Freitag, 17. Dezember 2010

Warum wir über den Islam nicht reden können (6) Das religiöse Empfinden der Nichtreligiösen





Jackson Pollock, Easter and the Totem

Ob sie ihr nun mit Toleranz, Respekt oder auch gleichgültig begegnen – heute scheinen „Ungläubige“ der Religion gegenüber eine entspannte Haltung einzunehmen. Religion wird als Teil der „kulturellen Tradition“ akzeptiert, und daß Nichtreligiöse Ostern oder Weihnachten feiern, oder sich kirchlich trauen lassen, wird als selbstverständlich empfunden. Religion, so scheint es, wird heute von den „Ungläubigen“ nicht als Feind angesehen - aber auch nicht ernst genommen. Der Schein trügt. Während einer Podiumsdiskussion, an der ich unlängst teilnahm, und bei der auch das Thema „Islam und Gewalt“ zur Sprache kam, meinte ein Teilnehmer aus dem Publikum, daß Moslems, die sich an den Koran orientierten, niemals Kriege führen oder Gewalt anwenden könnten. Daraufhin erhob sich ein anderer Teilnehmer und zitierte – ohne jeden weiteren Kommentar - mehrere Koranverse. Unter anderem diesen: Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab. (Sure 8, Vers 12). Die Expertenrunde bestand, wie vermutlich auch der Großteil des Publikums, aus nicht (oder nicht ausgesprochen) religiösen Personen. Die Diskussion war denn auch von der geschilderten nonchalanten Haltung der Religion – hier dem Islam - gegenüber geprägt. Als die Koranverse zitiert wurden, änderte sich die Atmosphäre mit einem Schlag. Die Gelassenheit wich einem Gefühl des Unbehagens und einer seltsamen Anspannung, die sich dann in kritische bis feindselige Wortmeldungen gegen den „Koranzitierer“ entlud, der schließlich als Rassist beschimpft wurde. Offensichtlich hatte der „Koranzitierer“ - im präzisen Sinne des Wortes - ein Tabu verletzt. Nicht, indem er den Islam in ein schlechtes Licht gerückt hätte – er hatte ja bloß aus dem Koran zitiert. Vielmehr hatte er den Islam zu nahe - unzulässig nahe - an uns herangerückt. Was da in offene Aggression umschlug, war jene Tabu-Angst, die Angehörige archaischer Gesellschaften befällt, wenn sie sich in der Nähe eines heiligen und gefährlichen Bezirks wähnen. Dieselbe Tabu-Angst, die das „Ferkelbuch“, indem es Kindern von der alttestamentarischen Sintflut erzählte, bei der deutschen Familienministerin, Ursula von der Leyen, ausgelöst hatte. Die entspannte Haltung (post)moderner „Ungläubiger“ der Religion gegenüber ist Fassade. Dahinter steckt das genaue Gegenteil - nämlich Angst. Tabu-Angst. Man kann sich aber nicht vor etwas fürchten, woran man nicht glaubt. Gott, so der Psychoanalytiker - und Atheist - Jaques Lacan, ist nicht tot, sondern unbewußt.
wird fortgesetzt

Kommentare:

kuhlbrodt hat gesagt…

Lieber Herr Maani, ich gleube Sie (wir, denn ich würde mich da einschließen) bewegen sich auf ein Dilemma zu. Jede Religion (jede) hat gewisse Agsolutheitsgedanken und ist von ihrer Wahrheit überzeugt. Toleranz kann für einen nicht religiösen Menschen oder einen Angehörigen anderer Religion ja nur bedeudten, den anderen zu respektieren und damit Grenzen der Kommunikation zu erkennen. Eine Grenze muss für alle gelten. Der Gewaltverzicht und die Regelung der Zivilgesellschaft durch die Zivilgesellschaft. Was diese Grenze überschreitet ist nicht tollerabel. Das Die Kanonischen Texte (aller Religionen) von Zivilgesellschaft keinen Begriff entwickeln, macht nur deutlich, dass sie, wenn überhaupt, auch nur begrenzt Brdeutung haben können. Das gilt es für ihre Anhänger auszuhalten.

Sama Maani hat gesagt…

liebe/r frau/herr kuhlbordt,

gehe mit allem, was Sie schreiben d'accord. vor allem auch mit Ihren letzten beiden sätzen. mir geht es ja gerade nicht darum (vielleicht liegt hier ein mißverständnis), "die religion" irgendwie aufzuwerten. ganz im gegenteil. es gilt, in zeiten in denen sogar jemand (nichtreligiöser) wie habermas von einer "postsäkularen gesellschaft" spricht, "der religion" klar ihre grenzen zu zeigen.

das geht aber nur, wenn wir, Nichtreligiöse, uns mit unseren eigenen - unbewußten - religiösen empfindungen auseinandersetzen. mehr dazu im noch folgenden teil des essays.

würde übrigens gerne wissen, welches dilemma Sie genau meinen.

Sama Maani hat gesagt…

ich meinte natürlich kuhlbrodt nicht "kuhlbordt" - sorry! ;)