Montag, 16. August 2010

Wunderland 10. Teil

"There is nothing as practical as a good theory"



High Five


"Die Schülerinnen hatten ihre Schuhe ausgezogen, obwohl es sehr kalt war, Teheran liegt“, der Feine wandte sich wieder an mich, „am Fuße des Elburz, und im Gegensatz zu den Vorstellungen der Menschen bei uns, in den Bergen, sind die Winter in Teheran sehr kalt. „Wir hatten im Winter oft schneefrei“, sekundierte der Junge. Der Grobe fuhr fort, abwechselnd auf den Feinen zu schauen - voller Grimm -, resp., an dem Feinen vorbei, in die Luft. „Trotz des Winters hatten die Schülerinnen also ihre Schuhe ausgezogen, weil der, nach der Revolution eingesetzte neue Fernseh-Direktor einige Tage zuvor diesen berühmt gewordenen Satz gesagt hatte - in welchem Zusammenhang, weiß ich nicht mehr -, er fühle sich ausschließlich den Bloßfüßigen verpflichtet.

Ich schweife ab. An und für sich war ich ja, wie man in den Bergen hier sagt, darauf erpicht, berühmt zu werden, wozu dichtet man sonst?, aber nicht anläßlich einer Demo von Unrasierten und Schnauzbärtigen gegen Frauenrechte und für die Kleiderordnung der Klerikalrepublik. Übrigens fragte ich mich, und nicht erst bei dieser seltsamen Demo, woher all diese Schnauzbärtigen und Unrasierten auf einmal herkamen. Aus unserem Teheran doch nicht. Seltsam, daß ich angesichts meines plötzlichen Berühmtwerdens ausgerechnet diesen Gedanken hatte, und keinen anderen - bei genauer Betrachtung war ich jedoch überhaupt nicht berühmt - die unrasierte und schnauzbärtige“, der Feine wandte sich wieder an mich, „Sie verzeihen, Bagage hatte ja bloß meinen Vers skandiert:

Du mußt sie bezwingen!
Du mußt sie erziehen!
usw.,

ohne den Verfasser zu nennen. An jenem Tag waren die meinen Vers skandierenden Unrasierten - vermutlich als Gegengewicht gegen die Frauenproteste - so oft im Fernsehen zu sehen, und auch an den folgenden Tagen, daß mein Vers in Teheran bald in aller Munde war, vor allem bei der pubertierenden Jugend war sie äußerst beliebt, die ein Begrüßungsritual daraus machte: Der erste Jugendliche schlägt mit der Handfläche seiner erhobenen Rechten - wie beim amerikanischen High Five - auf die Handfläche der ebenfalls erhobenen Rechten des anderen, und sagt:
Du mußt sie bezwingen!
,
woraufhin der zweite Jugendliche seine Linke erhebt und auf die - nun ebenfalls erhobene - Linke des Ersten schlägt und sagt:
Du mußt sie erziehen!
,
woraufhin der Erste wiederum seine Rechte erhebt, auf die nun ebenfalls erhobene Rechte des Zweiten schlägt und sagt:
Wir sind in Teheran!
,
wonach der Zweite wieder seine Linke erhebt und auf die, ebenfalls erhobene Linke des Ersten schlägt, und sagt:
Und nicht in Berlin!
Daraufhin brechen beide in schallendes Gelächter aus, welches in der Regel gekünstelt wirkt, aber manchmal durchaus authentisch.“
Während der Feine das Begrüßungsritual beschrieb, hatte der Junge mehrmals enthusiastisch genickt, der Grobe einmal, und widerwillig, beide kannten das Ritual offenbar.

Wie die Schnauzbärtigen auf meinen Vers gekommen waren - diese Frage stellte ich mir erst nach der Frage, woher die ganze religiöse, Sie verzeihen, Bagage, dahergekommen war, dann aber stellte sich die Frage umso heftiger, da nur ich von jenem Vers wußte, nicht einmal die Kollegen vom Poesieclub, mit denen ich kaum mehr Kontakt hatte, wußten davon, nur ich – und das Mädchen. Also mußte das Mädchen den Vers an die religionsfaschistische“, der Feine wandte sich wieder an mich, „Sie verzeihen, Bagage weitergegeben haben, was ich mir aber nicht vorstellen konnte. Das Mädchen war alles andere als eine religiöse Faschistin, auch nicht ihre Eltern. Zwar waren ihre Eltern, die aus dem Süden stammten, konservativ, wie gesagt, aber keine Faschisten, und nicht einmal religiös - ich hatte ja mit den Eltern des Mädchens nur ganz selten gesprochen, da ich mich wegen meiner Liebe zu ihrer Tochter vor ihnen genierte, in diesen seltenen und eher kurzen Gesprächen hatten mich beide davor gewarnt, mich mit der Politik nur oberflächlich zu befassen, There is nothing as practical as a good theory, hatte die Mutter gesagt, die Amerikanistik studiert hatte, und der Vater: Ohne eine gute Theorie führt die Revolution in den Abgrund.“

wird fortgesetzt


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