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Adorno: Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als bedrohlicher als ... |
„Es ist nicht
zu übersehen“, sagt Arik Brauer im Interview mit dem FALTER vom 21. März 2018, „dass seit dem
Jahre 1948, als die arabischen Staaten Krieg gegen den soeben gegründeten Staat
Israel führten, die Einstellung der islamischen Welt zum Judentum von Hass
geprägt ist. Vorher war das anders. Da haben die Juden in den arabischen
Ländern [...] in Frieden gelebt.“
Brauer irrt. Nicht
was die Einstellung – mancher – Angehöriger islamisch geprägter Gesellschaften
zum Judentum betrifft. Sondern im allzu harmonischen Bild, das er vom
Zusammenleben von Juden und Muslimen vor der Gründung Israels zeichnet. Anders
als das traditionelle Christentum bezichtigt der Islam die Juden zwar nicht des
Gottesmordes. Die Position traditioneller islamischer Gesellschaften gegenüber Juden
kann aber am ehesten als eine der Verachtung bezeichnet werden. Das
bezeugen verschiedene, von Region zu Region und Periode zu Periode variierende
Einschränkungen, Erniedrigungen und Bekleidungsregeln. Schon 717, Jahrhunderte vor
der Einführung von Judenzeichen in Europa, hatte der Umayyaden-Kalif Omar II Bekleidungsvorschriften für
seine jüdischen Untertanen erlassen.
Verachtung
kann aber, immer dann, wenn dessen Objekt sich nicht mehr als schwach und
unterlegen zeigt, sondern als stark, in – einen mitunter mörderischen – Hass
umschlagen. So geschehen etwa 1066 in Granada, als Joseph ibn-Naghrela,
jüdischer Minister des damaligen muslimischen Herrschers zusammen mit 4000
anderen Juden massakriert wurde. So geschehen auch im 20. und 21. Jahrhundert
im Falle Israels. Jene in Hass verwandelte Verachtung von Juden, der manche –
wenn auch selbstverständlich nicht alle – Angehörige von Gesellschaften mit
islamischer Bevölkerungsmehrheit prägt, ist, so gesehen, nicht die Folge des
Nahostkonflikts – sondern einer seiner Gründe.
Voraussetzung
für die Überwindung religiösen Hasses
wäre aber nicht ein interreligiöser Dialog zwischen „Judentum“ und „Islam“ –
sondern die Emanzipation islamisch geprägter Gesellschaften von Religion. Und genau
diese Emanzipation trauen wir Gesellschaften mit islamischer
Bevölkerungsmehrheit nicht mehr zu, seit wir – und das ist ein durchaus neues Phänomen – Menschen
aus Ländern wie der Türkei oder aus dem arabischen Raum in allererster Linie
als Muslime wahrnehmen, mehr noch:
als Repräsentanten des Islam. Seit wir also islamisch geprägte Gesellschaften
„voll“ mit dem Islam identifizieren, so als
gäbe es dort nichts außerhalb der Sphäre des Islam.
Noch in den 1990er Jahren behaupteten die
Rassisten, die Türken würden „uns“ Probleme bereiten, weil sie eben Türken
seien. Seit dem Erstarken des sogenannten politischen Islam behaupten die
Vertreter des neuen Rassismus, die Türken (die Araber, die Nordafrikaner)
würden „uns“ Probleme bereiten – weil sie Muslime
seien. Der Islam gilt diesem Diskurs nicht mehr als Glaubensbekenntnis, zu
dem sich jemand bekennen mag oder auch nicht, sondern als eine Art „Natureigenschaft“
von Türken, Arabern oder Iranern.
Seltsamerweise bleiben aber auch die linken und liberalen Gegner des neuen Rassismus, statt die
fixe Verknüpfung zwischen einem Glaubensbekenntnis und bestimmten
Gesellschaften oder Individuen zu dekonstruieren, bei den Identitätsvorgaben
der Rassisten: Wer nicht müde wird, „Islamophobie“ als rassistisch zu bezeichnen,
erklärt den Islam, ohne es zu bemerken, zu einer „rassischen“, quasi
genetischen Eigenschaft von Arabern, Türken oder Iranern. Auf eben dieser Ideologie der vollen
Identifizierung von Individuen mit dem Islam scheinen – zumindest tendentiell –
auch die Aussagen Arik Brauers zu beruhen.
Über die religiös gefärbte Judenfeindschaft hinaus blieben
moderne islamisch geprägte Gesellschaften aber – genauso wenig wie moderne
westliche Gesellschaften – vom modernen Antisemitismus
verschont, der nicht bloß ein „Vorurteil gegen Juden“ darstellt, sondern
– wie Moishe Postone gezeigt hat – eine umfassende
Weltanschauung, in der sich verschiedene Aspekte des Unbehagens am modernen
Kapitalismus bündeln und „erklärt“ werden.
In Europa gilt der Antisemitismus als Markenzeichen
rechter und rechtsextremer Parteien – auch wenn diese selbstverständlich kein
Monopol darauf haben. Das scheint sich nun – partiell – zu ändern. So ist etwa
die FPÖ seit Jahren bemüht, sich vom Antisemitismus zu distanzieren. Denken wir
nur an Straches Worte im vergangenen Januar am Akademikerball: „Die
Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des Holocaust sind uns Verpflichtung
und Verantwortung. Wer das anders sieht, soll aufstehen und gehen“. Das
hatte zwar einen Shitstorm seiner Fans zur Folge. Die FPÖ- Führung
scheint den Antisemitismus aber tatsächlich hinter sich lassen zu wollen – um
ihn durch jenen neuen Rassismus der vollen Identifizierung von Menschen aus
islamisch geprägten Gesellschaften mit dem Islam zu ersetzen. Arik Brauers Satz:
„Von dem alten, europäischen Antisemitismus fühle ich mich nicht mehr bedroht“,
ist auch vor diesem Hintergrund zu lesen.
Hat er Recht? Ist der sogenannte politische Islam heute
gefährlicher als die neue Rechte? Abstrakt lässt sich diese Frage nicht beantworten.
Dass Brauer, der meint: „Aus meinem Vater wurde Seife gemacht, aus mir wird
niemand Seife machen, weil es einen jüdischen Staat gibt, der stark ist“ sich
vor der Islamischen Republik Iran, die im März 2016 Raketen mit der hebräischen
Aufschrift „Israel muss ausradiert werden“ testete, mehr fürchtet als vor
Straches Positionen in der Raucherdebatte, ist mehr als nachvollziehbar. Die
Gefahr, die vom sogenannten politischen Islam ausgeht, zu relativieren, wäre
fahrlässig.
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