Samstag, 3. Juli 2010

Wunderland 3. Teil

Machte dennoch keine Anstalten, mich mit Rockmusik zu befassen ...

„Fangen wir an.“, sagte der Grobe.
„Fangen wir an.“, sagte der Feine und er hielt, zum Zeichen, daß er noch ein Bier bestellen wollte, sein Glas in die Höhe. „Ich werde alles erzählen“, und zum Groben: „Du kannst Dich an Shirwani erinnern? Sam Shirwani?

Ich war, als ich den Feinen Sam sagen hörte, überzeugt, daß sich die Tatsache, daß man einen Teheraner Sam nannte, dem Einfluß der Amerikaner verdankte, dem Teheran ja nach den Angaben des Feinen vor der klerikalen Revolution ausgesetzt war - dem Einfluß der Amerikaner verdankte sich übrigens auch meine Frage über Teheran, die ich den Brüdern noch stellen wollte. Später erfuhr ich, daß Sam der Name eines Teheraner Helden der Mythologie sei.


„Sam“, sagte der Feine, an den Jungen, resp. an mich gewandt, „war mein Schulkamerad in der Parastu-Schule, in Nord-Teheran - Sam war alles andere als ein Freund, aber für mein Leben sollte er, wie soll ich sagen, wichtiger werden als alle Freunde zusammen. Sam war der Sohn eines Nord-Teheraner Wurstfabrikanten, dessen Produkte“, der Feine wandte sich jetzt an mich, „in Teheran jeder Greissler und jeder Supermarkt im Angebot hatte, und auf allen Fernsehstationen, und als Leuchtreklame an Hochhäusern und Verkehrsknotenpunkten und Autobahn-Ausfahrten waren die Wurtsprodukte von Sams Vater präsent, und ich glaube ohne zu übertreiben behaupten zu können, daß die Wurstprodukte von Sams Vater die in der Geschichte Teherans am besten beworbenen Produkte darstellen. Dennoch wurde Sam nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, wegen den Wurstprodukten seines Vaters von uns, seinen Klassen- und Schulkameraden, gehänselt, im Gegenteil – er war der beliebteste Schüler im ganzen Gymnasium. Wie zu erwarten gewesen wäre sage ich nicht wegen der in Teheran, wie auch in den Deutschsprachigen Bergen der Wurst inhärenten Lächerlichkeit, sondern weil der Gedanke an eine proletarische Revolution uns damals beherrschte - wir alle, die wir aus Familien der Mittel- und Oberschicht stammten, wie alle Gymnasiasten in allen Gymnasien Teherans, wir empfanden uns alle als proletarisch und infolgedessen als revolutionär - dennoch war die Revolution die ja bald darauf tatsächlich stattfand, keineswegs proletarisch - sondern klerikal. Was ich sagen wollte: In Anbetracht unseres proletarisch-revolutionären Bewußtseins wäre zu erwarten gewesen, daß Sam, dessen Vater einer der größten Kapitalisten im ganzen Teheran war, bei uns, seinen Mitschülern, unbeliebt gewesen wäre, was aber, wie schon gesagt, überhaupt nicht der Fall war, er war im Gegenteil der beliebteste aller Schüler. Mag sein, daß Sam's Beliebtheit mit der Tatsache im Zusammenhang stand, daß er einer der besten Fußballer in unserer Schule war, wenn nicht überhaupt der beste, obwohl damals in Teheran der Fußball keineswegs als proletarischer Sport galt, wie es z.B. hier, in den Bergen, der Fall ist, sondern im Gegenteil als amerikanisch und kapitalistisch, was natürlich lächerlich ist, weil man den Fußball in Amerika weit weniger liebt als bei uns. Dann war Sam – und auch das muß man, was seine Beliebtheit betrifft, in Rechnung stellen - Rockmusiker, er hatte als Kind schon E-Gitarre gelernt - und mit fünfzehn gründete er eine Band, die sich in Anlehnung an die Originalband aus Australien AC/DC nannte.

Ich kannte mich mit Rockmusik nicht aus, was ich sehr bedauerte, ich hätte mich gerne mit Rockmusik ausgekannt, weil sich mit Rockmusik auszukennen bei uns in der Schule als cool galt, ich machte dennoch keine Anstalten, mich mit Rockmusik zu befassen, wohingegen ich mich intensiv mit der Teheraner Lyrik befaßte - vor allem mit der traditionellen, weniger mit der modernen –, ich hatte schon in der ersten oder zweiten Unterstufe begonnen, Gedichte zu schreiben, also mit zehn oder elf. Je älter ich wurde, desto häufiger schrieb ich Liebesgedichte - und dann kam das Mädchen“ - und bis zum Ende sagte der Feine das Mädchen, ohne einen Namen zu nennen. „Das Mädchen hatte ein schmales Gesicht, das ihrem schmalen Körper entsprach, dunkle Haare und eine dunkelbraune Haut, im Unterschied zu der lhellen bis sehr hellen Haut der anderen Mädchen unserer Schule, die alle aus Nord-Teheran stammten.

Das Mädchen stammte aus einer im Süden von Teheran angesehenen Buchhändlerdynastie, sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater waren BuchhändlerInnen, die, als ich die vierte Klasse besuchte, in unser Viertel gezogen waren, wo sich auch unser Gymnasium befand, um vis à vis unseres Gymansiums eine Buchhandlung zu eröffnen. Diese Buchhandlung werde ich niemals vergessen, d.h. den Geruch, die Buchhandlung bestand aus einem schmalen, länglichen Raum, mit einem Holzboden, und ich glaube, der Geruch der Buchhandlung war der Geruch jenes Holzbodens, der übrigens dem Holzboden dieser Gaststube hier ähnelte …“ „Das ist ein Schiffsboden“, sagte ich, und es war, als hätte der Schiffsboden wieder zu schwanken begonnen.

„Die Buchhandlung hatte einen Vertrag mit unserem Gymnasium, wir durften dort Bücher entlehnen, und wenn jemand ein entlehntes Buch behalten wollte, wurde die Entlehngebühr vom Kaufpreis abgezogen.
Vor der Eröffnung der Buchhandlung kannte ich nur die Bücher unserer Eltern, Gott habe sie selig, obwohl ich auch schon vor der Eröffnung der Buchhandlung, wie soll ich sagen, ein Bücherfanatiker war, unsere Mutter“, der Feine wandte sich an mich, „war Bergbau-Ingenieurin, und besaß viele Sachbücher, die mich nicht sonderlich interessierten, aber der Vater“, der Feine suchte den Blickkontakt, zuerst mit dem Jungen, und dann mit dem Groben, der ihn aber verweigerte, „erinnert Ihr Euch, der Vater hatte, neben seinen Romanen - übrigens auch etliche deutschsprachige - zahllose Werke unserer alten Teheraner Meister. Wie die meisten meiner Teheraner Altersgenossen schrieb ich damals Gedichte, und wie ich meine, gar nicht so schlechte, einmal hatte Die Beschaulichkeit, das Teheraner TV-Magazin, über die Vermittlung einer Kousine der Mutter, einer Sportjournalistin, ein Gedicht von mir publiziert, das sich vordergründig mit dem Jahreszeitenwechsel befaßte, und mit den Worten endete:

Bald kommt der Frühling,
Dann sind wir frei,
Nicht ewig währt die Tyrannei.

Es war im letzten oder vorletzten Jahr der Herrschaft des Kaisers. Dennoch wurde das Gedicht unzensiert abgedruckt, vermutlich waren die Redakteure der Beschaulichkeit, wie wir alle in Teheran, vom Virus der Revolution infiziert, die als proletarische anfing und in eine klerikale mündete.


Nach der Veröffentlichung meines Jahreszeitengedichts wurde ich plötzlich berühmt. Nicht im ganzen Teheran, aber ich galt in der Schule fortan als Poet, und gründete zusammen mit einigen anderen Jungen einen Poesie-Club, den Club der Toten Dichter. Ich weiß schon“, sagte der Feine, nachdem er meinen irritierten Blick registriert hatte, „ich weiß, der Film ist erst später entstanden, da gab es unseren Poesie-Club nicht mehr, und nicht einmal mehr das Gymnasium, aber der Film hat mich derart beeindruckt, und so sehr an unseren Poesie-Club erinnert, daß ich ihn im Nachhinein Club der Toten Dichter genannt habe, und wie wir ihn damals tatsächlich genannt hatten, habe ich wieder vergessen. Der Club hatte außer mir noch vier Mitglieder, glaube ich, lauter unsportliche Brillenträger. Um die Poesie der alten Teheraner Meister zu fördern, schrieben wir Gedichte im Stil jener Alten, die wir einander in der Teeküche der Buchhandlung der Eltern des Mädchens vorlasen. Wir hatten auch eine Wandzeitung, Die Welt im Wort oder Das Wort in der Welt.

Einmal saß ich auf einer Bank, im Pausenhof des Gymnasiums, und aß mein Wurstbrot ­- auf Anraten unseres Kinderarztes gab mir unsere Mutter, weil ich so dünn war, täglich ein Wurstbrot, das mußte ich essen -, da stand auf einmal das Mädchen vor mir. Ob sie etwas fragen dürfte? Sie stand vor mir in einer Jeanshose, die werde ich niemals vergessen, eine gewöhnliche Jeans, bloß daß deren Blau dunkler war, und, wie man in der Deutschsprachigen Provinz gesagt haben würde, fader als die Jeanshosen der Mädchen aus Nord-Teheran. Das Mädchen hatte bis dahin mit mir überhaupt nicht gesprochen, obwohl sie seit Monaten unsere Schule, resp. unsere Klasse besuchte. Die Menschen in Süd-Teheran“, der Feine wandte sich wieder an mich, „sind in der Regel konservativ eingetellt, die im Norden in der Regel modern, und die Eltern des Mädchen waren, wie mir das Mädchen später erzählte, ganz besonders konservativ, so daß das Mädchen auch mit den anderen Jungen in unserer Klasse nicht sprach – wohingegen die anderen Mädchen unserer Klasse, die aus Nord-Teheran, pausenlos mit den Jungen sprachen. Ich weiß, daß Du Gedichte schreibst, sagte das Mädchen, auch sie täte das. Ob sie dem Club der Toten Dichter beitreten dürfte?


Das Mädchen hatte mich, seitdem sie das erste Mal unsere Klasse betreten hatte, beschäftigt. Mir gefiel ihre Schüchternheit und was die Kameraden ihre Unschuld nannten, Immerhin, hatte Arman gesagt, ein ständig rülpsender, Kamerad, dessen Vater mehrere Diskotheken besaß, und den wir den Proleten nannten, was aber trotz unserer proletarisch-revolutionären Haltung nicht wertschätzend gemeint war, immerhin, hatte Arman gesagt, ist sie im Unterschied zu den anderen keine Hure. Das Mädchen hatte mich also beschäftigt, wegen ihrer, von den Kameraden sogenannten Unschuld, aber auch wegen ihres Körpers, das schmal war, aber trotz schmal, wie soll ich es sagen, sehr weiblich, ich hatte vor, über ihren Körper, ihre Schüchternheit und ihre Unschuld je ein Gedicht zu verfassen. Als sie mich fragte, ob sie mich etwas fragen dürfte, war ich aufgesprungen, und wußte nicht, was ich mit meinen Händen und meiner Wurstemmel anfangen sollte. Um ihre Frage zu beantworten, nickte ich, reden konnte ich nicht, weil ich aufgeregt war, aber sie konnte das Nicken nicht sehen, weil sie - als sie mich fragte, ob sie mich etwas fragen dürfte - ihren Kopf gesenkt hielt. Sie hatte dann aber, ohne mein Nicken gesehen zu haben, ihre Frage gestellt, offenbar hatte sie ihre erste Frage aus reiner Etikette gestellt. Im Süden“, der Feine wandte sich wieder an mich, „sind die Menschen konventioneller und höflicher als die Menschen im Norden. Das Mädchen hielt also ihren Kopf gesenkt während sie sprach, aber als sie sagte, sie schreibe Gedichte, hob sie ihn, und ich sah ihre Augen, und in ihren Augen ein Leuchten. Ich hatte niemals zuvor Augen leuchten gesehen, und hatte mich immer gefragt, was das denn heißen soll, daß Augen leuchten. Nun wußte ich es. Aber ich habe an jenes Leuchten in den Augen des Mädchens keine Erinnerung mehr, ich weiß zwar, daß in jenem Moment ihre Augen leuchteten, aber es gibt daran kein Erinnerungsbild, weil ich mich damals, als sie den Kopf hob, und ihre Augen leuchteten und sie sagte, sie schreibe Gedichte, auf einmal in das Mädchen verliebte, und weil die Erinnerung an dieses Mich-auf-einmal-in-das-Mädchen-Verlieben die anderen Erinnerungen an jenen Augenblick ausgelöscht hat - abgesehen vom Erinnerungsbild an jene Semmel, die ich in der Linken hielt, nachdem ich sie zwischen meiner Rechten und meiner Linken hin und her geschoben hatte, weil ich auf einmal nicht mehr gewußt hatte, was ich mit der Semmel und mit meinen Händen, anfangen sollte.


Andere Erinnerungen zeigen mich und das Mädchen Hand in Hand, im Hemingway-Park, was ihre aus dem Süden stammenden Eltern, wenn sie es denn gesehen hätten, umgebracht hätte. In diesen Erinnerungen ist es immer Sommer, ich habe das Mädchen aber niemals geküsst. Dann die Erinnerung an diesen Hügel, ebenfalls im Hemingway-Park, auf dem wir sitzen, Rücken an Rücken, und lesen, das Mädchen hat mich gelehrt Romane, zu lieben, aber auch Comics, bevor ich mich in das Mädchen verliebte, glaubte ich, wie alle in unserer Klasse, Comics und Cartoons seien amerikanischer Schund.


Das Mädchen hatte immer gesagt, ich sei der einzig interessante Junge im ganzen Gymnasium. Und Sam, fragte ich, alle reden von Sam. Und sie: Sam sei, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, genau der gleiche Prolet wie der Armin, und außer den Schulbüchern lese er sicher überhaupt keine Bücher. Im foglenden Schuljahr kam es zur ersten Krise unserer Liebe - wenn es denn Liebe war, ich bin mir im Nachhinein nicht mehr so sicher, d.h. ich bin es, was mich betrifft schon, aber lassen wir das. Am letzten Schultag, zugleich der letzte Tag des alljährlich sattfindenden Projektunterrichts, hatte unser Club ein Dichterfest organisiert, die Clubmitglieder sollten selbst verfaßte Gedichte verlesen, inkl. des Mädchens, das Mädchen war, soweit ich mich erinnere, das sechste und jedenfalls einzige weibliche Mitglied des Clubs -, und als Höhepunkt unseres Festivals hatten wir an die Vergabe eines Literaturpreises gedacht. Ich war über die Maßen enttäuscht, daß nur eine Handvoll, übrigens lauter Jungen, für unseren Literaturwettbewerb überhaupt einen Text eingereicht hatten, obwohl wir uns alle, was die Werbung für den Literaturwettbewerb anbelangt, über die Maßen angestrengt hatten, vor allem das Mädchen und ich, trotz unserer beider Schüchternheit, d.h. wir alle im Club waren schüchtern, und Brillenträger, allerdings trug das Mädchen Kontaktlinsen.


Das Desinteresse der Kameraden an unserem Dichterfest kränkte mich umso mehr, weil ich gleichzeitig mit ihrem überwältigenden Interesse an ein Rockkonzert von AC/DC konfrontiert war, Sams Rockgruppe, das am ersten Tag des Projektunterrichts hätte stattfinden sollen, man sprach von nichts anderem, und überall in der Schule hatten Mitarbeiter von Sams Vaters Wurstpalast, einem Gebäudekomplex, unweit der Schule, in dem sich
Kinos,
Diskotheken,
Schönheitssalons,
eine Sauna,
und Bars
befanden, und diverse Restaurants, wo es in den unterschiedlichsten Variationen Wurst gab, Hotdogs, Pizze und Pasta mit Wurst, Reis mit Wurst, Burger und Sandwichs und Salate mit Wurst, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, es gab ein Wurst-Eis, dessen Gechmack ich niemals vergesse, und Wurstkaugummis - überall in der Schule hatten die Wurstpalast-Männer Werbeplakate für das AC/DC-Konzert affichiert, sogar in der Buchhandlung der Eltern des Mädchens.

Drei Tage vor dem Konzert verkühlte sich Sam, und man sprach von nichts anderem als von dieser Verkühlung, am Samstag, an dem das Konzert hätte stattfinden sollen, dem ersten Tag des Projekt-Unterrichts, waren auf den Werbeplakaten orange Streifen angebracht, mit der Aufschrift: Verschoben auf Donnerstag, dem soundsovielten! Ich werde den Anblick dieser orangen Streifen niemals vergessen, am Donnerstagabend hatten wir unser Poesiefest, und falls das Konzert von Sam am selben Abend stattfinden würde, würde kein Schwein, Sie verzeihen“, der Feine wandte sich an mich, „kein Schwein zu unserem Poesiefestival kommen. Ich war schockiert, und ohne mich mit den anderen vom Club, zu beraten, stürmte ich in das Büro der für den Projekt-Unterricht zuständigen Geschichte- und Geographie-Professorin“, der Feine wandte sich an den Groben, „Du kennst sie, die Teherani. Ich war an und für sich ein Schüchterner, das sagte ich schon, aber sobald ich die Streifen mit der Aufschrift: Verschoben auf Donnerstag! sah, fiel die Schüchternheit von mir ab, und ich lief zur Teherani, ich hatte ganz leise zu sprechen begonnen, dann expoldierte ich, und begann, auf einmal, zu schreien, ein Verbrechen sei das, dem Konzert des Sohnes eines Wurstmagnaten und Kapitalistenschweines vor ein proletarisches Literaturfest den Vorzug zu geben - in Wahrheit waren unsere Gedichte im Stil der Alten verfaßt, wie gesagt, insofern also keineswegs proletarisch, aber ich wußte, daß die Teherani einem Kommunistendynastie angehörte, ihre Großmutter hatte während der Konstitutionellen Revolution - sie war Kommunistin und Feministin gewesen – einem Gardeoffizier das Ohr abgebissen“, der Feine wandte sich wieder an mich, „wir hatten, resp. wir haben in Teheran seit 1840 alle dreißig Jahre eine Revolution. Fräulein Teherani verhielt sich mehr als freundlich zu mir, trotzdem oder weil ich geschrien, und mich als Repräsentant eines proletarischen und zornigen Poesie-Clubs dargestellt hatte, ich sollte später erfahren, daß Teherani keineswegs Kommunistin war, sondern Buddhistin. Buddhist zu werden, war in Teheran schon damals in Mode, mit ihrer Familie hatte sie gänzlich gebrochen und haßte die Politik. So was liebt die Jugend, sagte die Teherani, womit sie die Rockmusik meinte, oder vielleicht Sam, man müsse die Jugend verstehen, sie klang, als wäre sie alt, und auch ich, dabei war sie damals maximal 30, was uns aber schon sehr alt vorkam, Leichenschändung, hatte Arman gesagt, jener rülpsende Kamerad, als von einer Affäre Sams mit einer 30-jährigen Professorin die Rede gewesen war - oder war sie Trainerin in einem Fitnesstudio im Wurstpalast?, wie auch immer, ich war damals siebzehn. Die Jugend, wiederholte die Teherani, liebe solche Musik, das sei nun mal so, und die einzige Möglichkeit, das Konzert vor den Ferien stattfinden zu lassen, sei der Donnerstagabend, davor sei nicht zu erwarten, daß Sam genese - und danach seien die Ferien. Als Alternative für unser Poesifest käme jeder andere Abend der Projekt-Woche in Frage, der große Pausenhof, den ich schon ein halbes Jahr zuvor für den Donnerstag reservieren hatte lassen, sei aber - an diesen anderen Abenden – besetzt, womöglich sei das aber ohnehin besser, nein, sicher sogar, denn zu unserer Veranstaltung würden ohnehin nicht die Massen erwartet, so sei halt die Jugend, wir sollten das Poesiefest am besten an einem anderen Abend abhalten – und auf jeden Fall am kleinen Pausenhof, da würde es nicht weiter auffallen, wenn die Massen nicht kämen – aber bitte auf keinen Fall am Donnerstagabend, da würde ja am großen Pausenhof AC/DC auftreten. Der große Pausenhof, sagte ich, ist doch … am Donnerstagabend schon seit Monaten für uns reserviert! Theoretisch, sagte die Teherani, ja, und natürlich könntet Ihr darauf bestehen, daß Euer Poesiefest, am Donnerstagabend, auch tatsächlich am großen Pausenhof stattfindet, aber überlegt Mal - in diesem Moment wurde mir schwarz vor den Augen, überlegt Mal, niemand würde es einsehen, wenn das Poesiefest im großen Pausenhof stattfinden würde, und Sam auf den kleinen ausweichen müsste, was lächerlich wäre, und außerdem, es hätte doch keinen Sinn - der kleine und der große Pausenhof liegen doch nebeneinander, wenn Ihr das Poesiefest am großen Pausenhof abhalten würdet und Sam sein Rockkonzert am kleinen Pausenhof, würdet Ihr beim Vorlesen Eurer Gedichte, Eure eigenen Stimmen nicht hören.

Ich war aufgestanden und hatte das Büro der Teherani wortlos verlassen, die in meiner Erinnerung mein Aufstehen überhaupt nicht bemerkte, und fortfuhr, über die Jugend zu reden, wie sehr sie die Rockmusik liebe, als PädagogIn habe man es in Teheran schwer heutzutage usw. Ich ging stracks zu unserer Direktorin, deren Büro sich vis à vis des Büros der Teherani befand, die Direktorin war eine mollige Dame, um die vierizig, und keinesfalls hübsch, nicht so hübsch jedenfalls wie die Teherani, die mir persönlich aber gar nicht gefiel, alle anderen fanden sie jedoch überwältigend hübsch, Die mußt man, Sie verzeihen“, der Feine wandte sich wieder an mich, „die mußt man gefickt haben, sagte Arman, der besagte Prolet, es ging das Gerücht, daß die Teherani und die Lawasani, so hieß die Direktorin, miteinander nicht konnten, ich unterließ es daher nicht, darauf hinzuweisen, daß unseres Erachtens die Teherani an allem schuld sei. Wir haben vor Monaten bei Fräulein Teherani den großen Pausenhof für unser proletarisches Projekt reserviert, und jetzt kommt der Sohn dieses Wurstfabrikanten und Schweins mit seiner amerikanischen Band und wird krank und wir - sollen das Feld räumen? Ist das im Sinne - ich wollte sagen, im Sinne der Revolution, die damals ja schön langsam in Gang kam, da fiel mir ein, daß die Lawasani und ihre Familie als kaisertreu galten, nicht zu Unrecht, sie wurde gleich nach der Revolution, und auch ihr Ehemann, von einem Sondergericht für Pädagogen erschossen, im Übrigen unter dem Beifall“, der Feine wandte sich an den Groben, „der kommunistischen Medien, Du weißt es, die jedes Todesurteil der Sondergerichte begrüßten, und immer mehr Todesurteile forderten, bis dann das Regime der klerikalen Faschisten die Kommunisten selbst abzuschlachten begann. Ich wollte also sagen, Nein ich sagte tatsächlich: Ist das im Sinne der Revolution? Nein, sagte die Lawasani, stand auf und ging in das Büro der Teherani und kam kurz darauf, von ihr begleitet, zurück . Die Teherani war blaß. Selbstverständlich könnt Ihr das Fest am Donnerstag am großen Pausenhof abhalten – dann wollte sie noch etwas sagen, sagte aber nichts mehr und verließ das Büro der Direktorin, ohne sich von mir oder von ihr verabschiedet zu haben.



wird fortgesetzt

Mittwoch, 30. Juni 2010

Wunderland 2. Teil

Das hier ist ein Gericht. Oder hatte er Gerücht sagen wollen? ...


„Fangen wir an“, sagte der Grobe.
„Fangen wir an“, sagte der Feine.
Der Junge seufzte. Was Djubs seien, fragte ich. „Djubs, das sind die Wasserläufe in Teheran“, sagte der Feine „ähnlich den Wasserläufen in F.“, der Feine nannte den Namen einer wegen ihrer Schönheit bekannten, Provinzstadt, in den Deutschsprachigen Bergen, „ähnlich den Wasserläufen in F., jedoch tiefer und schmutziger.“

„Fangen wir an“, sagte der Grobe.
„Fangen wir an“, sagte der Feine, und während seine Blicke zwischen unseren Biergläsern hin und her pendelten: „Ich gestehe - ich war bei den Blauen“. „Wissen wir doch“, sagt der Junge, „weil Du reiten wolltest“. Und zu mir: „Wie gerne ich reiten können würde, wie Kambis, mein Bruder, , aber in Teheran darf man nicht reiten, und in den Deutschsprachigen Bergen sagen sie, das Reiten sei etwas für die ganz jungen Mädchen“.
„Für die … ganz jungen?“, die Augen des Groben schienen auf einmal zu leuchten, ohne jedoch daß das Leuchten das Grimmige in seinem Gesicht verdrängt hätte. „Ich meine Kinder“, sagte der Junge, ohne den Groben anzusehen, „neun-, zehnjährige“, und zu mir: „Die Blauen nennt man in Teheran die berittene Sittenmiliz, die dunkelblaue Jeanshemden tragen. Sie sind für das Kontrollieren der Bekleidung von Frauen zuständig, und für das Verprügeln bei Demonstrationen und in den Gefängnissen für das Foltern und … die Verhöre“. Ich war mir nicht sicher, aber ich hatte den Eindruck, daß der Junge, nachdem er „für das Foltern“ gesagt hatte, noch ein anderes Wort sagen wollte, das er dann aber doch nicht gesagt hatte, resp. er hatte, statt jenes Wort, „Verhöre“ gesagt.
„Mein Bruder ist zu den Blauen ja nur, weil in Teheran das Reiten als kaiserlich diffamiert und verpönt ist. In Teheran haben Sie überhaupt nicht die Möglichkeit zu reiten, außer Sie sind bei der Sittenmiliz, oder sehr reich.“ Und zum Feinen: „Du bist zu den Blauen, nicht wahr, um das Reiten zu lernen, aber ohne im Endeffekt ... “
„Laß ihn doch selbst reden“, sagte der Grobe dem Jungen, wobei er seinen Kopf schüttelte, auf eine Art, wie ich es nur von Teheranern kenne, knapp bevor sie, bei einer Diskussion zum Beispiel, in Rage geraten, „Du willst doch nicht sagen – “, sagte der Junge, „Nichts will ich“, sagte der Grobe, in einer Lautstärke, die mir schon peinlich war, der Feine erhob seine Hände, als wollte er sich ergeben, und mit diesem Erheben der Hände schien er den anderen beiden, denen er die erhobenen Handinnenflächen zugewandt hatte, Einhalt gebieten zu wollen, was ihm gelang. Das Gesicht des Jungen schien jetzt weniger gereizt, das des Groben weniger grimmig, der Feine wandte sich an mich. „Das hier ist ein Gericht“. Ich verstand wieder nichts, und dachte an „Gericht“, zuerst im Sinne einer Verhandlung, im Gerichtssaal, dann im Sinne von Speise. Beides ergab keinen Sinn. Auch sprach der Feine ein perfektes, wenn auch nicht akzentfreies Deutsch, weshalb es ausgeschlossen erschien, daß er mit „Gericht“ das Bier gemeint haben könnte. Oder hatte er „Gerücht“ sagen wollen?

In Teheran sei eine Revolution im Gange, so der Feine, die das herrschende Regime hinwegfegen würde, bei genauer Betrachtung sei es aber nicht sicher, ob die Revolution das Regime hinwegfegen würde, denn in Teheran herrsche ein rücksichtsloses Mörderregime, ähnlich jenem rücksichtslosen Mörderregime, das vor Jahren hier in den Bergen geherrscht hätte - in einer Hinsicht habe aber die Revolution schon gesiegt. Ein Rat, bestehend aus Vertretern aller Berufsstände und Regionen von Teheran, habe sich des moralischen Aspekts der Revolution angenommen, indem er den Aspekt der Moral in die Revolution eingeführt, resp. die in der Revolution bereits vorhandenen moralischen Ansätze weiterfgeführt hätte.
„In der alten Zeit“, sagte der Feine, „vor der Machtergreifung des Klerus, hätten sich die Teheraner an die Gebote der Moral aus eigenem Antrieb gehalten, der Klerus jedoch hätte diverse Institutionen der Moral installiert, etwa die Sittenmilizen und die Sittenpatrouillen oder die Sitten-Staats- und -Geheimpolizei oder die diversen Sondergerichte für
Kinder
und Frauen
und Männer
und Alleinerziehende
und Jugendliche
und Alkoholiker
und Suchtkranke
und Journalisten
und Künstler
und Geistliche
und Homosexuelle
und Behinderte
und Geschiedene
und Andersgläubige
und Wiederverheiratete
und psychiatrische Fälle
um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Durch diese Institutionen würden die Teheraner seit Jahrzehnten andauernd kontrolliert, so daß sie mit der Zeit die Fähigkeit zur Eigenkontrolle sowie der Eigenbewertung ihres Verhaltens verloren hätten, und Teheran daher in Sachen Korruption
und Prostitution
und dem Handel mit Drogen
und Körperorganen
und Vergewaltigungen
und Mord
und durch Alkohol ausgelöste Verkehrsunfälle,
um nur einige wenige Beispiele zu nennen,
mittleweile international führend sei.

Der Rat habe nun, genauer "Der Revolutionäre Rat zur Wiederherstellung und Förderung der Eigenmoral" habe nun teheranweit zur Wiederherstellung und Förderung der Eigenmoral eine Kampagne gestartet, und man fände infolge dieser Kampagne bei einem Großteil der Bevölkerung Teherans jetzt bereits wieder Ansätze einer Eigenmoral, welche für den Aufbau einer neuen Gesellschaft nach dem allfälligen Sieg der Revolution die wichtigste Grundlage sei.
Wann jedoch dieses klerikale Regime - und ob überhaupt -, von der Revolution hinweggefegt werden würde, sei, so der Feine, nicht sicher, weshalb der Rat in seinem jüngsten Kommuniqué die Bevölkerung aufgerufen hätte, schon jetzt die Tatsache ihrer wiedergewonnenen Eigenmoral zu benützen. Jede Teheranerin, resp. jeder Teheraner, so der Rat – ob in Teheran oder im Ausland -, sollte sich einer Einvernahme durch die Mitglieder ihrer, resp. seiner Familie unterziehen, und sollte der oder die Betroffene eines Verbrechens im Dienste des klerikalen Regimes für schuldig befunden werden, muß das Familiengericht den Delinquenten aburteilen und im Sinne der Eigenmoral ihrer, oder seiner Strafe zuführen.
Es sei ja nicht etwa so, so der Feine, daß die Verbrechen dieses Regimes bloß von einer schmalen Kaste klerikaler Politiker verübt worden wären, vielmehr hätte sich seinerzeit ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung mit Leib und Seele jener Revolution, welche die Kleriker an die Macht gespült hätte, verschrieben – und ein nicht unbeträchtlicher Teil dieses Teils wiederum habe als verlängerter Arm des Regimes, die schlimmsten Verbrechen begangen.
Die vom Rat angeordneten Familiengerichte müßten jetzt abgehalten werden, wiederholte der Feine, jetzt oder nie, ansonsten könnte ein allfälliges Wiedererstarken das klerikale Regime in die Lage versetzen, mithilfe der o.g. Instititutionen die wiederauferstandene Eigenmoral zu untergraben, resp. in weiterer Folge überhaupt auszulöschen.

„Fangen wir an“, sagte der Grobe.
„Fangen wir an“, sagte der Feine.
Der Junge seufzte.
„Ich will nicht, daß der Eindruck entsteht“, sagte der Grobe, „daß irgendetwas zwischen uns“, seine Zeigefinger pendelten mehrmals zwischen dem Gesicht des Feinen, und seinem eigenen hin und her, „daß irgendetwas zwischen uns auf das Urteil einen Einfluß gehabt haben könnte, weshalb ich hiermit dafür plädiere, daß jemand Außenstehener und Neutraler unserer Verhandlung beiwohnen soll, und ich möchte“, er wandte sich an mich, „Sie darum bitten, Sie, als unseren Landsmann aus Teheran, auch, wenn Sie angeben, die Sprache nicht zu verstehen, diesen Prozeß, so aufmerksam wie nur möglich zu verfolgen - und ich bitte Sie, melden Sie sich beim geringsten Verdacht auf Voreingenommenheit meinerseits.“
Ohne mir die Gelegenheit zu geben, seiner Aufforderung zuzustimmen oder sie abzulehnen, fuhr der Grobe fort, sekundiert von seinem Bruder, dem Feinen - der Junge schwieg -, mir mitzuteilen, daß die Einvernahme aller drei Brüder im Sinne des Kommuniquès des Revolutionären Rates bereits stattgefunden, und es sich herausgestellt hätte, daß der Feine - was aber ohnehin schon bekannt gewesen wäre, nun sei es aber sozusagen amtlich - daß der Feine bei den "Blauen" gewesen sei. Der Junge schien die Rede des Groben mehrmals unterbrechen zu wollen, und jedesmal hatte der Grobe aber grimmig zu ihm hinübergeschaut, so daß der Junge an sich gehalten und letztlich nichts gesagt hatte. Heute, so der Grobe, müsse geklärt werden, ob sich der Feine - und wenn ja welcher - Verbrechen im Dienste der Blauen schuldig gemacht hätte, und sollte er für schuldig befunden werden, müsse Art und Ausmaß der Strafe im Sinne der neuen revolutionären Eigenmoral festgesetzt und ausgeführt werden.

wird fortgesetzt

Sonntag, 27. Juni 2010

Literarische Solidarität mit der Protestbewegung im Iran - Vorankündigung einer Veranstaltung im Oktober




















Im Herbst 2009 diskutierte ich mit Vladimir Vertlib



http://de.wikipedia.org/wiki/Vladimir_Vertlib

über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der iranischen Protestbewegung und den 1989er Revolutionen in Osteuropa, die sich ja 2009 zum zwanzigsten Mal gejährt haben – und über die Frage, wie es einem geht, wenn man die Revolution in seiner Heimat aus der Perspektive des Exils erlebt. Aus diesem Gespräch wurde die Idee einer Lesung zur Solidarität mit der Demokratiebewegung im Iran geboren.


Bald war auch Julya Rabinowich



http://julyarabinowich.com/

und etwas später Renate Welsh



http://de.wikipedia.org/wiki/Renate_Welsh

mit von der Partie. Es dauerte aber noch bis wir einen Veranstalter (Werner Korn) und einen Veranstaltungsort (echoraum wien, link siehe unten) gefunden hatten und – viel länger – bis wir uns auf einen Termin einigen konnten. Jetzt endlich sind wir soweit, eine erste Ankündigung unserer Solidaritäts-Lesung ausschicken zu können.



Revolution im Iran: Literarische Solidarität



Iranische und nicht-iranische Autorinnen und Autoren lesen und diskutieren.



Ort: echoraum wien, Sechshauser Straße 66, 1150 Wien




Zeit: Freitag, 22. Oktober 2010, 19:30



AutorInnen: Renate Welsh, Julya Rabinowich, Vladimir Vertlib, Sama Maani



Eintritt: 10.-/5.-

Der Erlös der Veranstaltung fließt an „Ärzte für Menschenrechte im Iran - Wien“ http://www.iran-scientists.net/



Wie erlebt man die Revolution in der Heimat aus der Perspektive des Exils?



Für jene Iraner, die schon im Exil waren, als 1979 im Iran eine Revolution ausbrach, berühren die Ereignisse nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 in mehrfacher Weise das Thema Rückkehr: Rückkehr der Erinnerungen an jene Zeit, in der sich, angesichts der durch die 1979er Revolution ausgelösten Hoffnungen, viele von ihnen für die Rückkehr in die Heimat entschieden - um kurz darauf wieder die Rückkehr ins Exil antreten zu müssen.



Die Rückkehr der Vergangenheit findet aber nicht nur in der Erinnerung der Exilierten statt. Die aktuelle iranische Protesbewegung als solche wird häufig als eine Reinszenierung der 1979er Revolution wahrgenommen – und es erhebt sich die Frage wie dieser Rückbezug zu bewerten ist: Muss sich die Geschichte immer nur als Farce wiederholen? Oder kann eine revolutionäre Bewegung gerade durch die Reinszenierung ihrer Vorgänger-Revolution diese rückwirkend von ihren Traumen befreien?



Solche und ähnliche Fragen - u.a. auch die Frage nach Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen der „Grünen Bewegung“ im Iran und den Revolutionen 1989 in Osteuropa – bilden den thematischen Horizont einer Lesung, mit der ein iranischer Autor und drei nicht-iranische AutorInnen ein Zeichen der Solidarität mit der iranischen Protestbewegung setzen möchten. Im Anschluss an die Lesung ist eine Publikumsdiskussion geplant.

Samstag, 26. Juni 2010

Wunderland 1.Teil

... eines jener Gesichter, die etwas sagen wollen und Du willst es nicht hören, und niemand hat es jemals gehört.


Ich weiß zwar von meinen Eltern, die mich seinerzeit in dieses Land gebracht haben, um dann bei einem Verkehrsunfall zu versterben, ich weiß zwar von meinen Eltern, daß sie aus Teheran stammten, und also auch ich, aber ich habe keine Erinnerung an Teheran, obwohl mich jedesmal, wenn ich die Sprache Teherans höre, eine Empfindung durchströmt, ein Empfindungsstrom ergießt sich - auch wenn ich kein Wort der Sprache zu verstehen vermag - von meiner Kopfhaut hinunter in meine Körperorgane.

Das Land, in das mich meine Eltern gebracht haben, als ich zwölf war, ist ein deutschsprachiges, und ich bewohne eine Kleinstadt in den Deutschsprachigen Bergen, die in Wahrheit ein Dorf ist.

Neulich mußte ich, um Besorgungen zu machen, in die Hauptstadt einer der Landesprovinzen, eine charmante Provinzstadt, von der sie sagen, sie habe etwas Mediterranes. Ich war mit dem Zug angereist, nahm, um in die Altstadt zu kommen, die Tram, und vertiefte mich, sobald ich mich hingesetzt hatte, in ein Buch über Churchill. Eine Station vor dem Hauptplatz schreckte ich auf. Eine laute Musik war zu hören, eine Marschmusik, die einen kriegerisch stimmte, wie Marschmusiken es an sich haben, aber zugleich melancholisch. Ich sah aus dem Fenster. Hunderte, größtenteils schwarz und auffallend gut gekleidete Frauen und Männer bewegten sich hinter einem Kleinbus, in Richtung Hauptplatz, auf dem Dach des Kleinbusses war ein Lautsprecher, aus der die Marschmusik kam - jetzt war die sonore Stimme eines Mannes zu hören, weniger kriegerisch, aber melancholisch, und wieder begann mich jene Empfindung zu durchströmen, die mich jedesmal durchströmt, wenn ich die Sprache Teherans höre, auch wenn ich kein Wort der Sprache zu verstehen vermag, und die sich von meiner Kopfhaut in das Innere meines Körpers ergießt. Die Fahrgäste begannen, sich über die Fahrbehinderung zu echauffieren, bis sich die Tramtüren öffneten, ich war aufgestanden, um auszusteigen, und hatte das Buch über Churchill in den Rucksack gepackt, da hörte ich von hinten die Stimme einer alten Frau.
"Was … sind denn das?", im Dialekt der charmanten Provinzstadt.
"Das?", sagte die Stimme eines älteren Mannes im selben Dialekt, "Das? Teheraner."
"Teheraner?"
"Ja. Zuhause trauen sie sich nix. Oba bei uns do – machen’s Krawall."
Ich war dabei, während ich aus der Straßenbahn ausstieg, die Schnallen meines Rucksacks zu schließen, auf einmal rannte ich nach hinten. Sie saßen nebeneinander. Er hatte das rote und runde Gesicht der Bewohner jener charmanten Provinz, sie aber nicht. Ich stellte mich hin.
"Wos is?", fragte der Alte, noch immer im Dialekt der Provinzstadt, der mich, zum ersten Mal, seit mich die Eltern in dieses Land gebracht hatten, an das Grunzen der Schweine erinnerte. Ich begann, den Alten zu würgen, und würgte bis meine Hände zu krampfen begannen bzw. als wäre ich der Kandidat in einer TV-Show, bei der die Kandidaten die Aufgabe haben, einander zu Tode zu würgen. Ich kam zu mir. Der Alte war gelb und blau angelaufen, rot war er ja schon, und hustete, die Alte, vermutlich die Ehefrau, starrte mich an, auf einmal kippte ihr Kopf nach hinten, sie war dabei, in Ohnmacht zu fallen. Jetzt begann der Alte auch noch Blut zu husten. Ich stieg aus.

Draußen tauchte ich in die Menge der größtenteils schwarz und auffallend gut gekleideten Frauen und Männer, die der Alte in der Straßenbahn Teheraner genannt hatte, es war warm. Nicht, daß es in der Straßenbahn nicht auch warm gewesen wäre, und überhaupt in der Stadt, aber dieses warm an der Grenze zu heiß umhüllte die Haut meines Körpers, mein Kopf kippte, wie der Kopf jener Alten, nach hinten, die Augen fielen mir zu, ich sah ein Licht, und wußte sofort, daß es eine Erinnerung an Teheran war. Ich hatte an Teheran keine Erinnerung mehr, wie gesagt, in der Erinnerung an Teheran, die ich jetzt auf einmal doch hatte, sitze ich auf dem Rücksitz eines Autos und sehe ein gleißendes Licht, und spüre das Licht auf der Haut meines Hinterns - wie die Hitze im Strom dieser größtenteils schwarz und auffallend gut gekleideten Frauen und Männer die Haut meines Körpers umhüllte.

Ich hatte die Augen jetzt wieder offen, sah aber noch immer dieses gleißende Licht, ich schien mich sowohl in der Erinnerung an Teheran als auch in der Provinzstadt im Strom der Teheraner zu befinden, auf einmal war eine zweite Erinnerung: Ich liege auf einem Teppich, in Teheran, auf dem Bauch, und schaue in ein Comics. Das Comics ist in das selbe gleißende Licht getaucht, in das in der ersten Erinnerung die Haut meines Hinterns getaucht ist, resp. das Auto, auf einmal rempelt man mich von der Seite her an, resp. jemand ist auf mich gestürzt, der seinerseits angerempelt worden ist, wir gehen beide zu Boden, es ist, als hätte jemand über mich, resp. uns, eine Decke gebreitet, durch die jetzt ein anderes, rötliches Licht hindurchschimmert. Ich habe Angst und will aus der Decke heraus, da sehe ich zwei Augen in einem Frauengesicht, die mich mit einer Begeisterung anschauen, die mir unheimlich ist. "Du?", sagt das junge und ausnehmend hübsche Frauengesicht, und ich krieche, so schnell es nur geht, aus der Decke und gelange, indem ich mich durch den Strom der Teheraner hindurchkämpfe, zu der Mauer des Landhauses der Provinzstadt, eines Reneissancebaus, gegen die ich mich lehne.

Ich versuchte zu kapieren, was passiert war. Eine Menschenreihe - innerhalb des Stroms der in der Straßenbahn Teheraner Genannten - hatte eine Fahne in Form eines hohen und unendlich langen Transparents hochgehalten, das jetzt am Boden lag - wie man mir später erklärte, hatte es sich um die rot-weiß-grüne Fahne Teherans gehandelt -, eine zweite Menschenreihe hatte dann die Fahnenträger auf einmal gerempelt, Rempler, Fahnenträger und Unbeteiligte, so wie ich, waren zu Boden gegangen, und etliche Fahnenträger, aber auch Unbeteiligte, so wie ich, waren unter der Fahne zu liegen gekommen. Ich hatte die Fahne übrigens, bevor ich aus ihr herausgekrochen war, gar nicht bemerkt, aus Fahnen mache ich mir nichts.

"Wie - hast denn Du’s mit den - Teheranern?"
Ich erschrack und schaute nicht hin. Es war die Stimme der Frau von unter der Fahne. Als ich dann aber hinschaute, sah ich das Gesicht - einer anderen Frau, den Kopf an die Mauer gelehnt, zwar ebenfalls hübsch, aber eines jener Gesichter, die etwas sagen wollen, schon immer, und - wie soll ich es sagen - Du willst es nicht hören, und niemand hat es jemals gehört.

"Bist Du denn für …", die Frau nannte einen Eigennamen, vermutlich den eines Politiker Teherans, ich hatte es immer vermieden, mich mit den Politikern Teherans zu befassen, und überhaupt war mir Teheran fremd, ich wußte, daß meine Eltern aus Teheran stammten, und also auch ich, mehr wollte ich nicht. Das Frauengesicht, den Kopf an die Mauer gelehnt, und den Strom der Teheraner betrachtend, fing an über die Politiker Teherans zu sprechen.

Aber - hätte es nicht sein können, daß ich, sobald ich aus der Fahne heraus war, statt jenem Frauengesicht drei Männern begegnet wäre, einem jüngeren Hochgewachsenen, und zwei älteren, die mich gefragt hätten - ich war ja gestürzt -: "Ist alles in Ordnung?"

Sie hatten die Sprache Teherans gesprochen, d.h. daß sie mich für einen Teheraner hielten, was ich ja auch bin, aber es wunderte mich, weil mich weder die Bewohner der Deutschsprachigen Berge noch Teheraner in der Regel für einen Teheraner halten, ich habe eine für Teheraner untypische Nase und in der Provinztstadt nennt man meine Haarfarbe semmelblond.
Alle drei hatten also die Sprache Teherans gesprochen, die ich nicht verstehe, dennoch verstand ich ihr Anliegen, bedankte mich und entschuldigte mich, daß ich, obwohl ich, aus Teheran stamme, die Sprache nicht spreche. "Sie meinen", sagte einer von ihnen, der sich, wie es sich später herausstellte, Kameran nannte - auf Deutsch -, "Sie meinen, Sie stammen aus Teheran, und verstehen die Sprache nicht mal?"

Ich hatte mir, sobald ich sie gesehen hatte, gedacht, die drei seien Brüder, und sie waren es auch - obwohl sie äußerlich miteinader keine Ähnlichkeit hatten. Einer hatte ein feines Gesicht, einen Bart nach der Art von Intellektuellen und eine hellbraune Glatze, der zweite war hochgewachsen und jung. Der dritte, der sich, wie es sich herausstellte, Kameran nannte, hatte einen Bauch.

"Das macht doch nichts", sagte der junge Hochgewachsene, der sich Giw nannte, wie es sich später herausstellen sollte, und aussah wie ein Wirtschaftsstudent. Giw ist übrigens, wie man mir später erklärte, ein in Teheran seltener Name eines Helden der Teheraner Mythologie.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Brüder mich angesprochen hatten, und ihre Freundlichkeit, die sich angenehm von der Art unterschied, wie sie einem in den Deutschsprachigen Bergen begegnen, überraschte mich, ich fand die Brüder - den mit dem Bauch vielleicht ausgenommen, der mir vorgehalten hatte, daß ich die Sprache Teherans nicht spreche, und den ich für mich den Groben nannte - sympathisch, und kam mit ihnen, obwohl grundsätzlich scheu, sofort ins Gespräch.
Sie fragten mich, wie es käme, daß ich in den Deutschsprachigen Bergen lebte, ob meine Eltern noch in Teheran lebten usf., und als der Strom der Teheraner zu versiegen begann, kehrten wir in einer Seitengasse jener Fußgängerzone in "Die Deutschsprachige Gemütlichkeit" ein, ein Gasthaus, das mir vom Hörensagen bekannt war. Die Deutschsprachige Gemütlichkeit war nahezu rauchfrei, und nahezu leer, der Schiffsboden knirschte und ich hatte das Gefühl, daß er schwankt, als befänden wir uns buchstäblich auf einem Schiffsboden, auf hoher See.
Sobald die Brüder sich hingesetzt hatten, veränderte sich der Ausdruck ihrer Gesichter. Das des Feinen schien mir jetzt nachdenklich, der junge Hochgewachsene wurde blaß, der mit dem Bauch, der schon die ganze Zeit grimmig geschaut hatte, schaute jetzt noch grimmiger. Alle vier, nachdem wir uns an einen Tisch aus dunklem Holz gesetzt hatten, bestellten wir ein Bier. Ich war verwundert, daß die Gebrüder - wie ich die Brüder im Stillen nannte – alle ein Bier bestellt hatten, genauso wie ich, ich hatte gedacht, daß Teheraner kein Bier trinken würden, obwohl ja auch ich aus Teheran stamme, und Bier trinke. Das sei ein Gerücht, sagte der mit der Glatze und dem feinen Gesicht, der sich, wie es sich später herausstellte, Kambis nannte, Selbstverständlich wird in Teheran Bier konsumiert, genauso wie bei uns, und in weiterer Folge sagte er bei uns, sowohl dann, wenn er von den Deutschsprachigen Bergen, als auch dann, wenn er von Teheran sprach.
Ich war froh, den Gebrüdern begegnet zu sein, wie gesagt, ich hatte eine Frage über Teheran, die mich seit Jahren beschäftigt. Daß ich an Teheran keine Erinnerung hätte, stimmt also nicht, es gibt Phasen, da habe ich Erinnerungen an Teheran, die aber später verschwinden, und in den Phasen, in denen ich keine Erinnerungen an Teheran habe, erinnere ich mich nicht, daß ich in den Phasen zuvor sehr wohl Erinnerungen an Teheran hatte. Ich war also froh, den Gebrüdern begegnet zu sein, obwohl ich auch Angst hatte, ihnen meine Frage über Teheran zu stellen, nicht wegen des Inhalts der Frage, vielmehr bin ich ein Einzelgänger und scheu, und lebe davon, für andere ihre Briefe zu schreiben, geschäftliche wie private, die Briefe erhalte ich, d.h. die Entwürfe, per e-mail, gelegentlich auch noch per Post, ich schreibe sie um, und retourniere sie mit einem Erlagschein, und vermeide es, mit den Menschen in Berührung zu kommen.

Das Bier war angenehm kühl und die Kellnerin - drall und blond - erinnerte mich an eine Isabella von früher.
"Nicht wahr", fragte der Junge den Feinen, "Du hast mir das Radfahren beigebracht, in dem Keller mit der Katze unter der Couch."
"In dem Keller ...? Doch … in der Eisenhowerstraße."
"In Teheran", der Feine wandte sich jetzt an mich, "in Teheran hatten die Straßen - ich meine früher hatten viele der Straßen in Teheran amerikanische Namen." Es war mir peinlich, daß sich der Feine gezwungen sah, mir Teheran zu erklären, und ich verfluchte die Eltern, daß sie mich in das deutschsprachige Land gebracht hatten, um bei einem Unfall zu sterben. Der Feine wandte sich jetzt an den Jungen:
"Ja … Du warst fünf oder sechs, und ich studierte an der Schöngeistigen Fakultät dieser Universität ... "
"Und Du hast mir das erste Fahrrad gekauft - mit den Stützrädern."
"Die Stützräder haben wir aber gleich abmontiert."
"Und Du hast mich auch immer auf Deinem Fahrrad mitfahren lassen, vorne auf der Stange, und Du bist immer ganz nah an den Djubs entlang, da hab ich immer geschrien."
"Der mit den Djubs", sagte der Grobe, "war ich".
Ich hörte dem Gespräch der Gebrüder mehr oder weniger aufmerksam zu, gleichzeitig war ich mit meiner Frage über Teheran beschäftigt, die ich ihnen später stellen wollte, jetzt wandte sich der Junge an mich: "Könnten Sie sich bitte", er wirkte verlegen "an einen anderen Tisch setzen?" Sie hätten, er zögerte, sie, die Brüder, hätten etwas privates zu besprechen. Ich war aufgeschnellt und, wollte sofort, ohne an das Zahlen zu denken, aus dem Gasthaus hinaus, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. "Bleiben Sie", sagte der Grobe. Und zum Jungen: "Im Gegenteil." Im Gegenteil? Ich verstand nichts. Und setzte mich.

wird fortgesetzt

Samstag, 19. Juni 2010

Voltaires Candide (2) oder "Wo bleibt das Positive, Herr Kästner?"


The Stranglers

Ab jener Stelle, in der Candide ausruft: „Wenn das hier die beste aller Welten ist, wie muß es erst auf den anderen zugehen?“ – hatte Heinrich zu summen begonnen, und das, was er summte, kam mir bekannt vor. Ich fragte: „Was summst Du?“, woraufhin er, erst leise und dann immer lauter, zu singen begann:

Always look on the braaaaaaight side of life,
dadumm - dadumm, dadumm, dadumm,
Always look on the …

Seinerzeit, im Gymnasium, hatte Heinrich Schlagzeug und Baß-Gitarre gespielt, und in seiner Band, die sich Jupiter nannte, wenn ich mich richtig erinnere, auch gesungen. Ich glaube, er hatte ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Rockmusiker zu werden.

Always look on the braaaaaaight side of life
dadumm …

Heute ist Heinrich Jurist, und die meiste Zeit arbeitslos, und ich weiß nicht, warum ich, obwohl ich weder singe noch ein Instrument spielen kann, in sein

Always look on the braaaaaaight side of life


miteinstimmte, zuerst leise, dann immer lauter, und Candide, ich meine das Taschenbuch, wie einen Dirigierstab hin und her zu schwingen begann. Die Buchhandlungskunden, jene nämlich, die vorhin in ihren – von oder über deutsche Philosophen verfaßten - Büchern geblättert, und mich argwöhnisch angeschaut hatten, diese Buchhandlungskunden saßen jetzt alle um uns herum, und schauten noch immer auf mich, oder schon wieder, ihren Gesichtern fehlte aber der Ausdruck von Argwohn, sie wirkten interessiert, wenn auch ratlos.

Ich versuchte sie zu ignorieren und mich auf Heinrich zu konzentrieren. „Monty Python“ sagte ich. Heinrich hörte auf zu singen. „Ja“, sagte er, „Das Leben des Brian“, und nachdenklich, als wäre ihm über das, was er gerade gesagt hatte, ein Zweifel gekommen, schaute er durch das Fenster auf die größte aller Einkaufsstraßen der Stadt. „Allerdings“, sagte er, „scheinen die Pythons mit diesem Lied doch etwas anderes sagen zu wollen, als dieser … dein … Pangloß. Der sagt nämlich: Alles ist gut, resp. alles ist bestens. Und Punkt. Hingegen sagen die drei Typen am Kreuz, im Leben des Brian - d.h. daß sie eigentlich singen:

Always look on the braaaaight side of life …

Das heißt: die Welt mag gut sein oder schlecht, das Wetter trüb oder sonnig - es liegt an dir, das Wetter resp. die Welt als gut und als schön zu empfinden. Always look on the bright side – und das Leben ist schön! Always look on the bright side und wenn Du es schaffst, immer nur die Sonnenseite zu sehen, dann fühlst du dich wohl, und fühlst du dich wohl, dann hast Du Erfolg, und hast Du Erfolg, dann ist alles gut. Das heißt aber auch: Bist du arbeitslos, unglücklich, arm, dann bist du selbst schuld - oder du hast ein Problem, oder eine Persönlichkeitsstörung …“

Heinrich, mein Freund, war schon im Gymnasium alles andere als ein normaler Rockmusiker, und Jupiter alles andere als eine normale Band. Jupiter und Heinrich machten spontanes Rockmusik-Kabarett, d.h. sie versuchten mit ihrem Publikum irgendwie ins Gespräch zu kommen, befragten es über Alltäglichkeiten etc., irgendetwas, was irgendwer im Publikum sagte, gab ihnen dann den Anstoß für das jeweilige Programm, bestehend aus Rockmusik und direkt auf der Bühne kreierten Texten, für die Heinrich zuständig war.
Nachdem Heinrich seine Ambitionen, Rockmusiker zu werden, aufgegeben hatte, verlegte er seine kabarettistisch-rockmusikalische Improvisations-Aktivitäten in den Alltag hinein, und seither versucht er aus irgendwelchen mehr oder weniger alltäglichen Situationen eine Szene zu machen, wie er es nennt, und aus irgendwelchen Fremden ein Publikum - was er aber eigentlich auch schon im Gymnasium gemacht – und, wenn ich mich richtig erinnere, Situationismus genannt hat.

Always look on the braaaaaaight side of life


Heinrich war aufgestanden und sang jetzt mit seiner sonoren, das ganze Café der größten Buchhandlung erfüllenden Stimme das Abschlußlied des Leben des Brian. Mir war das unendlich peinlich, wie mir Heinrich schon immer unendlich peinlich gewesen ist, und auch schon im Gymnasium, wie er aus irgendeiner Situation eine Szene machen konnte und aus irgendwelchen Fremden ein Publikum, ich habe Heinrich seit Jahren gemieden, eben weil er so peinlich werden kann, und nur weil er heute plötzlich vor meiner Türe gestanden war, und gesagt hatte, er käme von einer Motorradtour, quer durch die Alpen, und ich gesagt hatte, ich müßte zur größten Einkaufsstraße, einen Kühlschrank kaufen, nur deshalb kam es heute dazu, daß er mich in die größte aller Einkaufsstraßen begleiten hat dürfen, wo wir auf einmal über Voltaire zu diskutieren begannen.

Heinrich war aufgestanden, und sang, mit seiner das ganze Café, und womöglich das ganze Stockwerk, erfüllenden Stimme, mir war das peinlich, und ich versuchte wegzuschauen, überall aber die Blicke der Buchhandlungskunden, mit ihren – von oder über deutsche Philosophen verfaßten – Büchern, eine von ihnen, eine Mittelgroße mittleren Alters, stand auf, mit brünetten, mittellangen Haaren, und einem mittelstrengen Gesicht. Sie kam auf uns zu, d.h. auf mich, was mein ohnehin unendlich großes Peinlichkeitsgefühl weiter steigerte, ich rückte mit meinem Sessel nach hinten, vor mir stehend erschien mir die Dame keineswegs mittelgroß, sondern hochgewachsen und ihre von einer blauen Anzughose bedeckten Beine unendlich lang. „Sie tun den deutschen Philosophen Unrecht", sagte sie, "wenn Sie behaupten, sie alle hätten die Welt nur beschönigt.“
Hätten jene unendlich große Peinlichkeit sowie die ohrenbetäubend laute Stimme von Heinrich mich nicht gänzlich erfüllt, und meine Willens- und Denkkraft nicht lahmgelegt - ich hätte aufstehen und der Hochgewachsenen entgegentreten und sagen wollen: „Ich habe das niemals behauptet!“, und daß meine Kenntnisse der deutschen Philosophen im übrigen mehr als lückenhaft wären, und ich mich generelle Behauptungen dieser Art aufzustellen ohnehin niemals anmaßen würde … Die Hochgewachsene hielt ein Taschenbuch in ihrer Rechten, mit dem Titel „Nietzsche für Dummköpfe - Also sprach Zarathustra“, ein Buch, das ich kenne, und wegen seiner Verständlichkeit übrigens schätze, aber mit den Büchern von - oder wie in diesem Fall über - deutsche Philosophen ist es so eine Sache. Glaubt man, sie endlich verstanden zu haben, ist man auch nicht zufrieden, oder erst recht nicht, wie bei einer Unerreichbaren, die man begehrt und lange zu erobern versucht hat, und hat man sie endlich …

Von der mich zur Gänze erfüllenden Peinlichkeit und der mittlerweile ohrenbetäubend lauten Stimme Heinrichs abgesehen, hielt mich noch etwas davon ab, aufzustehen und mit der Dame Klartext zu reden - irgendetwas stimmte nicht an ihrer Stimme, oder an der Art, wie sie sprach, und dieses Etwas wurde deutlicher sobald sie aus „Nietzsche für Dummköpfe - Also sprach Zarathustra“ vorzutragen begann. Im übrigen fiel mir, trotz meiner lückenhaften Kenntnisse über deutsche Philosophen, sofort auf, daß die Stelle, die sie vortrug, nicht aus „Also sprach Zarathustra“ stammt - sondern aus „Die Fröhliche Wissenschaft“:

"Wie, wenn dir eines Nachts, ein Dämon in deine Einsamkeit nachschliche und dir sagte: ‚Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du
noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und jeder Schmerz und jede Lust deines Lebens muß dir wiederkommen und ebenso dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber … Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? …
… Oder wie würdest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung?"

„Sie sehen“, sagte, mit einem Anflug von Empörung, die Dame, „Sie sehen hier wahrscheinlich Ihre Behauptung bestätigt, die deutschen Philosophen hätten nichts anderes getan, als die Welt zu beschönigen.“ Ich hätte sagen, resp. fragen wollen, wie Sie auf die Idee käme, ich hätte derartiges jemals behauptet - und daß ich angsichts der mittlerweile ohrenbetäubenden Stimme von Heinrich, und meines mich gänzlich erfüllenden Gefühls von Peinlichkeit das Nietzsche-Zitat zwar akustisch verstanden, aber seinen Sinn nicht zu erfassen vermochte - brachte aber nicht mehr heraus als ein Ja in Form eines Stöhnens. Warum gerade ein Ja und nicht zum Beispiel ein Nein, kann ich nicht sagen, Nein zu sagen hätte womöglich - weil Nein ja das längere Wort ist - mehr Kraft gekostet.

Wie gesagt - irgendetwas stimmte nicht an ihrer Stimme, oder an der Art, wie sie sprach, und dieses Etwas wurde, als sie aus „Nietzsche für Dummköpfe“ vorzulesen begann, immer deutlicher - sie sprach, resp. las nämlich gar nicht - sie schien vielmehr zu singen, ein Singen war es aber auch wieder nicht, sondern, wie soll ich sagen, ein Sprechgesang.

„Allerdings“, sagte die Dame - obwohl ich meinen Sessel weiter und weiter nach hinten gerückt hatte, schien sie mir immer näher und näher zu kommen -, „allerdings befinden Sie sich mit Ihrer Behauptung, die Philosophen in Deutschland hätten die Welt nur beschönigt, in bester Gesellschaft, zumindest was Nietzsche betrifft. Theodor Adorno“, die Hochgewachsene hielt jetzt ein anderes Buch, Theodor W. Adornos „Vorlesung über Negative Dialektik“, in der Hand, das ich natürlich kenne – ungeachtet meiner lückenhaften Kenntnisse der deutschen Philosophen –, und schätze, und da es mir für das Werk eines deutschen Philosophen ungewöhnlich verständlich erscheint, möchte ich es auf das Wärmste empfehlen. Woher die Hochgewachsene auf einmal die „Vorlesung über Negative Dialektik“ her hatte, war mir nicht klar, und wohin „Nietzsche für Dummköpfe“ auf einmal verschwunden war, auch nicht – als hätte die mittelgroße, mittlerweile hochgewachsene Dame das eine weg- und das andere hergezaubert.
„Theodor Adorno“, die Hochgewachsene tippte ein paar Mal mit dem Finger, wie man sich auf die Stirn tippt, um seinem Gegenüber zu bedeuten, er sei ein Dummkopf, auf die „Negative Dialektik“, „Theodor Adorno hat Nietzsche aber mißverstanden. Nietzsche sagt nämlich gar nicht, daß die Welt gut sei, sondern es geht aus der Stelle, die ich gelesen habe, hervor: Du sollst Ja zur Welt sagen, egal, ob sie gut oder schlecht ist.“
Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, daß die Hochgewachsene mich meinte, als sie „Du sollst Ja zur Welt sagen“ sagte, und wieder hätte ich aufstehen und der Hochgewachsenen entgegentreten, und sagen wollen: „Warum sagen Sie das mir?“ Und daß im übrigen nicht Adorno Nietzsche, sondern sie, die Mittelgroße bzw. Hochgewachsene, Adorno mißverstanden hätte – und ich hätte in diesem Moment der Dame die „Negative Dialektik“ aus den Händen gerissen, um darin fieberhaft nach jener Stelle zu suchen, in der Adorno auf dieses Ja zum Leben von Nietzsche Bezug nimmt:

„Es muß eben gefragt werden, was bejaht wird, was zu bejahen sei, und was nicht zu bejahen sei, anstatt daß das Ja als solches schon zum Wert erhoben wird, wie es leider schon bei Nietzsche, in dem ganzen Pathos des Jasagens zum Leben angelegt ist …“

„Aber wie immer das sei, mit Adorno und Nietzsche“, während ich mich im Geiste aufstehen und der Hochgewachsenen mit Entschiedenheit entgegenwerfen sah, hatte sie wieder - mit erhobenem Zeigefinger und Daumen, als wollte sie mit ihren Fingern eine Pistole simulieren - zu reden begonnen, „Wie immer das sei, Adorno selbst ist immerhin auch ein deutscher, oder zumindest deutschsprachiger Philosoph, und bevor Sie wieder behaupten, die deutschen Philosophen hätten die Welt nur beschönigt, schauen Sie, resp. hören Sie sich bitte an, was er sagt:

„Bei den Nazis, da war es noch die Rasse, an die unterdessen nun schon wirklich der Dümmste nicht mehr glaubt. Ich würde denken, daß in der nächsten Stufe der regressiven Ideologie es dann einfach das Positive sein wird, an das die Menschen glauben sollen etwa in dem Sinn, wie man in Heiratsannoncen die Formulierung ‚positive Lebenseinstellung‘ als etwas ganz besonders Empfohlenes empfindet … Heute, in einem Zustand, den die Menschen einerseits … alle als tief fragwürdig empfinden und der auf der anderen Seite, so stark ist, daß sie glauben, nichts dagegen zu vermögen … herrscht nun … so etwas wie das Ideal der abstrakten Positivität vor, in jenem Sinn, der Ihnen allen … von Kästner geläufig ist, der da in einem Gedicht schrieb: ‚Wo bleibt das Positive, Herr Kästner?‘“

Im Café der größten aller Buchhandlungen ist es jetzt still und Heinrich singt immer leiser, bis man ihn nicht mehr hört. Die Hochgewachsene schaut, an mir vorbei, in die größte aller Einkaufsstraßen. Es hat zu regnen begonnen. „Wo bleibt das Positive“, sie wiederholt sich, „Herr Kästner?“, und wieder: „Wo bleibt das Positive ...?“. Es ist kein Sprechgesang mehr, sondern ein reines, immer lauter und eindringlicher werdendes Singen: „Wo bleibt das Positive ...?“ Ich kenne die Melodie. Von früher, aus den Achtzigern, oder Siebzigern: The Stranglers, „No more heroes“, erste Liedzeile:

http://www.youtube.com/watch?v=Pg2np37JNEg&feature=related

Whatever happened to - the heroes? /Wo bleibt das Positive - Herr Kästner? …

Whatever happened toooo - the heroes/ Wo bleibt das Po-si-tiveeee - Herr Kästner …

Whatever happened tooooo -/
Wo bleibt das Po-si-tiveeeee -

- the heroes …/
- Herr Kästner …

Statt auf mich schauen die Buchhandlungskunden jetzt in ihre Bücher, und als würden sie der Hochgewachsenen zustimmen wollen, nicken sie, wie synchronisierte Puppen, im Rhythmus des immer lauter und eindringlicher werdenden Singens.
"Wo bleibt das Positive - Herr Kästner?"

Ende - bzw. der Anfang eines Romans?
***
P.S.: Hier noch Auszüge aus dem Gedicht von Kästner, auf das Adorno Bezug nimmt:

Und immer wieder schickt Ihr mir Briefe,
in denen Ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

[…]

Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,
mit der Ihr das trockene Brot beschmiert.
Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:
»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«

Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen
und denkt, unter Zucker verschwänden sie.
Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen
und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich's hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen
und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!
Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen.
Sonst werden die Sorgen größer als Ihr.
[…]

Sonntag, 13. Juni 2010

Emma und die Revolution im Iran - das Freudianische und das Benjaminische der iranischen Freiheitsbewegung






Als anläßlich des zehnten Jahrestages der Oktoberrevolution die „Kommission für die Jubiläumsfeierlichkeiten des Zentralexekutivkommitees“ Sergej Eisenstein mit der Produktion eines Jubiläumsfilms beauftragte, drehte Eisenstein an Originalschauplätzen und mit Revolutionären von 1917 eine Art docufiction, "Oktober", die zum Filmklassiker avancierte. Zehn Jahre nach der Oktoberrevolution spielten tausende an ihr Beteiligte in einer gigantischen Nachstellung der Revolution - sich selbst.

An den Protesten nach den gefälschten iranischen Präsidentschaftswahlen vom Juni 2009 nahmen und nehmen viele teil, die auch schon an der Revolution 1979 teilgenommen hatten, zum Teil die selben Parolen skandierend, die sie auch schon damals skandiert hatten. Der Weltöffentlichkeit wurden vor allem die nächtlichen Allaho-akbar-Rufe von den Dächern Teherans bekannt.

Daß als „historisch“ empfundene Ereignisse, wie der Anschlag vom 11. September oder die jüngste Weltwirtschaftskrise, mit (vermeintlichen) historischen Vorläufern verglichen, oder zu Wiederholungen dieser ihrer Vorläufer-Ereignisse deklariert werden, ist nicht neu. Historisierungen dieser Art sind häufig Domestizierungsversuche. In einen geschichtlichen, daher vertrauten Sinnzusammenhang gestellt, wird dem Neuen sein Neuigkeitscharakter und damit sein Beunruhigendes genommen.

Der Rekurs der iranischen Protestbewegung auf die Revolution von 1979 scheint aber einem anderen Muster zu folgen. Sie sendet jedenfalls keine Signale der Beruhigung aus. Zwar sind den Beteuerungen ihrer „Führer“, sie strebten alles andere an, als eine Wiederholung der 1979er Revolution, Glauben zu schenken. Nichtsdestotrotz inszeniert sich die Protestbewegung selbst als Beschwörung ebendieser Revolution. Sollte diesem Widerspruch so etwas wie eine Botschaft zugrundeliegen kann diese nur in einer Warnung an die Adresse der Herrschenden bestehen: "Ja, wir haben von Revolutionen genug, wenn Ihr uns aber keine Wahl läßt, ist es bald wieder so weit."

Die Warnung ist angekommen. Im August nannte der Führer der Islamischen Republik, Ali Khamenei, die Protestbewegung eine Karikatur der Revolution von 1979, womit er seine Angst vor seinen aufbegehrenden Untertanen - gerade indem er sie zu verneinen versuchte - umso sichtbarer machte, und dabei an die Worte eines Analysanden Sigmund Freuds erinnerte: „Sie fragen, wer diese Person im Traum sein kann. Die Mutter ist es nicht.“ Freud berichtigt: „Also ist es die Mutter“.

Dennoch verweist Khameneis Rede von der Freiheitsbewegung als Karikatur auf eine real existierende Gefahr. Die Proteste nach den Präsidentschaftswahlen werden vielfach als eine Nachstellung der Revolution von 1979 empfunden, und unweigerlich denkt man an die Oktober-Revolutionäre, die in Eisensteins Massenszenen sich selbst spielen durften. Heißt aber eine Revolution zu reinszenieren nicht zwangsläufig Revolution zu spielen statt sie zu machen?

So genuin die politischen Forderungen der iranischen Freiheitsbewegung auch sind - historische Reinszenierungen laufen immer Gefahr, komisch zu wirken. Marx‘ berühmte Behauptung, Geschichte ereigne sich einmal als „große Tragödie“, im Wiederholungsfall aber als „lumpige Farce“, scheint genau in diese Richtung zu weisen. Nicht auszuschließen, daß Khamenei, der in den 70ern des letzten Jahrhunderts den intellektuellen Mullah gab, sich bei seiner Diffamierung der Demokratiebewegung von diesem Zitat leiten hat lassen, so daß man versucht wäre, Khameineis Stellungnahme ihrerseits zur Karikatur eines Marx-Zitats zu deklarieren.

Was hat es aber mit der Marx'schen Gegenüberstellung Farce versus Tragödie auf sich?

"Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce". (Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Frankfurt am Main, 2007, S. 24)

In diesem Anfangssatz des "Achtzehnten Brumaire des Louis Napoléon" spielt Marx auf den Staatsstreich des späteren Napoléons III. 1851 sowie auf jene Periode der französischen Geschichte an, die mit der Februarrevolution von 1848 begann und mit diesem Staatstreich endete. Diese Ereignisse stellt Marx - als "lumpige Farce" - der "großen Tragödie" der Französischen Revolution 1789 und der Machtergreifung Napoléons I. 1799 gegenüber.
Wagt man sich über den vielzitierten Einleitungssatz hinaus, findet man den Hinweis, daß nicht bloß die „kleinere“ Französische Revolution von 1848 die größere von 1789 imitiert hätte – die „größere“ Revolution hätte sich ihrerseits schon als Wiederholung inszeniert:

"Die Revolution von 1789 - 1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum". (Ebd.)

Und diese, skurill anmutende Verkleidung der französischen Revolutionäre als Römer scheint kein einmaliges geschichtliches Kuriosum gewesen zu sein, vielmehr ein in der Geschichte von (politischen und religiösen) Revolutionen wiederkehrendes Muster. Marx erwähnt namentlich Luther, der sich "als Apostel Paulus […] maskiert" und "Cromwell und das englische Volk, die dem Alten Testament Sprache, Leidenschaften und Illusionen für ihre bürgerliche Revolution entlehnt" hätten.

"Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen […], gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit […] herauf". (Ebd.)

Revolutionen sind - folgt man dieser Passage - ohne Reinszenierung von vergangenen Revolutionen nicht zu haben. Und konfrontiert mit dieser zweiten Behauptung, bedarf jene erste, Geschichte ereigne sich einmal als Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce, einer Revision. Schon jenes ursprünglichere Ereignis scheint seinerseits die Karikatur eines anderen, weiter zurückliegenden Ereignises zu sein und so fort. Erscheint uns 1848 als Karikatur von 1789 und Louis Napoléon als Karikatur seines Onkels, dann müssen wir die erste französische Republik ihrerseits zur Karikatur der römischen und den ersten Napoléon zur Karikatur Caesars erklären.

Daß die genauere Betrachtung seiner Eingangsthese Farce versus Tragödie diese sofort zu unterlaufen droht, dessen ist sich Marx offensichtlich bewußt. Weshalb er ein Unterscheidungskriterium einzuführt, um zu erklären, warum zwar alle Revolutionen eine Farce sind, manche aber trotzdem große Tragödien:

"… die Parteien und die Masse der alten französischen Revolution vollbrachten in dem römischen Kostüme […] die Aufgaben ihrer Zeit, die […] Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft". (Ebd.)

Ob eine Revolution von der Sorte Tragödie oder Farce ist, wäre also nicht eine bloße Frage der historischen Abfolge - was im Fall der iranischen Demokratiebewegung bedeuten würde, daß ihr, bloß weil sie sich 30 Jahre nach der Revolution von 1979 ereignet, automatisch die Ettikette Farce zukommen würde. Vielmehr müßte geklärt werden, ob und wieweit sie imstande ist, die "Aufgaben ihrer Zeit" zu erfüllen. Eine Frage, die aber natürlich erst nachträglich, also (Jahre) nach einem allfälligen Sieg der Demokratiebewegung zu beantworten wäre, so daß wir, was die Frage der Bewertung der iranischen Freiheitsbewegung betrifft, mit leeren Händen dastünden - würde uns nicht gerade der Begriff der "Nachträglichkeit" einen möglichen Ausweg weisen.

Im "Entwurf einer Psychologie" beschreibt Freud den Fall einer jungen Frau, Emma, die "unter dem Zwange steht, daß sie nicht allein in einen Kaufladen gehen kann". Emma selbst bringt ihr Symptom mit einer Erinnerung in Zusammenhang, in der sie als Zwölfjährige, in einen Laden etwas einkaufen ging, die beiden Kommis [kaufmännische Angestellte, Anm. des Autors] miteinander lachen sah und in irgendwelchem Schreckaffekt davonlief". "Weiteres Forschen", schreibt Freud, "deckt nun eine zweite Erinnerung auf […]. Als Kind von acht Jahren ging sie in den Laden eines Greißlers, allein, um Näschereien einzukaufen. Der Edle kniff sie durch die Kleider in die Genitalien" - und lächelte dabei (Sigmund Freud: Entwurf einer Psychologie. In ders.: Gesammelte Werke, Nachtragsband, Frankfurt am Main 1999, S. 445). Aus diesen und anderen Angaben folgert Freud, daß das Lachen der beiden Kommis im Kaufladen die zwölfjährige Emma - unbewußt - an das Grinsen des Greißlers und somit an den sexuellen Übergriff „erinnerte“, den sie mit acht erdulden mußte. Erst in diesem Moment sei bei dem, laut Freud mittlerweile sexuell gereiften Mädchen der Übergriff des Greißlers - wiederum unbewußt - zum „nachträglichen Trauma“ geworden. Und dieses hätte sich wiederum in das Symptom verwandelt, nicht allein in einen Laden gehen zu können.

Freud zieht aus dieser, für sein Konzept der Nachträglichkeit exemplarischen Fallgeschichte den Schluß, "daß eine Erinnerung einen Affekt erwecken könne, den sie als Erlebnis nicht erweckt hatte, weil unterdes die Veränderung der Pubertät ein anderes Verständnis des Erinnerten ermöglicht hat." (Ebd.)
Nachträglichkeit in diesem Sinne heißt nicht bloß, daß die „wahre Bedeutung“ eines Ereignisses erst nachträglich verstanden werden könne, sondern daß ein wesentlicher Aspekt des Ereignisses erst nachträglich wirksam wird, ja nachträglich sich überhaupt erst ereignet, da dem Subjekt zu einem späteren Zeitpunkt ein neues Deutungs-Instrumentarium zur Verfügung steht. In Emmas Fall dasjenige eines sexuell gereiften Subjekts.

Daß gerade Freud eine Achtjährige als asexuelles Wesen zu betrachten scheint – gilt er nicht als Entdecker der infantilen Sexualität? -, überrascht natürlich, ebenso wie die Auffassung, daß die Szene beim Greißler für Emma nicht schon im Moment des Erlebens traumatisch gewesen sein soll. Aber ungeachtet aller Irritationen, die Emmas Fallgeschichte auslösen mag - das Freudsche Konzept der Nachträglichkeit könnte auf die Theorie der Revolutionen ein unerwartetes Licht werfen: Nicht die Revolutionen der Vergangenheit sind es, die jene der Gegenwart determinieren, vielmehr hat die Gegenwart das Potential, das in der Vergangenheit angelegte, aber nicht eingelöste überhaupt erst Wirklichkeit werden zu lassen.
In dieser Sicht wäre die Reinszenierung der iranischen Revolution von 1979 durch die aktuelle Demokratiebewegung ein Akt der Erinnerung, durch den die „Wahrheit der Revolution von 1979“ überhaupt erst die Möglichkeit hätte, Wirklichkeit zu werden.

Beim Versuch das psychoanalytische Konzept der Nachträglichkeit auf die Theorie revolutionärer Reinszenierungen zu übertragen ist natürlich Vorsicht geboten. Allerdings existiert zwischen der Geschichte politischer Revolutionen und dem nachträglichen Wirksamwerden von Traumata in Fallgeschichten der Psychoanalyse eine vielversprechende Parallele – sozusagen ein „nachträglich Traumatisches“ von Revolutionen.
Gemeint ist nicht die Tatsache, daß Revolutionen im Gedächtnis von Gesellschatften nun einmal als traumatische Zäsur verzeichnet sind, also nicht jene, mit Revolutionen scheinbar gesetzmäßig verbundenen Exzesse der Gewalt, Säuberungen, Hinrichtungen, Enteignungen. Das nachträglich Traumatische von Revolutionen bleibt im Unterschied zu diesem ihren „offensichtlich Traumatischen“ zunächst unerhört, ist sie doch nicht an dem festzumachen, was eine Revolution war, sondern an dem, was sie hätte sein können und nicht war. An dem was verheißen - und gebrochen wurde. Es geht aber, um einem Mißverständnis vorzubeugen, auch nicht um die Kluft zwischen revolutionärem Anspruch und postrevolutionärer Wirklichkeit. Nicht darum, daß „die Ideale der Revolution verraten worden wären“. Der Hund liegt in den Idealen selbst. Die iranische Revolution von 1979 war nicht – wie es ein Gerücht haben will – eine ursprünglich säkulare/bürgerliche/linke Bewegung, die erst später pervertiert worden wäre. Sie war von Anfang pervers. In den säkularen Rufen nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit hatten sich von Anfang an andere Stimmen gemischt.

Wie Emma den obszönen Übergriff – und das Lächeln - des Greißlers im Moment, als sie es erlebte, nicht zu „decodieren“ vermochte, so fehlten der iranischen Gesellschaft von 1979 die „Decodierungs-Instrumente“, um zu erkennen, daß die zentrale Parole der 1979er Revolution

Freiheit
Unabhängigkeit
Islamische Republik

von der traumatischen „Rückkehr der opferfordernden, obszönen Über-Ich-Gottheit“ (Slavoj Zizek: Auf verlorenem Posten. Frankfurt am Main 2008, S. 97) kündete.

Das Islamische an der herbeiskandierten Republik wurde vielmehr als eine Art Sicherheitsventil zur Verhinderung mißliebiger Aspekte der Moderne verstanden - jener Moderne, deren „gute“ Seiten (Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten, Rechtsstaatlichkeit) die Iraner keineswegs missen wollten. Genau dafür waren sie ja auf die Straße gegangen und hatten ihren Kaiser verjagt. Islamisch als anachronistisches Beiwort zur Republik wurde mit der heilen Welt - und dem Lächeln - eines altersweisen Dorfgeistlichen assoziiert. Islamisch stand, ins Christlich-Abendländische gewendet für den Kräuterpfarrer und die Idylle im Kloster, nicht aber für Savonarola und schon gar nicht für Inquisition.

Was das Islamische an der nach der Revolution von 1979 gegründeten Republik tatsächlich bedeutete, kann im vollen Umfang erst jetzt „realisiert“ weren, in einem Moment, in dem die Abschaffung der Islamischen Republik zum ersten Mal seit ihrer Gründung ernsthaft zur Debatte steht.

Die am meisten und kontroversiellten diskutierte Parole der iranischen Protestbewegung ist der zentralen Parole der 1979er Revolution nachempfunden:

Freiheit
Unabhängigkeit
Iranische Republik

Die Rede von der Iranischen Republik muß den mit dem Iran Unvetrauten irritieren. Was soll damit gemeint sein? Eine dem iranischen Nationalismus verpflichtete Republik? Eine für den Iran maßgeschneiderte, noch zu entwickelnde Staatsform? Die Vorwürfe, die diese Fragen enthalten – die Parole würde dem illusionären Wunsch nach einer „iranischen Sonderform der Demokratie“ das Wort reden, resp. einem iranischen Nationalismus – werden häufig auch in iranischen Medien erhoben. Von Leuten also, die Entstehungshintergrund und Kontext der Parole kennen müßten. Ihnen sei unterstellt, das Offensichtliche, aus welchen Motiven auch immer, nicht sehen zu wollen.

Seit Monaten kursieren im Iran Geldscheine, auf denen in der Staatsbezeichnung Islamische Republik Iran das Beiwort Islamisch durchgestrichen ist. Übrig bleibt Republik Iran. Die Parole von der Iranischen Republik ist das Ergebnis genau dieses Subtraktionsverfahrens. Das Iranische der Iranischen Republik kann keinen wie immer gearteten materialen Inhalt (Nationalismus, ein iranisches Sonder-Staatsmodell etc.) beanspruchen. Iranisch ist nichts als die Leerstelle für das durchgestrichene Islamisch.

Indem aber die Parole

Freiheit
Unabhängigkeit
Iranische Republik

an die zentrale Parole der ‘79er Revolution

Freiheit
Unabhängigkeit
Islamische Republik

anknüpft, verweist sie auf jenes Traumatische der ‘79er Revolution, das sich - im Sinne der Freudschen Nachträglichkeit - erst jetzt realisieren kann. Und das die Rede von der Iranischen Republik - indem sie es wagt, den Finger auf genau jene traumatische Wunde zu legen und Islamisch durch die Leerstelle Iranisch zu ersetzen – zugleich außer Kraft setzt.

Walter Benjamin hat, vermutlich ohne Kenntnis des Freudschen Konzepts der Nachträglichkeit, eine Art historische Theorie der Nachträglichkeit entwickelt. So wie bei Freud bestimmte Ereignisse der Gegenwart bestimmte Ereignisse der Vergangenheit nachträglich zu dem werden lassen, was sie eigentlich waren, kann auch für Benjamin die Gegenwart die Vergangenheit rückwirkend verändern. Es geht aber bei Benjamin nicht um die nachträgliche Realisierung eines Traumas. Er schreibt der Gegenwart im Gegenteil „eine schwache messianische Kraft“ zu. Die Gegenwart, so ließe sich Benjamin lesen, kann die Vergangenheit erlösen.

"Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen." (Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: ders., Gesammelte Schriften, Beiden. I.2. Frankfurt am Main. 1980, S. 691)

Mit der Reinszenierung ihrer Vorgänger-Revolution setzt die iranische Freiheitsbewegung einen Akt der Erinnerung und nachträglichen „Realisierung“ von deren - traumatischer - Wahrheit. Diese Realisierung geschieht auf Seiten der Freiheitsbewegung auf der symbolischen Ebene. Zugleich ereignet sich diese nachträgliche Realisierung aber auch real: Angesichts der Massenproteste sieht sich das aus jener Revolution hervorgegangene Regime gezwungen, deutlicher als je zuvor, seine wahre Fratze zu zeigen - vom brutalen Vorgehen gegen friedliche Demonstranten bis hin zu Schauprozessen, Tötungen, Vergewaltigungen, Folterungen. All das könnte man als das Freudianische der iranischen Freiheitsbewegung bezeichnen.

Wie ich anhand der Parole von der Iranischen Republik zu zeigen versuchte - eine Parole, in der sich die Anliegen der Avantgarde der iranischen Demokratiebewegung verdichten - geht das reinszenierende Erinnern der Islamischen Revolution mit ihrer symbolischen Außer-Kraft-Setzung einher (Ersetzen von Islamisch durch Iranisch). In der Beschwörung der Revolution von 1979 geht die Freiheitsbewegung daran, jene Revolution nachträglich vom traumatischen Kern ihrer selbst zu erlösen. In diesem Sinne ist die iranische Demokratiebewegung Benjaminisch.

Samstag, 12. Juni 2010

وانقلاب ایران Emma






جنبه های فرویدی وبنیامینی* جنبش سبز

از: سما معانی
ترجمه: کیمیاگر
:ویراستارمتن فارسی
ایرج هاشمی زاده

:مقاله‌ای را که میخوانید در شماره اخیر کیهان لندن منتشر شده است

http://www.kayhanpublishing.uk.com/Pages/archive/khandaniha/article/Sale89_10/Dr_Maani.htm

Für die deutschsprachigen Leser: Mein Essay "Emma und die Revolution im Iran - das Freudianische und das Benjaminische an der iranischen Freiheitsbewegung" versucht ausgehend vom Rekurs der aktuellen iranischen Protestbewegung auf die Revolution von 1979 eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen revolutionärer Reinszenierungen.

Die hier veröffentlichte persische Übersetzung meines auf Deutsch verfaßten Essays erschien gestern im Londoner Keyhan - der größten iranischen Oppositionszeitung. Herzlichen Dank übrigens an "Kimiagar" für die exzellente Übersetzung und an Iradj Hashemizadeh für das - genauso exzellente - Lektorieren der Übersetzung!

وقتی «کمسیون بزرگداشت کمیته مرکزی» حزب کمونیست شوروی از«سرگی ایزن اشتاین»1 خواست تا به مناسبت دهمین سالگرد انقلاب اکتبر فیلمی تهیه کند، «ایزن اشتاین» درمیادین حقیقی وبا انقلابیون سال 1917
فیلم مستندی به نام «اکتبر» ساخت- فیلمی که بعد ها درجایگاه فیلم های کلاسیک جای خوش کرد. ده سال پس ازگذشت انقلاب اکتبر هزاران نفرازانقلابیون آنزمان درفیلم غول پیکرایزن اشتاین، دگرباردرنقش انقلابیون بروی صحنه سینما آمدند.

درتظاهرات عظیم تهران پس ازاعلام نتیجه انتخابات ریاست جمهوری وسرقت آرای مردم وتقلب آشکار سیل تظاهرکنندگان راهی خیابان ها شدند. درمیان توده تظاهرکنندگان بسیاری از انقلابیون بهمن ماه 1357 نیز دیده می شدند و دقیقا همان شعارهایی را برزبان آوردند که 30 سال پیش نیز برعلیه رژیم شاه درفضای تهران آنزمان بگوش می رسید، مانند فریاد «الله اکبر» که باردیگر پس از 30 سال ازپشت بام های تهران ودگرشهرهای ایران آرامش شب را برهم ریخت.

اینکه وقایع تاریخی چون11سپتامبرویا بحران اخیراقتصادی با رویدادهای تاریخی مشابه مقایسه می گردد ویاحتی تکرارهمان رخدادهاتلقی می شود، نکته تازه ای نیست. این نوع تصرف رخدادهای تاریخی معمولا کوششی است برای اهلی کردن آنها بدین معنا که وقتی رویدادی به تاریخ می پیوندند یا پیوند داده می شود، ارتباط آشنا وشناخته شده ای با تاریخ بدست می آورد و جنبه های تازه ونگران کننده اش را ازدست می دهد.

پیوند جنبش سبزباانقلاب 1357 اما نه تنها خالی ازبار«آرامش بخش» بود بلکه برعکس ترس هراسناکی درصفوف حاکمین جمهوری اسلامی بوجود آورد. باوجود آنکه سران جنبش سبزمکررا تاکید وحتی اصرارکردند که خیال تکرارانقلاب 1357را درسرندارند، نحوه تصویراین جنبش امادقیقا حال وهوای انقلاب 30 سال گذشته را داشت - واگرپیامی دراین تضاد نهفته باشد تنها می تواند انگشت اخطار بسوی حاکمین وقت باشد که «مادرسرخیال انقلاب نداریم، اما اگر حق انتخاب برای مان نگذارید، آنوقت باردیگرتحولی بنیادی درپیش است»

حاکمین جمهوری اسلامی پیام را دریافت کردند. درماه اوت 2009 علی خامنه ای، رهبرجمهوری اسلامی، جنبش سبزرا «کاریکاتور انقلاب 57» نامید وبااین سخن ــ ودقیقا باهمین کوشش درکتمان آن ــ ترس ووحشت خویش را از«زیردستان» به پابرخاسته فاش کرد. سخنان خامنه ای انسان را به یاد سخن یکی ازبیماران «فروید» می اندازد که خطاب به «فروید» گفت: «لابد می پرسید این شخص دررویای من چه کسی است؟ درهرصورت مادرم نمی تواندباشد» وفروید درپاسخ به بیمارگفت« پس دقیقا مادرتان است» !

اماشاید براستی دراین سخن خامنه ای حقیقتی نهفته باشد. بسیاری ازمفسران تظاهرات پس ازپایان انتخابات را بازسازی صحنه های انقلاب بهمن 1357 می خوانند واین بی درنگ خاطره انقلابیون اکتبر 1918 روسیه را به خاطره ما بازمی گرداند، که 10 سال بعدازانقلاب اکتبر درفیلم «ایزن اشتاین» درنقش سابق خود برصحنه ظاهرشدند . اما آیا تکرار صحنه های یک انقلاب در جنبش یاانقلابی دیگر به این معنا نیست که جنبش یا انقلاب دوم فقط جنبه بازی ونمایش رادارد؟

این گفته مارکس نیزکه «تاریخ نخست بصورت یک تراژدی جلوه می کند ودرصورت تکراربه صورت کمدی» اشاره ای است به این سوی وبعید نیست که خامنه ای نیز برای تحقیرجنبش سبزازکارل مارکس کمک گرفته باشد، که دراینصورت زیاد هم ناروا نیست اگرسخن خامنه ای را کاریکاتوری ازگفته مارکس بدانیم.

بدنیست به این سخن مارکس نگاه دقیقتری بیندازیم:

"هگل تاکید می کند که همه رویدادهاوشخصیت های بزرگ تاریخ جهان دوباربه صحنه می آیند. اواما فراموش کرد اضافه کند که نخست بصورت تراژدی و باردوم به صورت کمدی" 2.

درکتاب«هجدهمین بروماری لویز بناپارت» مارکس به کودتای«لویز بناپارت» ــ که بعدها به ناپلئون سوم موسوم شد ــ دردسامبر1851و به دوره کوتاهی ازتاریخ فرانسه اشاره دارد که باانقلاب فوریه 1848 آغازشد وبا کودتای ناپلئون سوم خاتمه یافت . مارکس این هردورویداد وجزئیات پیشتاز آنرا درمقایسه با بقول او تراژدی انقلاب1789 وبه قدرت رسیدن ناپلئون اول درسال 1799 یک «کمدی» می خواند.

جالب اینجااست که درادامه سخن، مارکس براین باور است که نه تنها انقلاب «صغیر» 1848 درفرانسه تقلیدی ازانقلاب ــ به قول او ـ کبیر 1789
بوده است بلکه آن انقلاب کبیرنیز به نوبه خود پدیده ای تکراری بوده است.

«انقلاب 1789 ــ 1814 به تناوب یک بار لباس جمهوری روم ودگربار جامه امپراتوری روم را برتن کرد» 3

واین صحنه سازی انقلابیون فرانسه درنقش رومی ها درتاریخ انقلابهای سیاسی ومذهبی ازنظرمارکس پدیده بیسابقه ای نیست. اودراین ارتباط ازمارتین لوتر که خودرا درنقش « پولوس» 4 مقدس می دید وهمیچنین از«الیورکرمول»5 ومردم انگلیس نام می برد که به گفته او ازکلام تورات برای یک انقلاب بورژوا الگو گرفته بودند: «سنت تمام دوده های مرده مانند کابوسی برمغززندگان سنگینی می کند وهنگامی که به نظر می رسد می خواهندخود واوضاع را دگرگون سازند؛ درست درهمین دوران بحران انقلابی است که ارواح گذشتگان را فرا می خوانند» 6



انقلاب ازاین نگاه بدون بازسازی صحنه های انقلاب های پیشین یا به قول مارکس بدون «فراخواندن ارواح گذشتگان» میسر نیست، و بابرخورد به این ادعای دوم باید درادعای نخست تجدیدنظرکرد ونتیجه گرفت که چنانچه رویداد 1848 چون کاریکاتوری ازانقلاب 1789 ولویز ناپلئون ـ به حق ـ کاریکاتوری ازعمویش جلوه گر می شود، پس باید جمهوری اول فرانسه را نیز به نوبه خود کاریکاتور جمهوری روم و ناپلئون اول را کاریکاتور سزار بشماربیاوریم.

البته مارکس برتضاد بین گفته اول خود ــ مبنی براین که انقلاب ها ابتدا به صورت تراژدی و دگربار به صورت کمدی جلوه می کنند- وگفته دوم خود -مبنی براینکه همه انقلاب ها تکراری و بهمین جهت کمدی هستند - واقف است وبرای حل این تضاد نظریه سومی را مطرح می کند براین مبنا که هرچند درواقع همه انقلابها کمدی هستند بااین حال برخی ازکمدی ها را می توان تراژدی های بزرگی نیز قلمداد کرد:

«توده ها واحزاب انقلاب پیشین فرانسه درجامه رومی وظایف عصرخودرا مبنی بر ایجاد جامعه مدرن بورژوازی به انجام رساندند» 7

اینکه آیا انقلاب ازنوع تراژدی ویا کمدی است؛ ازاین نگاه ــ وبرخلاف آنچه جمله نخست بروماری بدان اشاره دارد - نمی تواند صرفا به ترتیب تاریخی وقوع آن بستگی داشته باشد وصرف اینکه جنبش سبز 30 سال پس ازانقلاب 1357 اتفاق افتاده نمی توان به آن برچسب کمدی زد. پرسش اساسی این است که هرجنبش یا انقلابی تا کجا وتاچه حد توانانی حل «وظایف عصر» خودرا دارد.



اما «وظایف عصرما» کدامند؟ و توانائی جنبش سبز درحل این وظایف را باکدامین معیار می توان سنجید؟ بنظرمی رسد دراینجا ما به یک ماشین تخیلی محتاج ایم تا سواربرآن به آینده سفرکنیم و سالها پس ازپیروزی احتمالی جنبش سبز بانوعی «درک مابعدی» به این دوسوال پاسخ دهیم. بافقدان چنین ماشین تخیلی «زمان نوردی» ما ازپاسخ به این دوسوال حیاتی معذوریم. مگرآنکه همین واژه «درک مابعدی» بتواند راهگشای معمای ما گردد.

فروید در«طرح روانشناسی»8 از زن جوانی به نام «اما» سخن می گوید که قادرنیست به تنهایی درون مغازه ای برود. «اما» مشگل خودرا درارتباط با خاطره ای اززمان کودکی ــ دوازده سالگی ــ می بیند. درآن خاطره «اما» ــ که به نظرفروید در آن زمان تازه به سن بلوغ رسیده ــ دوفروشنده مرد را درمغازه ای درحال خندیدن می بیند ووحشتزده از آن مغازه می گریزد.
فروید باکنجکاوی خاص خود خاطره دیگری را ازدختر بیرون می کشد؛ دراین خاطره دوم «اما» درسن هشت سالگی به تنهایی برای خرید شکلات وشیرینی به یک بقالی می رود.وبقال ــ بانیشخندی برچهره ــ به دختردست درازی می کند9.
فروید ازاین دواتفاق برای «اما» نتیجه می گیرد که خنده های آن دوفروشنده درمغازه «اما» ی 12 ساله را ناخودآگاه به یاد نیشخند بقال ودست اندازی او می اندازد .
ازنگاه فروید خنده های آن دوفروشنده باعث نوعی «درک مابعدی» ــ والبته ناخودآگاه ــ ازآن آسیب روحی درسن هشت سالگی است ونشانه بروز آن آسیب ترس «اما» از ورود به هردکان ومغازه ای است.

فروید ازاین مورد خاص که آنرا به عنوان نمونه برای تئوری «درک ما بعدی» اش مطرح می کند نتیجه می گیرد که یادآوری یک خاطره می تواند منجربه آشفتگیی گردد که به هنگام وقوع آن حادثه رخ نداده، اما تحولات ناشی از بلوغ جنسی درک دیگری ازآن رویداد راممکن می سازد.
«درک مابعدی» برای فروید فقط به این معنا نیست که مفهوم واقعی رویدادی پس ازگذشت زمان معینی روشن می شود؛ اوبدین باوراست که جنبه اساسی یا به بیانی دیگر حقیقت آن رویداد درآینده وبا گذشت زمان به وقوع می پیوندد، زیراانسان پس از گذشت زمان معینی قادربه مواجه شدن باجنبه های اساسی وحقیقت آن رویداد است . در مورد «اما» بعدازرسیدن به بلوغ جنسی.

ما اگرچه درداستان «اما» بابرخی مجهولات مواجه هستیم، اما تئوری «درک مابعدی» فروید می تواند به نحو غیرمنتظره ای بعضی ازگره های «تئوری انقلاب ها» را بگشاید. این تنها انقلاب های گذشته نیستند که سرنوشت انقلابهای زمان مارا تعیین می کنند، زمان ما نیزتوان آنرا دارد که گره های بسته دیروزرا بازکند.

درانتقال تئوری«درک مابعدی» ازچهارچوب روانکاوی فروید به تئوری «بازسازی» انقلابها البته باید احتیاط گزید. ازطرف دیگر بین تاریخ انقلابها و آنچه فروید ازآن به عنوان «درک مابعدی» آسیب های روحی یاد می کند مشابهات پراهمیتی وجود دارد. نوعی درک مابعدی آسیب هایی که درانقلابها نهفته است. منظورما اینجا این نیست که انقلابها درخاطره جوامع به هرحال همچون آسیب های روحی به ثبت می رسند. منظور پدیده هایی چون انفجارخشونت، اعدام ها، پاکسازی ها نیستند. درک مابعدی آسیب هایی که انقلابها مسبب آن هستند اشاره به پدیده ای دارد که درابتدا محسوس نیست، اشاره به آنچه که بود ندارد، اشاره به آنچه می توانست باشد ونبود دارد. بازمنظورشکاف بین شعارهای انقلاب وواقعیت های پس ازانقلاب نیست. منظور خیانت به ایده آلهای انقلاب نیست- مشگل درخود ایده آل ها است. انقلاب 57 برخلاف آنچه شایع است ازآغاز نه یک جنبش دموکراتیک ونه یک چنبش چپ بود که بعدها منحرف شد. انقلاب 57 ازابتدا منحرف بود. ازآغاز فریاد خواستارهای دموکراتیک ویا عدالت اجتماعی بانداهای دیگر توام بود. همانطورکه «اما» به هنگام وقوع آن قادربه درک معنای دست اندازی بقال ــ ونیشخند اوــ نبود. جامعه ایران سال
1357
نیزقادربه درک آن نبود که شعارمحوری انقلاب : استقلال، آزادی، جمهوری اسلامی به قول «اسلاوی ژیژک»10 بازگشت خداوندی قربانی طلب را بشارت می داد.11
درآن زمان پسوند اسلامی واژه جمهوری همچون سوپاپ اطمینان برای جلوگپری ازجوانب ناخوشایند مدرنیته درنظر گرفته شد. همان مدرنیته ای که جوانب «خوب» آنرا ــ آزادیهای فردی، حقوق بشر، قانون مداری ــ جامعه آن روز ایران خواستار شان بود. درآنزمان پسوند ــ نابجای ــ اسلامی به «جهان پاک» ولبخند یک روحانی فرزانه پیوند داده می شد واگرآنرابه فرهنگ غربی ــ مسیحی انتقال دهیم صومعه شاعرانه را تداعی می کرد ونه پدیده ای چون نفنیش عقاید یا شخصیتی چون «ساوناراولا» 12.

درک معنای واقعی پسوند اسلامی جمهوری که درپی انقلاب 57 درفرهنگ سیاسی ماوارد شد ، تازه روزدر«مابعد» ممکن گردید ، درزمانی که درپی تقلب گسترده انتخابات ریاست جمهوری سال گذشته براندازی این جمهوری رابرای نخستین بار بطور جدی ــ ونه به صورت یک آرزوی آرمان شهری ــ مطرح ساخت.

بحث انگیزترین شعارجنبش اعتراضی اخیر به همان شعارمحوری انقلاب
57
اشاره دارد: استقلال ، آزادی ، جمهوری ایرانی. سخن از«جمهوری ایرانی» ممکن است برای کسانی که آشنایی چندانی با مسائل ایران ندارند مظنون به نظرآید. منظوراین شعار چیست؟ جمهوری ناسیونالیستی یا نوعی جمهوری خاص برای ایران که ضرورت به طراحی دارد؟ نکوهش وانتقادی که دراین دوپرسش نهفته است دررسانه های فارسی زبان و ازجانب کسانی که باید با پس زمینه های این شعار آشنا باشند نیز مکرر برزبان می آید. این گروه شاید به هرنیت نمی خواهند با واقعیت های آشکار روبرو شوند. درایران چندی پس ازانتخابات ریاست جمهوری اسکناس هایی به جریان افتاد که پسوند «اسلامی» درعبارت «جمهوری اسلامی ایران» خط خورده بود و«جمهوری اسلامی ایران» به «جمهوری ایران» تبدیل شده بود. شعار«جمهوری ایرانی» دقیقا نتیجه همین حذف است . واژه «ایرانی» درشعار«جمهوری ایرانی» مدعی هیچ نوع محتوایی چون ناسیونالیسم ویا نوعی حکومت اختصاصی برای ایران نیست . پسوند «ایرانی» تنها جای خالی پسوند «اسلامی» را به تصرف خود درآورده است.

شعار استقلال ، آزادی ، جمهوری ایرانی با اشاره به شعار محوری انقلاب
57
استقلال ، آزادی، جمهوری اسلامی ، درواقع به آسیبی اشاره دارد که درانقلاب
57
نهفته است وحقیقت آن تازه امروز است که توان آشکارشدن ویا ـ ازنقطه نظر«درک مابعدی» فروید ــ توان به وقوع پیوستن را دارد. آسیبی که سخن از«جمهوری ایرانی» آن را درعین حال ــ باانگشت گذاشتن روی آن و جایگزینی پسوند «ایرانی» به جای «اسلامی» - بلقوه درمان می کند.

والتربنیامین13 هرچند احتمالا ازتئوری «درک مابعدی» فروید اطلاعی نداشت ، اما نوعی تئوری «درک مابعدی» تاریخی را پی ریزی کرد. بهمان صورت که برای فروید رویدادهای زمان حال می توانند باعث گردند که رویداد های گذشته به صورت واقعی خود جلوه کنند ، ازنظر بنیامین رویدادهای زمان حال می توانند گذشته یا حتی کل تاریخ را دگرگون سازند. برای بنیامین اما بروز ویا وقوع آسیب در«مابعد» مطرح نیست. اوبرعکس معتقد است که زمان حال قادراست گذشته را «نجات دهد». بدین معنا که تحولات امروز می توانند به رویدادهای دیروز معنای دیگری دهند.
«اگرچنین باشد میان گذشتگان ومامعیادی سری وجود دارد . پس روی زمین انتظار مارا می کشیده اند. پس ما را نیز چون نسل های قبل قدرت نجاتی هست که گذشتگان حق مطالبه آن را دارند. ازچنین مطالبه ای نمی توان به سادگی سرباززد»14

بابازسازی انقلاب 57 جنبش سبز آسیب نهفته درآن انقلاب را یادآور می شود وبه حقیقت آن آسیب امکان بروزمی دهد. این «به وقوع پیوستن» برای جنبش سبز البته جنبه سمبلیک دارد؛ اما رژیمی که درپی آن انقلاب به قدرت رسید ــ بانشان دادن چهره حقیقی خود ـ به این «به وقوع پیوستن» آن آسیب جنبه ای واقعی داد: از برخورد بیرحمانه با تظاهرکنندگان گرفته تا کشتار، محاکمات نمایشی، تجاوز وشکنجه.
ازتمامی اینها باید به عنوان جنبه های فرویدی جنبش سبز یادکرد.

شعار "استقلال - آزادی -جمهوری ایرانی‌" - که در آن خواستار‌های نیروهای پیشتاز جنبش سبز متبلور میشوند - انقلاب اسلامی ۱۳۵۷ را یاداوری می‌کند، یا به قول مارکس آن انقلاب را همچون مرده‌ای فرا میخواند. این یاد آوری اما با لغو سمبلیک آن انقلاب همراه است (جایگزینی "ایرانی‌" به جای "اسلامی"). با فرا خوانی انقلاب ۵۷ جنبش سبز سعی‌ دارد آن انقلاب را "در ما بعد" از آسیبی که در آن نهفته است برهاند.
واین جنبه بنیامینی جنبه سبز است.

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*والتر بنیامین (۱۸۹۲-۱۹۴۰) فیلسوف و تئوریسین اجتماعی آلمانی


1) Sergej Eisenstein
2) Karl Marx: Der Achzente Brumarie des Louis Bonaparte. Frankfurt am Main, 2007, S.24
3) Ebd.
4) Paulus
5) Oliver Cromwell
6) Ebd.
7) Ebd.
8) Sigmund Freud: Entwurf einer Psychologie. In ders.:Gesammelte Werke, Nachtragsband, Frankfurt am Main, 1999, S.445
9) Ebd.
10) Slavoj Zizek
11) Slavoj Zizek: Auf verlorenem Posten. Frankfurt am Main, 2008, S.97
12) Savonarola
13) Walter Benjamin
14) Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In ders.: Gesammelte Schriften, Bd. I.2, Frankfurt am Main, 1980, S.691