Sonntag, 5. Dezember 2010


Warum wir über den Islam nicht reden können (4)



Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel



Zwischen 1970 und 2008 hat sich die Zahl der Konfessionslosen in Deutschland verzehnfacht. Von 3,9% im Jahre 1970 auf 34,1% im Jahr 2008 – Tendenz steigend. In den neuen Bundesländern bezeichnen sich bis zu 80% der Bevölkerung als konfessions- bzw. religionslos (die beiden Begriffe sind nicht identisch). Somit stellen Konfessionslose bereits die Mehrheit - Protestanten und Katholiken kommen jeweils auf rund 30%. In ebendiesem mehrheitlich konfessionslosen Deutschland erschien im Oktober 2007 das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel“ des Philosophen Michael Schmidt-Salomon. Darin wird die Geschichte eines Igels und eines Ferkels erzählt, die sich, angeregt durch ein Plakat mit der Aufschrift: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas“, auf die Suche nach Gott begeben. Sie treffen auf einen Rabbi, der ihnen erzählt, Gott hätte den Menschen, weil sie an eingebildete, falsche Götter geglaubt hätten, die Sintflut geschickt. Sie fragen ihn, ob er sich sicher sei, daß nicht auch jener Gott, an den er, der Rabbi, glaube, eine Einbildung sei. Daraufhin wirft er sie aus seinem Gotteshaus. Mit dem christlichen Bischof und dem moslemischen Mufti machen sie ähnlich schlechte Erfahrungen. Der Mufti droht ihnen mit der Hölle, weil sich das Ferkel weigert, sich fünf mal am Tag zu waschen, vor dem christlichen Bischof flüchten sie, nachdem er erklärt, daß es sich bei den „Keksen“, die das Ferkel in der Kirche gefunden und sogleich in den Mund gesteckt hatte, um den Leib Christi handle. Sie halten ihn für einen Kannibalen. In weiterer Folge geraten sich Mufti, Rabbi und Bischof über die Frage, wessen Hölle heißer sei, in die Haare. Am Ende ändern der Igel und das Ferkel die Aufschrift auf dem Plakat. Nun heißt es: „Wer Gott kennt, dem fehlt etwas – nämlich da oben“. „Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel“ - mittlerweile als das „Ferkelbuch“ bekannt - war Gegenstand heftiger Kontroversen. Wenige Wochen nach seinem Erscheinen beantragte die deutsche Familienministerin es auf den Index jugendgefährdender Medien zu setzen. Die Süddeutsche Zeitung begrüßte das Indizierungsverfahren und bezeichnete das „Ferkelbuch“ als „fundamentalistisch“. Die Zeit lehnte die Indizierung zwar ab, nannte aber Michael Schmidt-Salomon einen „selbstgerechten und eindimensionalen Religionshasser“. Die Neue Zürcher Zeitung befand das „Ferkelbuch“ für „platt“.


Weder bei der Zeit, noch bei der Neuen Zürcher Zeitung, noch auch bei der Süddeutschen handelt es sich bekanntlich um Kirchenblätter. Alle drei gelten als liberal, die Südeutsche als eher links-, die Neue Zürcher Zeitung als bürgerlich-liberal. Und das deutsche Familienministerium ist - wenn auch von Christdemokraten geführt - keine Kirchenbehörde. Waren es beim Aufruf „Schluß mit der Integrationsdebatte“ liberale, durchwegs nicht-religiöse Intellektuelle, die den Islam vehement in Schutz nahmen, so sahen sich bei der Debatte über das „Ferkel-Buch“ liberale Medien und Organe eines säkularen Staates veranlaßt - in ungewohnt aggressiver Weise - „die Religion als solche“ in Schutz zu nehmen. Die „Ferkelbuch“-Debatte und der Aufruf „Schluß mit der Integrationsdebatte“ sind (bei Gott möchte man sagen) keine kuriosen Einzelerscheinungen, sondern symptomatisch. Sie zeigen auf, wie wir es zu Beginn des 21. Jahrhunderts „mit der Religion halten“. In einem tendentiell religionslosen Europa wird Religion immer heiliger. Wer’s nicht glaubt - und ich spreche diejenigen an, die sich als nichtreligiös, agnostisch oder sogar als atheistisch bezeichnen -, möge sich seine Reaktion vor Augen führen, als er in diesem Artikel, oder wo sonst immer, zum ersten Mal von der Existenz eines religionskritischen oder - um das das Kind beim Namen zu nennen - religionsfeindlichen Kinderbuches erfahren hat.


Offensichtlich stellt heute ein religionsfeindliches Kinderbuch einen ungleich größeren Tabubruch dar – und zwar auch für Nichtreligiöse, Agnostiker, häufig sogar für Atheisten - als Kinderbücher, die sich der sexuellen Aufklärung annehmen.


wird fortgesetzt

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