Sonntag, 30. September 2018

Zizek in Teheran 170


"Dem dauergrantigen, bier- und tierernsten Führer der Revolution des Isalm"
Oder aber ...
Er ist ein Hirngespinst
Aber nicht
Ein Hirngespinst des Übersetzers
Sondern ein Hirngespinst
Von mir

Aber ich kann doch
Nicht ernsthaft behaupten
Ich hätte mir
Den Analytiker
Nur eingebildet
Ich bin bei ihm
Auf der Couch gelegen
In diesem ...
Nicht Container, sondern 

Portacamp. 

In Portacamps
Sprich in bungalowförmigen Containern
Waren die Klassenzimmer
Der 

Deutschen Schule Teheran 

Untergebracht.
Die Deutsche Schule
Besuchte Narges
Unter dem Kaiser
Ihre Mutter ist
Wie gesagt Deutsche
Bis zu dem Trauma
Lang
Lang ist’s her
Lange bevor ich sie kennen- und lieben usw. gelernt hatte.

Dennoch aber: 

Das Trauma in dir
Tötet die Liebe in mir 

Wie wunderte ich mich
Als die Recherchen
Die geheimdienstlichen
Die ich in Auftrag gegeben
Ergaben:
Auch der Analytiker
Hatte die Deutsche Schule besucht
Als Kind
Und als Halbwüchsiger
Bevor er mit den Eltern
Nach Graz emigrierte
Mehr noch
Er und Narges waren
Klassenkollegen.

Wie ich es
Geschafft haben soll
Die Geheimdienste der Islamischen
Republik
Dazu zu bewegen
Die Whereabouts des Analytikers für mich
Zu recherchieren?

Frag doch erst 
Warum mich die Whereabouts des Analytikers
Überhaupt interessierten.
Letzteres hat mit meinem
Schon erwähnten
Status als 

Umstürzler 

Zu tun
Der wahre Grund
Meiner Zusammenarbeit
Mit den Geheimdiensten
Wie gesagt
Warum Umstürzler
Mit dem Geheimdienst
Des umzustürzenden
Regimes
Zusammenarbeiten
Ist klar
Oder?
Wegen des Zugangs
Zu Informationen
Und der Möglichkeit
Den Geheimdienst
Und durch den Geheimdienst
Das Regime
Zu manipulieren.

Warum ich überhaupt Umstürzler wurde?

Ich könnte sagen
Wie kann jemand in der Islamischen Republik hier
leben
Und nicht Umstürzler sein
(Und es gibt im ganzen Teheran tatsächlich
niemanden, der nicht Umstürzler wäre
(Oder es irgendwann nach der Machtübernahme des
Islam nicht geworden wäre)).
Aber ich weiß
Was du meinst
Wie es kam 
Daß ich Umstürzler wurde.

Der im folgenden Danesch genannte 

Babak Danesch-Arani 

Historiker
Philosoph
Und wahrscheinlich der beste Freund meines Vaters
War Umstürzler der ersten Stunde
Damals
Als noch alle –
Die Milizen und Fraktionen und Parteien der Linken
Die Liberalen
Und die Pan-Teheranisten 
Und leider auch die Feministen –
Dem 

K1 

Huldigten
Dem
Dauergrantigen
Bier-
Und
Tierernsten
Führer der Revolution
Des Islam
Schon damals
War
Und wetterte Danesch
Gegen die Machtergreifung
Des Islam.

Versteh mich nicht falsch
Auch ich
Als Halbwüchsiger
War damals
Während der Revolution des Islam
Gegen die Macht des Islam.

Aber Danesch meinte
Eines abends
Jahre später
In der Cafeteria
Des alten Flughafens von Teheran: 

Es gibt nix Gutes. 

Beachte den Punkt nach Gutes LeserIn. 

Es gibt nix Gutes.
Außer: Man tut es 

Und ja
Auch dieser Spruch stammt aus einem
Der illustren
Deutschen Bücher der Narges
Aus keinem Kinderbuch allerdings
Sondern es handelt sich um ein Gedicht
Für Erwachsene
Aus der Feder eines Kinderbuchautors
Namens Kästner.

Als Vater
Einige
Wenige
Jahre nach der Revolution
Des Islam
Nach Bombay flog
Um zu bleiben
Verabschiedete ich mich
Von ihm
Zusammen
Mit Danesch
Am alten Flughafen
Von Teheran

Vom alten Flughafen zu sprechen
Ist irreführend
Du denkst wohl
Der Alte sei
Altvaterisch
Und der neue – nach K1 benannte –
Modern.

In Wahrheit ist und war der alte
Im wahrsten Sinnes des Wortes modern
Und stylish (aber inzwischen verwahrlost)
Wohingegen der neue
Nach K1 benannte
Selbst bei wohlwollender Beurteilung
An das 

Citypark Shopping Center 

In Graz
Erinnert
(Unmittelbar nach der Überschwemmung).

Wie auch immer.
Nach der Verabschiedung
Und dem Abflug
Des Vaters
Waren wir beide aufgekratzt 
Statt bekümmert
Und beschlossen
In der schönen, berühmten Cafeteria
Des alten Teheraner Flughafens
Kurz Kaffee zu trinken

Diese
Cafeteria hat Welt 
Sagte Danesch 

In Kafeteria Monde-sch balas 

Das
Hatte er früher
Auch schon gesagt
Oder hatte Vater erzählt
Daß Danesch
Am Nachmittag oft
Zum Flughafen fährt
Weil der Flughafen Welt hat
(Und von der Cafeteria aus
Den Flugzeugen
Beim Landen
Und beim Abheben zuschaut)?

Wir wollten

– Kurz – Kaffee trinken
Bleiben aber bis es Abend wird
Und als wir auf die Lichter
Der Landebahnen schauen
Der Start- und Landebahnen
Grün, weiß, rot
Und der Flugzeuge
Sagt Danesch 

Teheran ist ein besetztes Land 

Und schaut mich
Wie soll ich sagen 
Bedeutsam an.

Die Islamischen
MachthaberInnen
Hatten damals
Begonnen
Die Opposition
Und die Oppositionellen
Als Gefahr für den Fortbestand
Und die Einheit
Des ganzen Teheran
Zu bezeichnen
Und als Verbündete Washingtons und vor allem
Tel Avivs.

Danesch meinte
Die Islamischen
Würden auf Teheran
In Wahrheit scheißen
Und den Nationalismus Teherans bloß nützen
Um die Opposition
Zu zermalmen

In Wahrheit sei der Islam
Eine fremde Macht
Und hätte unser Teheran besetzt.

Ich stimmte zu
(Darin daß der Islam ein Besatzung sei)
Daß er unser Teheran sagte
Irritierte mich aber

Und zwar sehr

Dachte Danesch
Würde
Wie Vater
Und ich
Auf den Teheraner
Nationalismus
Scheißen
Auf den Teheraner
Und jedweden anderen
Sagte aber nichts

Witzig
Daß mir
Jetzt
Im Nachhinein
Nur dieses 

Unser Teheran 

Einfällt
Ich meine als erstes.
Dabei faszinierte
Und begeisterte mich
Danesch
Vor und nach dem Kaffee
In der Cafeteria des alten Teheraner Flughafens
Und fasziniert und begeistert mich noch immer.
Immens anstrengend ist es aber
Ihm zuzuhören
Wenn ich was frage
Und ich frage immer was 
Spannt er den Bogen so weit 
Daß ich nicht mehr weiß
Was die Frage überhaupt war
Er aber weiß es
Und kommt
Irgendwann
Wie weit der gespannte Bogen auch sein mag
Wieder
Auf die Frage zurück.
In der Sprache Teherans
Heißt Danesch
Wissen. 

Der Polyhistor Friedrich Eckstein, schreibt Friedrich Torberg, war der berühmteste der Stammgäste des Café Imperial … Autor einer leider verschollenen Bruckner-Monographie mit dem schönen Titel ‚Der Weltgeist an der Orgel‘, enorm belesen und enorm gebildet, stand ... Eckstein im Ruf, einfach alles zu wissen. Es gab keine Frage, die er nicht unverzüglich beantworten konnte, ja manchmal nahm er die Antwort ahnungsvoll und kenntnisreich vorweg, ohne die Frage abzuwarten. Man raunte sich zu, daß der große Brockhaus, wenn er etwas nicht wußte, heimlich aufstand und im Eckstein nachsah. Als einmal die Presse eine Meldung brachte, in der von einem neuen Werk des Dichters Kun-Han-Su die Rede war, konnte Eckstein seinen fragenden Jüngern sofort mit genauen Auskünften über das Schaffen dieses bedeutenden chinesischen Lyrikers aufwarten, der als einziger versuchte, eine unter den letzten Kaisern der Ming-Dynastie zur Hochblüte gelangte Versform wieder zu beleben. Zwar stellte sich am nächsten Tag heraus, daß es sich bei Kun-Han-Su lediglich um einen telegraphischen Übermittlungsfehler von Knut Hamsun (des norwegischen Schriftstellers), handelte, aber Friedrich Eckstein hatte wieder einmal alles gewußt, und man respektierte ihn so sehr, daß man geneigt war, auch weiterhin an die Existenz eines chinesischen Lyrikers namens Kun-Han-Su zu glauben. 

(Diesen Eckstein 
Kennt heute kein 
Schwein 
(Und schon wieder der Reimzwang)
Damals kannten ihn aber alle
Im gebildeten Wien
Des Fin de Siècle
Er war eine
Nein 
Die 
Zentralfigur dieses
Wiens des Fin de Siècle
Aber seine Schwester kennen heute
Zwar auch nicht alle
Aber alle
Mit der Psychoanalyse
Vertrauten
Sie ist die Irma
Von Freuds
Traum 

Irmas Injektion.

Aber
Woher weiß ich das alles?
Aus einem der illustren Bücher der ...
Nein?
Oder?)

Wir schauen
Auf die Lichtsignale
Grün, weiß, rot
Der Landebahnen
Danesch ist
Gerade dabei
Die Antwort
Auf meine Frage
Warum die Väter
In der Mythologie der Teheraner
Die Söhne töten
Hingegen bei den Griechen
Ödipus seinen Vater
Zu Ende zu führen
Da
Als folgte er
Einem Impuls
Fängt er an
Von einer Runde 
Zu reden

Junge
Frauen und Männer
Die sich
Mittwochs
In der Cafeteria des Flughafens
Mit ihm treffen. 

Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit 

Sagt Ödon
Von Horvath
Ich aber sage 

Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit 

Als wie die Erregung
Die ich empfand
Als Danesch mich
Einlud
Zu seiner Mittwochsrunde zu stoßen. 

Worum geht es in dieser Runde?

Wir wollen
Unser
Teheran zurück 

Sagt Danesch 

wird fortgesetzt

Samstag, 1. September 2018

Folge 7 der Diagonal-Kolumne „Im Bus mit Sama Maani“ vom 1. September 2018



Vor Jahren behauptete ein beliebter Kinderbuchautor bei einer Lesung in Wien, es gäbe für einen Autor nichts beglückenderes als die zufällige Begegnung mit jemandem, der gerade ein von ihm verfasstes Buch lese. Das wunderte mich. Würde mir doch – gefragt nach dem schönsten denkmöglichen Erlebnis eines Autors – manch anderes einfallen. Von der glücklichen Fertigstellung eines schwierigen Romans bis zum Nobelpreis. 

Jetzt, im Bus, hätte ich die Gelegenheit eines besseren belehrt zu werden. Die junge Frau vis à vis, Typus deutsche Studentin der Germanistik, hält meinen neuen Roman, Teheran Wunderland, in der Hand. Noch bevor ich es schaffe, die Frage, ob mich dieser Anblick möglicherweise glücklicher macht als der Nobelpreis, zu Ende zu denken, merke ich, daß sie meine Blicke erwidert.

„Sind Sie der ... Sama Maani?“

„Ja“, sage ich erwartungsvoll – und verlegen.

„Okay“, sagt sie – und wendet sich wieder dem Buch zu.

Eine Zeit lang sehe ich sie – verstohlen und weiterhin erwartungsvoll – an. Bis sie auf einmal den Kopf schüttelt, mich seltsam-vorwurfsvoll anschaut und mir eine Stelle meines Buches vorzulesen beginnt. Es handelt sich – das  sei vorausgeschickt – um das Gedicht eines jungen, linken Poeten in einem fiktiven, revolutionären Teheran der Siebziger Jahre. Nachdem er von seiner Geliebten wegen des Sohnes eines Wurstfabrikanten, des Klassenfeindes also, verlassen wurde, warnt der Enttäuschte die Teheraner Männer – vor ihren Frauen: 

Versuch sie also nicht zu verstehen
Wie soll das auch gehen?
Sie versteht sich ja selbst nicht
Und bevor sie dich bricht
Komm zu Verstand
Und nimm ihr, bitte, das Heft aus der Hand

Du mußt sie bezwingen, du mußt sie erzieh’n
Wir sind in Teheran – und nicht – in Berlin!

Die Fortsetzung wird heute, am 1. September 2018, irgendwann zwischen 17 und 19 Uhr in der Sendung Diagonal auf Ö1 gesendet – und ist im Internet eine Woche lang abrufbar:

https://oe1.orf.at/player/20180901/524349

Samstag, 25. August 2018

Zizek in Teheran (169)


„In Wahrheit sind wir in Teheran alle
UmstürzlerInnen ... “
Es gibt aber
Abgesehen von der Narges und der Angst
Eingesperrt
Oder hingerichtet zu werden
Oder vergewaltigt
Einen anderen Grund
Warum ich Geheimagent der
Islamischen Republik Teheran bin.

Ich bin

Umstürzler

Ein
Mit der Sprache Teherans zu sprechen

Barandas.

Nicht, daß du glaubst
Das sei jetzt weltbewegend
LeserIn
In Teheran sind alle Barandas
Also UmstürzlerInnen.
Das weiß aber nur ich.

Alle anderen Teheraner glauben nämlich
Es gäbe in Teheran
Zum einen Umstürzler
Zum anderen aber auch Bewahrer
Also AnhängerInnen und GegnerInnen des Regimes.
Und unter den AnhängerInnen
Des Regimes
Wiederum zwei Fraktionen
Die
Prinzipalisten und die
Ad nauseam erwähnten
Reformfaschisten.

In Wahrheit sind wir hier in Teheran alle
UmstürzlerInnen
Die Frage
Ob er Umstürzler sei
Würde jeder Teheraner
Bejahen
Wenn er sicher wäre
Daß du, der du ihn fragst
Kein Bewahrer bist
Also Anhänger des Regimes.

Diese Ungewissheit
Nährt die falsche Annahme
Um nicht zu sagen den
Aberglauben
Es gäbe in Teheran real existierende AnhängerInnen des Regimes.

Für sich im Stillen würde sich
Niemand
Gott bewahre
Als Bewahrer
Bezeichnen
Also als Anhänger
Dieses Regimes.

Nur glaubt jeder
Nein
Muß jeder glauben:
Die Bewahrer sind immer die anderen
(Nicht alle anderen natürlich
Sondern einige dieser anderen)
Von sich weiß er ja
Daß er kein Bewahrer ist.

Weil aber niemand
In das Herz seiner
Nebenmenschen
Hineinschauen kann
Weder in Teheran
Noch draußen in der Welt
Verhält es sich mit den TeheranerInnen
Und ihrem Glauben
An die Real-Existenz der AnhängerInnen
Dieses Regimes
Wie mit den DorfbewohnerInnen
In der nun folgenden Geschichte
(Die ich wieder einem jener
Illustren
Deutschen Kinderbücher
Meiner Narges verdanke
Die ich
Um Deutsch zu lernen
Eifrig studiere):

Romeo und Julia auf dem Dorfe wollen heiraten. Weil sie aber arm sind wie die Kirchenmäuse in einer kantonalen evangelisch-reformierten Kirche, wenden sie sich an ihre Freunde: Jeder soll zur Hochzeit eine Flasche Wein mitbringen und am Haustor in ein großes Fass schütten. Als sie alle versammelt sind (jetzt hätte ich fast – Freud schau oba – versemmelt geschrieben) und auf das Wohl des Brautpaares anstoßen wollen, versteinern sich ihre Mienen. In den Gläsern ist bloß Wasser.

Es ist klar, was passiert ist
LeserIn?
Nicht?

Jeder hatte geglaubt
Er sei der einzige
Der Wasser (statt Wein)
In das Fass schütten würde
In Wahrheit hatten alle
Wasser (statt Wein) in das Fass
Geschüttet.

Weniger klar
Scheint jedoch bei genauer Betrachtung
Auch mir
Der Zusammenhang zwischen dieser Parabel
Oder Metapher
Oder was immer es sein mag
Und der weit verbreiteten
Falschen Annahme
Aller TeheranerInnen
(Außer mir)
Es gäbe
In Teheran
Neben UmstürzlerInnen
Auch noch einige
(Mehr oder weniger wenige)
AnhängerInnen
Der Islamischen Republik.

In der Dorfparabel von Romeo und Julia
Glaubt jeder
Er sei der einzige
Der Wasser statt Wein
In das Fass schüttet
Hingegen in Teheran niemand glaubt
Daß er der einzige Umstürzler sei
Wohl aber glaubt jeder Umstürzler
Es gäbe
Neben den vielen UmstürzlerInnen
Wie ihn
Zehn bis fünfzehn Prozent
AnhängerInnen des Regimes.

Und:
In der Wasser-statt-Wein-Geschichte auf dem Dorfe
Symbolisiert das Wasser
Wie soll ich sagen
Den Mangel
Um nicht zu sagen
Schlechthin das Schlechte
Hingegen das Umstürzlertum in der Islamischen Republik
Das Gute schlechthin ist.
Um nicht zu sagen die Rettung.

Es gibt übrigens
In dieser Geschichte
Ein anderes Problem
Es wird nämlich gar nicht gesagt
Welche Weinsorte
Die Gäste
Mitbringen sollen
Nicht auszudenken
Was passiert wäre
Wenn die Gäste
Oder ein Teil der Gäste
Je verschiedene Weinsorten in das Fass geschüttet hätten
Weil aber dieses Problem
Mit der Frage ihrer Eignung als Metapher
Oder Parabel
Oder wie immer das heißen mag
Für den falschen Glauben
An die Existenz von AnhängerInnen des Regimes
In Teheran
In keinem erkennbaren Zusammenhang steht
Wollen wir uns nicht länger damit aufhalten.

Das Problem ist nun
Daß außer mir
Niemand weiß
Daß das Regime
Einzig und allein wegen eben dieses Aberglaubens
Fortbesteht
Sollte eine genügend große Anzahl von TeheranerInnen
(Es müßte gar nicht die Mehrheit sein
Sagen wir zwanzig von achtzig
Millionen)
Die Falschheit der Annahme durchschauen
Daß es in Teheran real existierende AnhängerInnen dieses Regimes gibt
Würde dieses sofort baden gehen
Wie man
(Wie der Analytiker zu sagen pflegt)
In Graz
Zu sagen pflegt
Wie der Analytiker zu sagen pflegt?
Wie – wie der Analytiker zu sagen pflegt?
Bin ich dem Analytiker denn je begegnet?
Weiß ja nicht einmal
Ob er existiert
Das heißt existieren wird er
Ein Hirngespinst des Übersetzers wird er schon nicht sein
Obwohl ich manchmal ...
Aber ich kenne ihn doch den Analytiker
Ich meine
Nicht bloß aus den Erzählungen des Übersetzers
Und aufgrund jener geheimdienstlichen Nachforschungen
Sondern
Es ist
Als wäre ich ... Als würde ich ...
Ihn kennen

Oder aber ...

Was?
Oder aber ...
Er ist kein Hirngespinst des Übersetzers
Sondern ein Hirngespinst
Von mir.

wird fortgesetzt    

Freitag, 17. August 2018

Zizek in Teheran 168


Nicht, daß du denkst, sie ist ein Luxusgeschöpf ...
So begann meine Karriere
Im Dienst des Informationsministeriums
Unseres Landes.

Am Anfang mußte ich
Jedes Gespräch
Mit einem politischen Häftling
Protokollieren
Und die Protokolle
Bei unseren Treffen im Naderi dem Milani übergeben.
Der gab mir aber bald zu verstehen
Daß das Verfassen
Der Gedächtnisprotokolle
Eine
Der Geheimdienstbürokratie geschuldete
Formsache sei
Ich möge die Protokollschreiberei nicht allzu ernst nehmen
Wichtig wäre es
Die Separatisten unter den Häftlingen zu identifizieren
Und auszuspionieren
Um ihre Pläne
Zu vereiteln
Bevor es zu spät ist 

Wehret den Anfängen! 

Brüllt er
Ich schäme mich
Was würde Narges sagen
Und das im Naderi
Und hoffe immer nur
Daß er nicht auf den Tisch haut.

Warum
Macht er das?
Fragst du dich
LeserIn
Warum läßt er sich
(Also ich mich)
Vor den Karren
Des Informationsministeriums spannen
Na ja
Ich könnte sagen
Ich muß.
Stimmt aber nicht
D.h. es stimmt schon
Daß du, wenn du
Von einem unserer Geheimdienste
Das „Angebot“ kriegst
Sei es von einer der reformfaschistischen
Sei es von einer der prinzipalistischen
Geheimdienstfraktionen
Mit ihnen zu kooperieren
Du dies (Angebot) nicht einfach ausschlagen darfst
Nicht daß man dich gleich exekutieren wollen würde
(Obwohl andererseits auch das schon
Und zwar ziemlich regelmäßig
Oder besser gesagt
Sehr häufig
Vorgekommen sein soll)
Denn natürlich achtet die Islamische Republik auf ihre 

Internationale Reputation 

Obwohl andererseits 

Ist der Ruf mal ruiniert
Lebt es sich ganz ungeniert 

Habe ich in einem dieser illustren deutschen
Kinderbücher
Der Narges einmal gelesen
Um Deutsch zu lernen
Narges will
Daß ich Deutsch lerne
Was sie aber bestreitet
Und behauptet 
Ich wolle es
Weil ich glaubte
Sie wolle es
Daß ihre Mutter Deutsche ist
Habe ich schon gesagt
LeserIn.
Oder?
Der Autor jenes illustren Kinderbuches
Wie heißt er übrigens
William
Glaube ich
Nicht Shakespeare
Der war Engländer
Sondern Busch
William Busch.

Zurück zu meiner Motivation
Mich vor den Karren des Informationsministeriums
Spannen zu lassen
Ich brauche Geld.
Wegen Narges.
Nicht, daß du denkst
Sie ist ein Luxusgeschöpf.
Das würde sie entrüstet bestreiten
Und ist es auch nicht.

Aber Kitesurfen
Im Kaspischen Meer
Tauchen im Golf
Von Teheran
Paragleiten
Auf dieser Alm
In den Blauen Bergen von Alvand
Oder Segelfliegen
Oder Fallschirmspringen
Oder Essen in Teheraner Designer-Wirtshäuser
Mit Weltküche
Und Weltmusik
Und Food Design
(Am liebsten ist ihr
Noch immer
Obwohl schon
Ein wenig

Démodé

Das Wirtshaus 
Wahnsinn und Gesellschaft 
In Teheran-Mitte
In dem
Im Rahmen der Bewährungshilfe
Einige unserer forensischen
Also psychiatrischen
Häftlinge kochen und kellnerieren)
Und Reisen
Ins ferne
Ausland
Biarritz
Capri
Mauritius
Und Madagaskar
Tahiti
Oder Goa
Läßt sich die Narges gefallen.

Ja 
Ich muß mich glücklich schätzen
LeserIn
Wenn Narges meine Reise-Geschenke annimmt
Und, nein
Das ist
Kein Trick von ihr
Um ihr wahres Begehren
Nach Luxusreisen und Designer-Wirtshäuser und Luxussport
Raffiniert zu kaschieren
Zwar hat sie tatsächlich ein Begehren nach Luxus
Kann es sich
Als typische Teheraner Bobo
Aber nicht erlauben
(Was ist die weibliche Form von Teheraner Bobo?)
Dies (Begehren)
Sich einzugestehen
Wenn Narges also raffiniert agieren sollte
Dann bloß ihrem eigenen Über-Ich gegenüber.
Genießen kann sie Luxusreisen nur
Wenn sie einer 

Kulturellen 

Oder 

Ökologischen 

Agenda dienen
Auf Tahiti begaben wir uns
Auf die Spuren Gauguins.

Das Über-Ich kenne ich übrigens aus Narges’ Bücher
Über Psychoanalyse
Bücher über Psychoanalyse hat sie mehr
Als über das Theater und den Film
Es gibt aber
Abgesehen von Narges und der Angst
Eingesperrt
Oder hingerichtet zu werden
Einen anderen Grund
Warum ich Geheimagent der
Islamischen Republik Teheran bin. 

wird fortgesetzt

Samstag, 4. August 2018

Rezension von Richard Schuberth im Wiener "Augustin"



Sama Maani macht die Wahrheit durch Verzerrung glaubhaft Teheran Wunderland und deutschsprachige Gemütlichkeit 

Passiv und beiläufig schlittern die fragilen Helden von Sama Maanis neuem Roman, die sich als Vollstrecker der Geschichte wähnen, in einen Gottesstaat – in einem Land, in dem am wenigsten die Klerikalen an diesen Gott glauben. Richard Schuberth hat sich von diesem ebenso witzigen wie tragischen Buch überraschen lassen. 

Auf wunderliche Pfade lockt der österreichische Autor Sama Maani die Leser_innen schon am Anfang seines Romans Teheran Wunderland. Der Ich-Erzähler – wie der Autor persischer Abstammung – gerät eher durch Zufall in die Demonstration von Exiliranern gegen das Regime ihrer Heimat – in einer nicht näher ausgewiesenen Provinzstadt, in welcher die biografische Neugier gern Graz sehen will und damit vermutlich auch recht hat.

Von den Ereignissen wird er in ein Wirtshaus gezogen, wo drei Brüder ihn als neutralen Zeugen zu einem eigentümlichen Familientribunal einladen. Einer von ihnen, im Buch heißt er nur der «Feine», soll nämlich mit dem klerikalfaschistischen Regime kollaboriert haben.

Der Schriftsteller, Psychoanalytiker und Kulturkritiker Sama Maani, der mit 12 Jahren nach Österreich kam, erzählt die Geschichte der iranischen Revolution als Farce. Der Name Teheran steht als Pars pro toto für den gesamten Iran, ein erster Hinweis auf den fantastischen Charakter des Buchs. Das unbestimmte Österreich trägt den Namen «Die deutschsprachige Provinz», aus ihr ragen die «deutschsprachigen Berge», und Ort des Gerichts ist das Gasthaus «Zur deutschsprachigen Gemütlichkeit». Wie alles hier trägt auch dieses launige Spiel der Bezeichnungen einen tieferen Sinn. Es soll uns zeigen, dass unsere nationalen und ethnischen Identifikationen auf philologischen Konstrukten beruhen, die nachträglich zu Schicksalsgemeinschaften zusammengespachtelt wurden. Sama Maani gilt nicht zu Unrecht als einer der streitbarsten Kritiker des Kulturalismus, wovon schon der Titel seines auch bei Drava erschienenen Essaybandes Respektsverweigerung zeugt: Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht. 

Der Autor spielt mit den romantischen Vorstellungen kultureller Differenz ebenso wie mit den revolutionären Illusionen einer kleinbürgerlichen Linken. Diese müssen hilf- und ratlos dabei zusehen, wie ihre Revolution – die ja dem vorbestimmten Lauf der Geschichte gemäß, welcher sie als Avantgarde vorstünden, eine proletarische sein müsse – von den religiösen Fanatikern und Faschisten binnen kurzer Zeit übernommen wird. Eine kleine Ohrfeige auch für die Selbstüberschätzung einer Schicht, welche das einfache Volk idealisiert und gleichzeitig als Manövriermasse des eigenen emanzipatorischen Führungsanspruchs verdinglicht. Die Arbeiter und Landbevölkerung leben vorwiegend im fiktiven Süd-Teheran, während die jungen Revolutionäre aus dem wohlsituierten Nord-Teheran stammen. Zu Beginn der Revolution verliebt sich der Poet unter den Brüdern, der «Feine», in ein Mädchen aus Süd-Teheran. Als diese ihn wegen des Sohnes eines Wurstfabrikanten, des Klassenfeindes also, im Stich lässt, wird eine Dynamik von epischem Ausmaß in Gang gesetzt. Vorausgeschickt sei, dass ganz Teheran amerikanische TV-Serien schaut, gerne sauft und von früh bis spät Wurstsemmeln verzehrt, auf deren Inhalt Sams Vater, der Wurstfabrikant, das Monopol hält. 

Wir sind in Teheran und nicht in Berlin 

In seiner Enttäuschung lässt sich der Feine zu einer poetischen Abrechnung mit den Frauen hinreißen und dichtet die hinreißend blöden Zeilen: «Versuche sie also nicht zu verstehen / Wie soll das auch gehen / Sie versteht sich ja selbst nicht / Und bevor sie dich bricht / Komm zu Verstand / Und nimm ihr bitte das Heft aus der Hand / Du musst sie bezwingen / Du musst sie erzieh’n / Wir sind in Teheran / Und nicht in Berlin.» Prompt kriegen Machismo und narzisstische Kränkung moderner linker Männer ihre folgerichtige Rechnung serviert. Der «Feine», der so gerne der Chefpoet der proletarischen Revolution geworden wäre, muss mit Schrecken erkennen, dass er über Nacht zum Lieblingsdichter der Religiösen avanciert ist und sein «Berlin-Gedicht» von den fanatisierten Massen in den Straßen skandiert wird.

Als er seinen Widersacher, den Klassenfeind Sam, töten will, bemerkt er, dass dieser längst Karriere bei den Klerikalen gemacht hat.  Mit dessen Verhältnis zur Religion liefert Maani einen interessanten psychologischen Schlüssel zum Verständnis des modernen Fundamentalismus, das über bloßen Opportunismus oder gar Gläubigkeit hinausweist: Identifikation mit dem Angreifer und ein unendlicher Pool an Allmachtsfantasien, auch gegenüber der Religion: «Und mit der Stimme des Glaubens wäre ihm möglich, was ihm als Ungläubiger undenkbar schien: auf Gott zu scheißen.»

Immer bizarrer und unglaubwürdiger werden die Maßnahmen der gekidnappten Revolution, deren Vollstrecker sich als Meister der repressiven Toleranz erweisen. Kritiker werden manchmal erschossen, zuweilen auch – wie im konkreten Fall der jüngste Bruder – in luxuriöse Umerziehungslager verfrachtet, wo die Umerziehung darin besteht, die freien Geister ihre Freiheiten in ihren Gated Communities so frei ausleben zu lassen, bis sie diese über haben. Böse, wer Böses dabei denkt, und das – auch – als Anspielung auf die sozialen Echoräume unserer Tage verstehen will. 

Erziehung zum «Mädchen» 

Für Männer mit schwulen Neigungen gibt es eine Möglichkeit, dieser Toleranzhölle vorzeitig zu entkommen. Das Regime, radikal puritanisch und schwulenfeindlich und doch aus allen Poren seiner patriarchalen Kumpanei homophil und vergewaltigungsbereit, hat eine sehr zweckrationale Lösung gefunden, dieses scheinbare Paradox zu seinem Nutzen zu wenden. Männer können sich mit juristischem und geistlichem Sanktus zu «Mädchen» ausbilden und sich hernach vom Staat als ideellem Gesamtzuhälter in eigenen Bordellen für gottesfürchtige Freier prostituieren lassen.

Sama Maani ist ein Aufklärer. Aufklärer stellt man sich, weil sie beständige Störenfriede sind, zu oft als grimmige Kerle vor. Er aber ist ein heiterer Aufklärer, und die immer absurderen und dennoch gespenstischen Sprünge seiner Handlung erinnern an die großen Humoristen der Aufklärung, an Diderots Jacques der Fatalist, seine Parabeln an Swifts Gulliver. Da jegliche Satire gegen eine wahnwitzige Realität abstinkt, hat Maani auf eine alte Methode zurückgegriffen, die sich in seinen verspielten Händen bestens bewährt. Andere verrätseln die Realität, verdoppeln sie bloß oder flüchten aus ihr, er macht sie durch das Fantastische kenntlich, indem er ihre Koordinaten verschiebt, sie als Parabel und bösen Traum erzählt, aus dem zu erwachen nur durch bessere Revolutionen gelingen mag. Und diese Methode möge uns noch viele weitere kurzweilige Romane dieses Autors bescheren.

Richard Schubeth, Augustin vom 1. August 2018

Sama Maani 
Teheran Wunderland 
Klagenfurt/Celovec 2018, 104 Seiten, 19,80 Euro