Freitag, 11. Januar 2013

Zizek in Teheran (22)



Es reicht. Ich erhebe mich aus dem Feauteuil. Feierlich. Gemächlich. Und renne. Ein viktorianisches Wohnzimmer ist es nicht mehr, es gibt noch -

Es gibt noch
Ein Draußen
Atme ich
Luft.

Das Leben
Ist schön,
trotz allem
Trotz(e)!
Allem!
Geht weiter.
Ist
eine Berg-
Und Talfahrt
Ist wie ein Buch

siehe: http://sprueche.woxikon.de/leben

Und weiters:
Zu kurz,
um ein langes Gedicht zu machen.

Also Ein kurzes:

Ta shaqayegh hast
zenedegi bayad kard

Solange es Klatschmohn gibt,
mußt Du leben

sagt einer, der genauso auschaut. Solange es Klatschmohn gibt  
– auch das, werte LeserIn, ist Teheraner Lyrik. Ich trete aus dem Haus des Vergessens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher des Internats Islamischer Mädchen. Er steht vor mir, und streckt seinen Kopf. Nach links, dann nach rechts usw. Sucht er etwas? Hinter mir?
„Sagt einer, der genauso ausschaut“, hast Du nicht verstanden, LeserIn, ich weiß. Will heißen: Genauso wie einer, der unvermutet vor Dir steht, und sagt:

Solange es Klatschmohn gibt,
mußt Du leben

Nämlich so:

Jung, aber nicht mehr ganz so. Panamahut (im Bild, links, ist es kein Panamahut, ich weiß). Hosenträger. Hager. Krawatte. Hinten etwas längeres, vorne sehr schütteres Haar. Früh gealtert. Aber schaut nicht schlecht aus. Panamahut mit aufgebogener Krempe. Schlacksig, melancholisch, heiter. Unendlich sympathisch. Sperrt den Mund auf, wenn er singt, sperr-angel-weit, singt er laut, und posiert.

Zusammenfassung
: Altvaterisch, aus den 70ern, wie der Beiststelltisch, im Haus des Vergessens, aus den 70ern, der in den 70ern aber schon altvaterisch aussah.

Sie verzeihen, Morad Barghi mein Name (zu Deutsch: Morad, der Elektrische). Jeder kennt mich in Teheran. Sie leben im Ausland? Daß sie in Teheran jeden Auslands-Teheraner stante pede erkennen, ist verwunderlich. Wahrscheinlich. Aber ich bin müde. Ich bin Analytiker, um nicht alles selbst zu erleben. Reizschutz heißt das. Und jetzt das alles. Nicht nur jetzt, auch früher. Zuviel Leben. Angefangen mit Narges. Dann Graz, Medizin, Literatur, Psychiatrie, Revolution. Ingeborg. Und jetzt Teheran. Eine mystery fiction. Hey, Myster Gott! Ich weiß schon, daß es Dich nicht gibt. Aber kannst Du aufhören, mich unterhalten zu wollen? Der Gefängnisarzt sagt einen Text auf, statt zu assoziieren, einen altertümlichen, aus einer europäischen Sprache in die Sprache Teherans übersetzten, wenn er nicht über seine Eroberungen oder seine Impotenz spricht. Sodann die Narzisse im Garten, das Internat Islamischer Mädchen, auf dem Gelände unserer Schule, Schirin, Das Haus des Vergessens, BCI, das Hafez-Gedicht, die Harfe, und am Ende Narges - die Liste dient dem Überblick, LeserIn. Und daß Du auf das Kommede Appetit kriegst.

Den Elektrischen kenn ich eh. Von: Vor der Revolution. Held der Fernsehserie: Morad, der Elektrische.

Er ist unablässig in Bewegung.

Sie suchen etwas?

Die Fernsehserie hieß in Wahrheit: Der sein Haus auf den Schultern trägt – Khane be doosh. Oder wenn Du es eleganter übersetzt haben willst: Kannst Du es selbst übersetzen. Die wörtliche Übersetzung habe ich Dir schon geliefert. Du willst ja nicht, daß ich alles allein mache.

Morad, der Elektrische, der sein Haus auf den Schultern trägt. Sein Haus ist ein Auto, ein alter, roter Mercedes. Mit Schrägdach. D.h. es war schon in den 70ern ein alter, roter Mercedes. Und nannte sich Yaghoot. Aufgepaßt: Es nannte sich. Verstehst Du? Es - sich. Das Auto hatte einen Auto-nomen Auto-namen. Yaghoot - nicht Yahoo! Ya-ghoot: Ru-bin. Das Auto des Elektrischen nannte sich Rubin. Und war ein Haus.

wird fortgesetzt

Montag, 7. Januar 2013

Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten - und die eigene auch nicht

Sechster und letzter Teil

Der Vorsitzende der britischen Scharia-Räte ist kein Einzelfall, und seine Haltung charakterisiert nicht bloß Vertreter eines „moderaten und höflichen“ Islams - zu denen, neben dem Londonder Imam, auch die islamischen Neu-Denker im Iran zählen -, sondern auch bestimmte Ausprägungen des „islamischen Fundamentalismus“: Die Verfassung der Islamischen Republik Iran etwa scheint von den selben Motiven beseelt, die auch unseren Imam in London zu bewegen scheinen: Die Übertragung der Prinzipien eines modernen, demokratischen Rechtsstaates „ins Islamische“. Hier zeigt sich wieder einmal, daß wir dem Phänomen des „islamischen Fundamentalismus“ nicht gerecht werden, wenn wir ihn (bloß) als Flucht aus der Moderne zu begreifen versuchen, und nicht als eine Reaktion auf die Moderne - innerhalb der Koordinaten der Moderne.

Gilt es also bloß abzuwarten, und Tee zu trinken, bis die „islamische Kultur“ ihrer Eigenart entprechende Formen der Demokratie, der Rechtsordnung, der Freiheit - überhaupt der Moderne – entwickelt hat? Und hätten wir von einer solchen Übersetzung der Moderne „ins Islamische“ nicht eigentlich nur Gutes zu erwarten?

Wir zögern bei der Bejahung dieser Frage. Und das nicht bloß wegen des Widerspruchs zwischen Theorie und Praxis, wie sie uns beispielhaft in der Diskrepanz zwischen der politischen Realität im Iran und der Verfassung der Islamischen Republik begegnet - letztere scheint an den Grundsätzen moderner Demokratien orientiert zu sein, wohingegen für die politische Realität im Iran der Satz gilt: „Hier gibt es die Freiheit der Meinungsäußerung, nicht aber die Freiheit nach der Meinungsäußerung“. Entscheidender als das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis scheint hier nämlich das Verhältnis der Theorie zur Theorie zu sein, genauer: der Theorie zur Theorie hinter der Theorie.

Bei den zahlreichen, im Westen, wie in der sogenannten islamischen Welt, geführten Debatten über das Verhältnis und die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie/Islam und Moderne werden zwei - entscheidende - Fragen kaum je gestellt:

- Gibt es zwischen der Erneuerung/Neuinterpretation des Islams auf der einen und der Modernisierung/Demokratisierung von Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit auf der anderen Seite überhaupt einen Zusammenhang?

- Und wenn ja, welchen?

Daß diesem doch sehr naheliegenden, Fragen geradezu systematisch gemieden werden - ja, daß überhaupt immer bloß nach der Vereinbarkeit von Demokratie und Islam gefragt wird, fast nie nach der Rolle, die dem Faktor Islam in den Demokratisierungsprozessen jener Gesellschaften zukommen mag, weist auf einen blinden Fleck in diesem Diskurs hin. Und wirft weitere Fragen auf:

- Kann es sein, daß das Motiv hinter den diversen islamischen Erneuerungs-Diskursen - ungeachtet der je persönlichen Motive ihrer einzelnen Repräsentanten - die Sorge um die (bedrohte/als bedroht empfundene) Hegemonie des Islams über Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehheit ist?

- Daß es, bei jenen Diskursen der Erneuerung um die Rettung des Hegemonie-Anspruchs des Islams über jene Gesellschaften geht?

- Daß die niemals ausgesprochene Theorie hinter der Theorie der Modernisierung des Islams also lauten müßte: Islamisch geprägte Gesellschaften können, Nein, sollen, einzig und allein über eine Erneuerung des Islams den Weg in die Moderne finden – und nicht etwa durch eine Säkularisierung jener Gesellschaften, die der Religion von außen jenen Platz zuweist, der ihr in einer modernen, säkularen Demokratie zukommen sollte?

Wieder also: Volle Identität.

In der Vorstellung, der Weg jener Gesellschaften hin zu Demokratie und Moderne führe allein über eine Erneuerung des Islams erscheinen Modernisierung und Demokratisierung als „kulturelle Prozesse“: Nicht Strukturen und Institutionen bildeten die Basis für Demokratie, Freiheit, und Rechtsstaatlichkeit, sondern Demokratie, Freiheit, und Rechts-staatlichkeit wären erst zu haben, wenn die mit ihnen verbundenen Werthaltungen in jenen Kulturen verwirklicht sein würden. Demokratisierung und Modernisierung gewinnen so eine zutiefst moralische Qualität. Der Weg hin zur Demokratie und in die Moderne stellt sich als langwieriger, unendlich mühe- und opfervoller, ja geradezu unmöglicher Prozeß der moralischen Erneuerung dar.

Dieser niemals ausgesprochene Diskurs des „Nur-über-den-Islam“ ist eng mit jenen Kultur-und Identitäts-Diksursen verwandt, die in diversen islamisch geprägten Gesellschaften Hochkunjunktur haben - nicht nur bei „moderaten und höflichen“, sondern gerade auch bei den „nicht ganz so moderaten und höflichen“ Vertretern des Islams. „Kulturelle Inavsion“ etwa (gemeint ist die „kulturelle Inavsion“ des Westens) sind die in den Reden des iranischen Revolutionsführers Ali Khamanei am häufigsten verwendeten  Worte, an denen sich immer häufiger die Klage über das Fehlen „einheimischer“, der „iranisch-islamischen Kultur angepaßter“ Humanwissenschaften anschließt.

Interkulturelle Kompetenz: Von Polizisten, Tschuschen und Negern

Die Kulturalisierung der gesellschaftlichen und politischen Debatten findet aber nicht nur in Gesellschaften der sogenannten islamischen Welt statt, sondern auch in Europa. In ihrer Ausgabe vom 22. Dezember 2012 bringt die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ zwei Interviews. Eines mit einem Polizisten, das andere mit einem Philosophen. Der Polizist - Konrad Kogler ist sein Name, und er ist Generaldirektor für öffentliche Sicherheit - sagt: „Es ist wichtig Menschen mit Migrationshintergrund in die Polizei zu holen, um interkulturelle Kompetenz aufzubauen ... Wir wollen nicht, daß diese Bevölkerunggruppen Parallelgesellschaften aufbauen, in denen Probleme nur innerhalb der Community gelöst werden.“

Interkulturelle Kompetenz: Ein weiterer Begriff aus der Diskurskiste des Kulturprinzips. Dem Generaldirektor geht es aber gerade nicht um eine Verständigung zwischen „den Kulturen“. Er ist, ganz im Gegenteil, der Meinung, daß man Menschen mit „Migrationshintergrund“ am besten von Polizisten mit einem ebensolchen Hintergrund „beamtshandeln“ läßt. Denn wahre Verständigung, so die hier wirksame Logik des Kulturprinzips, gäbe es nur innerhalb ein und derselben „Kultur“. In der Sprache des polizeilichen Durchschnittsrassismus: „Nur ein Tschusch/ein Neger kann einen Tschuschen/einen Neger verstehen.“

In welchem Sinne in einer Gesellschaft, in der alle den selben Gesetzmäßigkeiten des Kaufens, des Verkaufens, des Konsumierens, des Arbeitens, des Arbeitsverlustes etc. etc. unterworfen sind, von „Paralellgesellschaften“ die Rede sein kann, bleibt ein Rätsel. Man kann natürlich die Auffassung vertreten, und das mit einiger Berechtigung, daß es in dieser „Gleichheit“ sehr viel Ungleichheit gibt. Auch, daß diese Ungleichheit seit Jahren zunimmt. Diese - soziale – Ungleichheit meint der Generaldirektor, wenn er von „Paralellgesellschaften“ spricht, aber nicht. Ihm geht es um so etwas wie „kulturelle“ Paralellgesellschaften. Wie aber ausgerechnet ein Konzept, in dem für jede einzelne „Kultur“ eine eigene, „kulturgerechte“ Polizistentruppe vorgesehen ist, so daß „die Kulturen“ erst recht unter sich bleiben, der Entstehung jener „Paralellgesellschaften“, wenn es sie denn gäbe, entgegenwirken soll, ist ein weiteres Rätsel.

Der Philosoph, Detlev Horster ist sein Name, und er ist emeritierter Professor für Sozialphilosophie mit den Schwerpunkten Ethik und Recht,wird auf die Beschneidungsdebatte angeprochen. Im österreichischen Parlament, sagt die Interviewerin, sitzen mehrheitlich nichtjüdische und nichtmuslimische Abgeordnete - und fragt dann: „Dürfen Nichtreligiöse oder andere Konfessionen […] Juden und Muslimen vorschreiben, wie und ob sie ihre religiösen Riten auch heute noch durchführen dürfen?“ Darauf der Philosoph: „Nein, aber die Abgeordneten haben zumindest die Pflicht zu überlegen, ob es so sein muß, denn man kann auch jüdichen Glaubens sein, ohne beschnitten zu sein […] Ist es nicht an der Zeit, daß man einen Ritus auch mal ändert? Eine vergleichbare Sache war die Ohrenbeichte. Die kannte man bis zum vierten Laterankonzil 1215 nicht, weil die Gemeinde als Ganze vor Gott ihre Sünden bekannte. Die Ohrenbeichte war ein Einschnitt, aber man hat weiterhin geglaubt, man war weiter Christ.“

Das ist das Kulturprinzip in Reinkultur. Ein Konzept von Gesellschaft, in dem ein Abgeordneter nicht mehr als Vertreter seiner Wähler wahrgenommern wird – aller seiner Wähler -, denen er ungeachtet ihres oder seines religiösen oder „kulturellen“ Hintergrunds verpflichtet sein soll, sondern als religiöser/nichtreligiöser, christlicher/nicht christlicher, moslemischer/ nicht-moslemischer Abgeordneter. Einem solchen Konzept von Gesellschaft ist das, was Gesellschaft zuallererst ausmacht, abhanden gekommen. Es ist dies das Konzept einer Nicht-Gesellschaft, in der es nur mehr Religionen und „Kulturen“ gibt – und dazwischen gar nichts. Vor allem keinen neutralen, öffentlichen Raum. Der besagte Abgeordnete gerät dann unversehens von der Sphäre der einen Kultur/Religion in die einer anderen - und ist auf einmal angehalten, sich, als „christlicher“ oder „nichtreligiöser“, jedenfalls „nicht-jüdischer“ /„nicht-moslemischer“ Abgeordneter, Gedanken über die Erneuerung moslemischer oder jüdischer Rituale zu machen.

Die Vorstellung, daß Menschen in allererster Linie „ihre Religion“ oder „ihre Kultur“ repräsentieren - und dann lange nichts -, sitzt mittlerweile offenbar so tief, daß es dem Philosophen nicht einfällt, zu sagen, daß die Erneuerung von Religionen und Ritualen selbstverständlich nicht zu den Aufgaben demoktratisch gewählter Parlamentsabgeordneter eines säkularen Staates gehört. Sondern, daß sie angehalten sind, dort, wo religiöse Rituale in Widerspruch zu einem Rechtsprinzip der Gesellschaft (zu) geraten (scheinen) (in der Beschneidungsfrage wäre dies das Prinzip der körperlichen und seelischen Integrität eines Menschen), eine Grenze  zu ziehen: „Bis hierher und nicht weiter.“ Vertretern des Islams beispielsweise ist es in modernen, säkularen Staaten nicht erlaubt, Frauen wegen „Ehebruchs“ zu steinigen, Dieben die Hand abzuhacken, Konvertiten oder Homosexuelle hinzurichten etc. – und dies ganz unabhängig vom religiösen/nicht-religiösen oder „kulturellen“ Hintergrund einzelner Parlamentensabgeordneter in jenen Staaten. Wie dann einzelne religiöse Gemeinschaften innerhalb der Grenzen, die ihnen der Gesetzgeber von außen zieht, mit ihren Ritualen umgehen, ist, im Sinne der Religionsfreiheit, einzig und allein ihre Sache.

Die Tatsache, daß jedes fünfte Mitglied im Kabinett des französischen Präsidenten Francois Hollande „Migrationshintergrund“ hat, und die Reaktionen der Medien darauf, erscheinen vor dem Hintergrund jenes, vom Kulturprinzip beherrschten Konzepts von Gesellschaft - das die aktuellen Debatten in ganz Europa beherrscht, und auch in diesen beiden Interviews zutage tritt - in einem neuen Licht.

Die Bestellung der Minister mit „Migrationshintergrund“ ist alles andere als die Konsequenz einer in der französischen Gesellschaft tatsächlich verwirklichten Gleichheit aller, ungeachtet ihres „kuturellen“ Hintergrunds. Wäre dies der Fall, wäre die Bestellung der Minister mit „Migrationshinter-grund“ keine Sensation. Jene Minister sind aber nicht ungeachtet, sondern wegen ihrer Verschiedenheit von der Mehrheitsbevölkerung, ja als Repräsentanten dieser Verschiedenheit in die Regierung berufen wurden.

In den USA gibt es seit der Ära Reagan einen konservativen Diskurs, der rassistische und geschlechtliche Diskriminierungen zwar verurteilt, deren Existenz in den Vereinigen Staaten aber leugnet - und so den Kampf gegen rassistische und geschlechtliche Diskriminierung, indem er ihn für gegenstandslos erklärt, hintertreibt. Die Bestellung jener Minister mit „Migrationshintergrund“ folgt, ungeachtet der persönlichen Motive, die  Hollande zu dieser Entscheidung bewogen haben mögen, einer ähnlichen Logik: Die Existenz rassistischer Diskriminierung oder der zunehmenden sozialen Ungleichheit werden, nicht wie in den USA mit den Mitteln des Diskurses, sondern durch eine symbolische Inszenierung an der Spitze des Staates - geleugnet.

Ende

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten - und die eigene auch nicht (5)


Dennoch enthält Ates‘ falsche Verknüpfung (der „sexuellen Revolution“ mit dem „Islam“) eine Wahrheit: Die Identifizierung mit dem Islam scheint in Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit eine ungleich „vollere“ zu sein als es etwa in Europa - mit dem Christentum - der Fall ist *.

Dies manifestiert sich am eindrücklichsten im Umgang bestimmter islamisch geprägter Gesellschaften mit dem Phänomen der Apostasie, des Abfalls vom Islam. Im Iran und in Afghanistan droht Apostaten die Todesstrafe. In Malaysia gilt jeder Malaye von Geburt an als Moslem. Fällt er vom Islam ab, verliert er nach malayischer Verfassung die Staatsbürgerschaft. In einem Rechtsgutachten der angesehenen Kairoer Al-Azhar-Universität heißt es über einen Moslem, der - nachdem er eine Christin geheiratet hatte - zum Christentum konvertiert war:

„ … Da er vom Islam abgefallen ist, wird er zur Reue aufgefordert. Zeigt er keine Reue, wird er islamrechtlich getötet. Was seine Kinder betrifft, so sind sie minderjährige Moslems. Nach ihrer Volljährigkeit sind sie, wenn sie im Islam verbleiben, Moslems. Verlassen sie den Islam, werden sie zur Reue aufgefordert. Zeigen sie keine Reue, werden sie getötet. Und Gott der Allerhöchste weiß es am besten.“

In dieser Logik existiert ein Moslem allein in der Sphäre des Islams. Verläßt er jene Sphäre, hört er buchstäblich auf zu existieren.

Die „volle Identität“ zwischen der Gesellschaft und dem Islam ist dennoch - imaginär. Daß Apostasie in islamisch geprägten Gesellschaften überhaupt existiert, und, etwa im Iran, dem religiösen Establishment großes Kopfzerbrechen bereitet, beweist zur Genüge, daß es sich bei der „vollen Identität“ um Ideologie handelt. Zwar tief verwurzelt, dennoch aber Ideologie.

Diese Ideologie zu thematisieren, ihr zu widersprechen und sie zu brechen, wäre in einer islamisch geprägten Gesellschaft die erste und vornehmste Aufgabe einer Revolution, die ihren Namen verdient. Eine „Revolution“ ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­aber, die dieser Ideologie blind sich fügt, hat verloren, noch bevor sie ausbricht.


Verkehrte Welt: Von Bischöfen und Imamen


Als sich der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, in einem
BBC-Interview im Februar 2008 für die Integration "bestimmter, vor allem familienrechtlicher, Aspekte der Scharia in das britische Zivilrecht" aussprach, fragten sich viele, was ausgerechnet den Primas der anglikanischen Kirche bewogen haben mag, der Einführung von Scharia-Gerichten in Großbritannien das Wort zu reden.

Der Verdacht, daß Williams „bestimmte Aspekte der Scharia“ sagte, jedoch an „bestimmte Aspekte“ des britischen Zivilrechts dachte,die bei bestimmten Anhängern seiner eigenen Kirche Unbehagen auslösen - an das Recht auf Abtreibung etwa -, scheint berechtigt. Ob der Bischof die Moslems nun vorgeschoben hat, um Religionspolitik in eigener Sache zu betreiben, oder nicht – so wie Ates schreibt auch Williams den Moslems jene „volle Identität“ zu, die es ihnen unmöglich machen soll, Moslems und zugleich Rechtssubjekte eines säkularen Staates zu sein. Eine Zuschreibung, die auch von den Kritikern Williams nicht ernsthaft in Frage gestellt wurde.

Was bei den von Williams losgetretenen Debatten kaum zur Sprache kam: In Großbritannien existieren Scharia-Gerichte bereits seit 1982. Ein Lokalaugenschein der Oberösterreichischen Nachrichten beim Vorsitzenden der britischen Scharia-Räte in London ergibt - wie nicht anders zu erwarten - „Überraschungen“:

„ … Viel bürgerliches Reihenhaus-Idyll – so spießig sieht es aus vor der Tür einer Einrichtung, die viele Briten ganz oben auf die Liste der gefühlten Staatsfeinde setzen würden. Daß Mohammed Raza, Vorsitzender der britischen Scharia-Räte, hier im Londoner Westen hauptsächlich muslimische Frauen aus ihren Ehen befreit, wäre für sie die zweite große Überraschung. Die dritte ist der Imam selbst: Ein moderater, höflicher Mann mit einem großen Wunsch: ‚Es wäre prima, wenn mein Job überflüssig werden würde‘, sagt er, ‚wenn der Staat die religiöse Ehe der Frauen auflösen und ich den Rat schließen könnte.‘ […] Über 300 Frauen rufen jedes Jahr allein die Dienste des Imam Raza an. Sie alle haben das gleiche Problem: Sie können sich zwar am [zivilen, britischen (Anm. von mir)] Familiengericht scheiden lassen, für eine Trennung nach muslimischen Regeln brauchen sie jedoch das Einverständnis des Ex-Gatten. ‚95 Prozent der Fälle sind so gelagert und meistens weigert der Mann sich, zu unterschreiben‘, sagt Raza. ‚Wir setzen dann einen Scheidungserlass auf […] und lösen die Ehe auf.‘“ (Oberösterreichische Nachrichten, 15. Dezember 2009)

Die „Überraschung“ besteht darin, daß wir jene - vom Primas der Anglikanischen Kirche, Seyran Ates und auch den Oberösterreichischen Nachrichten postulierte - „volle Identität“ nicht einmal beim Vorsitzenden der britischen Scharia-Gerichte vorfinden. Offensichtlich hat dieser „moderate und höfliche“ Mann kein Problem mit der Vorstellung, daß Moslems zugleich Rechtssubjekte eines säkularen Staates sein können. Mehr noch: In seinem Bemühen, die Regeln der Scharia -
etwa die, daß die Frau für eine Trennung das Einverständnis ihres Gatten benötigt - mittels der Scharia selbst außer Kraft zu setzen (solche Tricks sind in der Scharia genauso möglich, und üblich, wie im Steuerrecht jedes beliebigen Landes), orientiert er sich offensichtlich an modernen familienrechtlichen Standards.

Verkehrte Welt: Rowan Williams konstatiert bei Moslems einen fundamentalen Konflikt "zwischen der Loyalität zum Staat und der Loyalität zur Religion", und gründet auf dieser Annahme seinen Wunsch nach der "Einführung bestimmter Aspekte der Scharia in das britische Zivilrecht". Dort aber, wo sich Williams' Wunsch bereits verwirklicht findet, sind wir mit dem exakten Gegenteil jener Annahme konfrontiert: Mit einem Scharia-Rats-Vorsitzenden, der - umgekehrt - dem britischen Zivilrecht die Hoheit über bestimmte Aspekte der Scharia übertragen würde (und damit etwa die Möglichkeit, nicht nur die zivile, sondern auch die religiöse Ehe moslemischer Frauen aufzulösen), und - um bestimmte Prinzipien des modernen Familienrechts zur Geltung zu bringen - die Scharia sich selbst austricksen läßt.
_______________________________________________
* Den Begriff "volle Identität" verdanke ich Isolde Charim. Das Ressentiment gegen Moslems, so Charim, sei nicht, wie vielfach behauptet, "der neue Antisemitismus". Während der traditionelle Antisemit den Juden vorwerfe, keine "echten Österreicher/Deutsche" zu sein, schreibe der heutige Rechtsextreme den Moslems, ganz im Gegenteil, "volle Identität" zu - und beneide sie insgeheim darum.
Vgl. Charim, Isolde "Volle Identität gegen nicht-volle", in R. Just, G.R. Schor (Hg.): Vorboten der Barbarei, Hamburg: Laika, 2011: 11-16 

wird fortgesetzt

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Zizek in Teheran (21)

Schirin sitzt wieder links von mir. Auf dem Ohrensessel. Wie die Grazer sagen. Süß ist das Lächeln der Mädchen in Teheran. Ich sitze noch immer, d.h. wir, in einer Art Zuschauerraum, und schauen zu einer Bühne hinauf. Zusammen mit meinem Feauteuil, Du erinnerst Dich, LeserIn, bin ich ja vorhin versunken.

Süß ist das Lächeln der Mädchen in Teheran. Islamisch oder nicht. Als sei gar nichts gewesen.
„Es war ja auch nichts. Sie glauben doch nicht, daß ein islamisches Mädchen Erlebnisse hat.“
„Ich bin Analytiker. Erzähl keinen Schmonzes.“

Augen, so groß wie Schirins, wollen nicht sehen, sondern sagen. Je größer desto mehr. Als tausend Worte. Jetzt sagen sie: Schau! Ich schaue. Aber es  ist nicht mehr Schirin. Sondern links von mir - Du errätst es, LeserIn? Nein? – sitzt Narges.





Der Abstand zwischen dem vorangegangenen Absatz und diesem hier ist Absicht. Da gibt es nichts mehr zu sagen.
Oder: Kennst Du Carnival Of Souls? Ein No-Budget-Horrorfilm, 1962, mit Candace Hilligoss in der Rolle der Organistin Mary Henry. Sie befindet sich mit zwei anderen jungen Frauen in einem Auto, das in einen Fluß stürzt. In Lawrence/Kansas. Drei Stunden nach dem Unfall taucht sie verstört aus dem Fluß auf. Was passiert ist, und wie sie es geschafft hat, als Einzige zu überleben, weiß sie nicht mehr. Weder das Unfallauto noch die Leichen der beiden anderen werden gefunden. Mary zieht nach Salt Lake City und arbeitet als Organistin in einer Kirche. Es geschehen seltsame Dinge. Zeitweise scheinen die Anderen Mary weder zu sehen noch zu hören. Am Ende, nachdem Mary spurlos verschwunden ist, wird das Unfallauto gefunden. Darin sieht man, in der letzten Einstellung, die Leichen von drei jungen Frauen. Darunter die von Mary Henry. Die übrigens nach dem Unfall, also den ganzen Film lang, von einer Erscheinung verfolgt wird. Einem … Hast Du schon einmal eine Leiche gesehen? Ohne Vorbereitung? Plötzlich?

Leichengeruch ist immer süßlich. Moschusartig, vermischt mit dem Geruch von alterndem Fleich. Eine Zeile des Hafez-Gedichts habe ich unterschlagen.

Eh'der Frühwind endlich löste
jenes Stirnhaars Moschusquell,
Wie viel Blut troff nicht in Herzen
aus dem duftumringten Bug …

Es reicht. Ich erhebe mich aus dem Feauteuil. Gemächlich. Feierlich. Und renne. Ein viktorianisches Wohnzimmer ist es nicht mehr. Auch keine Märchengrottenbahn.

wird fortgesetzt

Dienstag, 25. Dezember 2012

Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten - und die eigene auch nicht

Donnerstag, 17. Jänner 2013, 19:00 Uhr 
Hauptbücherei am Gürtel, 1070 Urban-Loritz-Platz 2a

http://www.buechereien.wien.at/mobil/aktuell
Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten - und die eigene auch nicht
Drei Vorträge von Helmut Dahmer (Soziologie und Philosophie), Jeanne Wolff-Bernstein (Psychoanalytikerin), Sama Maani (Autor, Psychoanalytiker und Psychiater) - Moderation: Andreas Kurz (Autor, Regisseur) - und anschließende Podiumsdiskussion.

Noch vor wenigen Jahrzehnten bedeutete Weltoffenheit gegenüber einem Fremden, dass man ihm signalisierte, er sei ungeachtet seiner Herkunft in unserer Gesellschaft willkommen. Fremdenfeindliche Ressentiments hingegen waren immer mit der Betonung der Herkunft des Angefeindeten verknüpft.
Heute scheint aber auch der Weltoffene, wenn es um Fremde geht, nicht ohne ausdrückliche Betonung von deren Zugehörigkeit zu einer „anderen Kultur“ auszukommen. Mehr noch: Als Mensch mit Migrationshintergrund wird der Fremde seine Zugehörigkeit zu einer „fremden Kultur“ auch in den Folgegenerationen nicht los.


Welches Konzept von Gesellschaft steckt hinter der Inflation des Begriffs „Kultur“ in der aktuellen Debatte („fremde Kultur“, „unsere Kultur“, „Leitkultur“, „Multikulturalität“ etc.)? Welche Art Unterschiede sollen „kulturelle“ Unterschiede denn sein? Und welche Konsequenzen haben sie? Gelten für Angehörige „anderer Kulturen“ andere Maßstäbe hinsichtlich Demokratie, Freiheit und Recht? Was wurde aus der Idee der Gleichheit aller Menschen?

Helmut Dahmer, geboren 1937, studierte Soziologie und Philosophie bei Helmuth Plessner, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas. In den Jahren 1968-1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche. 1984 gehörte er zum Gründungsbeirat des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 1974-2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Seit 2002 lebt er als freier Publizist in Wien. Publikationen: Libido und Gesellschaft (1973, 1982); Pseudonatur und Kritik (1994); Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert (2001); Divergenzen (2009); Die unnatürliche Wissenschaft (2012); Interventionen (2012).

Jeanne Wolff Bernstein, Lehranalytikerin und Lektorin an der Sigmund Freud Universität/Wien und an der New York University, Post-Doctoral-Program. Sie hat bis 2010 in San Francisco/Berkeley als Psychoanalytikerin gearbeitet und am Psychoanalytic Institute of Northern California unterrichtet. Publikatonen über Psychoanalyse, Kunst, Film und Fotografie, sowie über Jacques Lacan. 2008 war sie Fulbright Fellow am Sigmund Freud Museum, Wien.

Sama Maani, geboren in Graz, Studium der Medizin in Wien und der Philosophie in Zürich, Lebt als  Autor, Psychoanalytiker und Psychiater in Wien. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (u.a. kolik und wespennest) und Anthologien. 2004 Preis des Literaturwettbewerbs schreiben zwischen den kulturen. 2008 österreichisches Staatsstipendium für das Romanprojekt Ungläubig.

In Kooperation mit dem Politischen Salon und dem Verein Literatur und Theorie.

Freitag, 21. Dezember 2012

Was heißt Moderne? - von Helmut Dahmer





 




  



Anläßlich der Wiederholung unserer Diskussions-Veranstaltung „Warum wir über den Islam nicht reden  können“  

http://samamaani.blogspot.co.at/2012/03/wrum-wir-uber-den-islam-niht-reden.html 

in Graz, stellte ein Teilnehmer die Frage: "Was heißt Moderne?" - und behauptete in weiterer Folge, die Moderne habe ihren Ursprung in dem von Mohammad in Medina des 7. Jahrhunderts gegründeten Gemeinwesen.

Im folgenden einige Gedanken des Soziologen Helmut Dahmer, einer der Vortragenden des Abends, zur Frage  

Was heißt „Moderne“?

Antwort auf die Frage eines gelehrten, gläubigen Muslims

„Modernisierung“ nennen wir den sozialhistorischen Prozess, der mit der Auflösung der traditionalen, auf Grundeigentum beruhenden alteuropäischen Wirtschaftsgesellschaft begann. Im Laufe von Jahrhunderten löste sich die feudale Ständegesellschaft auf: Die Individuen verselbständigten sich gegenüber ihrer Herkunftsgruppe (Stämmen und Familien) - und deren Glaubensüberzeugungen. Als formell selbständige „freie Lohnarbeiter“ waren sie von ihren Subsistenzmitteln (Boden, Nahrungsmittel, Rohstoffe und Werkzeuge) getrennt; als mobile, „überschüssige“ Arbeitskräfte strömten sie dorthin, wo es Arbeit für sie gab – in die städtischen Manufakturen und Industriebetriebe im eigenen Land oder in überseeischen Kolonien. „Gemeinschaften“, denen man durch Geburt angehört, verloren nach und nach ihren Nimbus und ihre Bindungskraft. Loyalitäts- und Pietätspflichten gegenüber Familie, Sippe und Religionsgenossen wurden unter Markt-, also Konkurrenzverhältnissen relativiert; hier konnte man sich nur mit Hilfe von individuellen Vorteils-Kalkülen und durch die Mitgliedschaft in solidarischen Interessenverbänden behaupten. Die (relativ) autonom gewordenen Individuen, die mit allen anderen konkurrierten und lernten, auf ihren Vorteil zu schauen, verhielten sich gegenüber den traditionellen Religionen mit ihren Jenseitsverheißungen zuerst skeptisch, dann zunehmend gleichgültig. Im Zuge der „Aufklärung“ wurde die Herkunft der Gottesvorstellungen aus Wunsch- und Angstphantasien kenntlich, die „heiligen“ Schriften galten nicht mehr als „Offenbarungen“, sondern als grandiose Dichtungen, die religiösen Rituale als Dressurmittel.

         In traditionalen Gesellschaften waren Individuen, die sich von ihren Herkunftsgruppen lossagten oder aus ihnen ausgeschlossen wurden, nicht überlebensfähig. Die Etablierung von Marktverhältnissen setzt die Existenz solcher „vereinzelter Einzelner“ voraus. Die Marktgesellschaft eröffnet ihnen neuartige Überlebenschancen und macht tendenziell „alle“ zu arbeitsuchenden abhängig Beschäftigten. Bei dem Übergang von "traditional" verfassten (durch direkte Herrschaft und Zwangsmoral zusammengehaltenen) Gesellschaften zu modernen, in denen die vereinzelten Einzelnen sich nur indirekt durch Tausch- oder Marktbeziehungen vergesellschaften, handelt es sich um einen Prozess, der in Europa Jahrhunderte in Anspruch genommen hat und dort – ebenso wie in den außereuropäischen Gesellschaften, die zeitverzögert von ihm erfasst worden sind – auch gegenwärtig noch andauert. Dieser Modernisierungsprozess hat die Voraussetzungen für die Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, für die Trennung von Wissenschaft und Religion und von Staat und Kirche, für die Teilung der Gewalten und (schließlich auch) für die parlamentarische Demokratie geschaffen. Jede dieser Errungenschaften wurde in langwierigen Kämpfen gegen die Interessen privilegierter Gruppen und ihrer Ideologen durchgesetzt, und jede dieser Errungenschaften muss auch im heutigen Europa verteidigt werden.

         Modernisierung bedeutet die Auflösung traditionaler Lebenswelten. Teile der davon betroffenen Bevölkerungen und ihre Ideologen versuchen angesichts solcher „Entfremdung“ an ihrer überkommenen Sozialethik festzuhalten, ja, deren drohenden Verfall durch eine Rückkehr zu jenen Verhältnissen aufzuhalten, unter denen sie entstand. Dieser Sprung in die Vergangenheit wird so wenig gelingen wie der Versuch „fundamentalistisch“ orientierter Regime, bestimmte Errungenschaften der Moderne, vor allem die heutige Kriegs- und Produktionstechnik, zu übernehmen und im Übrigen an der religiösen Weltanschauung des 7. Jahrhunderts festzuhalten. Der Anschluss an die Moderne, die Integration der Weltbevölkerung in den kapitalistischen Weltmarkt wird auch im 21. Jahrhundert nicht harmonisch verlaufen, sondern Verelendung, Kriege, Massaker und Terror zeitigen. Wir aber, Erben der Aufklärung, vergessen darüber nicht, dass die kapitalistische nur die erste historische Gestalt einer weltumspannenden Gesellschaft ist, nicht ihre letzte.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Der Maulwurf - von Gerhard Hammerschmied

Anläßlich einer Lesung in Klagenfurt hatte ich das Glück, Gerhard Hammerschmied kennenzulernen. Hammerschmied ist Philosoph, Autor, Theologe, Romanist, und einer der vielseitigsten real existierenden Geistesmenschen. Der Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit an der Universität Klagenfurt ist die aktuelle französische Philosophie. Er hat unter anderem über die Phänomenologie Husserls, Lacans Religionsphilosophie, Kafkas Hermeneutik des ungeschriebenen Gesetzes, aber auch über Fragen der Entwicklungspolitik (Väter. Sonne. Kapital. Philosophische Variationen über Herrschaft, Armut und Entwicklung. Passagen 1996 sowie Milde Gabe. Bruchstücke einer Philosophie der Spender. Passagen 1998) publiziert.
In der Burggasse (Drava 2012), einem vielschichtigen, erschütternden Text, erzählt Hammerschmied die Geschichte seiner Familie und deren jüdischen Nachbarn während der nationalsozialistischen Herrschaft in Judenburg.

Im folgenden Hammerschmieds wunderschön kafkaeske Parabel

Der Maulwurf

Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, hielt seine schützende Hand über dieses Institut, das einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, in einer Betonwüste lag. Es hielt den an sie grenzenden Wohnsilos den Hintern hin, so formulierte es der an Musils Worten entlang lebende Germanist.

Die Maulwürfe lehren die Schmetterlinge das Fliegen, so ist es, seufzte der Biologe, die Vögel das Innerste und Dunkelste des Universums. Der Bücherkundige stimmte lebhaft zu: Da sie blind sind wie die Fledermäuse, meinten sie, dass alles in der Ordnung sei. Nach dem Genuss einiger Regenwürmer werfen sie ihre Hügel und zeigen so der Welt, die es zu diesem Behufe geben musste, welche Bedeutung sie hätten. In der Nacht, wenn keine Gefahr droht, lieben sie auch den Wind, der um ihre kleinen Ohren pfeift; dann kehren sie zufrieden zurück in ihr Erdloch und, begegnen sie einer Wühlmaus, grüßen sie diese ehrerbietig, diese kluge Kennerin aller Gänge und Winkel. Die Blinden haben jedoch andere Geheimnisse als wir sie haben.

Fabelwesen sind keine Tiere, aber auch keine Menschen, und kleine Häufchen machen sie alle, sonst wären sie ja Götter. Sie winkten der Kellnerin energisch zu, ein Getränk reicht eben nicht, um den harten pädagogischen Alltag hinter sich zu lassen. Ein Maulwurf, der eine Wühlmaus werden wollte, der Alkohol schreibt die schönsten Geschichten. Er hatte die schärfsten Zähne und scharte viele kleine, schwächliche Artgenossen um sich, die sich auch ruhig beißen ließen, wenn es galt, diesen fetten, aufgeblähten Kriecher zu verteidigen. In scharfen Winternächten durften sie dann in seiner Nähe die Wärme genießen. Einige hatten dadurch äußerst geruhsamen Grabdienst, andere schätzten die Anerkennung, wenn sie es schafften, ganz allein einen großen Hügel zu gestalten, zur Ehre des Großen. Und man wusste ja außerdem nie, welche Geheimnisse er plötzlich hervorbringen könnte, zwischen zwei fetten Regenwürmern, die man ihm zutrug, neben den aller Erde entbehrenden Klagen seiner Gegner. Die Wühlmaus, gab er vor, mit der er die prächtigsten Beziehungen unterhielt, von Erdwesen zu Erdwesen, erzähle ihm alles, was zum besseren Leben für alle führen könne, und zur Ordnung. Er gab es weiter, an alle, die ihn hören wollten, damit der innere Maulwurf in jedem von ihnen sehend werde. Friedvoll vereint saßen sie im Gemeinschaftsloch, die Schnauze zu ihm erhoben, die Ohren gespitzt, die feinen Härchen der Weisheit entgegengestreckt und manch unerbitterlicher Maßnahme.

Die Tür des kleinen vorstädtischen Gasthauses ging auf, herein kamen drei Kollegen, die man herzhaft grüßte, als sie sich am anderen Ende des Lokals niederließen.
Die Stimmen der beiden wurden leiser und etwas eindringlicher, so als ob man sich am Sarg eines mäßig geliebten Nachbarn unterhielte. Ein tiefer Schluck, und noch einer, nachdem man die Gläser aneinander zum Klingen brachte.

Wie willst du nun mit deiner Geschichte erklären, dass die Wühlmaus diesen fetten Maulwurf, der nicht einmal der Maulwurfsprache mächtig ist, aus diesem seinem Loch entfernte? Sie wusste doch immer schon, dass er keinem einzigen Regenwurm selber nachging? Und dass der alte, frühere, so nett und freundlich war, seinen Untertanen persönlich die Gänge zuwies. Warum sollte diese dumme Maus dem Vielfraß einen neuen Gang zuteilen, der erst mühsam verbreitert werden musste? Es muss gebissen werden und gefressen. Deine Geschichte ist unter der Erde, noch ehe der letzte Satz geschrieben ist.

Die Kollegen am anderen Ende der Wirtshauswelt drehen ihre Köpfe wie Uhus in der Nacht ihrer Wahrheit, krächzen und halten Ausschau nach treulosen Maulwürfen und Wühlmäusen, suchte der Germanist nach einer Wendung in seiner Fabel.

Sie werden sich überfressen, damit endlich Ruhe herrscht.
Und Gerechtigkeit.
Ja Gerechtigkeit.
Und Kollegialität.
Sie lachten. Ein Bier noch.
Auch Schüler kamen in das Lokal, gingen artig zum Dichter, zum Biologen, grüßten so herzlich als es ihr junges Alter zuließ.
Einen Maulwurf entfernt tuschelte es in die Rauchschwaden der Gäste hinein.

Zwei Schüler gingen, einer entschloss sich, auf das freundliche Handzeichen der beiden Kollegen hin, zu bleiben.

Das Übliche halt, doch kein Geschwätz, auch keine Zukunft, so wie sie die Alten haben wollen, nach all den Jahren und Prüfungen. Über andere sprach man nicht, es fehlte das Interesse. Kein Lob, kein Tadel.
Ein Maulwurf kroch in ihnen empor, der Germanist erzählte diese Fabel, die sich selbst in die Erde erzählte.

Eines Tages, versuchte sich der Schüler an dieser Geschichte, hielten die ausgemergelten und unterwürfigen Tiere Rat. Die alte und kluge Maulwurfsmutter mit besonders langen und empfindsamen Sinneshaaren verschaffte sich Gehör. Für nicht allzu lange Zeit arbeiteten sie noch mehr, bis an den Rand der Erschöpfung. Doppelt so viele Regenwürmer brachten sie dem alten Sack, der sie in seiner Gier verschlang und endlich zerplatzte. Die Soldaten des Alten brachen in feierliches Pfeifen aus, fielen den halb verhungerten Tieren in die Arme und bedankten sich. Sie genossen das Leben, Freude herrschte in den Gängen, bis der nächste kam.

Das ist doch traurig, mein Junge, geht es immer so weiter, in deinem Alter so große Weisheit. Es sind doch bloß Tiere. Also, genießen wir die Zeit, die dann bleibt, sprach der Biologe.
Er wird bald platzen.
Ja, er wird bald platzen.
Das Lachen kehrte zurück.

Die Uhus am anderen Ende der Stube versuchten sich in ihrer Neugier an einer vollständigen Drehung ihrer Köpfe, brachen sich das Genick und merkten es nicht.

Es war spät geworden, man bezahlte, verabschiedete sich herzlich und ging.