Samstag, 25. Juli 2009


Was gerade passiert
(Ich habe diesen Text weiter unten, als er noch nicht fertig geschrieben war, veröffentlicht. Hier die vollständige Version)

Sie werden auch diesmal gewinnen, die Arschlöcher, sagt meine Mutter, die noch niemals Arschloch gesagt hat, aber Mutter, daß Du Arschloch gesagt hast, ist ein Zeichen, es geschehen … nach dreißig Jahren ist
ein Wunder geschehen
, Mutter ist skeptisch.

Teheran, sagt die Expertin im Radio, ist der Revolutionen schon müde.
Wieviele Revolutionen hat denn Teheran schon gehabt?
Je nachdem, sagt Kuros, was man als Revolution gelten lassen möchte, und bestellt einen Verlängerten schwarz, er ist Soziologe und Tiermediziner.
Und Österreich?

Wenn man das, was gerade passiert, Revolution nennen möchte, sagt Kuros, und bestellt noch ein Wasser, wenn man das Revolution nennen will, hat Teheran seit den Achtzehnhundertundvierziger Jahren fünf Revolutionen erlebt - alle dreißig Jahre also eine.

Die Kellnerinnen im Sperl sind die besten der Welt, und seit ich nicht mehr in der Webgasse wohne, vermisse ich sie. Erstens, sagt Kuros, aber auf die wird immer vergessen, gab es die Revolution der Babi, in den 1840er und 50er Jahren, die - nachdem sie den Islam abgeschafft hatte - in die Baha’i-Religion mündete, die Babi wurden vom schiitischen Klerus und den Kajaren-Kaisern brutal unterdrückt - und in der Islamischen Republik sind die Baha’i vogelfrei.
Zweitens die konstitutionelle Revolution, die den Kajaren-Kaisern eine demokratische Verfassung aufoktroyierte, die aber von den
Pahlewi-Kaisern außer Kraft gesetzt wurde, drittens, Mossadegh, Anfang der 1950er, der bekanntlich das Erdöl verstaatlichen wollte und 1953 von den Amerikanern weggeputscht wurde, dann aber, viertens, die islamische Revolution, die in Wahrheit eine linke Revolution war, sagt Kuros, die Islamisten haben sie aber usurpiert.
Aber geh, sagt mein - politisch gut informierter - Freund Kaweh, der in den 70er Jahren sein Maschinenbaustudium an den Nagel gehängt hat, seither ist er politischer Aktivist und Rezeptionist in einem Grazer Hotel. Aber geh, die Revolution ist von Anfang islamisch gewesen, und im Gegenteil, wir Linken waren es, die - aber vergeblich - versuchten, auf den Zug dieser Revolution aufzuspringen.
Wer ist die
?, fragt Kuros, und zeigt auf eines der Fenster, durch das jetzt ein Frauengesicht in das Sperl hineinschaut, auf uns, als sie merkt, daß sie bemerkt worden ist, wendet sie schnell ihren Kopf ab - und weg. Die kenne ich doch von wo - doch von wo?

Revolutionen, sagt Kuros, sind Operationen. Die Herren - ich meine, die Damen und Herren - Chirurgen haben vor 30 Jahren im Bauch der Patientin ihr Besteck liegen lassen, und deshalb seit 30 Jahren die Schmerzen. Aber die Patientin hat natürlich von Operationen genug. Nie wieder Operation!, ruft das Volk in Teheran, Nie wieder Revolution!, so wie die Österreicher Nie wieder Krieg! rufen und Nie wieder Faschismus! Die Österreicher? Nie wieder Faschismus? Nicht alle. Bei weitem. Da hat der Dritte Herr Nationalratspräsident ja schon recht, für den Antifaschismus ein Schimpfwort zu sein scheint. Aber den Islam genannten Faschismus, sagt Kuros, kann man nicht mittels Gandhi bekämpfen. Man müsse schon an die Bauchdecke ran.
Aber - bitte - diesmal mit professionellen Chirurgen.

Fuck the Iranian Revolution - Michael Jackson is dead!, hat jemand getwittert. Er war ja auch der einzige schwarze Superstar ever, sagt Kuros. Neben Obama, sagen Kaweh und ich, unisono. Aber ein Schwarzer war er bei Gott nicht, sagt Kaweh, optisch zumindest. Ich weiß jetzt, woher ich sie kenne - die vorhin durch das Fenster geschaut hat, und ich erzähle unaufgefordert von ihr, und daß sie Du als optischer Moslem gesagt hat, zu mir, obwohl ich ihr mehrmals erklärt hatte: Ich bin kein Moslem, resp.: Ich war niemals Moslem, und ich hatte, als Nachsatz zu Moslem, eines dieser Worte verwendet - eines dieser Worte, die auch Kaweh verwendete, als Nachsatz zu islamisch, als er vorhin meinte, diese Revolution sei von Anfang islamisch gewesen.
Hattest Du - seinerzeit einen Bart?, fragen Kaweh und Kuros.
Nein, ich war so wie jetzt, aber … ich schau … ich bin halt …
… ein Orientale, sagt Kaweh, und für die ist ein Orientale immer ein Moslem. Als Ebadi den Nobelpreis gekriegt hat, haben sie ja auch alle geschrieben, die erste Muslima, die den Nobelpreis …
Aber die ist doch Moslemin …
Das moslemisch wirst Du nie wieder los, sagt Kuros, es ist wie ein biologisches Merkmal.
Was heißt nie-wieder-los?, will ich sagen, ich hatte dieses Moslem ja nie, und sage tatsächlich: Heutzutage wirst Du Deine biologischen Merkmale sehr wohl wieder los – siehe Jacko. Oder das Geschlecht kannst Du Dir ja auch umwandeln lassen. Oder ist das Geschlecht vielleicht nicht biologisch?
So sicher wäre ich da nicht, sagt Kuros. Ihr kennt - Judith Butler?, und er erklärt uns, nachdem er sich eine Marlboro bestellt hat, Judith Butler, die gezeigt hätte, daß nicht nur das Gender kulturell konstruiert sei, sondern auch der gemeinhin als biologisch gegeben aufgefaßte Sex, was ich - auch nach dem dritten Erklärungsversuch - nicht zu kapieren vermag.

Ich fasse, in Gedanken, das Gesagte zusammen - während sich meine Gedanken auf das blasse Frauengesicht zubewegen, von vorhin, hat sie rote Haare gehabt? Es ist Jahre her. Oder braun? - ich fasse, in Gedanken, das Gesagte zusammen: Das Merkmal Moslem ist ein eigentlich kulturelles, das heutzutage aber wie ein biologisches angesehen wird, biologisch, weil es an biologischen Merkmalen - Haut-, Haar-, Augenfarbe - festgemacht wird, und biologisch, weil es als unveränderbar gilt, obwohl aber andrerseits biologische Merkmale heutzutage durchaus veränderbar sind - siehe, den Jackson, die Geschlechtsumwandlung, die genetische Manipulation.

Nachts träume ich, ich säße mit Kuros und Kaweh und einer Menge TeheranerInnen im Sperl, eine Tischrunde, Frauen und Männer, ich bin Angeklagter und die anderen die Jury. Es heißt, ich, der Angeklagte, soll tanzen, der Tanz sei eine Zeugenaussage, ich bin nämlich Zeuge und nicht Angeklagter, ich kann aber nicht, sage ich. Auf den Tisch!, sagt die Jury, sie flüstert, das Flüstern ist ein hinausposauntes Kommando: Auf den Tisch!
Allaho-Akbar!, sage ich, was Gott-ist-groß heißt - aber auch: Das gibt’s doch wohl nicht! resp.: Also bitte!
Allaho-Akbar!, sage ich, Also bitte!, ich skandiere dieses Allaho-Akbar!, und die Tischrunde klatscht, resp. die Jury, im Rhythmus meines Skandierens von diesem Allaho-Akbar!
Später stehe ich auf dem Tisch, ich brülle: Allaho-Akbar!, Also bitte!, Allaho-Akbar!, Also bitte!, Allaho-Akbar!
Die Kellnerinnen, im schwarzen Kellnerinnengewand, recken ihre Arme nach oben, im Rhythmus, meines Allaho-Akbars, Also bitte! Ich bin, will ich sagen und singen, kein Moslem, glaubt mir, ich war niemals Moslem. Es geht aber nicht. Kein Laut. Es bewegen sich bloß meine Lippen.

Dienstag, 14. Juli 2009

Bertolt Brecht an das Regime in Teheran - شعری از برتولت برشت که گویی آن را از طرف ملت ایران خطاب به‌ رژیم ایران گفته


In Erwägung unsrer Schwäche machtet
Ihr Gesetze, die uns knechten soll’n.
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
In Erwägung, daß wir nicht mehr Knecht sein woll‘n.

In Erwägung, daß Ihr uns dann eben
Mit Gewehren und Kanonen droht,
Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben
Mehr zu fürchten als den Tod

[...]

In Erwägung, daß wir der Regierung
Was sie immer auch verspricht, nicht traun,
Haben wir beschlossen, unter eigner Führung
Uns nunmehr ein gutes Leben aufzubaun.

In Erwägung, Ihr hört auf Kanonen -
Andre Sprachen könnt Ihr nicht verstehen -
Müssen wir dann eben, ja das wird sich lohnen,
Die Kanonen auf Euch dreh’n!

(Die hier nur auszugsweise wiedergegebene "Resolution der Kommunarden" gehört zum Stück "Die Tage der Kommune", das Brecht unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil 1948/49 verfaßt hat)

شعری از برتولت برشت که گویی آن را از طرف ملت ایران خطاب به‌ رژیم ایران گفته
...

نظر به‌ ضعف ما
احکامی وضع کردید تا ما را برده سازید
دیگر احکامتان رعایت نخواهد شد
نظر به‌ اینکه دیگر برده نخواهیم بود

نظر به‌ اینکه ما را
با توپ‌هایتان و تفنگ‌هایتان تهدید می‌کنید
تصمیم گرفته ایم مرگ را
بر این زندگی نکبت بار ترجیح دهیم

[...]

نظر به‌ اینکه به‌ قول و قرار‌های حکومت تان
اعتماد ی نیست
تصمیم گرفته ایم به‌ رهبری خود مان
برای خود زندگانی بهتری سازیم

و اگر قرار باشد فقط و فقط زبان توپ‌ها و تفنگ‌ها را دریابید
آنوقت، آری انوقت توپ‌ها یتان را به‌ شما نشانه خواهیم رفت

(شعر
"قطعنامه کموناردها"
(Resolution der Kommunarden)
"قسمتی از نمایشنامه "روزهای کمون
(Die Tage der Kommune)
میباشد که برشت آنرا بعد از بازگشت از آمریکا به‌ آلمان در سال۱۹۴۹ به‌ رشته تحریر درآورد)

این ترجمه دست و پا شکسته خود من است از شعر زیبای برشت. کسی‌ اگر ترجمه بهتری را سراغ دارد، لطفا با من تماس بگیرد. با سپاس

Was gerade passiert

Sie werden auch diesmal gewinnen, die Arschlöcher, sagt meine Mutter, die noch niemals Arschloch gesagt hat. Aber Mutter, daß Du Arschloch gesagt hast, ist ein Zeichen, es geschehen … nach dreißig Jahren ist ein Wunder geschehen. Mutter ist skeptisch.

Teheran, sagen die Experten im Radio, ist der Revolutionen schon müde. Wieviele Revolutionen hat Teheran denn schon gehabt? Je nachdem, sagt Kuros, was man als Revolution gelten lassen will, und bestellt einen Verlängerten schwarz, er ist Soziologe und Tiermediziner. Und wieviele - Österreich?

Wenn man das, was gerade passiert, Revolution nennen möchte, sagt Kuros, und bestellt noch ein Wasser, wenn man das Revolution nennen will, hat Teheran seit den Achtzehnhundertundvierziger Jahren insgesam fünf Revolutionen erlebt - alle dreißig Jahre also eine.

Die Kellnerinnen im Sperl sind die besten, und seit ich von der Webgasse weg bin, vermisse ich sie. Erstens, sagt Kuros, aber auf die wird immer vergessen, gab es die Revolution der Babi, in den 1840er und 50er Jahren, die, nachdem sie den Islam abgeschafft hatten, in die Baha’i-Religion mündeten, die Babi wurde von den Kajaren-Kaisern und vom schiitischen Klerus brutal unterdrückt - und in der Islamischen Republik sind die Baha’i vogelfrei.
Zweitens die konstitutionelle Revolution, die den Kajaren-Kaisern eine demokratische Verfassung aufoktroyierte, die aber von den Pahlewi-Kaisern faktisch außer Kraft gesetzt wurde, drittens, Mossadegh, Anfang der 50er Jahre, der das Erdöl verstaatlichen wollte und 1953 von den Amerikanern weggeputscht wurde, dann aber, viertens, die islamische Revolution, die in Wahrheit eine linke Revolution war,
sagt Kuros, eine säkulare jedenfalls, aber die Islamisten haben sie usurpiert. Aber geh, sagt mein - politisch gut informierter - Freund Kaweh, der in den 70er Jahren sein Maschinenbaustudium an den Nagel gehängt hat, seither ist er politischer Aktivist und Rezeptionist in einem Grazer Hotel. Aber geh, die Revolution ist von Anfang islamisch gewesen und, im Gegenteil, wir Linken waren es, die - allerdings vergeblich - versuchten, auf den Zug dieser glorreichen Revolution aufzuspringen. Wer ist die?, fragt Kuros, und zeigt auf eines der Fenster, durch das jetzt ein Frauengesicht in das Sperl hineinschaut, auf uns, oder mich, als sie merkt, daß sie bemerkt worden ist, wendet sie ihren Kopf ab - und weg. Die kenne ich doch von wo.

Revolutionen, sagt Kuros, sind Operationen. Die Herren - ich meine, die Damen und Herren - Chirurgen haben vor 30 Jahren im Bauch der Patientin ihr Besteck liegen lassen, daher seit 30 Jahren die Beschwerden, aber die Patientin hat von Operationen genug. Nie wieder Operation!, sagt das Volk in Teheran, Nie wieder Revolution!, so wie die Österreicher Nie wieder Krieg! rufen und Nie wieder Faschismus! Die Österreicher? Nicht alle. Bei weitem. Da hat der Herr Dritter Nationalratspräsident, für den Antifaschismus ein Schimpfwort ist, ja schon recht. Aber den Islam genannten Faschismus kann man nicht mit Gandhi besiegen, sagt Kuros, da müsse man an die Bauchdecke ran. Aber - bitte - diesmal mit professionellen Chirurgen.

Fuck the Iranian Revolution - Michael Jackson is dead!, hat jemand getwittert. Er war auch der einzige schwarze Superstar ever, sagt Kuros.
Neben Obama, sagen Kaweh und ich unisono. Aber ein Schwarzer war er bei Gott nicht, sagt Kaweh, zumindest nicht optisch. Da endlich fällt mir ein, woher ich sie kenne - die vorhin durch das Fenster geschaut hat und dann wieder weg, und ich erzähle unaufgefordert, von ihr, und daß sie Du als optischer Moslem gesagt hat - zu mir, obwohl ich mehrmals erklärt hatte: Ich bin kein Moslem, resp.: Ich war niemals Moslem, und ich hatte, als Nachsatz zu Moslem, eines dieser Worte verwendet, die auch Kaweh verwendete, als er vorhin meinte, diese Revolution sei doch von Anfang islamisch gewesen.

Fortsetzung folgt – sehr bald

Sonntag, 21. Juni 2009

Nachts, über den Dächern von Teheran


In den 70er Jahren, als ich mit den Eltern von Deutschland nach Teheran zurückkam, fiel mir auf, daß die Erwachsenen ihre Sätze bei jeder Gelegenheit mit den Worten beendeten: „ … kein Wunder also, daß der Iran zurückgeblieben ist“. Ich war sechs.
Eines Abends kehrte ich in Begleitung meiner Großmutter, bei der ich hin und wieder die Nachmittage verbrachte, zu meinen Eltern nach Hause zurück. Es war schon spät, und wir waren zu Fuß unterwegs, man sah die Sterne am Himmel. Großmutter begann mir die Sternbilder zu erklären - nicht zum ersten Mal - und ich fragte sie, woher sie das alles wisse. „Im Sommer“, sagte Großmutter, „schlafen die Teheraner nachts auf den Dächern.“ Auf den Dächern? Schlafen? Das verwirrte mich. Daß es sich bei den Teheraner Dächern - im Unterschied zu den Dächern in Düsseldorf und in Krefeld, wo ich herkam - um Flachdächer handelte, war mir offensichtlich nicht klar, und ich versuchte mir, meine alte Großmutter schlafend auf einem schrägen Düsseldorfer Dach vorzustellen. „Kein Wunder also“, hörte ich mich sagen, „daß der Iran zurückgeblieben ist.“ Ich war ein altkluges Kind.

Dieser Tage ist wieder Sommer in Teheran, und die Menschen gehen nachts auf die Dächer, weniger allerdings um zu schlafen - von den Dächern ist vielmehr der von Nacht zu Nacht lauter werdende Ruf "Allah-o-Akbar" zu hören, "Allah ist groß". Es ist der Schlachtruf der Opposition gegen ein Regime, das sich entschlossen hat, mittels offenkundiger Wahlfälschung und dem Einsatz brutalster Gewalt die Rufe der Menschen nach ein wenig mehr Freiheit und Würde zu ersticken.

Warum aber "Allah-o-Akbar"? Hat denn nicht vor 30 Jahren genau dieses "Allah-o-Akbar" jene Revolution eingeläutet, die in genau dieses System mündete, gegen das die Menschen heute aufbegehren? Warum rufen sie nicht "Nieder mit der Diktatur!" oder "Freiheit!" (sie tun es natürlich, aber weniger laut und mehr tagsüber als in den Nächten)?

Sind die Menschen Opfer einer Art historischen Wiederholungszwangs, der sie, wie fremdgesteuert, immer und immer wieder denselben Fehler machen läßt? Bekanntlich war für Freud der Wiederholungszwang ein Ausdruck des Todestriebes. Sind die Iraner eine Nation von lebensmüden Selbstmördern?

Manche sagen, das "Allah-o-Akbar" von heute sei weniger eine Aussage als ein Zitat - ein Zitat nämlich aus der Zeit der islamischen Revolution 1978/1979, und indem die Menschen nachts auf den Dächern dieses Zitat wiederholen, wollen sie ihren Unterdrückern - allen voran Ali Khamenei - eine Botschaft übermitteln: Erinnert Ihr Euch, wie es damals war? Es ist wieder so weit.

Da ist was dran - und so gesehen wäre das "Allah-o-Akbar" von heute in seinem Zitat- und Verweischarakter keine archaische sondern im Gegenteil eine postmoderne Form des Protests. Aber verstricken sich die Menschen, indem sie die Sprache ihrer Unterdrücker sprechen – und sei es nur, um von ihnen verstanden zu werden –, nicht in deren unheilvolles „Netz der Signifikanten“? Anders gesagt: Schreiben oder schreien sie - "Allah-o-Akbar" rufend - ihre Unterdrückung nicht fort?

Vielleicht sind aber die "Allah-o-Akbar"-Rufe von heute weniger eine Art Zitat als eine Art Denkmal. In seinem Buch „Die politische Suspension des Ethischen“ erwähnt Slavoj Zizek einen kommunistischen slowenischen Revolutionär, der 1943 in einem von den italienischen Faschisten errichteten KZ auf der Insel Rab eine Rebellion jugoslawischer Gefangener anführte, denen es gelang, mehr als 2000 bewaffnete italienische Soldaten zu besiegen. Nach dem Krieg wurde der besagte Revolutionär von den Kommunisten festgenommen und in ein anderes KZ auf eine andere Insel gebracht, wo er 1953 gezwungen wurde, zusammen mit anderen Gefangenen ein Denkmal zur Feier des 10. Jahrestages der Rebellion auf der Insel Rab zu errichten – ein Denkmal also für sich selbst …
Zizek sieht im Schicksal dieses Revolutionärs eine Parallele zum Schicksal von Millionen Menschen, die nachdem sie zunächst im Kampf für die Revolution das alte Regime gestürzt hatten, dann unter der Herrschaft Stalins versklavt und gezwungen wurden, Denkmäler zur Erinerung an ihre eigene revolutionäre Vergangenheit zu errichten – eine in den Worten Zizeks „poetische Ungerechtigkeit“.

Für Poesie hatten wir Iraner immer schon eine Ader - jetzt also auch für „poetische Ungerechtigkeit“. Wir setzen uns - "Allah-o-Akbar" rufend - unser eigenes Denkmal, uns und unserer revolutionären Verangenheit, resp. der revolutionären Verangenheit unserer Eltern. Wir machen es – im Unterschied zu den Menschen in den Beispielen von Zizek – aus eigenen Stücken, und wir machen es in einem Augenblick, in dem die Befreiung aus den Fesseln der religiösen Diktatur zwar nicht zum Greifen nahe ist, aber näher als je zuvor seit dem Bestehen dieser Islamischen Republik.

Ob wir eines Tages in Erinnerung an unsere "Allah-o-Akbar"–Rufe von heute, unsere - gegen uns selbst gerichtete - Version der „poetischen Ungerechtigkeit“, ob wir eines Tages in Erinnerung an diese Allah-o-Akbar -Rufe sagen werden: „ … kein Wunder also, daß der Iran zurückgeblieben ist“?

Donnerstag, 20. März 2008

Wo ich herkomme


Wo ich herkomme, behaupten die Menschen, ihre Sprache sei Deutsch. Aber schon damals als ich dort, wo ich herkomme, ankam, wurde mir klar, daß die Menschen dort, wo ich herkomme, nicht wirklich ein Deutsch sprechen. Was die Menschen dort, wo ich herkomme, sprechen, war damals - und ist auch heute - nur scheinbar ein Deutsch, in Wahrheit war es – und ist es auch heute - ein falsches, verrenktes, verzogenes Deutsch, einmal fragten sich plötzlich drei meiner seinerzeit pubertierenden Schulkameraden - es waren der Ehrenfried, der Kurt, der Leopold, die allesamt von dort, wo ich herkomme, gebürtig waren - in der Nacht während eines Schulskikurses, in den Stockbetten der Jugendherberge von F., einmal fragten sich plötzlich drei meiner seinerzeit pubertierenden Schulkameraden, wie sie denn als zukünftiger Mann im Deutsch der Menschen von dort, wo ich herkomme, einer Frau sagen können würden, daß sie sie liebten. Meine seinerzeit pubertierenden Schulkameraden versuchten, ein jeder ein Kopfkissen in Vertretung seiner zukünftigen Geliebten vor sich haltend, mehrere Varianten des Liebesbekenntnisses im Deutsch der Menschen von dort, wo ich herkomme. Alle Varianten waren verrenkt, verzogen und falsch, sodaß alle drei meiner damals pubertierenden Schulkameraden begriffen, daß man im Deutsch der Menschen von dort, wo ich herkomme, niemandem sagen könne, daß man ihn liebe, und schon gar keiner Frau.

[...]

Dort, wo ich herkomme, schützen sie sich mit dem Gallert ihrer Sprache vor aller Welt - schlimm ist die Welt für die Menschen dort, wo ich herkomme, vor allem jenseits ihrer Landesgrenzen - man kommt aber, wenn man, wie ich, irgendwann einmal dort, wo ich herkomme, angekommen und aus Gründen, die man wieder vergessen hat, geblieben ist, und man hin und wieder, in den Ferien wenigstens, von den Menschen dort, wo ich herkomme seine Ruhe haben will – man kommt aber in keinem Land dieser Welt um die Begegnung mit den Menschen von dort, wo ich herkomme, herum.

[...]

Ich behaupte: Dort, wo ich herkomme, täten die Menschen besser daran, zu verstummen. Das Verstummen der Menschen dort, wo ich herkomme, würde mehr bedeuten, behaupte ich, als ihr Reden, da die Menschen dort, wo ich herkomme, wenn sie reden, doch nicht sagen, was sie wollen - im Gegenteil wollen die Menschen dort, wo ich herkomme, wenn sie reden, das, was sie wollen, am Verlassen ihrer Mundhöhlen hindern: Zum einen will das, was die Menschen dort, wo ich herkomme, wollen, aus ihren Mündern hinaus und in das Ohr ihres Gegenübers hinein, zum anderen wollen die Menschen dort, wo ich herkomme, wenn sie schon einmal etwas wollen, ihr Wollen auf keinen Fall auslassen, dort, wo ich herkomme, bringt man den Kindern schon bei, ja nichts auszulassen:

Wenn man Dir gibt,
Dann nimm,
Wenn man Dir nimmt,
Dann schrei.
Was Du hast,
das laß nie aus.

[...]

Man kann auch sagen: Der Mensch von dort, wo ich herkomme, kotzt, wenn er redet, unter vorgehaltener Hand.
Nur wenn er ordentlich auf die Schnauze gefallen ist, kotzt der Mensch von dort, wo ich herkomme, ohne die Hand vor dem Mund zu halten, im hohen Bogen, um vielleicht eine Brücke zum Nebenmenschen zu schlagen, in der Regel ist der Angekotzte ein Fremder oder Minderheitenangehöriger.
Dort, wo ich herkomme, kommt der Fremde resp. der Minderheitenangehörige in der Regel aus dem Lappland oder aus Honolulu. Die Menschen dort, wo ich herkomme, bezeichnen aber die Fremden nicht als lappländische oder als honoluluische Mitbürger, wie es sich gehörte, sondern als Läppische oder Honoluluische, und bringen ihren Kindern bei, daß alles Übel der Welt von den Honoluluischen käme resp. von den Läppischen, und daß die Läppischen und die Honoluluischen es sich in Wahrheit immer richteten und das Volk von dort, wo ich herkomme, übervorteilen würden. Dort, wo ich herkomme, leben die Menschen in der aufrichtigen Sorge, daß ihr Leben von der fremden Art der Läppischen und Honoluluischen nach und nach überwuchert werden könnte, manche behaupten, der Atem und die Gerüche der Läppischen und der Honoluluischen würden die heimatlichen Winde und Lüfte und Sonnenstrahlen und Wolken verändern, so daß das Klima dort, wo ich herkomme, seinen Eigencharakter zu verlieren drohte, wofür sie den Ausdruck Umwolkung geschaffen haben, auch ich bin, wenn ich es recht bedenke, seinerzeit als Läppischer oder als Honoluluischer dort hin gekommen, wo ich jetzt her komme, aber so wie sie dort, wo ich herkomme, behaupten, das Wetter habe sich dort, wo ich herkomme, durch das Fremde verwandelt, so habe auch ich mich im Laufe der Jahre verwandelt, und habe über die Zeit bevor ich dort, wo ich herkomme, ankam, nichts mehr zu sagen.

Dienstag, 19. Februar 2008

Der, der sterben wird




Der folgende Text entstand knapp vor der Jahrtausendwende.

Der, der sterben wird

Der, der sterben wird, steht neben mir am Grab. Wir sprechen über den, der schon tot ist. Den, der sterben wird, kenne ich kaum. Fünf oder sechs Mal habe ich mit ihm gesprochen, immer im Café C., immer in Gesellschaft anderer, Älterer. Ich hatte angenommen, der, der sterben wird, habe Familie, Kinder, vielleicht Enkelkinder.
Der, der sterben wird, hat die Stimme eines Jungen. Er ist groß und kräftig gebaut, die Frauen sagen, er sei schön. Beim Begräbnis dessen, der schon tot ist, glänzt seine hellbraune Halbglatze in der Sonne. Der, der sterben wird hat silbergraue Haare und einen schwarzgrauen Schnurrbart.
„Wie kann man nur im Mai sterben?”, fragt er mich, als sei ich dafür verantwortlich, daß der, der schon tot ist, im Mai gestorben ist. Der, der sterben wird, wird im Juni sterben.

Meine Schwester, die Biologin, spricht über Mai- und Junikäfer. Beim Begräbnis dessen, der schon tot ist, steht sie in der Schlange derer, die warten, um eine Blume auf den Sarg werfen zu können, hinter mir. Ich stehe hinter dem, der sterben wird. Um die Maikäfer von den Junikäfern zu unterscheiden, brauche man keinen geschulten Blick, sagt meine Schwester, die Biologin. Die Farbe des Junikäfers sei goldbraun, die des Maikäfers hingegen rotbraun.
Der, der schon tot ist, war mit dem Fahrrad in der Mittagshitze zu einem Badesee unterwegs. Es war ein für dieses Land ungewöhnlich heißer Maitag gewesen. Niemand wüßte, woran der, der schon tot ist, gestorben sei, sagt sein Chef, der Primarius, bei der Grabrede. Der, der schon tot ist, war Arzt im Landeskrankenhaus in D. Immer hat er sich abfällig über die Patienten geäußert, sagt meine Schwester, die Biologin. Er sei der alten, häßlichen, chronisch kranken Patienten überdrüssig, habe er immer wieder gesagt, er wünsche sich nur junge und hübsche Patienten. In den Zeitungen steht, der, der schon tot ist, sei bei den Patienten äußerst beliebt gewesen. Gerade die Älteren, berichtet auch meine Schwester, die Biologin, hätten ihn in Wahrheit geliebt.

Ich denke, vielleicht hat den, der schon tot ist, ein Insekt gestochen. Selbstmord oder Mord seien unwahrscheinlich, sagt sein Chef, der Primarius vom Landeskrankenhaus in D. Die Eltern dessen, der schon tot ist, hätten ihn gebeten, bei seiner Grabrede etwas über die Todesursache zu sagen. Im Moment könne man über die Todesursache noch gar nichts sagen, sagt der Primarius, man müsse auf den Befund der Gerichtsmediziner warten.

Der, der schon tot ist, war dreißig Jahre jünger, als der, der sterben wird. Meine Schwester, die Biologin meint, der, der sterben wird, sei über Ecken mit dem, der schon tot ist verwandt.
Ich kenne den, der schon tot ist, von früher. Seitdem ich in W. bin, habe ich ihn aus den Augen verloren. Mit zwanzig - der, der schon tot ist, war zweiundzwanzig - war ich mit ihm, seiner hübschen jüngeren Schwester und einigen jungen hiesigen Menschen, eine Woche Skifahren in F. Während der Skiwoche hatte ich mit dem, der schon tot ist, ständig Streit. Er verspottete und kränkte mich in einem fort. Bei jeder Gelegenheit hat er mich gekränkt und verspottet, denke ich, als der Regionalsender meldet, ein Arzt, ein Landsmann, 37, der in G. wohnt und im Landeskrankenhaus D. arbeitet, sei tot in seiner Wohnung aufgefunden worden.
Die Provinzzeitungen, auch die fremdenfeindliche, schreiben gut über den, der schon tot ist. Der, der schon tot ist, schreiben sie, stamme aus M. und sei bei seinen Patienten äußerst beliebt gewesen. Sie hätten schreiben wollen: Der, der schon tot ist stammt aus M. und sei dennoch bei seinen Patienten äußerst beliebt gewesen.

Dem der sterben wird, ist zu Ohren gekommen, daß ich, der ich das Land verlassen werde, über die Menschen dieses Landes zu klagen gewohnt sei. Daß ausgerechnet ich über die Menschen dieses Landes zu klagen gewohnt sei, habe ihn überrascht, sagt der, der sterben wird - ich, der ich hier geboren und aufgewachsen sei. Es trennen uns drei Grabsteine vom Grab dessen, der schon tot ist. Gefreut habe er sich, sagt der, der sterben wird, daß ich, der ich hier geboren und aufgewachsen sei, gewohnt sei, mich über die Menschen dieses Landes abfällig zu äußern. In seinen Augen, sagt der, der sterben wird, sei mein Wert, jetzt, da er wüßte, daß ich mich über die Menschen dieses Landes abfällig zu äußern gewohnt sei, außerordentlich gestiegen. Er, der hier wirklich fremd sei, hätte üble Erlebnisse mit den hiesigen Menschen gehabt. Er hätte es mir gegenüber aber nie gewagt, davon zu sprechen, weil er angenommen hätte, daß ich, der ich hier geboren und aufgewachsen sei, zu den Menschen dieses Landes gehöre.
Ich lache. Wir sind jetzt nur mehr einen Grabstein vom Grab dessen, der schon tot ist, entfernt. Sie irren sich, korrigiere ich den, der sterben wird. Nie und nimmer werde ich mich hier zugehörig fühlen, sage ich. Auf Schritt und Tritt, sage ich, weisen sie einen darauf hin, daß man nicht zu ihnen gehöre. Die Sache sei nicht etwa die, flüstere ich, wir stehen jetzt am Grab dessen, der schon tot ist, die Sache sei nicht etwa die, daß es in diesem Land keine guten Menschen gäbe. Gar nicht wenige der Menschen dieses Landes seien durch und durch gute Menschen - bessere Menschen jedenfalls als die Menschen aus M. Die Sache sei die, daß ich den Menschenschlag dieses Landes nicht schmecken könne, sage ich und rümpfe die Nase, die Sache sei die, daß ich den Menschenschlag dieses Landes nicht riechen könne, lache ich, ich stehe am Grab dessen, der schon tot ist und kann nicht mehr aufhören zu lachen.

Der, der sterben wird, wird in der Fremde sterben. Sein Körper wird sich in der Erde des fremden Landes auflösen. Mit der Zeit wird sich die Erde, in der er sich aufgelöst haben wird, mit der Erde, in der die Körper der Menschen dieses Landes sich aufgelöst haben werden, vermischen. Die Lippen, die Augen, die Zunge, die Nase, das Kinn dessen, der sterben wird, wird sich mit den Gesichtern der Menschen des Landes vermischen. Nie hätte sich der, der sterben wird, gedacht, daß sein Körper und sein Gesicht für immer in dem fremden Land bleiben könnten. Nie hätte sich der, der sterben wird, gedacht, daß seine Nase und seine Zunge irgendeinmal ein Stück des Landes werden könnten, das er nicht riechen und nicht schmecken konnte.

Das Gesicht dessen, der streben wird, ist ein Widerspruch. Seine hohe Stirn, die langgezogene Nase, die tiefliegenden Augen, der zornige Blick gehören zu einem starken Gesicht, einem Männergesicht, rauh. Noch die Oberlippe dessen, der sterben wird, ist hart. Aber schon die Unterlippe ist sanfter, ragt aus dem Männergesicht heraus, hängt weich, ratlos, wie erwartungsvoll herab. Der, der sterben wird, hat das Gesicht eines Mädchens, ein zartes Mädchengesicht, ein Gesicht, an dem man mit feiner Klinge geschnitzt hat. Der, der sterben wird, hat das Gesicht eines großen, verzärtelten Mädchens.

Der, der sterben wird, wird im Juni sterben. Im Café C., wo ich den, der sterben wird, über den väterlichen Freund kennengelernt habe, wird der väterliche Freund vor dem Rotweinglas sitzen und auf den Boden starren. Als er mich sehen wird, wird er aufstehen und wie immer über das ganze Gesicht zu strahlen versuchen. Die Augen des väterlichen Freundes werden jedoch glanzlos sein.

Ich will eine Parte aufgeben, wird der väterliche Freund sagen und mich länger anschauen als sonst. Ich spreche die Sprache des Landes nicht gut, wird er in unserer Heimatsprache sagen. Es ist nicht selbstverständlich, daß mich der väterliche Freund in der Sprache unserer Heimat anspricht. Oftmals, wenn der väterliche Freund über ein Buch, das er gelesen hat, dozieren möchte, verfällt er in die Sprache dieses Landes. Auch wenn er mir einmal ein neues Buch in der Sprache unserer Heimat auseinanderlegen will, bringt er die Höhepunkte seiner Rede – Worte und Sätze, die man, wenn sie sie geschrieben wären, mit Leuchtschrift markiert hätte - in der Sprache dieses Landes. Auch bei unserem ersten Treffen nach dem Tod dessen, der sterben wird, wird der väterliche Freund in der Sprache unserer Heimat beginnen, das Wesentliche aber in der Sprache des Landes sagen, in dem der, der sterben wird, zu liegen gekommen sein wird. Ich möchte eine Parte schreiben, wird der väterliche Freund sagen und meinen Blick festzuhalten versuchen. Tu mir, wird der väterliche Freund sagen, einen Gefallen. Du bist hier geboren - schreib mir doch eine Parte in der Sprache des Landes.
Ich werde mich verwirrt zeigen. Wie soll ich, werde ich fragen. Ich kannte den, der sterben wird nicht.
Schreib, wird der väterliche Freund sagen, „in tiefer Trauer”, schreib „mit Bestürzung”, schreib „mein bester Freund”, schreib „mein politischer Kampfgefährte”. Obwohl der väterliche Freund in der Sprache unserer Heimat begonnen haben wird, wird er die Worte in Anführungszeichen in der Sprache dieses Landes sagen. Die letzte Silbe eines jeden Wortes wird er dehnen und, während er seine Laute dehnt, mich noch eindringlicher ansehen als ohnehin schon. Nach der letzten Silbe eines jeden Satzteils, wird er seine Hände bogenförmig krümmen und vor seiner Brust halten, als wäre er eine Frau, die ihren großen Busen mit den Händen umfaßt und abschirmt.

Nach dem Tode dessen, der sterben wird, werde ich mich an eine Episode erinnern, die ich schon für vergessen gehalten haben werde. Im Regen, an einer befahrenen Kreuzung im Zentrum, wo die Autos, rücksichtslos schnell von der B.- in die K.-Straße hineineinbiegen, war der, der sterben wird, das Fahrrad mit der Rechten schiebend, und in der Linken einen rotweißrot gestreiften Familienschirm, über den Schutzweg gegangen. Ich stand, um mich vor dem Regen zu schützen, unter den Kolonnaden des Postamts und beobachtete ihn. Ein weißer Ford mit einem Provinzkennzeichen war rasant von der B.- in die
K.-Straße eingebogen und hatte keinerlei Anstalten gemacht, vor dem Schutzweg, den der, der sterben wird, schon betreten hatte, anzuhalten. Der, der sterben wird, hatte so getan, als hätte er das Provinzauto nicht bemerkt. Dann, als das Auto vor ihm gebremst hatte, abrupt und wie unwillig, knapp bevor er den, der sterben wird, überfahren hätte, hatte sich der, der sterben wird umgedreht und das Provinzauto angestarrt. Dann hatte er eine Kopfbewegung nach oben gemacht und dem Fahrer etwas mir Unverständliches zugerufen. Der Fahrer, ein weißhaariger Provinzler, seine Frau neben sich im Beifahrersitz, hatte ebenfalls eine Kopfbewegung gemacht, eine weiche, wiegende Bewegung nach links, als hätte er dem, der sterben sagen wollen: „Verputz Dich!“
Der, der sterben wird, war weitergegangen und hatte den Provinzler vorbeifahren lassen. Dann hatte er sich, abrupt wie zuvor, nach rechts gedreht, die Faust in die Höhe gestreckt - und „Arschloch!“ gebrüllt.
Der, der sterben wird, hatte das „Arschloch!” in der Art der Menschen des Landes, gebrüllt, aus dem er herkommt (und aus dem auch ich herkomme). Ein „Arschloch!“ mit einem dunklen A, einem rollenden R und einer über alle Maßen gedehnten zweiten Silbe, die sekundenlang, trotz des heftiger werdenden Regens, nachzuhallen schien. Den ganzen „Arschloch!“ hatte der, der sterben wird, so weich ausgesprochen, und so warm, das es wie eine Liebkosung geklungen hatte, die einer mitten auf der Straße steht und hinausbrüllt, damit alle Welt weiß, daß er liebt.

Sonntag, 27. Januar 2008

Hegel und die Geheimnisse der alten Ägypter





Ganz unerwartet bringe ich doch wieder einen Teil meines Romans Ungläubig (Arbeitstitel).

Um ein Minimum an Zusammenhang mit den im Dezember veröffentlichten Passagen herzustellen sei angemerkt:

Arman Kalami
ist ein im Grazer Exil wohnhafter altlinker Berufsrevolutionär, der mithilfe seines Freundes und Hausgenossen
Danusch Bastani, dem charismatischen, zeitweise psychotischen Onkel von
Arasch Bastani
die Teheraner Revolution von 1979 "auf den Kopf stellen" möchte.
D.h., er will den Prozeß, der 1979 eine ursprünglich säkulare Revolution in eine religiöse verwandelte, umdrehen: Mit einer religiösen Revolution beginnen, die der charismatische Danusch Bastani als eine Art Messias anführen soll, und diese in weiterer Folge in eine "normale marxistisch-säkulare" Revolution überführen.
Als sich Danusch endlich bereit erklärt, an Kalamis revolutionärem Projekt mitzuwirken, ist seine Mitarbeit an eine Bedingung geknüpft: Kalami soll Danuschs Neffen Arasch - der ebenfalls in Graz lebt - zu ihm bringen, damit dieser sein Mund sei ...


Arman Kalami an das Zentralkomitee

Wertes Zentralkomitee,

Was genau diese Worte

Bring mir meinen Neffen, daß er mein Mund sei

tatsächlich bedeuten, bin ich nicht sicher, womöglich: Bring mir meinen Neffen, daß er mein Sprachrohr sei?, aber warum sagt er Mund, wenn er Sprachrohr sagen will und das Wort Sprachrohr ansonsten durchaus verwendet, z.B. wenn er sich als

Sprachrohr Gottes

bezeichnet, auch - und gerade - in seinen psychotischen Schüben, so daß man nicht behaupten wird können, er habe Sprachrohr sagen wollen und habe ihm die Psychose das Sprachrohr im Mund umgedreht, obwohl ich auch das nicht ausschließen würde, im Grunde ist es mir wurscht, wertes Zentralkomitee, was Danusch mit diesem

Bring mir meinen Neffen, daß er mein Mund sei

gemeint haben könnte, er wird es selber nicht wissen, so wie Hegel gesagt haben soll, die Geheimnisse der alten Ägypter sind auch für die alten Ägypter Geheimnisse gewesen. Als ich Arasch mitteilte, daß sein Onkel bei mir hier in Graz wohnt, wurde er panisch und war er aber bemüht, seine Panik vor mir zu verbergen. Ich bin ein Soldat der Revolution, wertes Zentralkomitee, und habe ich gelernt, auch brutal zu sein, wenn es sein muß, d.h. wenn es zweckdienlich ist, es fiel mir deshalb nicht schwer, die Panik Arasch Bastanis zu nützen und statt, wie für Teheraner typisch, voller Rücksicht zu fragen, ob er womöglich bereit wäre, mir die Ehre zu geben, seinen Onkel bei mir zu besuchen, sagte ich bloß: Ich wohne am Rosenhain - zu Fuß oder Taxi? Ich hatte meine Frage kaum zu Ende gefragt, da stand Arasch schon auf, wertes Zentralkomitee, er wankte und nahm er seine Tasche zur Hand und sah er dabei, wie soll ich sagen, wie ein Märtyrer aus, obwohl er ungläubig ist, Gehen wir, sagte er und wankte er, ohne aber auf mich zu warten, zum Ausgang. Ich ging zur Kellnerin und bezahlte ich, wertes Zentralkomitee, unsere beiden Getränke, die Rechung lege ich bei. Daß Arasch auf das Zahlen vergaß und folglich ich für ihn zahlen mußte, zeigt das Ausmaß seiner Konfusion, denn niemals läßt sich ein Teheraner einladen - auch ein in Graz aufgewachsener nicht - ohne daß er das Angebot, eingeladen zu werden, zwei oder dreimal zurückweist. Ich ging auf die Straße hinaus, wo ich Arasch antraf, heftig atmend, und war er offensichtlich in Panik, jedoch versuchte er sich, sobald er mich aus dem Café treten sah, zu beherrschen und langsam zu atmen, so daß sein an und für sich schmales Gesicht immer aufgeblasener wurde. Man geht vom Theatercafé zu meinem Haus am Rosenhain etwa dreißig Minuten, Arasch wurde gesprächig, sobald wir aufgebrochen waren, als wollte er die Panik durch sein Sprechen vertreiben, er fürchte sich, sagte er, seit seiner Kindheit vor Danusch, den er ja nur aus Erzählungen kennt, resp. vor dessen Psychose - bestimmte Worte und Sätze, die Danusch in seiner Psychose gesagt haben soll, hält Arasch für, wie soll ich sagen, infektiös, d.h. daß er glaubt, auch er könnte, sobald er einen dieser Worte oder Sätze denken oder aussprechen sollte, psychotisch werden, man hat ihn im Alter von dreizehn ja tatsächlich in eine Anstalt für Psychosen der Jugend gesperrt, weil er an einen dieser Sätze, die Danusch in seiner Psychose ausgesprochen haben soll, denken hatte müssen, in den Bergen nördlich von Nord-Teheran hatte Danusch Bastani in den sechziger Jahren dem Großvater von Arasch Bastani, d.h. dem Schwiegervater seines Bruders Pedram Bastani, die Vision eines Welt-Zentralkomitees auseinandergelegt, welche nach einer sozusagen von Gott ausgehenden Weltrevolution installiert werden würde, mit Danusch als oberstem Führer. Das Welt-Zentralkomitee, so Danusch, müßte zehn Mitglieder umfassen, und müßten diese Zehn einen Vorsitzenden wählen, den Weltzentralausschußpräsidenten, der Großvater hätte gefragt: Wie, wenn es bei der Wahl des Weltzentralausschußpräsidenten zur Stimmengleichheit käme?, woraufhin Danusch gesagt hätte: Sie müssen noch einmal wählen und noch einmal wählen und hatte er dieses nocheinmal wählen so oft wiederholt, bis der Großvater ihn durch eine Ohrfeige hätte zur Räson bringen müssen. Von diesem Gespräch in den sechziger Jahren in den Bergen nördlich von Nord-Teheran und von Danuschs psychotischem Satz Sie müssen noch einmal wählen hätte Arasch durch Erzählungen seines Großvaters Kenntnis und wäre ihm über die Jahre Danuschs psychotischer Satz Sie müssen noch einmal wählen immer wieder einmal durch den Kopf geschossen, es war ihm aber über die Jahre immer wieder gelungen, den psychotischen Satz mit Mühe und Not - mental sozusagen - wieder auszuscheiden. Doch einmal, als er dreizehn war, war es ihm nicht mehr gelungen, und hatte er nicht mehr aufhören können, an den psychotischen Satz seines Onkels zu denken und hatte er den psychotischen Satz, Sie müssen nocheinmal wählen, vom elterlichen Balkon, in den Innenhof hinuntergebrüllt, um ihn endlich loszuwerden, die Grazer, wertes Zentralkomitee, sind ruhebedürftig, was mit ihrem Faschismus zu tun hat und habe ich vor, über den Zusammenhang von Ruhe- und Faschismus-Bedürfnis ein Traktat zu verfassen, Arasch hatte also Ruhe der Grazer gestört, indem er den psychotischen Satz seines Onkels, Sie müssen nocheinmal wählen, vom elterlichen Balkon aus hinuntergebrüllt hatte und wurde er in Folge in eine Anstalt gebracht, wo er sechs Wochen blieb, ich vermute, wertes Zentralkomitee, einen Polit-Hintergrund, in Graz herrscht bekanntlich die Demokratie, wie ja auch in Paris, d.h. daß das Volk die Aufgabe hat, sich selbst zu beherrschen und haben die Menschen in der Demokratie bekanntlich die Freiheit der Wahl, sich im Leben auf die eine oder andere Weise ausbeuten zu lassen oder beuten sie selbst, als Großunternehmer, andere aus. Auch haben sie alle vier Jahre - oder fünf – das Recht oder die gesetzliche Pflicht, Parteien zu wählen, welche Gesetze erlassen und Regierungen bilden und haben in der Demokratie bekanntlich die linken Parteien den Zweck, den Unmut der Lohnabhängigen zu kanalisieren und zu neutralisieren, damit sich nie am System etwas ändert, in diesem System, wertes Zentralkomitee, hat auch die PsychiatrIn ihre Funktion, genauso wie die PsychotherapeutIn, die Psychotherapie nämlich suggeriert ja: Alles ist im Grunde, wie der Grazer sagen würde, paletti, so daß sich im Grunde alle wohl fühlen müßten, nur die PatientInnen der PsychotherapeutInnen eben nicht, diese hätten leider ein Problem oder eine Persönlichkeitsstörung, hier, helfen wir! sagt die Psychotherapie, unseren Kunden, das Wohlgefühl (wieder) zu erlangen und propagieren sie die think positive-Strategie, was bedeutet: Noch die größte - verzeihen Sie – Scheiße, wertes Zentralkomitee, als angenehm zu empfinden. Manchem hilft jedoch nicht einmal das – daher die Psychiatrie. Diese verordnet Medikamente, durch welche man das Wohlgefühl sozusagen direkt im Gehirn installiert. Arasch wurde also in die Anstalt gebracht, ich vermute aus politischen Gründen, irgendwem - vermutlich einem Spitzel der Staatspolizei - war wohl die Wiederholung des Satzes Sie müssen nocheinmal wählen verdächtig erschienen - als Anspielung auf die sich ständig wiederholende stupide Sinnlosigkeit demokratischer Wahlen womöglich, und hat der Spitzel in Folge die Polizei alarmiert, die Arasch in die Heilanstalt brachte.

Ich muß jetzt dringend, wertes Zentralkomitee, zum Gericht, wie berichtet hat meine sechszehnjährige Tochter einen jungen Genossen aus Teheran und Studenten der Technik in Graz niedergestreckt und am Schienbein verletzt, wie dessen Anwalt behauptet, nachdem ihr dieser über die Straße hin zugerufen hatte: Wir wissen, daß Dein Vater an Gott glaubt.
Ich melde mich ehebaldigst.

Hochachtungsvoll

Arasch Kalami aus Graz