Mittwoch, 17. Juni 2020

Zizek in Teheran 202


Giovanni Battista Salvi, gen. il Sassoferrato Werkstatt - Alte ...
Sagt Kaschef, neigt wie die betende Madonna von Sassoferrato den Kopf und faltet die Hände

Die Sehnsucht
Um es mit Danesch zu sagen
Der Islamischen in Teheran
Nach Amerika und dem Amerikanischen
Zeigt sich nicht nur im Linguistischen und im Kulturellen
Sondern die Kinder und Kindeskinder der Funktionäre
Der Führenden
In den Ministerien und im Parlament in Teheran und der Führer der Garden
Der Revolution und der vielen
Mit den Ministerien, den Garden
Und dem Parlament vernetzten
UnternehmerInnen
Haben alle
(Weil sie in Amerika studieren und/oder für ihre islamischen Mütter
Und Väter in Amerika Geschäfte erledigen)

Green Cards

Weshalb seinerzeit
Als der Präsident Amerikas
Den Vertrag, den sein Amtsvorgänger mit den Machthabern
Den Islamischen
Von Teheran geschlossen hatte
Zerriss
Woraufhin die Abgeordneten im Parlament
Dem Islamischen
In Teheran
Amerikanische Flaggen verbrannten

Das Volksmaul
Das Teheranische

Meinte
Daß ihr die Flaggen verbrennt
Und daß es im Zweiten Kanal des Teheraner Fernsehens gezeigt wird
Mag ja ganz nett sein
Verbrenntet ihr jedoch

Die Greencards

Eurer Söhne und Töchter und Enkelkinder
Wäre dies weit interessanter
Unterhaltsamer und netter

Zurück zu Kaschef und seiner Rede von der neighborhood
Den der Angeklagte als Kind
Bewohnt haben soll
Also ich
Vor lauter Lachen über den Amerikanismus
Neighborhood
Habe ich vergessen
Daß ich jene neighborhood als Kind tatsächlich bewohnte
Und Narges tatsächlich meine unmittelbare
Wie Kaschef sagte
Nachbarin war
Und jenem Gebot der Teheraner Tradition folgend
Du sollst begehren deines Nachbarn Tochter
Begehrte ich
Die halbdeutsche Nachbarin Narges
Schon als Halbwüchsiger.
        
Die neighborhood war
Wie Kaschef schon sagte, bewohnt
Von Familien der Oberschicht
Des Nordens
Von Nord-Teheran
Größtenteils von Angehörigen der deutschen Kolonie
Weshalb das Wort neighborhood noch lächerlicher erscheint
Als aus dem Munde
Eines islamischen
Kriminalpsychoanalytikers ohnehin schon.

Was er
Im Übrigen jetzt sagt, der Kaschef
Trifft auch zu
Daß nämlich

Alle Nachbarskinder der Oberschicht jener neighborhood
Im Teheraner Norden
Die mutmaßlich alle
Mit dem Angeklagten auf der Straße spielten
Die

Deutsche Schule

Besuchten
Nur der Angeklagte nicht
So daß man eine
Jener berühmten deutschen Kinderreime
Zu zitieren
Respektive zu rezitieren, versucht ist

Alle Kinder tanzen um das Feuer
Nur nicht Brigitte
Die tanzt in der Mitte

Oder

Alle Kinder rennen über’s Eis
Nur nicht Vera
Die ist schwerer

Oder ...

(M2 rollt jetzt nicht bloß die Augen. Sondern, kaum ist das Augenrollen vorbei, fixiert er den Kaschef mit einem Blick, der streng ist, beinahe wütend)

Im Anhang eines der illustren deutschen Bücher der Narges über die Psychologie der Kinder fand ich folgenden Eintrag

Sadistische Kinder

Sehr geehrte Frau Müller,

Sie bestätigen meine Vermutung, daß es schwierig ist, zum Thema Sadistische Kinder an Forschungsveröffentlichungen zu gelangen. Ich hege aber die Hoffnung, daß Sie mir vielleicht doch eine Empfehlung geben können? In meiner Praxis für Familien und Kinder behandle ich einen achtjährigen Jungen, der so sadistische Rollenspiele vollzieht, daß mir eine einfache Diagnose nicht ausreichend scheint.

Über Ihre Rückmeldung würde ich mich sehr freuen und danke Ihnen vielmals

Adolfine Hirtel

Antwort

Kinder agieren sadistisch, wenn sie von ihren Eltern sadistisch gequält wurden. Und dort dieses Verhalten gelernt haben. Es gibt keinen sadistischen Trieb. Und kein Kind, Frau Hirtler, kommt böse auf die Welt. Wie kommt es, daß sie als Psychologin noch nichts darüber erfahren haben?

Aloisia Müller

M2 rollt jetzt also nicht bloß die Augen, sondern fixiert den
Kriminalanalytiker streng.

All diese Nachbarskinder
Sagt Kaschef, neigt
Wie die betende Madonna von Sassoferrato den Kopf
Und faltet die Hände
Als wollte er sagen
Okay, ich mach ja schon weiter

All diese Nachbarskinder
Besuchten also die illustre

Deutsche Schule von Teheran

Nur nicht der spätere Mörder
Dessen Eltern
Im Unterschied zu andern Eltern
Der neighborhood
Weder wohlhabend waren
Noch deutsch

Warum sich
Der ärmliche Vater des späteren Mörders

So ein Scheiß
Sage ich
Die Anwesenheit Daneschs ignorierend
Und den Impuls unterdrückend
Das alte Fernsehgerät der Manavis auszuschalten
Wenn nicht zu zertrümmern
So ein Scheiß
Vater stammt aus der mittleren
Wenn nicht der oberen
Mittelschicht

Wearing overalls
Sagt Danesch mit amerikanischem Akzent (von wegen Amerikanophilie)
Wearing overalls on weekdays, painting somebody else’s house to earn money?
You’re working class.
Wearing overalls at weekends, painting your own house to save money?
You’re middle class.

Warum
Sagt Kaschef
Der in ärmlichen Verhältnissen lebende Vater
Des späteren Mörders
Sich im Norden von Nord-Teheran ansiedeln mußte
Ist uns nicht klar
Er hatte sich
Als erfolgloser Baumeister
Heruntergewirtschaftet
Lebte aber weit
Wie man auf Neu-Teheranisch zu sagen pflegt
Über seine Verhältnisse
In jener neighborhood
Nahe der
Deutschen Schule
Die der spätere Mörder
Im Unterschied zu den andern neighborhood-Kindern
Nicht besuchen durfte
Wiewohl der Vater ihn dort
Unterzubringen versuchte

Der Angeklagte hält
D.h. ich
Respektive mein Lookalike dort im Zweiten Kanal des Teheraner Fernsehens
Die Hand vors Gesicht

Aber für Kinder
Sagt  Kaschef
Die keinen deutschen Elternteil hatten
Noch in Deutschland aufgewachsen waren
Gab es eine strenge Aufnahmeprüfung
Die der Angeklagte aber leider
Nicht bestand

Der Angeklagte weint laut
Und deutlich in seine Hand
Auch mir ist zum Weinen
Vor Wut, weil der Kaschef den Vater Baumeister nennt und erfolglos
Wo er doch Architekt war
Und in keinem Prospekt der Teheraner Tourismusbehörde
Fehlt ein Bild des Habitat
Das er geplant und gebaut hat
Des futuristischsten
Wie es dort immer heißt
Gefängnisgebäudes der Welt
Oder fu-touristisch
Wie es ein Wortspiel
Der für ihre billigen Wortspiele bekannten Tourismusbehörde haben will

Was er aber
Über die Deutsche Schule gesagt hat
Das Stimmt
Ich wollte tatsächlich in die
Deutsche Schule von Teheran
Wegen Narges. 

wird fortgesetzt

Dienstag, 9. Juni 2020

Zizek in Teheran 201


خیابان یخچال - اطلاعات و بررسی متفاوت | پیاده
Ein neighborhood, bewohnt von Familien der Oberschicht des Nordens von Nord-Teheran
Das hat dem Feind
Sprach also M2
Den Arsch verbrannt
Aber zurück jetzt
Sagt er jetzt
Zum Mörder!
Und sein Gesicht signalisiert
Plötzlich Wut.

Daß er die Wut tatsächlich empfindet
Glaube ich
Dennoch aber schaut er
Oder gerade deshalb
Wie ein Schauspieler aus
Der durch
Authentizität
Zu reüssieren versucht.
Nicht authentisch wirkt hingegen das Gesicht des mutmaßlichen Mörders
Also meines, respektive meines Lookalikes
Das jetzt eingeblendet wird
Und das
Zerknirschung
Signalisiert
Respektive soll.

Wir haben einen Experten bei uns
Sagt M2
Einen Kriminalpsychologen

Kriminalpsychoanalytiker
Korrigiert der Experte
Der jetzt an meiner statt, respektive meines Lookalikes
Auf dem knallgrünen Vorhang
Hinter M2 in Erscheinung tritt.

In Erscheinung tritt aber nicht
Der Kriminalpsychoanalytiker als Ganzer
Nur der Kopf
Rund, schwarze Hornbrille, breite Nase
Und die Lippen
Wie soll ich sagen
Ragen
Aus dem Gesicht
Dennoch aber
Ist es irgendwie ein feines
Kommt mir bekannt vor.

Professor Kaschef
Sagt M2
Leiter der
Zentralanstalt Zacharias für Seelische Gesundheit der Männer
In Teheran-West
Wird über die Hintergründe des Verbrechens
Und die Seelenzustände des Mörders Auskunft geben

Aber kurz bitte!

Um den Mund
Des Professors
Spielt ein Lächeln
Ein feines

Kurz fürchte ich
Mein Führer
Geht gar nicht
Denn die Seele des Mörders
Ist mit jenem Dichter der Teheraner Jahrhundertwende
Artin Kababi
zu sprechen
Ein weites Land.

Was ihn animiert hat, zu morden
Hat glaube ich
Verzeihung Führer
Mit Sex zu tun.

Es fällt auf
Nicht nur, daß er Sex statt Sexualität sagt
Sondern er verwendet morden
Transitiv
Will sagen: Ein Akkusativobjekt nach sich ziehend.

Der Angeklagte hat eine Geliebte
Die berühmte
Und im ganzen Teheran beliebte
Schauspielerin
Narges T.

Warum er den
Im ganzen Teheran berühmt sein sollenden
Familiennamen der Narges abkürzen
Respektive
Warum er
Mit Danesch zu sprechen
Statt des Nachnamens ein Akronym verwenden muß
Ist unklar

Mit Sex
Sagt Kaschef
Und ja
Mit seiner Liebe
Zu Kardan
Wie alle Teheraner
Meiner Generation
Liebte auch der Angeklagte
Den Idol unserer Kindheit
Den Kardan.
Und genau diesem
Begegnet er
Als Sozialarbeiter im Gefängnis, wo Sie ihn
Ich meine den Kardan
Eingesperrt hatten
Mein Führer
Ohne ihn aber sogleich zu erkennen
Über die Jahre hatte der Kardan
Eine
Kartoffelnase
Entwickelt. Ein
Rhinophym

Wie wir in der Wissenschaft sagen, kann ab 30 auftreten, bei Frauen und Männern, als neurogene Entzündung. Will sagen: Als Reaktion des Nervensystems
Auf Stress.

Dem Angeklagten
In seiner Funktion als Sozialarbeiter seiner Gefängnisabteilung
Sagte der Kardan
Daß er nunmehr nur mehr
Als Übersetzer
Arbeiten wollte
Und zwar
Als Übersetzer deutschsprachiger Bücher in die Sprache Teherans
Nicht mehr als Regisseur

Später erhält er aber
Vom
Ministerium für Unterhaltung und Islamische Führung
Den Auftrag
Bei der beliebtesten Fernsehserie aller Zeiten in Teheran
Regie zu führen.

Der Angeklagte war als Sozialarbeiter
Zuständig
Für Häftlinge der Abteilung IV
Konterrevolution und Staatssicherheit
Und als solcher in den Plan
Des

Ministeriums für Unterhaltung und Islamische Führung

Eingeweiht, mit Kardan jene

Beliebteste Fernsehserie aller Zeiten in Teheran

Zu drehen
Zumal er den Kardan
Dessen Vertrauter er mittlerweile geworden
Zur Kooperation anzuhalten
Seitens des Ministeriums

Für Unterhaltung und Islamische Führung

Beauftragt worden war.

Kommen Sie zur Sache, Professor!
Sagt der Führer
Bin ich ja eh schon
Sagt Kaschef
Bin ja eh bei der Sache

Beim Motivieren des Kardans
Mit dem Ministerium
Zu kooperieren
Kooperierte der Angeklagte
Er kooperierte glänzend
Er hatte nämlich

Ein Motiv

Welches aber nicht darin bestand
Kardan möge
In jener

Beliebtesten aller Fernsehserien aller Zeiten in Teheran



Regie führen
Respektive eventuell wieder als Schauspieler zu sehen sein
Das wünschte er sich zwar auch
Das
Motiv
Aber
Hatte mit seiner Geliebten zu tun
Jener im ganzen Teheran berühmten und allseits beliebten
Schauspielerin
Narges T.

Wir müssen ausholen

(Augenrollen bei M2. Er sagt aber nix.)

T. ist halb Teheranerin, halb Deutsche
Ihre Mutter
Eine Deutsche
Hat ihren Vater
Einen Teheraner
Während seines Studiums der Ingenieurwissenschaften in Deutschland
Kennen-
Und lieben gelernt, wie man sagt
Und war ihm
Nach dem Ende seines Studiums
Noch unter dem Kaiser
Nach Teheran gefolgt
Wo sie bis zu unserer Revolution
Der Islamischen
Als Buchhändlerin in der Buchhandlung

Johann Paul Friedrich Richter

Der ersten und bislang letzten deutschsprachigen Buchhandlung von Teheran
Am ehemaligen Rooseveltplatz
Die nach unserer Revolution
Der Islamischen
Zusperren mußte
Als Buchhändlerin arbeitete.

Wo der Angeklagte die berühmte
Und im ganzen Teheran beliebte Schauspielerin kennen-
Und lieben gelernt hat
Wie man sagt
Wußte ich nicht.
Bis unsere Nachforschungen ergaben
Daß der Mörder und die Schauspielerin beinahe
Schulkameraden
Geworden waren.

Danesch schaut mich an
Mit hochgezogenen Brauen
Als wollte er
Stimmts?
Sagen
Nicht, ob es stimmt, daß ich der Mörder bin
Sondern
Ob die Narges und ich
Beinahe Schulkameraden
Geworden wären.

Die Schauspielerin
Sagt Kaschef
Besuchte nämlich
Die berühmte
Deutsche Schule
Die wir leider
Sie verzeihen mein Führer das leider
(M2 hebt die Rechte und schüttelt den Kopf
Als wollte er sagen
Kein Ding, Kaschef!)
Die wir leider
Nach unserer Revolution
Der Islamischen
Zugesperrt haben.

Die Deutsche Schule ...
Seufzt Kaschef
(Sehnsüchtig fast, als dächte er an eine am andern Ende der Welt
Verschollne Geliebte)
Wie unsere Nachforschungen ergaben
Wohnte der Angeklagte als Kind
In unmittelbarer Nachbarschaft
Unserer späteren Schauspielerin
Im Norden von Nord-Teheran
Und
In der Nähe eben jener
Deutschen Schule
Ein neighborhood
Bewohnt
Von Familien der Oberschicht
Des Nordens
Von Nord-Teheran.

Neighborhood!
Lachen Danesch und ich
Unisono
Und ich vergesse
Daß ich des Mordes angeklagt bin
Respektive mein Lookalike
Dort
Im
Zweiten Kanal des Teheraner Fernsehens
Ich lache
Weil die Sehnsucht
Sagt Danesch
Und das Verlangen der Islamischen in Teheran
Nach Amerika und allem Amerikanischen
Sich ausdrückt im ständigen Nennen
Um nicht penetranten zu sagen
Von Fremdwörtern aus Amerika
Seit der Machtübernahme des Islams ist Teheran
Amerikanisiert
Und seine Sprache
Und überflutet
Von Amerikanismen
Im linguistischen und im kulturellen Sinne des Wortes.



wird fortgesetzt

Dienstag, 26. Mai 2020

1. Juni 2020: LIVE-LESEN - Das literarische Anti-Corona-Programm des Literaturhauses Salzburg

Literaturhaus Salzburg – literaturhaus.netPfingstmontag, 1. Juni 2020, 20 Uhr (Einlass: 19.50 Uhr!), lese ich im Rahmen des literarischen Anti-Corona-Programms des Literatuthauses Salzburg live auf Facebook Passagen aus meinem Roman Teheran Wunderland:

https://www.facebook.com/LiteraturhausSalzburg/

Infos zum täglichen Programm (seit 22. März)
http://literaturhaus-salzburg.at/content.php…



Sonntag, 17. Mai 2020

„Exekution ist keine Kunst!“ (7)


LeMO Biografie - Biografie Ferdinand Lassalle
Ferdinand Lassalle
„Der kühnen Bahn nun folgen wir, die uns geführt Lassalle!“ 

Bald nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Österreichs waren Pamela Rendi-Wagner und andere führende Funktionäre der SPÖ mit dem Vorwurf konfrontiert, sie pflegten einen luxuriösen Lebensstil, fernab der Lebensrealität unterprivilegierter Wähler ihrer Partei. Georg Dornauer, Vorsitzender der Tiroler-Landespartei, wurde kritisiert, weil er einen Porsche fährt, Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda wegen einer Armbanduhr, Rendi-Wagner selbst, weil sie in einem Nobelclub in St. Tropez gesehen worden war usw.

Debatten dieser Art sind weder neu noch auf die österreichische Sozialdemokratie beschränkt. Denken wir an den „Leider-Nein-Millionär“ Hannes Androsch, Österreichs sozialistischer Finanzminister von 1979 bis 1981 und Bruno Kreiskys – später in Ungnade gefallener – „Kronprinz“. Ihm wurden seine in der ehemaligen k.uk. Hofschneiderei Knize angefertigten Luxusanzüge angekreidet. Oder an den als Brioni-Kanzler und Cohibas-Raucher verspotteten, ehemaligen deutschen Regierungschef Gerhard Schröder von der SPD.

Gehen wir in der Geschichte der Arbeiterbewegung aber weiter zurück, sagen wir ins 19. respektive frühe 20. Jahrhundert, und nehmen die Beziehung zwischen ihrer Basis und ihren Führern in den Blick, stoßen wir auf Erstaunliches. Zwar findet sich unsere Erwartung bestätigt, dass die Arbeiterführer damals von ihren Anhängern als „volksnah“ empfunden wurden. Nicht aber wegen eines asketischen Lebensstils. Im Gegenteil.

„Ferdinand Lassalle etwa, einer der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie und Spross einer großbürgerlichen Breslauer Tuchhändlerfamilie [...] galt weithin als arrogant, theatralisch und exzentrisch und lebte in einer skandalösen Amour fou mit einer Adeligen, die ihm – dem Sozialdemokraten – eine luxuriöse lebenslange Rente gewährte.“

Dennoch aber widmeten ihm die 

„deutschen Arbeiter feurige Lieder: ‚... der kühnen Bahn nun folgen wir, die uns geführt Lassalle!’

Und

„August Bebel, der ‚Arbeiterkaiser’ der deutschen Sozialdemokratie, starb 1913 keineswegs ärmlich. Er hatte sich im Laufe seines Lebens hochgearbeitet. Seine Leipziger Drechslerwerkstatt florierte trotz seiner Verfolgung als Parteifunktionär unter den Sozialistengesetzen. Zudem bescherte ihm sein in über 50 Auflagen erschienenes Buch über die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft, Die Frau und der Sozialismus, derart fürstliche Tantiemen, dass sich eine Villa am Zürichsee ausgegangen ist. Bebel legte größten Wert auf gute Anzüge, bürgerliche Umgangsformen und Taschenuhren.“

schreiben die Politikwissenschaftler Felix Butzlaff und Margaret Haderer. Resümme:

„In der frühen Arbeiterbewegung führten die luxuriösen Vorlieben ihrer Parteiführer nicht zwangsläufig zur Entfremdung von der Basis – im Gegenteil. Die Arbeiter waren stolz auf den Erfolg und Anerkennung ihrer politischen Sprachrohre [...]. Sie waren stolz auf jene, die den sozialen und materiellen Aufstieg geschafft hatten. Zudem stellten die Insignien und die Umgangsformen der bürgerlichen Gesellschaft für die frühe Arbeiterbewegung eher wichtige Orientierungspunkte als Steine des Anstoßes dar“56

Das aktuelle Unbehagen am „luxuriösen Lebensstil“ jener Vertreter der Sozialdemokratie steht offenbar in Zusammenhang mit der heute weit verbreiteten Ideologie des Antikonsumismus und dessen kaum verhohlenen asketischen Idealen. Dass die Idealisierung der Askese die Interessen privilegierter Gruppen stärkt, wie Max Horkheimer in Egoismus und Freiheitsbewegung57 zeigt, und dass es, mit Richard Schuberth zu sprechen, unredlich wäre, „Antikonsumismus zu propagieren, solange nicht alle Menschen den gleichen Zugang zu Gütern und Dienstleistungen haben.“58 liegt auf der Hand. Und macht es notwendig, den Antikonsumismus als eine – weitere – Verfallsform der Kritik am Kapitalismus zu kritisieren: Während jener falsche Antikapitalismus, der, unter Ausblendung der Sphäre der Produktion, ausschließlich den Bereich der Zirkulation (des Geld- und des Warenaustauschs und den Finanzsektor) im Blick hat und diesen personalisiert, indem sie ihn mit konkreten Institutionen und Gruppen (vornehmlich mit den Banken und den Juden) identifiziert, wird diese Personalisierung und Moralisierung in der aktuellen Konsumkritik radikalisiert – weil privatisiert: Als potentieller Träger des „Konsumwahns“ ist jeder aufgerufen, das „Böse am Kapitalismus“, statt in dessen Strukturen, in sich selbst zu suchen. Und zu bekämpfen.

Die oben entwickelte Bestimmung des Kunstglücks und jenes, das wir der Kunst der öffentlichen Darstellung zuschreiben, als antinarzisstisches mag aber noch ein anderes Unbehagen erhellen, das den Antikonsumismus antreiben und seine Wirkmächtigkeit erklären könnte.

Wir sind bei unseren Überlegungen über das Kunstglück von Freuds und Goethes These von der (Beinahe-)Unmöglichkeit des Glücks ausgegangen – und haben in weiterer Folge gesehen, wie Narzissmus geglückte Begegnungen mit Kunstwerken verhindert und den Verfall der Öffentlichkeit befördert. Bei der Kunst und der öffentlichen Sphäre handelt es sich allerdings nicht um isolierte Sonderzonen, so dass wir dem Narzissmus – zumal in der von ihm dominierten Kultur der Gegenwart – eine allgemeine Rolle bei der Produktion gesellschaftlichen und individuellen Unglücks zuschreiben müssen. 

Narzisstische Langeweile 

Menschen, denen wir einen „narzisstischen Charakter“ zuschreiben (ich formuliere vorsichtig, weil mir die volle Identifizierung von real existierenden Personen mit diagnostischen Kategorien Unbehagen bereitet), werden häufig von Langeweile und „Gefühlen der Leere“ geplagt. Und erzeugen auch häufig Langeweile und Gefühle der Leere. Die Langeweile die sich bei der Begegnung mit einem Kunstwerk immer dann einstellt, wenn wir es ablehnen, auf dieses zuzugehen (sprich die Grenzen unseres Ichs zu transzendieren), in der Erwartung, das Kunstwerk möge doch auf uns zukommen, um sich unseren subjektiven Empfindungen anzupassen (uns etwa, falls es sich um einen Roman handeln sollte, die Möglichkeit der Identifizierung mit dessen Figuren zu geben) und das Kunstwerk diese unsere Erwartung enttäuscht, ist ja genauso narzisstisch wie die Langeweile, die auf einer Party entsteht, wenn unser Gesprächspartner sich ausschließlich von seinen momentanen „authentischen“ Empfindungen leiten lässt. Anders gesagt, nichts anderes darstellen kann oder will als sein Ich.

Narzisstische Langeweile ist aber nicht auf die Rezeption von Kunst oder auf soziale Bühnen, wie etwa Partys, beschränkt, sondern allgemeines Merkmal der narzisstischen Gegenwartskultur, so dass die angedeutete Frage nach dem Zusammenhang zwischen Narzissmus, Antikonsumismus und (Un-)Glück von hier aus präziser gestellt werden kann: Könnte es sein, dass die heute weit verbreitete Ideologie des Antikonsumismus (gerade auch) durch die heute weit verbreitete narzisstische Langeweile angetrieben wird? Dass wir nicht unglücklich sind, weil wir zu viel konsumieren, zu viel haben oder weil es uns zu gut geht, dass also gerade nicht der Luxus uns unglücklich macht – sondern der Mangel?

Was Mangel hier meint, lässt sich gut anhand der Geschichte des Begriffs Luxus demonstrieren, der einmal „üppige Fruchtbarkeit“ meinte, und deren Vergleich mit jenen Vorstellungen, die heute (nicht nur) Vertreter des Antikonsumismus mit Begriffen wie Konsum oder Luxus verbinden und die gerade auf das Gegenteil von Fruchtbarkeit und Üppigkeit verweisen: Auf Kargheit und Sterilität. Andere Namen für narzisstische Langeweile.

Wir behaupten daher: Vertreter des Antikonsumismus bürden – einem Missverständnis ihres Unbewussten folgend – ihr Unbehagen an der narzisstischen Langeweile, an der sie leiden, und die sie verbreiten, dem „Luxus“ und dem Konsum auf. Und bekämpfen es mit dem Wahn, sie litten an einem Konsumwahn, den sie bekämpfen müssten. 

Eine Verheißung der besonderen Art 

Üppige Fruchtbarkeit. Die Zuschreibung scheint für den luxuriösen Lebensstil – aber auch für das Lebenswerk – Bebels und Lassalles durchaus passend. Kaum vorstellbar aber, dass die Kritiker ihres Lebensstils – oder sonst irgendjemand – diese Begriffe mit Drozdas Armbanduhr, Dornauers Porsche oder Rendi-Wagners Besuch in jenem südfranzösischen Nobelclub in Zusammenhang bringen würden.

So gesehen war der Klassenunterschied zwischen Bebel/Lassalle und den Arbeitern damals, verglichen mit jenem zwischen den heutigen Wählern der SPÖ und deren Führung größer – im doppelten Sinn. Nicht nur lebten die Arbeiter im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts oftmals in elenden, jedenfalls weit ärmlicheren Verhältnissen als die heutigen (wobei der Anteil – erwerbstätiger – Arbeiter an den Wählern der SPÖ, die inzwischen vor allem von öffentlich Bediensteten und Pensionisten gewählt wird, seit Jahren zurückgeht. Die Mehrheit der österreichischen Arbeiter wählt heute die rechtsextreme FPÖ). Der Lebensstil vor allem Lassalles war ja eher aristokratisch als bürgerlich, was den Abstand zur Lebenswelt der Arbeiterklasse weiter vergrößerte. Dennoch aber, nein, gerade deshalb, wurden Bebel und er von den Arbeitern bewundert und verehrt. Aber warum eigentlich?

Damals, so Butzlaff und Haderer, waren die Arbeiter „stolz auf jene, die den sozialen und materiellen Aufstieg geschafft hatten.“ Warum aber sind sie heute – wenn sie denn überhaupt noch Rot wählen – nicht stolz darauf, dass Dornauer einen Porsche fährt oder Rendi-Wagner in St. Tropez einen Nobelclub besucht? Kann es sein, dass die aristokratische Attitüde es war – aristokratisch gerade auch im Sinne der Kultur der öffentlichen Darstellung –, die den Arbeitern damals imponierte? Und dass sie imponierte, weil sie eine Verheißung der besonderen Art barg: Dereinst würden auch Arbeiter, wie ihre Führer, Lassalle und Bebel, der „Arbeiterkaiser“, das gute Leben nicht „bloß“ im materiellen Sinn leben können, sondern auch im Sinne jenes Üppigen, Fruchtbaren, das Luxus einmal meinte – und das den Drozdas und Dornauers so schmerzlich fehlt?

Die üppige Fruchtbarkeit, von der die Rede ist, entspricht jenem „je ne sais quoi“, jenem magischen Moment der Kunst (im zweiten Sinn), ohne dem ein Kunstwerk weder Kunstgenuss noch Kunstglück schenken kann.

Dass Konsum allein nicht glücklich macht, ist so wahr wie banal. Nackter Konsum vermag im Diesseits des Alltags genauso wenig Glück zu bescheren wie das Kunstwerk dem, der es wie einen Apfel zu konsumieren versucht – oder wie ein gutes Glas Wein. Aber die Analogie gilt auch umgekehrt: Um des Glückes willen sollten wir nicht bloß darauf verzichten, ein Kunstwerk so zu konsumieren, als wäre es ein gutes Glas Wein – auch ein gutes Glas Wein sollten wir nicht so konsumieren, als wäre es – nichts anderes als – ein gutes Glas Wein. 

Ende 

56 Felix Butzlaff, Margaret Haderer, Rote Luxusprobleme, Der Standard, 25. Oktober 2019 

57 Max Horkheimer, Egoismus und Freiheitsbewegung. In: ders., Gesammelte Schriften Bd 4, Frankfurt am Main 2009, S. 9 - 88 

58 Richard Schuberth, Narzissmus und Konformität, Berlin 2018, S. 162