Sonntag, 11. November 2012

Zizek in Teheran (18)

Um es mir zu zeigen, will Schirin ein Gedicht vergessen. Will mir ein Gedicht vergessen, wollte ich sagen. Die erste Strophe war schon der erste Abschnitt. Die angenehme, männliche Stimme fordert Schirin jetzt auf, an das intensivste Erlebnis zu denken, das sie je hatte.

Alles verändert sich. Ich scheine zusammen mit dem Feauteuil zu versinken. Tiefer, bis aus einer Vertiefung gerade noch mein Kopf herausschaut. Oder ich sitze im Zuschauerraum und schaue auf die – höhergelegene - Bühne.

Im Halbdunkel des viktorianischen Zimmers eine Insel des Lichts. Wenn auch gedämpft. Auf der Insel steht Schirin. Neben einer Couch. Obwohl sie noch immer in dem Feauteuil links von mir sitzt. Zwischen uns der Beistelltisch aus den 70ern.

Die stehende Schirin steht mitten im viktorianischen Wohnzimmer-Meer auf einer Teheraner-Wohnzimmer-Insel, bestehend aus Stilmöbeln. Das sagt uns über seine Bewohner schon alles. Schirin scheint allerdings nicht zu ihnen zu gehören.

Was wir sehen, werter Leser, ist Starke Materie. Die Erinnerung Schirins an das intensivste Erlebnis.

Auf der Couch sitzen: Eine Frau und ein Mann. Mit einigem Abstand voneinander, aber es ist klar: Sie gehören zusammen. Angehörige der Teheraner Mittelschicht. Sagen wir der oberen. Die Frau ist nicht alt, aber ältlich. Die Haare aufdringlich schwarz. Die Schminke paßt, und ihre Kleidung, perfekt zu den Stilmöbeln. Mir scheint, daß ich sie rieche.

Der Mann ist gekleidet wie der Gefängnisarzt. Geschmacklos und alles ist rund: Nase, Wange, hellbraune Schuhe, Bauch, und glänzt. Die Nasenspitze glänzt am rundesten aus der ohnehin schon glänzenden Teheraner Wohnzimmerinsel. An wen erinnert uns der Mann, werter Leser? An Kalkali natürlich. Sadeg. Henker der Revolution. Der Teheraner Eichmann. Kalkali war aber runder als Eichmann. Und lustiger. Viel, viel.

Zwischen der Ältlichen und dem Couchtisch steht Schirin, in einer Schuluniform. Weißes Hemd, dunkelblauer Faltrock, blauer Schal usw. Du weißt schon, Leser. Genau wie in einem japanischen Schulmädchen-Porno. Nein? Du schaust keine japanischen Schulmädchen-Pornos?

Macht auch nichts.

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Mittwoch, 7. November 2012

Zizek in Teheran (17)

„Das Problem, das bei der Verknüpfung mit der Starken Materie auftreten kann, ist daß das BCI es nicht schafft, den Inhalt des Buches auszulöschen - und sich dieses, mit der Starken Materie verknüpft, dem Bewußtsein erst recht aufdrängt.“

„Das halte ich, mit Verlaub, für das geringste Problem“, sage ich, „das Problem ist die Starke Materie selbst. Auch wenn es das dritt- oder viertschlimmste Erlebnis sein mag, an das sich das Mädchen erinnert. Wenn Ihr die Starke Materie verstärkt, macht Ihr das Mädchen fertig. Ich bin Psychonalytiker.“


„Ich weiß“, sagt Schirin.

Weil sie aufsteht, und sich in die Tiefe des Hauses des Vergesens begibt, d.h. in die Tiefe dieses Raumes, aus dem viktorianischen England. Und verschwindet im Dunkeln.

Nochmal: Weil sie aufsteht und sich in die Tiefe des Hauses des Vergesens begibt, habe ich keine Gelegenheit, sie zu fragen, ob sich

Ich weiß

auf die Tatsache bezieht, daß ich Analytiker bin. Oder auf den seelischen Schaden, den die verstärkte Starke Materie den Hirnen der islamischen Mädchen zufügen kann.

Sie kommt zurück und hält eine zweite, ebenfalls hellbraune Trockenhaube in der Hand. Den sie mir auf den Kopf setzt. Ich sitze inzwischen auf einem der beiden großen und blauen Feauteuils, oder Ohrensesseln, links und rechts des Beistelltisches. Aus den 70er Jahren.

„Ich zeige es Ihnen.“

Schirin geht zu dem altehrwürdigen, unendlich hohen Regal, Du erinnerst Dich, Leser: Mit den unendlich vielen, altehrwürdigen Büchern, sie scheint dort seine Tastatur zu bedienen. Genau sehe ich es - versunken in dem Feauteuil, aus dem viktorianischen England, und unwillig, mich auch nur ansatzweise zu erheben - nicht.

Schirin setzt sich in den anderen Feauteuil, links von mir, zwischen uns der Beistelltisch, aus den 70ern, auf dem die erste Trockenhaube steht, Kopftuch trägt sie längst nicht, und setzt sich die Trockenhaube auf. Wie eine Königin sich krönt. Es kann los gehen.

„Ich zeige es Ihnen“, wiederholt Schirin, „anhand eines Gedichtes unseres Hafes“. Oder sagt sie eines Gedichtes Hafisens, wie Rückert und Goethe gesagt haben würden? Aber sie spricht ja die Sprache Teherans.

Hafes, werter Leser ist der berühmetste und beliebteste und beste Teheraner Dichter. Siehe Goethe, West-Östlicher Divan, Rückert, Hammer-Purgstall etc. Interessiert Dich nicht wirklich. Macht auch nichts.

Alla ya ayo ha Saghi
Adar ka’ssan va Navelha
Ke eschgh assan nemud aval
Vali oftad moschkelha

Holla Saki, reiche mir den Krug
Anfangs schien die Liebe leicht,
Die mich mit Beschwernis schlug

Das war die Stimme des Computers des BCI des Hauses des Vergessens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher. Eine angenehme Stimme, leicht sonor, wie die Radiostimmen, männlich, unter dem Kaiser. Rasiert. Mit dunklem Sakko. Und Krawatte.

Offenbar sind Schirins und meine Trockenhauben, d.h. Elektrodenhauben, parallelgeschaltet. Schirin hat mich an ihr Hirn angeschlossen. So daß ich die Radiostimme, die sonst nur sie hören würde, auch höre. Was hättest Du, werter Leser, wenn ich gesagt hätte: Schirin hat mich an ihr islamisches Mädchenhirn angeschlossen, gedacht?

Beide Elektrodenhauben sind von Elektroden übersät. Aber weder an meiner noch an Schirins Haube hängen Kabeln. Alles sehr magisch hier, im Internat Islamischer Mädchen. Das BCI des Hauses des Vergessens scheint mit Funkstrom zu arbeiten. Monitore gibt es nicht.

Schirin will ein Gedicht vergessen. Um es mir zu zeigen. Will mir ein Gedicht vergessen, hätte ich gesagt. Die erste Strophe war schon der erste Abschnitt. Die angenehme, männliche Stimme fordert Schirin jetzt auf, an das intensivste Erlebnis zu denken, das sie je hatte.

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Dienstag, 6. November 2012

Zizek in Teheran (16)

„Das sagt Eure – islamische – Direktorin?“

„Vizedirektorin. Sie ist Materialistin. Und Atheistin. Wie unsere Direktorin. Und die meisten unserer Mädchen im Internat Islamischer Mädchen.“

„Und Du?“ frage ich.

Schirin antwortet nicht, woraus ich schließe, daß auch sie. In Teheran gilt: Sokut alamate resast: Die Schweigende stimmt zu.

Weil ich die Schweigende sage, und nicht der, hast Du, werter Leser, folgende Assoziation: Wenn eine Frau Nein sagt, heißt das: ‚Ich weiß nicht‘. Wenn sie ‚Ich weiß nicht‘ sagt – oder schweigt, wie Schirin gerade – heißt das: Ja.

Und wenn sie Ja sagt?

Schirin ist am Wort.

„Um den Inhalt des Buches verdrängen zu können, muß die Verdränger-Materie stark genug sein. Daher nennen wir sie auch Starke Materie. Das Buch hat schließlich dem Mädchen, unter all den Büchern, das es bisher gelesen hat, den größten Genuß bereitet. Bei der Starken Materie muß es sich also um die Erinnerung an ein besonders intensives Erlebnis handeln. Die Erinnerung an dieses besonders intensive Erlebnis verbindet das BCI mit dem Inhalt des zu vergessenden Buches. Wie Besen und Kehricht.“

Wenn sie Kehricht sagt, verwendet Schirin nicht das entsprechende Wort in der Sprache Teherans, sondern sagt Kehricht auf Deutsch. Gerischt. Wie Gericht.

„Nachdem sich das Mädchen die Elektrodenhaube des Brain-Computer-Interface aufgesetzt hat, liest ihm der Computer das zu vergessende Buch vor. Alle Bücher der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher sind im Computer unseres BCI gepeichert. Bestimmte Passagen des zu vergessenden Buches liest der Computer wörtlich vor. Andere werden zusammengefaßt. Nach dem Vorlesen jedes Abschnitts des zu vergessenden Buches fordert der Computer das Mädchen auf, an das intensivste Erlebnis zu denken, das es je hatte. Das Mädchen muß sich also mehrmals an das selbe intensive Erlebnis erinnern. Umso öfter je dicker das Buch ist. Und jedesmal wird die ohnehin schon intensive Erinnerung an das intensive Erlebnis durch elektrische Impulse, die über die Elektrodenhaube in das Mädchenhirn geleitet werden, weiter verstärkt. Während die Erinnerungen an das zu vergessende Buch von Abschnitt zu Abschnitt abgeschwächt werden - bis die Erinnerung an das intensive Erlebnis die Erinnerung an die Lektüre des zu vergessenden Buches ausgelöscht hat.“

„Ist das nicht -“, frage ich.

„Das ist -“, sagt Schirin, gleichzeitig mit mir und überstimmt mich,
„ - gefährlich.“

Wir lachen.

„Ich weiß. Das Stärkste ist immer das Schlimmste. Aber wir Mädchen tricksen uns selbst aus. Meistens erinnern wir uns nicht an das Schlimmste, sondern an das Zweit- oder Drittschlimmste. Wenn nicht gleich an ein angenehmes Liebeserlebnis.“

„Ist Liebe nicht das Schlimmste?“

„Ja“, sagt Schirin, „natürlich.“ Sie erscheint auf einmal gelangweilt oder genervt. „Ich rede aber von der romantischen Liebe. Wie sagt Ihr in Graz?“

Wie sagen wir in Graz?

„Blümchensex“, sagt Schirin

Hier also, Leser, ein islamisches Mädchen, im Internat Islamischer Mädchen, das abfällig vom Blümchensex spricht. Und Atheistin und Materialistin ist. Letzteres findest Du nicht unbedingt geil. Ich weiß. Aber alles zusammen sehr geil. Nicht wahr?

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Samstag, 3. November 2012

Zizek in Teheran (15)

„Die Direktorin beschloß, jene islamischen Mädchen, die immer die selben Bücher entlehnen, in die Lage zu versetzen, den Genuß der ersten - bzw. aller bisherigen - Lektüren zu wiederholen. Durch das Vergessen der ersten - bzw. aller bisherigen - Lektüren des Buches. So entstand Das Haus des Vergessens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher des Internats Islamischer Mädchen.

Setzen Sie sich. Ich erkläre es Ihnen.“

Alfred Klaric, der Autor, vielleicht kennen Sie ihn, werter Leser, und mein Deutschlehrer, in Graz, sagte: Ein Anstoß genügt. Der Autor soll dem Leser nichts erklären.

Also: Schreib selbst weiter, werter Leser. Nein? Na gut. Aber, daß das Vergessen im Haus des Vergessens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher nicht auf die Lektüre von Büchern beschränkt bleiben würde, leuchtet ein. Oder?

Schirin nimmt die Trockenhaube, die das zufriedene islamische Mädchen auf dem Beistelltisch abgestellt hat, aus den 70ern, und setzt sie sich auf - und sofort wieder ab.

„Entschuldigen Sie!“

Jetzt hat auch sie das rote und zufriedene Gesicht des islamischen Mädchens, das Das Haus des Vergessens, ohne mich oder Schirin wahrgenommen zu haben, verlassen hat, um nicht zu sagen, ganz glücklich.

„Entschuldigen Sie! Der Genuß ... In der Vorfreude habe ich die Höflichkeit vergessen. Ich hätte Ihnen -“, sie schaut zur Trockenhaube auf dem Beistelltisch, aus den 70ern, „höflicherweise hätte ich Ihnen den Vortritt lassen sollen. Außerdem habe ich Ihnen das Wichtigste noch nicht erklärt.“

„Du kannst mich duzen“, sage ich.

Schirin wird rot. Das war sie ja schon. Aber jetzt ein anderes Rot als ihr - und des anderen islamischen Mädchens – Zufriedenheitsrot. Vermutlich steht islamischen Mädchen eine Reihe von Rottönen des Gesichts zur Verfügung, je nach Anlaß. Aber sie fährt fort, mich zu siezen.

Das hier ist keine Trockenhaube, sondern die Elektrodenhaube eines BCI. Wie Sie wissen, ist ein BCI -“,

Ich weiß es nicht.

„- ein BCI ist ein Brain-Computer-Interface.“

Schirin hat, als sie Brain-Computer-Interface sagt, einen ausgesprochen amerikanischen Akzent. Alle Mädchen im Internat Islamischer Mädchen, haben, wenn sie Englisch reden, einen ausgesprochen amerikanischen Akzent, wie ich später erfahren werde, oder jetzt habe ich es beschlossen.

„Damit wir den Inhalt eines Buches vergessen, muß er von einem anderen Inhalt verdrängt werden. Diesen anderen Inhalt nennen wir Verdränger-Materie. Gedanken sind Dinge, sagt unsere Vize. Ein Gedanke funktioniert wie ein Besen, der andere wie Kehricht.“

„Das sagt Eure – islamische – Direktorin?“


„Vizedirektorin. Sie ist Materialistin. Und Atheistin. Wie unsere Direktorin und die meisten unserer Mädchen im Internat Islamischer Mädchen.“

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Sonntag, 28. Oktober 2012

Zizek in Teheran (14)

Wir haben kein Stiegenhaus und kein Vorzimmer passiert und betreten das gemütlichste Wohnzimmer der Welt. Dessen Ende verliert sich im Dunkeln. Feauteuils, aus denen man sich nicht mehr erhebt. Wie im viktorianischen England. Dicke Teppiche und unendlich viele Bücher. Endlich. Aber altehrwürdige, die man nicht anfassen will. Als seien auch sie bloß Fassade.

Wir haben Glück, sagt Schirin, ihre Kommilitonin ist längst nicht mehr da, und deutet auf ein islamisches Mädchen, das sich aus einem Feauteuil gerade erhebt, man kann also doch, sich eine Trockenhaube vom Kopf nimmt, und sie auf einen Beistelltisch stellt. Aus den 70er Jahren.

Das Mädchen verläßt, mit einem sehr roten, zufriedenen Gesicht, das Haus des Vergessens, ganz ohne Kopftuch, um nicht zu sagen ganz glücklich.

Wir sind allein.

Schirin nimmt die Trockenhaube vom Tisch und beginnt:

„Das Internat Islamischer Mädchen ist eines der besten Internate für Islamische Mädchen in Teheran. Es gibt die Direktorin und die Vizedirektorin. Unsere Mädchen stammen aus wohlhabenden islamischen Häusern. Entsprechend hoch ist das Schulgeld, und unser Budget. Dazu kommen die Spenden. Nur reiche Schulen erhalten reichliche Spenden. Nicht die Armen. Die müssen schauen, wo sie bleiben. Wäre es anders, würden die Armen ja immer reicher.

Auch unserer Internats-Bibliotheken haben hohe Budgets. Das höchste hat die Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher. Wo wir uns befinden“.

Ich schaue mich um.

„Die Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher unseres Internats Islamischer Mädchen", sagt Schirin, "hat das höchste Budget aller Bibliotheken der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher der Welt. Es gibt die Direktorin und die Vizedirektorin. Die Vizedirektorin macht die Statistik. Die meisten unserer islamischen Mädchen, sagte die Statistik, entlehnen immer die selben drei oder vier Bücher. Viele immer nur ein und das selbe.
Der Direktorin machte das Sorgen. Um die Lesegewohnheiten der Mädchen zu ändern, produzierte die Vize ein Maßnahmenpaket nach dem anderen. Alles vergebens.

Eines Tages änderte sich alles.

Warum lesen wir Bücher?, fragte die Vizedirektorin.

Wegen der Bildung, sagte die Direktorin.

Nein, sagte die Vize. Ihre Augen strahlten und änderten ihre Farbe. Von grau oder blau auf grün. Nein, sagte die Vizedirektorin, Wir lesen, um zu genießen.

Die erste Lektüre eines Buches“, sagte jetzt nicht die Vizedirektorin, sondern Schirin, das islamische Mädchen, „bringt uns den größten Genuß. Aber die zweite Lektüre ist nicht die Wiederholung der ersten. Sie können, wenn Sie ein Buch ein zweites Mal lesen, den Genuß der ersten Lektüre nicht wiederholen. Schon deshalb, weil jede zweite Lektüre die Erinnerung an die erste enthält, was der ersten Lektüre natürlich fehlt. So können sich erste und zweite Lektüre niemals gleichen. Wollen Sie den Genuß der ersten Lektüre wiederholen, wenn Sie ein Buch das zweite Mal lesen, müssen Sie die erste Lektüre vergessen. Ohne Vergessen keine Wiederholung.

Die Direktorin und die Vizedirektorin beschlossen, die islamischen Mädchen, die immer wieder die selben Bücher entlehnen, in die Lage zu versetzen, den Genuß der ersten Lektüre zu wiederholen. Deshalb gibt es Das Haus des Vergessens in der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher unseres Internats Islamischer Mädchen.“

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Sonntag, 14. Oktober 2012

Zizek in Teheran (13)

August Macke, Hutladen

Aus den Vitrinen (also doch kein Mittelalter) und Fenstern, dringt grünes und oranges Licht. Sowie rosa. Die Sterne, am Himmel sind gelb, und flackern nicht.

In dieser Bibliothek ist es still, die keine Bibliothek ist, sondern eine Bühne, aber nicht mucksmäuschen, und herrscht eine Nacht, die glaubt man zu riechen. Aber nicht die Nacht der Natur. Sondern Molton und künstliches Licht.

Wir, die Mädchen und ich, verteilen uns auf dem Haupt- bzw. Marktplatz der Kleinstadt. Ich weiß die Mädchen in meiner Nähe, aber sie sind keine Nebenmenschen, die stören würden, sondern angenehme Gestalten. Meiner Phantasie.

behescht an-jast k’asari nabaschad
kassi ra ba kasi kari nabaschad

Freiheit
Gleichheit
Gleichgültigkeit.

So schauts aus.
Das Paradies.

Ich oder wir stehen vor der Haustür eines dreistöckigen Hauses. Ist es eine Fassade? Zu beiden Seiten des Eingangs das gelbe Licht der Vitrinen, definitiv kein Mittelater, eines Hutladens, aber das interessiert mich nicht.

Daß die Bibliothek keine Bibliothek ist, erinnert mich an einen Witz, über Teheran, in dem Toilettenanlagen, Bethäuser, die Universität, Toilettenanlagen, Studenten, das Gefängnis, Toilettenanlagen und die Regierung vorkommen. Ich weiß. Du sollst in der Literatur keine Witze erzählen. Aber was ist (schon) Literatur?

Wo sind die Bücher?, will ich fragen. Da höre ich Schirin, die kennt meine Gedanken: Das ist Das Haus des Vergessens. Kommen Sie. Und wir betreten Das Haus des Vergessens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher des Internats Islamischer Mädchen.

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Sonntag, 7. Oktober 2012

Zizek in Teheran (12)

Ich erröte, und wir betreten das Areal der Deutschen Schule. Sobald wir das Tor passieren, biegen die Mädchen nach links. Dort ist das Häuschen der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher. Noch immer. Wobei nicht nur die in der Sprache Teherans verfaßten, sondern auch die in die Sprache Teherans übersetzten Bücher gemeint sind, wie Die Nonne. Ich will den islamischen Mädchen natürlich folgen, aber meine Blicke. Wollen nach rechts. Hinter den Portacamps ist noch immer die Hecke. Unser Lager war im Zwischenraum zwischen Hecke und Mauer. Narges war unser Opfer. Die Narzisse.

Wie auch immer. Ich folge den Mädchen. Will sagen: Ich folge den Mädchen. Wie immer. Nach links. Natürlich hat sich auch dort nichts geändert. Nur der Rahmen des Fensters an der Längsseite des länglichen Häuschens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher, eines Ziegelsteinbaus. Ist jetzt rot. Ein Transparentpapier hängt im Fenster, auf dem etwas geschrieben zu sein scheint, und verdeckt es zur Gänze. Der Text, wenn es denn einer ist, wird von farbigen Rechtecken, vermutlich Fotografien, unterbrochen.

Ich folge den Mädchen, oder sagen wir: Besagte Schirin u./o. ihre Kommilitonin nehmen meine Hand und führen mich in das Häuschen der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher des Internats Islamischer Mädchen. Aber weder betreten wir eine Bibliothek. Noch ist es ein Häuschen. Auch wenn es von außen gesehen natürlich eines ist. Werter Leser! Nachdem wir die Türe des Häuschens der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher des Internats Islamischer Mädchen passiert haben, befinden wir uns auf dem Haupt- oder Marktplatz einer Kleinstadt. Es könnte Graz sein. Ist es aber nicht. Draußen ist ja, oder war gerade, helllichter Tag, hier später Abend.

Spannend, nicht wahr?

Bei genauer Betrachtung befinden wir uns auf dem Bühnenbild eines Theaters. Einer Märchenbühne. Oder in einer, allerdings ungewöhnlich großen, Nische einer Märchengrottenbahn. Nicht nur sind wir an einem fremden Ort, sondern wir befinden uns in einer anderen Zeit, werter Leser. Wie bei den Texten des Gefängnisarztes. Aber - in welcher Zeit befinden wir uns? Ist es ein Haupt- oder Marktplatz des Mittelalters? Oder des Neunzehnten Jahrhunderts? Oder ein Haupt- oder Marktplatz des Mittelalters mit den Augen des Neunzehnten Jahrhunderts betrachtet?

Gepflastert jedenfalls. Aus den Vitrinen (also doch kein Mittelalter) und Fenstern, dringt grünes und oranges Licht. Sowie rosa . Die Sterne,  am Himmel, Theaterhimmel oder  Himmel über der Märchengrottenbahn, sind gelb und flackern nicht.

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