Montag, 9. April 2018

Walter Fanta über "Teheran Wunderland"

... was Unterdrückung, Revolution und Religion in den Seelen junger Menschen anrichten ...

Kurzrezension des Germanisten, Autors und Herausgebers der neuen Musil-Gesamtausgabe, Walter Fanta, über "Teheran Wunderland" - publiziert in der Kärntner Kulturzeitschrift "Brücke":

Wundern wir uns nicht oft über die Fremden, die es in die deutschsprachigen Berge verschlagen hat? Asylanten, Migranten, mit ihrer fremden Sprache, Kultur, Religion? Was sind die Hintergründe der Vertreibung aus ihrem Wunderland

Der in Teheran gebürtige und in Wien lebende Arzt und Psychoanalytiker lässt in seinem Roman bizzarre Geschichten aus dem Teheran erzählen, die unsere Verwunderung vielleicht noch verstärken. Drei Männer sitzen übereinander Gericht. In einer Provinzstadt in den Deutschsprachigen Bergen. Über ihre Verstrickungen in Teheraner Revolutionen, die von damals, als das klerikale Regime an die Macht kam, sich spiegelnd in der von jetzt, in der sich die Klerikalen gegen den Machtverlust wehren. In splitterhaften Episoden erfahren wir, was Unterdrückung, Bürgerkrieg, Revolution und Religion in den Seelen junger Menschen anrichten. Es geht in die Tiefe, ans Eingemachte. Was heißt es, gegen Machtausübung, Umerziehung, Verführung Leib und Leben einzusetzten? 

Fremdartig-vertraut muten uns die Nachtstücke dieses westöstlichen Divans an und es dämmert uns beim Lesen, dass deren Religion unserer allzu ähnlich ist, ihre versäumte Revolution der gleicht, die wir versäumt haben. Es gibt keinen strukturellen Unterschied der Religionen, der Kulturen, nur die Verschiedenheit der Sprachen existiert, der subtilen kulturellen Codes, zwischen denen zu übersetzen Sama Maani es wie kaum einer versteht.

Kommentare:

Deniz Sal. hat gesagt…

Ich bin sehr gespann auf das Büchlein! Danke für die schön geschriebene Rezension.

Eines scheint mir aber noch erwähnenswert. Es ist die humanistische Perspektive, des Rezensenten (und auch des Autors?) auf die angebliche strukturelle Ununterscheidbarkeit der Kulturen und Religionen. Dies mag ein literarisches Urteil sein. Als weltliches Urteil jedoch bedarf es eines Widerspruches. Natürlich besteht ein struktureller Unterschied zwischen den Kulturen. Allen gemein ist das Geborenwerden, das Balzen, Rites de Passage, Familiegründen, Wirtschaften, etc. Jedoch sind Strukturen nicht auf erwähnten Grundlegenden beschränkt, sondern differenzieren sich in bemerkenswerter Weise. Davon legen die Philosophie, die Anthropologie und die Soziologie wie auch das informierte Reisen Zeugnis ab.

Der o.e. Humanismus könnte deshalb wohl auch als Furcht vor Unterscheiden gewertet werden und spricht damit fast schon gegen sich selbst, wenn die Menschheitserfahrung ethnozentrisch auf Gleichförmigkeit reduziertz wird.

Noch eklatanter ist die Fehleinschätzung in Bezug auf die Religionen. Womöglich gleichen sie sich in ihrer Essenz, jedoch trifft dies sicher nicht auf ihre heutige Gestalt zu. (Wenn man eine theologische Perspektive einnimmt, unterscheiden sie sich sogar schon in der Essenz).

Sama Maani hat gesagt…

An Deniz Sal.: Hier handelt es sich tatsächlich um die Perspektive des Rezensenten, die der Perspektive des Autors diametral widerspricht. Zur letzteren Perspektive vgl. u.a. Sama Maani, "Respektverweigerung: Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht", KLagenfurt 2015

bzw. meinen Artikel "Warum wir Linken über den Islam nicht reden können":

https://derstandard.at/2000050315751/Warum-wir-Linke-ueber-den-Islam-nicht-reden-koennen-1

11. April 2018 um 10:43