Freitag, 27. August 2010

Wunderland 12.Teil

"... und der Beschluß, zu töten, war das Gegengift gegen die üble Melange".

Proletarische Volksfront

„Aber wie kam Sam, der Antirevolutionär und Sohn eines Wurstfabrikanten, zu den Revolutionären Frommen, resp. das Manuskript meines Frauenhassers zu Sam, resp. Sam zu dem Mädchen?

Du wirst Dich fragen, schrieb Sam, wie ich zu Deinen Versen gekommen bin. Meine Frau hat sie mir zum Lesen gegeben – sie sagte: 'Lies mal, das ist was für Dich'.

Ich brauchte Minuten, ich schwöre es, bis ich kapierte, daß mit ‚meiner Frau‘ natürlich das Mädchen gemeint war, und als ich es endlich kapierte … aber ich will Euch mit der Beschreibung meines Seelenzustands nicht langweilen, es ging mir, wie es einem Zwanzigjährigen halt geht, den sein Mädchen ohne Abschied und Erklärung verläßt, und der dann erfährt, daß sie geheiratet hat, nicht irgendwen, sondern seinen Klassenfeind - im doppelten Sinne des Wortes. Um es komplizierter zu machen, ist der Verlassene ein unbekannter, junger Dichter, und der Klassenfeind macht ihm das Angebot, ihn berühmt zu machen.

In den wenigen Zeilen, so Sam, die meine Frau mir gezeigt hat - mehr wollte sie mir nicht zeigen, so sehr ich sie darum bat - habe ich eine tiefe Verwandschaft zu den Idealen und Prinzipien von uns Revolutionären Frommen entdeckt - und weil er davon ausgehe, daß es von solchen Versen mehr geben müsse, schlage er, zur Besprechung unserer Zusammenarbeit zu beiderseitigem Nutzen, ein Treffen im Naderi vor, einem bekannten Künstler-Kaffeehaus in Teheran-Mitte.

Ich beschloß, den Brief zu vernichten, dann ihn an die Proletarische Volksfront zu schicken, die auf Anschläge auf Kleriker und deren Anhängerschaft spezialisiert war, ein paar kannte ich ja von der Volksfront“, der Feine wandte sich an den Groben, der, aber widerwillig, nickte, „Schließlich beschloß ich, es selbst zu erledigen. Zu dem Treffen, das er vorgeschlagen hatte, hinzugehen, und ihn grußlos zu töten. Sobald ich den Beschluß gefaßt hatte, fühlte ich mich, wie soll ich sagen, ganz frei. Es war der schönste Moment. Alles, was mich je geplagt hatte, schien nie existiert zu haben - die Sache mit Mutter“, der Feine wandte sich an den Groben, der wieder nickte, „die Geschichte mit dem Mädchen, der Konflikt mit dem Vater, und daß ich dünn war, und Brillenträger, und unsportlich, und die Zweifel, ob meine Dichtung es wert war, sie Dichtung zu nennen - und das ganze Persönliche verschmolz mit der Enttäuschung über die Revolution, die längst nicht mehr die unsere war, und, um ehrlich zu sein, sie war es niemals gewesen, sondern von Anfang an eine Revolution der religiösen Faschisten – das Persönliche verschmolz mit der Enttäuschung über die Revolution zu einer üblen, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, Melange, die meine Dichterseele vergiftete - und der Beschluß, zu töten, war das Gegengift gegen diese Melange. Bloß hatte ich mich, trotz der ganzen Revolution, nie mit dem Töten beschäftigt. Bei der Revolution hatte es natürlich Tote gegeben, aber das eigentliche Töten kam erst später. Auch kannte ich niemanden, der sich mit dem Töten auskannte, d.h. ich kannte die von der Volksfront, aber wiederum nicht so gut, daß ich mich ihnen hätte anvertrauen wollen - ich mußte mir selbst helfen. Zuerst dachte ich an einen Revolver. Da ich aber in praktischen und vor allem technischen Dingen sehr ungeschickt bin, ein weiterer Bestandteil jener üblen Melange, und den Umgang mit einem Revolver erst hätte lernen müssen, ich Sam aber so schnell wie möglich töten wollte - der Gedanke nicht so schnell wie möglich töten zu können, wäre unerträglich gewesen -, mußte ich auf den Revolver verzichten. Vergiften erschien mir zu weiblich, Erwürgen kam, weil Sam sportlicher und kräftiger war, nicht in Frage. Blieb das Messer".

wird fortgesetzt

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