Donnerstag, 12. August 2010

Wunderland 9. Teil

"Wie wunderte ich mich,
als ich im Fernsehen tausende
Unrasierte, resp. Schnauzbärtige
einen Vers aus meinem Frauenhasser

rezitieren hörte ..."


"Trotz meiner Beschäftigung mit dem zweiten Teil des Frauenhassers war ich, wie gesagt, ein Wrack - oder gerade weil: Die Arbeit am Frauenhasser hatte meine Sehnsucht und meinen Hass und mein Bedürfnis nach Rache, statt sie zu besänftigen, überhaupt erst entfacht, und nur die dramatische Zuspitzung der Revolution lenkte mich von meinem Liebesleid ein wenig ab. Es war die Zeit als der Kaiser Teheran verließ. Wenig später brach sein Regime zusammen und wir hatten gesiegt. Unmittelbar nach dem Sieg der Revolution begannen aber die Klerikalen ihre MitstreiterInnen eine nach der anderen kalt zu stellen. Die Liberalen und Bürgerlichen, die Nationalreligiösen, dann die Religionsmarxisten und Kommunisten. Als allererste mußten aber die Frauen daran glauben, die Seite an Seite mit den Männern - wie schon bei der konstitutionellen Revolution vor hundert Jahren - gekämpft und den entscheidenden Anteil am Sieg gehabt hatten. Einen Monat nach der Flucht des Kaisers brachte das Komitee für Frauen und Sittengefährdung mehrere Erlässe heraus, in denen den Teheranerinnen extrem strenge und, wie ich sagen muß, kuriose Bekleidungsvorschriften gemacht wurden. Seitdem sind den Teheranerinnen nur blaugraue, graue oder schwarze Kleider erlaubt. Über Dunkelbraun wurde lange debattiert. Nicht nur im Komitee, sondern auch im Revolutionsrat. Nach dem plötzlichen Ableben zweier säkularer Mitglieder des Revolutionsrats wurde Dunkelbraun abgelehnt, und ihre Haare dürfen die Teheranerinnen entweder nur kurz oder hochgesteckt tragen, blondes Haar ist ihnen verboten, den Männern aber nicht. Bei uns, in Teheran“, der Feine wandte sich wieder an mich, „sind - entgegen der falschen Vorstellung, bei uns hier in den Bergen, daß wir in Teheran alle schwarz seien - blonde Haare gar nicht so selten. Wie man bei Ihnen ja auch sieht.“ „Zu mir sagen sie in der Deutschsprachigen Provinz semmelblond“, sagte ich, im Tonfall von Menschen, die sich über ein Unrecht beklagen.
„Nach der Bekanntmachung der Erlässe“, sagte der Feine, ohne auf semmelblond einzugehen, „gingen hunderttausende Teheranerinnen auf die Straße, um gegen diese zu protestieren. Sie skandierten:

Keine Bekleidungs-Fad-ess-e!
Wir pfeiffen auf Eure Er-lässe!


bzw.:

Wir sind die falsche Adresse
Für Eure Bekleidungs-Fad-ess-e
Als ich die Frauen-Demo im Fernsehen sah - das Fernsehen war damals noch nicht gleichgeschaltet, oder noch nicht ganz - mußte ich an das Mädchen denken. D.h. ich hatte die ganze Zeit schon an das Mädchen gedacht, und mein Studium an der Schöngeistigen Fakultät, das ich jenem Herbst vor dem Sieg der Revolution begonnen hatte, war mir, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, ganz Blunzn, aber als ich die Frauen-Demo im Fernsehen sah, mußte ich noch mehr an das Mädchen denken, als ohnehin schon - ich war sicher, daß sie dabei war, sie hatte sich ja immer als RevolutionärIn gefühlt, wie alle in der Klasse, ausgenommen den Sam und jenen den Proleten genannten Kameraden, wir waren zusammen - das Mädchen und ich – bei allen Demonstrationen gewesen, hatten Flugblätter verteilt, unter Lebensgefahr usw. Als ich jene Frauen-Demo im Fernsehen sah, bei der das Mädchen, wie ich sicher war, dabei gewesen sein mußte, wurde mein Liebesleid, wie soll ich sagen, unerträglich, ich beschloß ihr zu schreiben, und da ich wußte, daß sie vorgehabt hatte, sobald sie zum Studieren anfangen würde, von ihren Eltern auszuziehen, sah ich im Telefonbuch nach – und fand tatsächlich ihre Adresse.
Ich setzte mich hin, um dem Mädchen zu schreiben, und all die Dinge, die ein junger und empfindsamer Revolutionär, der mitten in der Revolution von seinem Mädchen verraten und verlassen worden ist, diesem schreiben würde, gingen mir durch den Kopf, auf einmal beschloß ich, ihr gar nicht zu schreiben, stand auf, nahm das unfertige Manuskript meines Frauenhassers zur Hand, ging in ein Fotogeschäft, ließ es kopieren und schickte die Kopie an die Adresse des Mädchens. Jene Verse, die ich Ihnen vorhin“, der Feine wandte sich an mich, „ins Deutsche übersetzte, hatte ich mit Leuchtstift markiert:
Versuche sie also nicht zu verstehen.
Wie soll das auch gehen?
Sie versteht sich ja selbst nicht,
Und bevor sie dich bricht
Komm zum Verstand -
Und nimm ihr, bitte, das Heft aus der Hand
Du mußt sie bezwingen, Du mußt sie erziehen,
Wir sind in Teheran – und nicht in Berlin!


Wie wunderte ich mich, als ich, nach nicht einmal einer Woche, im Teheraner Fernsehen tausende unrasierte, resp. schnauzbärtige Männer einen Vers aus meinem Frauenhasser rezitieren hörte, als wäre dieser, wie soll ich sagen, eine Parole:


Du mußt sie bezwingen!
Du mußt sie erziehen,
Wir sind in Teheran!
Und nicht in Berlin!

Es handelte sich um eine Gegendemo von religiösen Faschisten, die sich gegen eine Demo von Schülerinnen richtete, die gegen die Bekleidungs-Erlässe protestieren - wie die Teilnehmerinnen der Massendemo einige Tage zuvor -, aber diesmal vor dem Gebäude der Fernsehanstalt."

wird fortgesetzt

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