen hatte und, obwohl Krankenschwester, fürchtete, ihre Netzhaut würde sich auflösen, so daß man ihre Augen herausschälen müßte. Die Uhland klagte über mein Persischsein, obwohl ich, abgesehen von Giw und meinen Eltern, weder mit persischen Menschen verkehre, noch auf eine andere Art mein Persischsein aufdringlich ist. Wie das, wenn wir heiraten würden, mit dem Namen wäre, hatte die Uhland mich wiederholt klagend gefragt. Ich hatte im Traum nicht daran gedacht, ausgerechnet die Uhland zu ehelichen, ihr Blondsein und Drallsein reizten mich zwar, weil sie im Gegensatz standen zu meinem Schwarzhaaarigsein und meinem Dünnsein, meine persische Mutter jedoch hätte die Aussicht auf eine blonde Schwiegertochter aus dem Salzburgischen getötet. Im Traum würde es ihr nicht einfallen, meinte die Uhland, einen derart unaussprechlichen Familiennamen wie den meinen zu tragen und im Verheiratungsfall müßten unsere Kinder selbstredend österreichische Vornamen haben. Mir wurde nie klar, was für Namen, über deutsche Namen hinaus, österreichische Vornamen wären. Ich dachte immer an Sepp. Über Sepp kam ich niemals hinaus. Sepp aber, dachte ich, könnte in keinem Dokument stehen, statt Sepp müßte Josef im Dokument stehen, aber Josef ist kein österreichischer Name, vielmehr wieder ein deutscher - im Grunde ist Josef und somit Sepp ein hebräischer Name und als solcher orientalisch. Wenn ich der Uhland mitteilte, daß im Persischen nach der Eheschließung die Frau traditionellerweise ihren angestammten Familiennamen behält, lachte sie. Sie konnte nicht glauben, daß es diese Tradition, die sie für frauenrechtlerisch hielt, ausgerechnet im Persischen gibt. In Wahrheit ist diese Tradition im Persischen zutiefst patriarchalisch. Im Persischen trägt die Frau den Namen des Vaters ihr Lebtag lang. Ob verheiratet oder nicht, sie gehört immer dem Vater. Die Beate Uhland war meine erste Frau. Ich blieb ein Jahr lang mit ihr zusammen, bevor sie mich wegen eines Polizisten der Kobra-Truppe, eines feisten Wieners mit rosarotem Vollmondgesicht, Max Meissl genannt, dramatisch verließ. Obwohl ich die Uhland niemals geheiratet hätte, blieb mir von der Art wie sie mich dramatisch verließ, eine tiefe, heute noch klaffende Wunde. Die Frauen nach der Uhland, auch die liebe- und rücksichtsvollen unter ihnen, konnten es nicht vermeiden, ständig an der Uhland-Wunde zu rühren. So waren meine Frauenbeziehungen nach der Uhland vom ständigen Jammern und Wehklagen meinerseits angefüllt, so war mir von der drallen Beate Uhland doch etwas geblieben - ihr ständiges Klagen und Jammern. Alle meine Frauen nach der Uhland waren aus Österreich, in ihrer Mehrheit aus dem österreichischen Wien, auch sie, auch die liebe- und die rücksichtsvollen unter ihnen, waren, wie die Uhland selbst, ständig unzufrieden mit mir und ständig klaghaft. Daß ich nur an mich denken und immer nur meinen Dickschädel durchsetzen wolle, klagten die einen. Daß ich nicht wüßte, was ich wolle, mich bedingungslos und ausschließlich nach ihnen richtete, meinten die anderen. Mein eigenes ständiges Jammern, aus meiner Uhland-Wunde gespeist, zusammen mit dem ständigen Jammern und Klagen der Frauen nach der Uhland, erzeugten ein unerträgliches, nicht enden wollendes Elend in mir. Am Ende war ich überzeugt, mein Elend verdanke sich einzig und allein meiner Existenz im Österreichischen, umgeben von österreichischen Menschen, meinen Liebesbeziehungen zu österreichischen Frauen, in ihrer Mehrheit aus dem österreichischen Wien, und dem Umstand, daß mich meine Eltern im Alter von zwölf Jahren ungefragt ins österreichische Graz verbracht hatten. So beschloß ich das Österreichische zu verlassen und das Glück anderswo zu suchen.

In der Schweiz angekommen, glaubte ich, den Schweizern sei das Österreichische völlig egal. Immer dann aber, wenn ich einem Schweizer gegenüber mich über das Österreichische ausließ, nicht ohne zu erwähnen, daß ich kein echter Österreicher sei, vielmehr eine Art Österreicher, trat ein seltsames Leuchten in die Augen meines Schweizer Gegenübers, er wurde redselig und unbefangen und gestand, das Österreichische habe ihn schon immer mit Argwohn erfüllt.

Einmal, beim Skifahren im Schweizerischen Graubünden, stieß ich mit einem jugendlichen Schweizer Snowboardfahrer beinahe zusammen. Ob seine Unvorsichtigkeit oder meine Ungeschicklichkeit an dem Beinahe-Unfall schuld waren, weiß ich nicht mehr zu sagen. Ich bin es gewohnt, wenn es Streit gibt, gleich ob ich mich im Unrecht oder im Recht fühle, sofort in Rage zu geraten, weshalb ich im Straßenverkehr, beim Streit mit der lärmempfindlichen und neurotischen Nachbarin oder mit rassistischen Café-Kellnern in Wien regelmäßig tobsüchtig werde, auf mich und auf andere einschlage, herumbrülle und Wertgegenstände zerstöre. Auch beim Beinahe-Ski-Unfall auf der Ski-Piste im Schweizerischen Graubünden geriet ich sofort in Rage. Ich war hingefallen, hatte auf den jungen Snowboardfahrer, der, ohne zu stürzen, wenige Meter unter mir zu Stehen gekommen war, hinuntergestarrt und hatte ihm brüllend und im Deutsch der österreichischen Menschen etliche böse und bittere Gehässigkeiten zugerufen - für das Böse und das Bittere gibt es keine bessere Sprache als das Deutsch der österreichischen Menschen. Der jugendliche Schweizer begann seinerseits, ebenfalls brüllend und im Hochdeutsch der Deutsch-Schweizer, zurückzuschimpfen. Er nannte mich einen Vollidioten aus Österreich, einen Krüppel, der nicht Skifahren könne, des weiteren behauptete er, alle Österreicher seien Faschisten, Onanisten und Kinderschänder. Mehrmals versuchte ich zurückzuschlagen und im Gegenzug die Schweiz und die Schweizer auf das wüsteste zu beschimpfen - ich brachte aber keine einzige Silbe heraus. Etwas - es hatte wohl mit den Beschimpfungen des jungen Schweizers zu tun - lähmte mich und wie in Hypnose starrte ich auf den Brüllenden und auf Österreich schimpfenden Schweizer Snowboardfahrer hinunter. Daß die Beschimpfungen des Schweizer Jugendlichen mich beleidigen sollten, empörte mich. Daß andererseits die Schimpftiraden Österreich und das Österreichische betrafen, gefiel mir, wie mir immer klarer wurde, außerordentlich gut. Auf einmal spürte ich ein leichtes Zittern meiner Unterlippe, das immer stärker wurde und sich über mein ganzes Gesicht ausbreitete, am Ende hatte es wie ein Strohfeuer meinen ganzen in Skikleidung gepackten Körper erfaßt. Es war, wie mir sogleich klar wurde, eine Erregung, die mich zittern machte, eine angenehme, freudige Erregung, die bald so groß war, daß sie mich zwang, mich mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf die Graubündner Skipiste zu legen. Es folgte eine außerordentliche, überwältigende Entladung, ein Ganzkörper-Orgasmus, möchte ich sagen, denn mein ganzer in Skikleidung gepackter Körper vibrierte und zuckte wie bei einem epileptischen Anfall. Ich hatte keinen Samenerguß, aber eine Aura, eine Art Heiligenschein, ein hell leuchtendes, warmes und gelbliches Schimmern umgab nach der außerordentlichen und überwältigenden Entladung, während ich ausgestreckt auf der Graubündner Skipiste lag, meinen ganzen in Skikleidung gepackten Körper. Der jugendliche Schweizer Snowboardfahrer schimpfte noch eine Weile zu mir hinauf und fuhr dann brüllend und weiterschimpfend ins Tal.

Seinerzeit hatte mich nach jedem Orgasmus eine Leere erfüllt, eine unerbittliche Leere, gleich ob ich selbst den Orgasmus herbeigeführt oder ihn den Zuwendungen meiner jugendlichen Freundin Resi verdankt hatte. Die seinerzeitige, nachorgasmische Leere hatte sich immer zunächst außen auf meiner Körperhaut gebildet und war dann langsam und kalt, in das Innere meines Körpers gesickert. Hingegen hatte der Heiligenschein-Orgasmus, wie ich fühlte, im Inneren meines Körpers seinen Ursprung gehabt und sich von dort aus, Schicht um Schicht, nach außen ergossen. Dem Heiligenschein-Orgasmus auf der Ski-Piste in Graubünden folgte keine nachorgasmische Leere, auch nach dem Verschwinden des wärmenden Heiligenscheins - er war plötzlich, wie von unsichtbarer Hand, ausgelöscht worden - blieb ich stundenlang in einem Zustand tiefer Zufriedenheit - beinah war es Glück.

Als ich wieder denken konnte, verfiel ich einem rastlosen, einem nicht enden wollenden Gedankenkreisen und Grübeln, das mich in den Wochen und Monaten, die auf den Graubündner Heiligenschein-Orgasmus folgten, verfolgte, beherrschte und quälte. Ich fragte mich, was passiert war. War ich einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen? War der Heiligenschein-Orgasmus ein Tagtraum gewesen? Ein Trugbild? Ein Wahngebilde? Oder hatte ich auf der Graubündner Piste tatsächlich einen Heiligenschein-Orgasmus gehabt? Und falls etwas derartiges wirklich existierte - war ich mit der Fähigkeit zum Heiligenschein-Orgasmus allein auf der Welt oder gab es auch andere, andere, die den Heiligenschein-Orgasmus - vielleicht sogar regelmäßig - erleben durften? Mehr aber als die genannten verfolgten, beherrschten und quälten mich in den Wochen und Monaten, die auf den Graubündner Heiligenschein-Orgasmus folgten, zwei andere Fragen: - Würde es mir möglich sein, den Heiligenschein-Orgasmus wieder (und immer wieder und wieder) zu erleben? - Und wenn ja, was mußte ich dazu tun?

Es brauchte nicht lange und es wurde mir klar, daß ich, um wieder in den Genuß des Heiligenschein-Orgasmus zu kommen, Situationen provozieren mußte, in denen mich jemand als Österreicher beschimpfte. Vor dem Erlebnis des Heiligenschein-Orgasmus war ich niemals als Österreicher beschimpft worden. Auch der jugendliche Schweizer, hätte er mich ohne Skibrille und Ski-Wollmütze gesehen, hätte mich wohl nie als Österreicher beschimpft. In der Vorstellung der Menschen außerhalb Österreichs sind die österreichischen Menschen auf eine Art, die zu meinem Schwarzhaarigsein im krassesten Gegensatz steht, blond, obwohl man im Österreichischen, zumal im österreichischen Wien, auch unter echten Österreichern verschiedenste Haut- und Haarfarben antrifft. Mit der Zeit begann mich der Gedanke, daß ich, blond sein müßte, um als Österreicher beschimpft zu werden, wie eine fixe Idee zu verfolgen, zu quälen und zu beherrschen. Im übrigen war mein Heiligenschein im Schweizer Graubünden, ein außerordentlich leuchtender, ein, wie schon gesagt, gelblicher Heiligenschein, oder anders, mein Heiligenschein auf der Graubündner Skipiste war außerordentlich blond.

Meine Stammfriseuse in Zürich, eine feiste Hexe mit hochgesteckten, schlohweißen Haaren, eine Bulgarin und Hysterikerin, lachte mich, als ich ihr meinen Wunsch blond zu werden eröffnte, aus. „Du wollen aussehen wie derrr rumänische Fußballmannschaft in derrr WM?”. Es war der Sommer 1998. Der Spott meiner hysterischen und bulgarischen Friseusen-Hexe ergoß sich solange über mich, bis sie begriff, daß es mir mit meinem Wunsch blond zu werden absolut ernst war, woraufhin er sich in eine aufrichtige, mütterliche Sorge über meinen Geisteszustand verwandelte. Am Ende gab sich die Bulgarin und Hysterikerin geschlagen und machte mich blond. Nach der langen Färbeprozedur aber, der mich die Friseusen-Hexe unterwarf, waren weder meine Haare wirklich blond, noch waren es wirklich Haare, die aus der Haut meiner Schädeldecke ragten. Aus meinen langen, weichen, wallenden, pechschwarzen Haaren waren nach der Färbeprozedur, der mich meine hysterische und bulgarische Friseusen-Hexe unterwarf, gelbe, schmutzige Fasern geworden, die sich rauh, roh und kantig anfühlten, wie das Fell billiger Kunststofftierchen. Obwohl ich sicher war, daß die Hexe meine Haare nicht geschnitten hatte, sahen sie, als ich mich zuhause im Spiegel betrachtete, außerordentlich kurz aus.

In einem Zürcher Park, in dem ich wenige Tage nach meiner Blondwerdung lesend auf einer Bank saß, wurde ich von zwei wohlgenährten, naturblonden, etwa achtjährigen Schweizer Jungen auf Mountainbikes aufgeschreckt, die, knapp bevor sie in mich hineingefahren wären, vor meinen Füßen bremsten. Beide schauten sie mich mit aufgerissenen Augen und einer Mischung aus Belustigung, Erstaunen und Entsetzen an. Dann machten sie kehrt und fuhren weg. „Ein blonder Neger!” hörte ich sie wie aus einer Kehle rufen. Sie hatten das Hochdeutsch der Deutschschweizer gesprochen, das man den Schweizerkindern schon in der Grundschule beibringt. Ich war erschüttert. Neger war ich noch nie geschimpft worden. Zwar ist meine Haut- und Gesichtsfarbe, verglichen mit der Haut- und Gesichtsfarbe anderer persischer Menschen, die entgegen der landläufigen Meinung der österreichischen Menschen oftmals sehr hell ist, außerordentlich dunkel. Im Sommer ermahnten mich immer die Eltern und meine Schwester - alle drei haben eine viel hellere Haut- und Gesichtsfarbe als ich - ja nicht in die Sonne zu gehen. Sie ermahnten mich nicht etwa aus Sorge, ich könnte mir einen Sonnenbrand zuziehen oder an Hautkrebs zugrunde gehen, nein, sie ermahnten mich all die Jahre aus Angst, meine Hautfarbe, der Sommersonne ausgesetzt, würde, wie sie sagten, „noch schlimmer” werden, sie sagten „noch schlimmer“ und meinten noch dunkler. In diese Familie der Hellhäutigen hineingeboren, lebte ich immer mit dem Gefühl, ich sei anders als alle anderen, hoffnungslos anders, die Dunkelheit meines Gesichts empfand ich zusammen mit den Eltern und meiner Schwester als Krankheit und Schande, die sich unter ungünstigen Umständen noch verschlimmern konnte. Ich liebte und liebe das Sommersonnenlicht über alles. Aber nach jedem Sonnenbad plagten mich Schuldgefühle und Scham. Hätte ich nach einem Sonnenbad das in Melanin verwandelte Sonnenlicht aus meiner Haut wieder ausscheiden können, ich hätte - wie Bulimikerinnen nach jedem Freßanfall einen Brechanfall produzieren - jeden Tag in der Sonne gebadet und danach das Sonnenlicht ausgekotzt.

Aber Neger war ich noch nie geschimpft worden, weil wie ein Schwarzer (ich hasse das Wort Neger, hasse es und spreche es nie aus, auch wenn ich ohne Zögern Irre sage, oder Krüppel) habe ich nie ausgeschaut, höchstens wie ein Inder. In Persien hatten mich meine Straßen- und Spielkameraden mehr als einmal „Gandhi” geschimpft, weil ich nebst meinem Dunkelsein immer schon außerordentlich dünn war, „Gandhi” beschimpft zu werden hatte mir aber geschmeichelt, ich wußte, daß für die Erwachsenen Gandhi ein Held und ein Heiliger war. Im übrigen gibt es im Süden Persiens, wie in den Südstaaten Amerikas, Schwarze, Nachfahren von schwarzen Sklaven, die man vor Jahrhunderten von Ostafrika nach Persien verschleppt hat. Man nennt sie „Barbaris”, Barbaren, und sie kommen in sinnlosen Kinderreimen vor, wie

Nuno Paniro Peste
Barbaria nescheste
In Daro wakon Soleymun
Un Daro wakon Soleymun

Ghaliro bekesch tu Eywun

Zu deutsch:

Pistazie und Käsebrot
Sorgenlos und ohne Not
Sitzen die Barbaris rum
Sie sind faul,
Sie sind dumm
Gemma an die Arbeit ran!
Gemma, gemma, Soleyman!

Wenn man einem Besessenen seine Besessenheit austreiben will, läßt man im Süden Persiens die Barbaris kommen. Sie trommeln eine Nacht lang den Kranken in eine Trance hinein und wieder hinaus - am Ende hat er die dunkle Macht ausgeschieden. Beim Neujahrsfest zu Frühlingsbeginn gehen grellrot gekleidete, schwarze Männer mit einem Tamburin und einer Kasperlmütze singend und tanzend durch Teherans Straßen, die Kinder lieben sie, sie sind schwarze Weihnachtsmänner und bringen ins neue Jahr Glück. Über die Schwarzen sagt man in Persien, wie auch über die Blinden, sie hätten ein leuchtendes Herz. Dennoch werden die Schwarzen in Persien, wie im Österreichischen auch, für gewöhnlich wie Scheiße behandelt. Nein, Neger geschimpft worden war ich noch nie, auch im Österreichischen nicht. Plötzlich kam mir eine Idee und mit einem Ruck sprang ich auf und rannte den Schweizerjungen nach als ginge es um mein Leben. Ich bin dünn, unsportlich und im Laufen nicht gut, die Schweizer Jungen hingegen waren kräftig und auf Mountainbikes unterwegs. Als mir klar wurde, daß ich sie nicht einholen könnte, begann ich zu brüllen, als ginge es um mein Leben. „Stehenbleiben!”, rief ich den Schweizer Jungen nach, „Sofort Stehenbleiben!” und mein Körper mitsamt meiner blonden, sich wie das Fell von Kunststofftierchen anfühlenden Haare, vibrierte. Tatsächlich blieben die Schweizer Jungen auf ihren Mountainbikes auf mein Brüllen hin stehen - im Brüllen war ich schon immer besser als im Sport. Starr, wie die Protagonisten eines auf einmal steckengebliebenen Films, standen sie da, die Sattel ihrer Mountainbikes zwischen den Beinen. Ich hörte auf zu laufen, ging langsam auf die blonden Schweizerjungen zu, packte beide am Nacken (ihre Nackenhaut war verglichen mit der Farbe meines außerordentlich braunen Handrückens außerordentlich blaß) und drückte fest zu. Trotz meines Dünnseins und meiner Unsportlichkeit pflegte die Mutter immer zu klagen, ich hätte, wie es im Persischen heißt, eine schwere Hand. „Absteigen!” befahl ich den beiden Jungen, die augenblicklich gehorchten. „Zu euren Müttern!” brüllte ich - woher ich wußte, daß sich die Mütter der beiden Schweizer Jungen tatsächlich in der Nähe befanden, weiß ich nicht mehr zu sagen. Da sich die beiden zunächst nicht rührten, vielleicht aus Angst, vielleicht, weil sie mich nicht verstanden hatten, krachten ihre beiden Köpfe plötzlich zusammen, es klang wie das Aufeinanderschlagen zweier leerer Keramikkrüge. Meinem Plan entsprechend brüllte ich meine nächste Order im Deutsch der Österreicher hinaus. „Gemma*, Burschen. Gemma, gemma. Tachinieren* könnt’s später”. Die Jungen begannen wie ferngesteuerte Zombies durch die Wiese im Zürcher Park zu marschieren, nicht ausgeschlossen, daß sie leise zu wimmern begannen. Sie führten mich zu einer Parkbank, von der sich gerade zwei außerordentlich dicke, außerordentlich Schweizerisch aussehende Schweizerinnen erhoben hatten, sie standen da, die Hände in die Hüften gestemmt und starrten mich feindselig an. „Sind des Ihre Rotzbuam*?” brüllte ich so österreichisch und giftig wie möglich und mit der bösesten Miene. Ja, sagte die Rechte der beiden im Hochdeutsch der Deutsch-Schweizer, und daß ich ihre Jungen sofort loslassen solle und was denn überhaupt los sei. Ich überging die Aufforderung, bohrte meine Fingernägel tiefer in das Nackenfleisch der Jungen und steigerte Lautstärke und Gehässigkeit meiner Stimme: „Neger, ham’s mi g’heißen, ihre Buam*, blonder Neger, verstehn’s? Blonder Neger!”. Beide Schweizerinnen erröteten und starrten mich ratlos an. Wenn man, sagte schließlich die Rechte von ihnen, unsicher, wenn man bei uns in der Schweiz Neger sage, meine man nichts böses. „Bei uns in Österreich aber scho!”, brüllte ich und drückte den Nacken der blonden Jungen so fest, daß sie, wie aus einer Kehle, aufschrien. Die Rechte der beiden Mütter zuckte zusammen und erhob ihren verkrampften und zitternden Zeigefinger. Ich solle ihren Jungen sofort loslassen, sonst ... Ich unterbrach sie. „Was sunst? Na - sagen’s scho … Was sunst? ”. Das feiste Gesicht der einen, außerordentlich Schweizerisch aussehenden Schweizerinnen, der Rechten der beiden, bekam auf einmal einen weichen, mitleiderregenden Ausdruck und mit den gleichen Worten wie zuvor, jetzt aber beschwörend, wiederholte sie nochmals, wenn man in der Schweiz Neger sage, meine man nichts böses. Auch die Jungen hätten, als sie Neger gesagt hätten, sicher nichts böses gemeint. „Und wie bös sie’s g’meint ham, Ihre Gfrasta!”, brüllte ich so gehässig und laut wie ich nur konnte. Die Angst und Weichheit im Gesicht der dicken Schweizer Mutter heizte, statt sie zu besänftigen, meine Wut weiter an - es war nämlich, auch wenn ich die Szene mit den Müttern und Söhnen bewußt inszenierte, um wieder in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus zu kommen, die Wut, die mich erfüllte, außerordentlich echt. „Wissen’s was?“, rief ich, „Giftzwerge sans Ihre Gfrasta, ins Heim g’hörns, in die Besserungsanstalt g’hörns Ihre Gfrasta!”. Die Rechte der beiden Mütter erbleichte. Sie habe ihren Sohn brav erzogen, sagte sie gepreßt und weiterhin beschwörend, sie sei Schweizer Bürgerin und habe ihren Sohn gut und brav erzogen. Schweizer Bürgerin - Das war meine Chance! Jetzt ging es, wie die Wiener unter den Österreichern zu sagen gewohnt sind, um die Wurscht - ich holte zum entscheidenden Schlag aus. „Schweizer Bürgerin! Des I net lach’! Schweizer Bürgerin! Machen Sie si’ net lächerlich, Wissens denn was Ihre Schweiz is? Ein einziger Witzstaat is Ihre Schweiz! Schweizer Bürgerin! Eine echte Witzrepublik is Ihre Schweiz! Ein Loch seids Ihr, nichts als ein Loch, und rund herum um Eich is Europa. Ein kleines Loch seids Ihr im EU-Körper und sunst gor nix.” Beide, die rechte wie die linke Schweizer Mutter, musterten mich mit weit geöffneten Mündern und zusammengekniffenen Augen, noch ratloser als ohnehin schon. Schlagt doch zurück, dachte ich, jetzt müßt Ihr doch endlich zurückschlagen! Seinerzeit waren nämlich die Schweizer Zeitungen voll und die Deutsch-Schweizer Stammtische kannten kein heißeres Thema als die Sanktionen der sogenannten „EU-14” gegen die Regierungsbeteiligung der Faschistenpartei in Österreich, so daß ich von den Schweizer Müttern erwarten konnte, von dem Drama, das die österreichischen Faschisten in Europa losgetreten hatten, wenigstens eine Ahnung zu haben. Die Zürcher Park-Mütter jedoch sagten auf meine Schweiz-Beschimpfung hin zuerst einmal nichts. Sie standen bloß da, mit ratlosen, blassen Gesichtern, die Arme in die Hüften gestemmt, und starrten mich entsetzt und verlegen an. Ich wünschte mir, der Zürcher Park wäre eine Bühne, die Rechte der Mütter eine Schauspielerin und ich der Souffleur - ich hätte dann der Schweizer Mutter und Bürgerin, mit eindringlicher Stimme und jede Silbe betonend, einen Text eingeflüstert, der mich, von der feisten Schweizer Mutter ausgesprochen, garantiert in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus versetzt hätte. Ich hätte der Schweizer Mutter und Bürgerin eingeflüstert, daß es allemal besser wäre, so wie die Schweiz, außerhalb der EU ein Loch, als wie Österreich innerhalb der EU ein Putzfetzen zu sein. Ich dachte an solche und ähnliche Worte und Sätze und formte auch solche und ähnliche Worte und Sätze stumm mit den Lippen, was den Eindruck der Schweizer Mütter, sie hätten es mit einem irren, blonden, österreichischen Neger zu tun, wohl verstärkt haben mochte. Als die Rechte der beiden Schweizer Mütter die Sprache wieder fand, ging sie auf meine Verächtlichmachung des Schweizerischen gar nicht ein, wiederholte bloß, wie beschwörend, daß man in der Schweiz, wenn man Neger sage, nichts böses meine, weshalb ihr Schweizer Sohn, als er blonder Neger gesagt hätte, nicht böses gemeint hätte, daß sie Schweizer Bürgerin sei und ihren Sohn gut und brav erzogen habe. Am Ende gab ich meine Versuche, die außerordentlich feisten Schweizer Mütter dazu zu bewegen, mich mittels Österreich-Beschimpfungen in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus zu versetzen, auf. Zum Abschied schlug ich die blonden Köpfe der Jungen, die ich, ohne Unterbruch, wie es bei den Deutschschweizern heißt, die ganze Zeit über an ihren blassen Nacken festgehalten hatte, noch einmal mit voller Wucht zusammen und verließ, den vier Schweizer Bürgerinnen und Bürgern den Rücken kehrend, die Szene.

Nach meinem Scheitern im Zürcher Park unternahm ich weitere Versuche, in Schweizer Menschen Gefühle zu provozieren und Schweizer Mündern Worte zu entlocken, die imstande gewesen wären, mich in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus zu versetzen. Einmal, am Schweizer Nationalfeiertag, kletterte ich mit weißer und roter Farbe bewaffnet, trotz meiner Unsportlichkeit an der Fassade des Zürcher Hauptbahnhofs hoch, wo ich den unteren und oberen Arm des weißen, auf rotem Hintergrund befindlichen Kreuzes, auf der aus Anlaß des Schweizer Nationalfeiertages dort angebrachten Schweizer Fahne, mit roter Farbe übermalte. Ein weißer Balken war übriggeblieben, den ich mittels weißer Farbe nach links und nach rechts bis an den Rand der außerordentlich großen Fahne verlängert hatte, so daß aus der Schweizer eine österreichische Fahne geworden war. Bei der langwierigen Färbeprozedur fiel mir übrigens auf, daß die Schweizer Fahne nichts anderes darstellt als ein großes und weißes Pluszeichen, die österreichische hingegen ein noch größeres, weißes Minuszeichen, beide auf rotem Hintergrund. Auf dem großen weißen Balken hatte ich mit roter Farbe in Blockschrift und so groß und deutlich wie möglich die folgenden Worte geschrieben:

Die Schweiz braucht es nicht. Ein Österreicher.

Dann hatte ich jenen Teil des Balkens, auf dem der Spruch stand mit beiden Händen aufgespannt und wie ein Demonstartions-Transparent den Schweizer Passanten unter mir auf dem Bahnhofsvorplatz entgegengehalten. Mit Unterbrechungen wegen den Muskelschmerzen in meinen Armen hatte ich den Schriftzug zwei Stunden lang aufgespannt und den Schweizer Passanten auf dem Bahnhofsvorplatz entgegengehalten. Die meisten Schweizer Passanten hatten mich gar nicht bemerkt, und diejenigen, die doch zu meinem Spruch hinaufgeschaut hatten, hatten sich wohlwollend und zugleich ratlos gezeigt. Später wurde mir klar, daß der Blick der Schweizer Bahnhofsvorplatz-Passanten, die zu meinem Fahnenspruch aufgeschaut hatten, derselbe Blick war, den, so mein väterlicher Freund Giw, die Menschen haben, wenn sie vor den Werken der neuen Kunst stehen - wohlwollend aber im Grunde ratlos. Nach zwei Stunden war ich wieder an der Fassade des Zürcher Hauptbahnhofs hinuntergeklettert, über das vollständige Ausbleiben jener Reaktionen, die ich mir von den Schweizer Bahnhofs-Passanten erwartet hatte außerordentlich enttäuscht. Ich hatte gehört, daß den Schweizern ihr Nationalfeiertag, ihre Schweizer Fahne und ihre Schweiz als solche heilig sei. Am Abend ihres Nationalfeiertags zünden sie zuhause Lampions an, schmücken ihre Wohnungen mit Blumen und Konfetti und freuen sich über den 1. August wie in Österreich die Kinder über die Ostereier, hingegen die Österreicher heutzutage an ihrem Nationalfeiertag nicht einmal mehr Wandern gehen.

Nachdem mich die Zürcher Schweizer am Vorplatz des Zürcher Bahnhofs enttäuscht hatten - nicht einmal die Zürcher Stadtpolizei war eingeschritten - sann ich, um doch wieder in den Genuß des Heiligenschein-Orgasmus zu kommen, auf gewagtere Mittel. Ich war auf den Heiligenschein-Orgasmus mittlerweile derart versessen, daß ich, um ihn wenigstens noch einmal, ein einziges Mal noch, erleben zu dürfen, alles gegeben, getan, alles mit mir hätte tun lassen - ich hätte mich der Unzucht hingegeben, ich hätte, wenn es sein mußte, einen Mord begangen. Die Unzucht, obwohl im Grunde meines Charakters ein züchtiger Mensch, zog ich dem Morden vor, auch wenn Giw, mein väterlicher Freund meint, in jedem Menschen stecke der Mörder und um alle Möglichkeiten des Menschendaseins zu leben, müßte einmal in seinem Leben der Mensch ein Verbrechen begehen. Mit der Zeit nistete sich der Gedanke, über die Unzucht in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus zu kommen, in meinem Geist ein und begann ihn mehr und mehr zu beherrschen, warum, wußte ich nicht zu sagen. Am Ende war ich überzeugt, daß der Weg zum Heiligenschein-Orgasmus einzig und allein über die Unzucht führen mußte, allerdings hatte ich keinerlei Vorstellung, mit wem und auf welche Weise ich mich, um nochmals in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus zu kommen, der Unzucht hingeben müßte. Es brauchte nicht lange und es wurde mir klar, daß ich, der ich mit den Schweizer Menschen, mit den Schweizerinnen, um genauer zu sein, keinen intimen Umgang pflegte, für den Unzuchtsakt, der mich in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus versetzen sollte, jemanden bezahlen mußte. Ich war auch durchaus bereit zu bezahlen, auch größere Summen, wenn es sein müßte, zunächst aber mußte ich jemanden für meine Zwecke geeigneten ausfindig machen, eine Schweizerin, eine Schweizer Hure, um genauer zu sein. Was die Unzucht betrifft, war ich - im Grunde meines Charakters ein züchtiger Mensch - außerordentlich unerfahren und schüchtern, es war mir also nicht möglich, einfach in die Zürcher Rotlichtbezirke zu gehen und die dort auf und ab wandelnden Schweizerischen Huren auf ihre Tauglichkeit für mein Vorhaben zu überprüfen, davon abgesehen, daß ich nicht wußte, auf welche Merkmale ich dabei achten hätte müssen. So beschloß ich, die Zürcher Zeitungen zu Rate zu ziehen, aber weder im Anzeigeteil der „Neuen Zürcher Zeitung”, noch im „Tagesanzeiger” fand ich etwas für mein Vorhaben geeignetes. Schließlich kaufte ich, voller Angst um mich herblickend, obwohl mich in der Weltstadt Zürich kaum jemand kennt, an einem Kiosk ein Kontakt-Magazin, von dem ich gehört hatte, es enthalte die außergewöhnlichsten Unzuchts-Angebote. Schon beim ersten Überfliegen des Unzuchts-Magazins fiel mir eine der zahllosen kleingedruckten Kontakt-Anzeigen ins Auge: Louise, Inländerin, 22 Jahre, blond, schlank, Studentin der Politik, hübsch, mittelgroß, erfüllt jeden Wunsch, auch ausgefallene und bizarre. Das Wörtchen „bizarr” stach mir ins Auge. Wegen meiner geringen Kenntnisse von der Unzucht wußte ich seinerzeit nicht, daß bei den Unzuchts-Betreibern das Wörtchen „bizarr” ein durchaus gebräuchliches ist, so daß ich wegen des Wörtchens „bizarr“ die Anzeige der Hure für außerordentlich hielt und mir bei einer Hure, die eine solche - wie ich meinte - außerordentliche Anzeige verfaßt hatte, mehr Verständnis für meinen außerordentlichen Wunsch erhoffte als bei gewöhnlichen Huren. Ich ging also in die nächste Telefonzelle und wählte die in der Anzeige angegebene Nummer. Eine jugendliche, eine beinahe kindliche Stimme meldete sich, die das Hochdeutsch der Deutsch-Schweizer mit einem französischen Akzent sprach, mit der selben rücksichtslosen Geschwindigkeit mit der Franzosen in Frankreich Französisch sprechen. Obwohl sich in der Magazin-Anzeige eine junge Studentin anbot, dachte ich zuerst, die junge Tochter der Hure sei am Apparat. Ich verlangte Louise - sie sei Louise, sagte die Stimme und gerade als ich beginnen wollte, ihr mein Anliegen umständlich, wie man es von mir gewohnt ist, auseinanderzulegen, sagte die Hure, ich riefe wohl wegen der Anzeige an. Ich wollte gerade bejahen, als die Hure mich fragte, ob sie einen Terminvorschlag machen dürfe. Ich war gerade dabei einzusehen, daß es ratsamer war, mein ungewöhnliches Anliegen nicht schon am Telefon, sondern von Angesicht zu Angesicht mit der Hure zu besprechen und wollte daher auch diese Frage der Hure bejahen, als sie auch schon einen Termin vorschlug, den Sonntag der folgenden Woche. Gerade als ich antworten wollte, schlug die Hure nacheinander den Samstag, den Freitag, den Donnerstag den Mittwoch, den Dienstag, den Montag, der folgenden Woche vor, sie hetzte von einem Terminvorschlag zum nächsten, ohne eine Reaktion meinerseits abzuwarten, die Terminvorschläge näherten sich nacheinander dem Tag unseres Telefongesprächs und als mich die Hure Louise, aus der von den Deutsch-Schweizern Welschland genannten französischen Schweiz, endlich fragte, ob ich sie sofort aufsuchen wollte, hatte sie einen Hustenanfall, der ihren immer schneller werdenden Redeschwall unterbrach. Ich hatte endlich Gelegenheit etwas zu sagen. Mein Bedürfnis, etwas zu sagen, hatte während des nicht enden wollenden Redeschwalls der Hure derart gelitten, daß es sich, zumal ich ihr lautstarkes Husten übertönen mußte, in ein dröhnendes „Ja” entlud, den ich in den Hörer hineinbrüllte. Die Hure Louise gab einen entsetzten, außerordentlich schrillen Aufschrei von sich - mein Brüllen hatte das arme Huren-Mädchen erschreckt - jedoch beruhigte es sich rasch und gab mir ihre Adresse, sie wohne und arbeitete im Zürcher Außenbezirk Oerlikon und wünsche mir gute Fahrt.

Der Beschreibung in der Anzeige entsprach die Hure Louise in der Tat. Sie war schlank, blond, jung, mittelgroß. Das Attribut hübsch jedoch, das ebenfalls in der Anzeige vorkam, schien mir dem Aussehen der Hure, wie ich sie in der Türe ihrer Wohnung in Oerlikon, wo sie wohnte, studierte und sich prostituierte, vorfand, nicht gerecht zu werden. Das Gesicht der Hure Louise war sinnlich, alles am Gesicht der Hure Louise war sinnlich, in ihren vollen Lippen vereinigten sich die Sinnlichkeit von Kinder- und von Frauenlippen, auch die Farbe ihrer Gesichtshaut war sinnlich, eine außerordentlich helle Haut ohne blaß zu sein, eine warme, leuchtende, lebendige Haut. Aber im Gesicht der Hure Louise, als ich sie erstmals in der Türe ihrer Wohnung im Zürcher Oerlikon antraf, fand sich noch etwas anderes, etwas über das Sinnliche ihres Gesichts hinausgehendes, in den sinnlichen Kinder- und Frauenlippen der Hure und im sinnlichen, warmen und außerordentlich hellen Licht ihrer Gesichtshaut fand sich etwas Übersinnliches. Ich stand da, das sinnliche und übersinnliche Gesicht der Hure mit weit geöffnetem Mund und schiefem Kopf anstarrend und ließ das warme, außerordentlich helle Licht ihres Gesichts ohne Widerstand in mich hinein - es versetzte mich in eine sonderbare, eine über das Sinnliche hinaus gehende Stimmung. Das Geistige und Übersinnliche eines Menschen, pflegt mein väterlicher Freund Giw zu sagen, hat seinen Sitz im oberen Teil des Gesichts, in der Stirn, um genauer zu sein, und in den Augen. Die grünen, betörend schönen Augen der Hure Louise, als ich in der Türe ihrer Zürcher Wohnung erstmals in sie hineinsah, musterten mich - während ihr sinnlicher Mund rasend und unablässig quasselte - mit vollkommener Ruhe, zugleich jedoch war eine kaum sichtbare Bewegung in ihnen, eine schwingende und taumelnde Bewegung, ein Taumeln und Schwingen, das sich von Louises auf meine Augen übertrug, alles um mich herum, als ich der Hure Louise in der Türe ihrer Wohnung in Oerlikon in die Augen schaute, begann zu taumeln, zu schwimmen, zu tanzen und sich zu verwischen. „Ich will den Heiligenschein-Orgasmus”, sagte ich geradeheraus, mitten im Redeschwall der Hure, die gerade nach meinem Befinden, dem Verkehrsaufkommen in Zürich, dem Wetter, meinem Sternzeichen und meinem Zivilstand gefragt hatte, wie schon am Telefon ohne auf eine Antwort zu warten. Was ein Orgasmus sei, das wisse sie, meinte Louise, während sie meine Hand nahm und mich durch den - auch für österreichische Verhältnisse - außerordentlich verwahrlosten Korridor hinter sich herziehend in eine Art Wohnzimmer führte, das, von einer Gitarre, einem Rennrad und einer schneeweißen Couch abgesehen, auf dem ein hellblauer Plastikrucksack lag, vollkommen leer stand. Was ein Orgasmus sei, das wisse sie, wiederholte, nachdem wir uns auf die große, schneeweiße Couch gesetzt hatten, die Hure Louise, aber ein „Eiligen-Schein”? Bevor ich antworten konnte, hatte Louise aus dem blauen Plastikrucksack ein kleines Wörterbuch gefischt, ein deutsch-französisches Wörterbuch wie ich annahm, und unter „Heiligenschein” nachgeschlagen. „Eilgenschein“, las sie vor „- aureole ... Du meinst ... O ... ein Orgasmus mit aureole?”, Die Hure Louise sah mich erstaunt und begeistert an, ich aber schwieg - ich hatte mittlerweile kapiert, daß die Hure, wenn sie mich etwas fragte, keine Antwort erwartete. „Sowieso, isch kenne das“, fuhr sie fort und ihre Stimme zitterte vor Begeisterung, „ja, isch kenne das. Isch ... ’atte schon das.” Dem Ausdruck meines Gesichts war wohl meine Beunruhigung und mein Entsetzen anzusehen, denn, wie um mich zu beruhigen, nahm die Hure meine Hand und begann sie besänftigend zu streicheln. Dann indem sie ihren Kopf, wie verschämt, von mir wegdrehend, auf ihre sinnliche Unterlippe biß, sagte sie: „O.k., o.k., isch erkläre das Dir. Isch erkläre alles Dir. Isch ’atte einmal einen Franz, isch meine einen Freund, den Franz aus dem Kanton Luzern. Franz war ganz schwarz, weil seine Mutter war aus Afrique. Er war ein ganz besonderes Mensch, ein musicien, sehr sensible, sehr besonderes, ein Violonist. Die Menschen haben nischt verstanden Franz, er war so fein, er war ... Franz war ... nischt, ... wie soll isch sagen ... er war nischt wirklisch von dieser Welt, voilà. Isch ’abe geliebt ihn, aber als wir waren zusammen, isch habe nicht gewußt, daß isch liebe ihn, isch ’abe gespielt immer mit Franz, ’abe geflirtet immer mit andere Männer und nischt nur das ... Nischt wie andere Mädschen flirten mit andere Männer, damit ihr Freund wird eifersüschtig und sie begehrt mehr, nein, isch war sehr böse zu Franz, isch wollte, daß er ärgert sisch, isch wollte ihn machen kaputt. Wenn er nur ’at angesehen eine andere Frau, o là là, isch ’abe ’eiß gemacht ihm die ’ölle, obwohl isch ’abe gewußt, daß er war unschuldig -” Mit solchen und ähnlichen Worten begann die Hure, aus der von den Deutschschweizern Welschland genannten französischen Schweiz, umständlich, gewunden und atemlos, die Geschichte ihrer Liebe zu dem unglückseligen Franz aus dem Schweizerischen Kanton Luzern zu erzählen. Eines Tages, so die Hure Louise war sie neben dem Luzerner Franz aufgewacht und hatte ihn nicht aufwecken können - er war tot gewesen. Am Abend zuvor waren sie beide zusammen im Zirkus gewesen (sie liebe, meinte die Hure, über alles auf dieser Welt Zirkusaufführungen), während der Zirkusaufführung hatte die Hure sich eingebildet, der unglückselige Franz aus dem Schweizerischen Luzern habe auf eine Seiltänzerin, eine „Africaine”, wie sie sagte, ein Auge geworfen, weshalb sie begonnen hatte, ihm flüsternd die Hölle heiß zu machen. Gegen Ende der Zirkusaufführung hatte Louise die Kontrolle vollends verloren, hatte den Unglückseligen lauthals beschimpft und vor allen Zirkusgästen mehrmals geohrfeigt, bevor sie laut heulend das Zelt verlassen hatte, um nach Hause zu laufen. Zuhause hatte sie den nachkommenden Franz auf das ordinärste beschimpft, ihm tobend und rasend den Tod gewünscht und verflucht. Der auf solche Weise verfluchte und beschimpfte Franz aus dem Innerschweizerischen Luzern hatte, wie immer bei den Tob- und Eifersuchtsanfällen der Hure, sich auf die Louise gestürzt und sie - bis ihre Raserei verebbt war - festgehalten. Daraufhin hatten sie, wie immer bei den Tob- und Eifersuchtsanfällen der Hure, miteinander geschlafen. Während ihres Miteinander-Schlafens war die Hure Louise fortgefahren, den Franz zu verdammen, er möge verrecken, hatte sie ihm ins Ohr geflüstert, der Teufel möge ihn holen und nicht mehr zurückbringen und so weiter. Mitten im Miteinander-Schlafen war der Franz aus dem Schweizerischen Kanton Luzern eingeschlafen, hingegen die Welsche Louise, die besonders erregt war, nur mit allergrößter Mühe den Schlaf gefunden hatte. Mehrmals war sie in der Nacht aufgewacht, jedesmal erregter. Schließlich, in aller Herrgottsfrühe, hatte Louise den Franz, um weiter mit ihm schlafen zu können, aufwecken wollen, der aber war, wie schon gesagt, tot gewesen. Unterdessen war die Erregung der Hure Louise derart groß geworden, daß sie sich, ihrer Bestürzung und ihres Ekels nicht achtend, auf den toten Luzerner Franz gestürzt und versucht hatte gegen jede Vernunft dessen Geschlechtsteil - so die Hure Louise wörtlich - zu aktivieren, was ihr nach mehreren andersgearteten, vergeblichen Versuchen, unter dem Einsatz ihres Mundes am Ende tatsächlich gelang. Im Unterschied zu seinem restlichem Körper war das Geschlechtsteil des aus dem Kanton Luzern stammenden Franz, so die Welsche Louise, nicht tot gewesen, vielmehr außerordentlich lebendig, lebendiger als zu Lebzeiten des Toten, als hätte sich im Geschlechtsteil des Toten alle Kraft seiner ausfahrenden Seele ein letztes Mal versammelt. Durch dieses Wunder, so die Hure Louise, wurde ihre zuvor schon große Erregung unermeßlich und rasend vor Lust hatte sich die Hure auf den, so die Lousie wörtlich, aktivierten Geschlechtsteil des Toten aus dem Kanton Luzern gestürzt und sich mit ihm vereinigt. Noch nie hätte sie eine solche Lust überwältigt, „eine solsche selige Lust” sagte die Hure Louise im Hochdeutsch der Deutschschweizer. Auf dem Körper des Toten sitzend, hätte, während der erste Orgasmus ihres jungen Lebens sie überwältigte, ein warmes, leuchtendes Licht ihren ganzen Körper umgeben - ein schwarzes Lischt, sagte die Louise wörtlich. Ich sah sie kopfschüttelnd an, daraufhin wiederholte die Hure das Gesagte auf Französisch: „Oui, oui, une lumière noire.“ „Du fragst sischer Disch“, fuhr sie im Hochdeutsch der Deutsch-Schweizer fort, „wie isch konnte das schwarze Lischt überhaupt sehen. Isch selber ’abe auch mir gestellt diese Frage. Isch ’abe geglaubt zuerst, isch ’atte nischt gesehen meinen Eiligenschein, sondern nur gespürt, aber es ist nischt gewesen so, isch ’abe wirklisch gesehen meinen Eiligenschein. Isch ’abe misch selbst gesehen, wie isch sitze auf tote Franz und ’atte um misch ’erum, um meinen ganzen Körper ’erum, die schwarze Eiligenschein.” Die Hure Louise machte eine lange Pause. „Isch ’atte dabei meine Augen geschlossen.” Es fiel mir ein, daß auch ich auf der Skipiste im Schweizer Graubünden, ohne mich bislang darüber gewundert zu haben, meinen ganzen, in Skikleidung gepackten, von einem blonden Heiligenschein umgebenen Körper buchstäblich gesehen hatte, als hätte ich ihn zuvor verlassen. „Das mit dem schwarzen Licht,”, sagte ich, „das verstehe ich nicht. Licht ist doch niemals schwarz.” „Isch werde Dir zeigen das”, sagte die Hure und schaute mir geradewegs in die Augen. Wie schon an der Türe war ihr Blick vollkommen ruhig, zugleich aber war eine Bewegung in ihm, ein kaum sichtbares Schwingen und Taumeln, das sich, wie schon an der Türe, von ihren auf meinen Augen übertrug. Wieder begann alles um mich herum zu taumeln, zu tanzen, zu schwimmen, sich zu verwischen, in meinem Bauch und in meiner Brust begann sich etwas zu drehen, anfangs langsam, dann immer schneller - die Hure Louise machte mir Angst. „Du ... meinst ... Du ... Du kannst ... einen schwarzen Heiligenschein-Orgasmus ... produzieren? Einfach so?” „Nischt einfach so”. Aus der Hurenstimme war jede Hektik verschwunden. „Wenn isch schlafe mit einem Mann und isch ’abe einen Eiligen-Schein-Orgasmus oder er, dann ist er immer - tot.” Das Taumeln um mich herum hörte auf. „Ich verstehe nicht. Ich verstehe Dich nicht”. Ich entzog der Hure meine Hand und fing an zu brüllen. „Du bist ... Du bist verrückt. Du bist eine ... verrückte, eine vollkommen verrückte Hure...”. Louise nahm meine Hand und streichelte sie wieder. „Wenn Du willst meinen schwarzen Eiligen-Schein-Orgasmus sehen und selber ’aben einen Eiligen-Schein-Orgasmus, Du mußt bereit sein zu sterben.” Ich wollte aufstehen und durch den auch für österreichische Verhältnisse verwahrlosten Korridor wortlos die Wohnung der Hure verlassen, stattdessen hörte ich mich - während das Taumeln wieder einzusetzen begann - sagen: „Ich bin zu allem bereit.”

Das Schlafzimmer der Welschen Hure Louise war ein Saustall. Von Haus aus bin ich nicht das, was man ordentlich nennt. Im Wohnzimmer meiner Zürcher Wohnung liegen Bücher, CD-Hüllen, Dokumente, Bankbelege, Rechnungen und Briefe auf dem Boden verstreut und in Töpfen, Tellern und Gläsern rund um meine Schlafmatratze in der Wohnzimmer-Mitte findet man die festen und flüssigen Reste meiner nächtlichen Nahrungsaufnahme. Ich besitze weder ein Bett noch ein Schlafzimmer und lese, arbeite und esse, bis tief in die Nacht hinein. Ich bin also, wie der Leser leicht einsieht, weder was die räumliche noch was die zeitliche Ordnung betrifft von Haus aus das, was man ordentlich nennt. Der Saustall im Schlafzimmer der Oerlikoner Wohnung der Welschen Hure Louise jedoch nahm auch mir den Atem. „Stop!”, brüllte ich. Ich stand in der Türe des Schlafzimmer-Saustalls, mein rechter Fuß steckte in einer verfaulten Torte, der linke drückte auf die Kehle einer toten, weißen Perser-Katze. „Hier will ich nicht sterben!”, rief ich und zeigte auf die Berge von Büchern, CD-Hüllen, Kleidungsstücken und Speiseresten. Im Unterscheid zu den festen und flüssigen Speiseresten auf dem Wonhzimmerboden meiner Zürcher Wohnung befanden sich die Speisereste im Schlafzimmer der Hure Louise weder in Tellern noch in Gläsern, noch in Töpfen, vielmehr bedeckten sie die Bücher, Kleidungsstücke, Zeitschriften und CD-Hüllen, die ihrerseits den Schlafzimmerboden bedeckten. Im übrigen war der Schlafzimmerboden der Hure als solcher gar nicht sichtbar und das große Lotterbett in der Schlafzimmer-Mitte war von den - ihrerseits von Speiseresten bedeckten - Kleider-, Bücher- und CD-Hüllen-Massen, die ihn umgaben, nur mit Mühe zu unterscheiden. Louise, die in der Mitte des Schlafzimmers stand, den einen Fuß auf eine Fruchtjoghurtlacke, den anderen auf den Kopf der toten, weißen Perser-Katze, drehte sich um und schaute mir streng in die Augen. Sofort setzte das Taumeln und das Schwingen um mich herum wieder ein und Sekunden später lag ich mit ausgestreckten Armen und Beinen, zu allem bereit, auf dem Lotterbett in der Mitte des Schlafzimmers der Hure Louise. Die Hure selbst setzte sich lässig, wie ein Krankenhausarzt bei der Zimmervisite, mit übereinandergeschlagenen Beinen an den unteren Bettrand, fuhr fort mir streng in die Augen zu schauen und zwang mich, ohne darüber ein Wort zu verlieren, an ihrem Blick festzuhalten. „Erzähl mir Deine Geschischte”, befahl sie. „Welche Geschichte?” „Wenn jemand ’at einen Eiligen-Schein-Orgasmus, er ’at immer eine Geschischte”. „Gibt es ... Kennst Du noch andere, die einen Heiligenschein-Orgasmus hatten?” „Erzähl mir Deine Geschischte”, wiederholte Louise und mit ausgestreckten Armen und Beinen, auf dem Lotterbett im Schlafzimmer-Saustall der Hure Louise liegend, erzählte ich meine Geschichte. Ich erzählte ohne Unterlaß, stundenlang, ohne etwas auszulassen oder zu lügen, alles was mir in den Sinn kam. Ich erzählte vom Geist meines väterlichen Freundes und wie sehr er meinen eigenen füllte, von meinen aus dem Persischen herkommenden Elternteilen, die mich ungefragt mit zwölf ins österreichische Graz verbracht hatten, ich erzählte von meinem Unglück mit den Österreicherinnen und Österreich, von meiner Glückssuche im Schweizerischen, meinem Heiligenschein-Orgasmus auf der Graubündner Skipiste und meinen Versuchen im Zürcher Park sowie auf der Fassade des Zürcher Hauptbahnhofs den Heiligenschein-Orgasmus wieder zu finden.

Obwohl ich ihm niemals in die Augen geschaut hatte - während den Sitzungen war es nicht möglich, aber auch während den Begrüßungen und beim Abschied hatte ich es unterlassen, ihm geradewegs in die Augen zu schauen - fiel mir, während ich auf Louises Lotterbett liegend meine Geschichte erzählte, mein steirischer Analytiker Kinz im österreichischen Graz ein. Während meiner Ausbildung zum Nervenfacharzt verbrachte ich Jahre frei assoziierend auf der Couch des steirischen Doktor Kinz - einer üppigen und blutroten Jugendstil-Plüsch-Garnitur, auf der ich mich jedes Mal wie auf dem Lotterbett eines Bordells fühlte. In einer Familie von Rechtschaffenen hineingeboren, hatte ich mich schon immer für meine seltsamen Regungen und abartigen Phantasien geschämt, die mich seit meiner Kindheit plagen. Um mich mit dem Deutschen vertraut zu machen, hatte mir, obwohl aus dem Persischen stammend, meine Mutter vor dem Schlafengehen die deutschen Märchen der Brüder Grimm vorgelesen. Mein Lieblingsmärchen war, der bösen Hexe wegen, „Hänsel und Gretel”.

Die alte Frau aber war eine böse Hexe, die lauerte den Kindern auf und hatte, um sie zu locken, ihr Brothäuslein gebaut. Wenn ein Kind in ihre Gewalt kam, dann machte sie es tot, kochte es und aß es und das war ihr Festtag.

Jedesmal, wenn beim Vorlesen der Grimm-Märchen Mutters Mund „Hexe” sagte, schreckte ich mich zu Tode und jedes Mal erfüllte mich die abartige Hexe in Mutters Mund mit seltsamen, abartigen Regungen, die ich nicht zu verstehen vermochte. Später kamen andere Gedanken, abartigere, unzüchtigere, dazu, zügellosere, ich führte meine unzüchtigen Phantasien niemals aus, was die Unzucht betrifft, blieb ich im Grunde meines Charakters, wie schon gesagt, ein züchtiger Mensch. Die abartigen Phantasien beunruhigten mich jedoch weiterhin - in eine Familie von Rechtschaffenen hinengeboren, lebte ich in der Überzeugung, ich sei anders als alle anderen, hoffnungslos anders, die Dunkelheit meiner unzüchtigen Phantasien empfand ich als Schande und Krankheit, die sich unter ungünstigen Umständen verschlimmern konnte. Von der Lotterbett-Couch meines steirischen Analytikers Kinz hatte ich, meine abartigen Phantasien betreffend, Klärung und Erlösung erhofft. Mein steirischer Analytiker Kinz jedoch verstrickte mich jedesmal in endlose Wortgefechte über meine Beziehung zu ihm, die mir herzlich egal war. Einmal sagte ich ihm, ich könne mit ihm nicht, er sei aus dem Steirischen und ich eine Art Perser, aber Kinz blieb beharrlich, das wichtigste in der Analyse eines seelisch gesunden Nervenfacharztes, so der steirische Kinz, wäre die Beziehung zu dessen Analytiker, ob Steirer oder Nicht-Steirer, von Kinz Übertragungs-Beziehung genannt. Mit der Zeit überzeugte mich mein Doktor Kinz von der Abartigkeit und Krankhaftigkeit meiner analytischen Beziehungsgestaltung ohne mir andererseits das Gefühl genommen zu haben, ich wäre meiner unzüchtigen und zügellosen Phantasien wegen abartig.

Wie gesagt, hatte die Hure, während ich meine Geschichte erzählte, meinen Blick mit ihrem Blick festgehalten. Als ich mit meiner Geschichte fertig war, drückte sie mein Handgelenk, womit sie, wie ich annahm, etwas mitteilen wollte, was es war wußte ich nicht, oder ich wußte es und weiß es heute nicht mehr zu sagen. „Bien“, sagte sie „Deine Geschischte ’at Disch gefü’rt hierher zu mir und ’ier ist sie zu Ende. Deine Geschischte ge’ört jetzt nischt mehr Dir. Isch werde übernehmen Deine Geschischte. Auch Disch werde isch nehmen über, mein Lieber. Du wirst sterben in meinen Armen.” Ohne meinen Blick loszulassen stand die Hure auf - daß sie in ihrem Schlafzimmer-Saustall überhaupt stehen konnte, erstaunte mich - und begann mit beiden Händen über ihre Wangen und ihre Lippen, ihre Brüste und ihren Bauch zu streichen, wobei ihre Lippen, wie bei einem Kuß, ein O fromten, ihr Kuß galt aber nicht mir, vielmehr einem Unsichtbaren, dicht vor ihr stehenden Anderen, an dessen nicht vorhandenen Schultern die Hure sich schmiegte. Nach und nach versetzen ihre eigenen Zärtlichkeiten die Hure in eine Trance, ihr Blick wurde trüb und verträumt und verlor die Herrschaft über meine Augen, das O, das ihre Lippen formten wurde größer und ihr Atmen verwandelte sich in ein rhythmisches, wehklagendes Stöhnen. Dann, auf einmal, unterbrach die Hure ihr Streicheln und Stöhnen, schüttelte ihren blonden Kopf und nahm meinen Blick, den sie, versunken in ihrer Trance, verloren hatte, wieder gefangen. „Zieh Disch aus!”, zischte sie und schaute mich streng und vorwurfsvoll an, wie man jemanden anschaut, dem man ein schweres Versäumnis zur Last legt. Ich gehorchte und während ich mit fahrigen Fingern mein Hemd aufzuknöpfen versuchte, stürzte sich die Hure auf meine Hose, die sie mir blitzschnell, wie es im Hochdeutsch der Deutschschweizer heißt, abzog und in eine Ecke ihres Schlafzimmers warf. Nackt und mit hängendem Kopf hockte ich in der Mitte des in der Mitte des Hurenschlafzimmers gelegenen Lotterbetts und starrte verlegen auf das schneeweiße, vollkommen unbefleckte Leintuch der Hure Louise - sie selbst stand schon wieder in der Schlafzimmermitte. „Was isch werde jetzt tun“, sagte sie „wird erregen Disch und präparieren Disch für den Eiligenschein-Orgasmus”. Wieder begann die Hure Louise ihren eigenen sinnlichen Körper zu zärteln und zu streicheln, auf einmal fingen ihre Hüften an wie bei einem Bauchtanz zu zucken, während ihr Oberkörper in völliger Ruhe verharrte. Eine Zeit lang kreisten und zuckten auch ihre grünen, betörend schönen Augen wild und wie in Ekstase bis sich ihr Blick, wie die Wiener unter den Österreichern sagen, wieder derfing und sich auf mein Geschlechtsteil fixierte - wie ich annahm, um die Wirkung ihrer Darbietungen auf ihn zu prüfen. Mein Geschlechtsteil jedoch zeigte sich von der Darbietung der Hure in keiner Weise beeindruckt, was mich erstaunte, war Louises Darbietung doch für eine Politik studierende, nebenberuflich sich prostituierende, erst zweiundzwanzigjährige Hure aus dem Schweizer Welschland durchaus beachtlich. Im übrigen habe ich seit je her Mühe, die Launen und Vorlieben meines Geschlechtsteils zu begreifen, auch in dieser Hinsicht war mir mein steirischer Analytiker Kinz keine Hilfe. „Wenn Du möchtest, daß er ... sich rührt“, ich zeigte voller Scham auf mein Geschlechtsteil, „mußt Du mich als Österreicher beschimpfen”. Die Hure Louise, nachdem sie mich eine Weile ratlos angestarrt hatte, brach in ein prustendes, penetrantes Lachen aus, ähnlich dem seinerzeitigen, prustenden Lachen meiner faschistischen Seziersaalkollegen im österreichischen Wien. „Isch ’abe gleisch mir gedacht, Du bist Autrichien. Du bist ein Autrichien typique. Isch bin einmal gewesen in Vienne mit arme Franz, isch liebe Vienne über alles, es ist so sehr wunderbar dort ... und die Menschen dort sind so komisch, so ... psychopathique ...“. Während ihre Hüften weiterhin wie verrückt zuckten und kreisten, bewegte Louise sich auf das Doppelbett zu. „Isch soll Dir schimpfen als Autrichien, damit er sisch erregt?“ Ohne ihr penetrantes, prustendes Lachen zu unterbrechen, setzte sich die Louise auf ihr schneeweißes Lotterbett und begann zärtlich meine blonden Stofftierhaare zu streicheln. „Du ... sollst mich beschimpfen .... nicht liebkosen“, stammelte ich. Louise küsste meinen Nacken. „Isch finde so süß die Autrichiens, alle sind so wie Du, süße ... Psychopaths ...“. Ich wollte der Hure gerade erklären, daß, falls sie noch immer vorhatte, mich in den Zustand des Heiligenschein-Orgasmus zu versetzen, ihr Vorgehen vollkommen falsch war, als sie mein Gesicht in ihre Hände nahm, die Hure Louise - ich habe vergessen es zu erwähnen - hatte Kinderhände, und meinen Mund küßte. Was dann passierte, fällt mir schwer zu erzählen, mit dem Kuß kam wieder der Taumel, alles schwankte und tanzte, das Lotterbett der Hure Louise wurde ein Floß, das auf Ozeanwellen schwamm, die Wellen verschluckten die auf dem Boden verstreuten, festen und flüssigen Speisereste, die Bücher, Zeitschriften und CD-Hüllen und nach und nach verschmolzen die ganze Studier- und Prostituier-Wohnung der Hure Louise, das gesamte Zürcher Oerlikon, der Kanton Zürich, die eidgenössische Schweiz sowie ganz Österreich mit den endlosen Ozeanwellen und lösten sich in ihnen auf.

Als ich zu mir kam, mit halb ausgestreckten Armen und Beinen, auf Louises Lotterbett liegend, war ich allein. Ich wollte aufstehen, aber ein süßer Halbschlaf, eine Art Dämmerzustand, um genauer zu sein, hinderte mich, ich blieb stundenlang auf Louises Lotterbett liegen, von einer tiefen Zufriedenheit erfüllt - vielleicht war es Glück. Dann kratzte etwas mein linkes Gesicht, ich drehte den Kopf, es war die totgewesene, weiße Perser-Katze, sie knurrte und schmiegte sich an meine Wange. „Du bist doch tot!”, protestierte ich. „Sie wird tod immer wieder”, hörte ich die Stimme der Hure Louise. Ich setze mich auf und sah sie lesend auf dem rosaroten Spannteppich ihres Schlafzimmers sitzen. Alle Speisereste, Kleidungsstücke, Bücher und CD-Hüllen waren verschwunden, der Ozean hatte sie verschlungen und nicht wieder hergeben wollen. „Sie wird tod immer wieder die Katze, aber dann sie fängt wieder an ein neues Leben. Sie ist vom Zirkus, eine Perser-Katze. Sie heißt Louise - wie isch.” Ich wollte Louise - die Hure Louise, nicht die Katze - fragen, was passiert war, ich wollte wissen, ob ich oder sie einen Heiligenschein-Orgasmus gehabt hatten, und wenn ja, warum ich noch lebte. Statt dessen hörte ich mich fragen: „Sehen wir uns wieder?”. Die Hure stand auf, packte die widerstrebende Perser-Katze am Nacken und setzte sie auf den Boden. Dann legte sie sich zu mir ins Lotterbett, küßte meine Lippen und sagte: „Sooft wie möglisch”.

Heute lebe ich mit der immer noch Politik studierenden und sich prostituierenden Hure sowie der Katze Louise im österreichischen Wien. Ich habe auf Louises Anregung hin meinen Beruf als Nervenfacharzt aufgegeben und betreibe zusammen mit ihr eine sogenannte Go-Go-Bar am sogenannten Wiener Gürtel. Ich halte ausdrücklich fest, daß ich nicht etwa deshalb ins österreichische Wien zurückgekehrt bin, weil mein Unglücklichsein in der Schweiz mein Unglück in Österreich übertroffen hätte - gemäß der Überzeugung meines väterlichen Freundes Giw, das Lebensziel bestünde nicht in der Suche nach immer mehr Glück, sondern nach immer weniger Unglück - nein, ich bin allein der Louise wegen, der Hure Louise, nicht der Katze, nach Wien zurückgekehrt. Louise liebt das österreichische Wien über alles und ist immer noch wider besseren Wissens überzeugt, ich sei ein typischer österreichischer Wiener. Möglich, daß mich Louise vor allem oder überhaupt nur als österreichischen Wiener liebt, obwohl meine Haare seit Jahren nicht mehr blond sind und meine Haut- und Gesichtsfarbe, wie mir scheint, von Jahr zu Jahr dunkler wird.

Glossar

Gemma: „Gehen wir“. Aufforderung, sich zu beeilen.

Tachnieren: Blau machen

Rotzbuam: Lausbuben.

Buam: Buben, Jungen.

Gfrasta: Lausbuben.

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