Freitag, 10. Juni 2011

Wunderland 27



... und bei Unkenntnis von Adorno den Eindruck haben konnte, es würde ein Theodor genanntes, pornographisches Werk angekündigt ...


Wie diese Aktivitäten in eine Bekehrung münden oder zu einer Umerziehung führen sollten, war mir nicht klar. Einer der Lagerbewohner, ein junger Dozent der Sprachwissenschaft, ein Schlaksiger, wie man in den Bergen hier gesagt haben würde, hatte eine Theorie, Die Theorie des Parvis genannt, so hieß der Dozent, auf den ich eifersüchtig war, denn das Mädchen, sie hieß übrigens Nika, nannte ihn ihren Freund. Das Mädchen und der Dozent verbrachten viel Zeit miteinander und es war, soweit ich mich erinnere, das Mädchen, das mir Die Theorie des Parvis erklärte.

Die Theorie des Parvis besagte, daß nicht die Lehrveranstaltungen in eine Bekehrung münden oder zu einer Umerziehung führen konnten, sie wurden ja von den Inhaftierten selbst geplant und gestaltet - sondern die Tatsache, daß man als Inhaftierter im Lager studieren und musizieren und leben und lieben konnte, wie man wollte, beeindruckte die Inhaftierten - so das Mädchen, als sie mir die Theorie des Parvis erklärte -, und es käme zu einem Umdenkprozeß. So schlecht, würden die Inhaftierten sich denken, kann der religiöse Faschismus nicht sein, wenn er seine Feinde so behandelt, und: Vielleicht ist er gar kein Faschismus, und nach der Entlassung könnte man sich ja dafür engagieren, ganz Teheran in ein Umerziehungslager der religiösen Faschisten zu verwandeln.

Manche im Lager verwarfen die Theorie des Dozenten, resp. hielten sie für zu flach. Diese Kritiker teilten sich in zwei Lager. Das eine stellte den Umerziehungscharakter des Lagers ganz in Frage, aber ohne angeben zu wollen, oder zu können, welchem Zweck das Lager sonst dienen sollte. Womöglich, so die Vertreter jenes ersten Lagers der Kritiker des Dozenten, wüßten nicht einmal die Faschisten, warum sie ihre Gegner in ein Lager verschleppten, um ihnen dann dort alle Freiheiten zu geben, und ein sorgenfreies und erfülltes Leben zu ermöglichen.

Für das Wohlbefinden im Lager war tatsächlich gesorgt. Es gab mehrere Wohlfahrtskomitees, oder -kommissionen, ich weiß es nicht mehr, eine Art Lagerbehörde, die sich um die Bedürfnisse der Bewohner kümmerte, Ernährung, Wohnung, Bekleidung usw., alles was in Teheran zu beschaffen war – aber gelegentlich kaufte man auch im Ausland -, Kaffee, Zigaretten, Kaugummis, Computer, Kondome, Bücher und Zeitschriften, Einrichtungsgegenstände, Hifi- und TV-Geräte, auch Unterlagen für Seminare und Kurse, bis hin zu den ausgefallenen Instrumenten – die Kommissionen besorgten fast alles.

Eigentlich taten die Kommissionen nichts anderes, als Listen von Bedürfnissen zu erstellen, und diese dann an der sogenannten Schleuse abzugeben. Die Güter wurden von den Faschisten besorgt und, wiederum über die Schleuse, ins Lager geliefert. Mit der Zeit, so das Mädchen, hätte sich ein Schema ergeben. Die Kommisionen deponierten die Listen am Nachmittag in den Schleusen, die Faschisten lieferten in der Nacht, so daß es zwischen den Faschisten und den Lagerbewohnern zu keiner Begegnung kommen würde.

Warum es für die Erstellung der Listen und ihrer Abgabe an der sogenannten Schleuse dieses ganzen Verwaltungsapparates der Komitees oder Kommissionen bedurfte, konnte mir niemand erklären. Es handelte sich möglicherweise um das, was man in den Deutschsprachigen Bergen Beschäftigungstherapie nennt.

Die Schleuse war eine Garagenhalle an einer langen Ziegelsteinmauer, im Süden des Lagers, wobei ich Süden nur aus einem vagen Gefühl heraus sage, meine Orientierung ist schlecht. Eines der beiden Tore der Garage öffnete sich zum Lager hin, das andere, gegenüberliegende, nach außen. Die Mauer umschloß im Übrigen nicht das ganze Lagergelände, sondern eben nur jenen 'Süden'. Ich erfuhr - vom Mädchen glaube ich -, daß sich das Lager innerhalb eines Sperrgebietes im Norden von Nord-Teheran befand. Lagerfremde Personen durften das Sperrgebiet nicht betreten, hingegen durften die Lagerbewohner die Sperren zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren - wenn sie denn wollten.

Aber zurück zu den Theorien des Parvis, resp. zu der ersten Gruppe von dessen Kritikern, die behaupteten, womöglich wüßten nicht einmal die Faschisten, warum sie das Lager errichtet hatten - und es sei daher müßig, sich als Inhaftierter den Kopf für die Inhaftierer zu zerbrechen. Vielmehr sollte man die Freiheit im Lager genießen, so lange es ginge, statt über Dinge zu spekulieren, über die es keine Gewissheit geben könnte usf.

Die zweite Gruppe der Kritiker des Dozenten war zwar auch der Auffassung, daß der Zweck des Lagers die Umerziehung sei, resp. die Bekehrung, meinte aber, keiner der Lagerinsassen könne so dumm sein - und Parvis selbst sei das beste Beispiel dafür -, jenes vermeintlliche Kalkül der Faschisten nicht zu durchschauen. Auch die Faschisten selbst, so jene Gruppe der Kritiker, könnten doch nicht so dumm sein, die Inhaftierten im Lager für so dumm zu halten, einem solchen Kalkül auf den Leim zu gehen, wie man in den Deutschsprachigen Bergen gesagt haben würde. Der Umerziehungseffekt habe vielmehr mit einer Eigenschaft des Menschen zu tun. Die Wortführerin jener Kritikergruppe, eine sympathische und ältere Professorin der Philosophie, und Teheraner Feministin, hat mir jene Eigenschaft einmal zu erklären versucht, ich habe sie aber vergessen, oder seinerzeit schon nicht verstanden. So weit ich noch weiß, hatten die Argumente der Professorin mit der Freiheit oder der Möglichkeit der Freiheit zu tun, wie sie sagte. Jetzt fällt mir das Argument - d.h. eines ihrer Argumente fällt mir jetzt wieder ein: Die im Lager herrschende Kombination aus Freiheit und Sorglosigkeit stellte, so die Professorin, nicht nur die Verhältnisse in Teheran auf den Kopf, sie sei auch auf der ganzen Welt einzigartig. Denn die maximale Freiheit im Lager sei nur möglich angesichts der maximalen Unfreiheit im Rest-Teheran. Aber die maximale Freiheit, so die Professorin und Feministin, würde über kurz oder lang in eine Sehnsucht nach der maximalen Unfreiheit münden – also eine Sehnsucht nach der Unterwerfung unter dem Gott der Religion Teherans.

Auch wenn ich die Argumente der Professorin und Feminsitin nicht wirklich verstand – ihre Behauptung, die im Lager herrschende Freiheit und Sorglosigkeit sei weltweit einzigartig gewesen, war richtig, sodaß ich mich fragte, was einen Bewohner des Lagers hätte veranlassen können, dieses je verlassen zu wollen. Man war nirgendwo in Teheran so frei - resp. auf der ganzen Welt -, und solange man seinen MitbewohnerInnen keinen Schaden zufügte, konnte man machen, was immer man wollte, das Nichtstun miteingeschlossen.“
„Dolce far niente“, sagte der Grobe. Sein Gesicht schien ein Genießen auszudrücken, aber auch etwas anderes, womöglich Verachtung.
„Falls ein Bewohner des Lagers etwas zu tun beschloß, oder zu studieren, oder selbst zu unterrichten, brauchte er bloß der zuständigen Kommission seinen Wunsch mitzuteilen, um jede mögliche Unterstützung zu erhalten. Die historischen Instrumente zum Beispiel hatte sich ein Professor gewüncht, ein weltweit anerkannter Theoretiker der Neuen Musik, den ein trauriges Mißverständnis - oder soll ich sagen ein glückliches? - ins Lager gebracht hatte. Der Professor war Spezialist für Neue Musik, aber liebte es, die neue Musik auf ausgefallenen und alten Instrumenten zu spielen bzw. spielen zu lassen, daher das Clavycytherium, die Trompette marine und das Colascione. Vor seiner Inhaftierung im Lager hatte er sich das Ziel gesetzt, die Teheraner Massen – und nicht nur die Bildungsbürger, wie er sagte – für die Neue Musik zu begeistern, weshalb er sich nicht mit den Lehrveranstaltungen auf seiner Universität begnügt hatte, und mit seinen AssistentInnen und StudentInnen auf die Straße gegangen war.

Die Situation der Künste nach dem Sieg der Revolution in Teheran kann man mit der Situation der Künste nach dem Sieg der Revolution in Russland vergleichen, da erlebten die Künste einen Aufschwung, der in Teheran aber nur kurz dauerte. Der Professor veranstaltete vor - vor allem aber nach - der Revolution happenings“, der Junge wandte sich an mich, „ein happening ist eine oft künstlerische Aktion, bei der versucht wird, das Publikum einzubeziehen, zum Beispiel durch Provokationen.“ Offenbar hielt mich der Junge nicht nur in Sachen Teheran für einen Idioten, sondern generell. Oder er war erregt und verwirrt - obwohl er einigermaßen geordnet erzählte -, und sagte, was immer ihm einfiel.
„Der Professor, ein begnadeter und auch bei der Unterschicht äußerst beliebter Redner, kombinierte bei den happenings Ausführungen über die Theorie der Neuen Musik mit Elementen des Straßentheaters, Video- und Objektinstallationen sowie der Methode der Publikumsbeschimpfung. Die happenings wurden durch Plakate angekündigt, gestaltet von einer Studentin der Hochschule für Bildende Künste. Bei einem der happenings, das sein letztes sein sollte, behandelte der Professor eine Schrift von Theodor Adorno, Philosophie der neuen Musik. Die Studentin hatte die Gewohnheit, die Buchstaben auf den Plakaten - wie es ja jetzt auch in den Deutschsprachigen Bergen üblich geworden ist - zu verschieben und/oder zu verdrehen. So verfuhr sie auch beim Werbeplakat für das happening über Adorno, das in ganz Teheran, wie mir das Mädchen erzählte, affichiert worden war.
Jahre später habe ich erfahren, daß die Plakatkünstlerin niemand anderer war als das Mädchen selbst. Warum sie behauptet hatte, sie wäre wegen Marx in das Lager gebracht worden, weiß ich nicht. Vermutlich schämte sie sich für das besagte Plakat. Die erste Zeile des Plakates lautete: Theodor Adorno. Die zweite: Philosophie der neuen Musik. Zwischen dem A des Adorno und dessen d hatte das Mädchen einen ungewöhnlich großen Abstand gelassen, und das d um etwa 90 Grad verdreht, so daß man das d mit einiger Phantasie als p -

THEODOR A PORNO

- lesen, und bei Unkenntnis von Adorno den Eindruck haben konnte, es würde ein Theodor genanntes, pornographisches Werk angekündigt, was aber weder dem Mädchen aufgefallen war noch dem Professor.“

Sonntag, 22. Mai 2011

Der Heiligenscheinorgasmus im TV












Der folgende TV-Bericht des Österreichischen Rundfunks (ORF) über die szenisch-musikalische Auführung des Heiligenscheinorgasmus

http://tvthek.orf.at/programs/1299-a-viso/episodes/2269167-a-viso/2272229--Heiligenscheinorgasmus

ist noch bis 28. Mai 2011 online.

Die Premiere fand am 21. Mai statt.

Weitere Aufführungs-Termine: Do, 26. Mai und Fr, 27. Mai
Beginn jeweils 20.00
Ort: echoraum, Sechshauserstr. 66, 1150 Wien

Kartenreservierungen unter: heiligenschein@chello.at

Sonntag, 15. Mai 2011

„Atheisten raus aus dem Gemeindebau!“


Weitere Irrungen und Wirrungen in der Islam-Debatte (2)

Hier die angekündigte Replik auf den ersten Teil von L.O.‘s Kommentar zu Warum wir über den Islam nicht reden können (siehe das vorige post).

Es gilt der Versuchung zu widerstehen, die vielen argumentatorischen und logischen Pannen im Text des Kommentars bloß aufzulisten und zu korrigieren. Denn die Irrungen und Wirrungen in diesem Kommentar sind nicht einfach nur den Idiosynkrasien eines Individuums geschuldet. Sie sind dem aktuellen Islam-Diskurs immanent. Hinter der offenkundigen Unlogik solcher Kommentare muß die Logik des aktuellen Islam-Diskurses nachgezeichnet werden. Eines Diskurses, der - angetrieben von hochwirksamen Denkverboten - auf eine Diskursverhinderung abzielt.

Dennoch müssen die zum Teil bizarren Fehlleistungen des Kommentars in einem ersten Schritt benannt und richtiggestellt werden. Erst daran kann eine Fortführung der in Warum wir über den Islam nicht reden können begonnenen Kritik an jener Logik der Diskursunterbindung anknüpfen.

- Der erste Teil von Warum wir über den Islam nicht reden können gibt nicht, wie der Kommentator vermutet, die Grundlage für alles Spätere ab. Er soll vielmehr zu einem der Denkfiguren des Textes erst hinführen - zu jenem des Ersatzdiskurses. Der Verweis auf den antiarabischen Diskurs im Iran hat die Funktion, dem europäischen Leser - in gebotener Kürze - ein Denkfenster zu öffnen. Der Blick in den fernen iranischen Spiegel soll ihn für die Mechanismen, die den Islam-Diskurs in Europa steuern, sensibilisieren.

Für die hinführende Funktion dieses Arguments ist es im übrigen irrelevant, wie verbreitet jener Ersatzdiskurs im Iran tatsächlich sein mag. Es geht um das Aufzeigen eines Möglichkeitsfelds (siehe auch die weitere Diskussion über den antiarabischen Diskurs im Iran in den folgenden posts) .

- Im Kommentar heißt es:

„Nach Meinung des Verfassers [waren] die Araber“ den Iranern „kulturell weit unterlegen“.

Der Verfasser behauptet dies nirgendwo. Es ist der fiktive iranische Gesprächspartner, der seinen ebenfalls fiktiven europäischen Gesprächspartner „dahingehend aufklärt, daß der kulturell hochstehende Iran im 7. Jahrhundert von den ‚primitiven‘ Arabern erobert wurde“.
Die Rede des fiktiven Iraners von der kulturellen Unterlegenheit der Araber ist für den antiarabischen Diskurs im Iran allerdings repräsentativ. Bezeichnenderweise teilt auch der Kommentator selbst - ein Iraner, der das antiarabische Ressentiment im Iran mit allen möglichen Verrenkungen kleinzureden versucht - diese Meinung. Er schreibt (siehe die folgenden posts in diesem blog): „Die Iraner nahmen, auf wessen [sic] Grund auch immer, Islam an und da sie kulturell und zivilisatorisch den arabischen Nomaden haushoch überlegen waren integrierten sie die neue Religion in ihrer [sic] kulturellen Verdauungssystem“.
Die Frage die man hier an L.O. – sowie an alle Iraner, die einem antiarabischen Diskurs das Wort reden, den antiislamischen Charakter dieses Diskurses aber verleugnen - stellen muß, ist natürlich die folgende: „Wenn denn die Araber den Iranern ‚kulturell und zivilisatorisch haushoch unterlegen waren‘ - wie hast Du’s dann mit dem Islam, der ja (wenn man nicht gerade an seinen göttlichen Ursprung glaubt), genau jenen 'kulturellen und zivilisatorischen Niederungen' entsprungen sein müßte?“

- Im Kommentar heißt es: „Nach Meinung des Verfassers […] zwangen [die Araber die Iraner] ihre eigene Religion aufzugeben und zur [sic] Islam zu konvertieren“.

Auch dies wird im Warum wir über den Islam nicht reden können nirgends behauptet. Es heißt dort vielmehr: „ … daß die Araber den Iranern den Islam gebracht haben“. Die Hintergründe der Konversion der Iraner zum Islam (ein langwieriger Prozeß, der bis etwa 900 n.Chr. andauerte) sind komplex und umstritten - sie können jedenfalls nicht auf „Zwang“ reduziert werden. Zumindest nicht auf „Zwang“ im buchstäblichen Sinn, wie wohl verschiedene Formen des Zwangs eine mehr oder weniger große Rolle gespielt haben mögen.

Die These von der Existenz eines antiarabisch getarnten antiislamischen Diskurses würde im übrigen auch dann nicht an Plausibilität einbüßen, wenn bewiesen wäre, daß die Iraner den Islam ohne jeden direkten oder indirekten (Stichwort: Kopfsteuer) Zwang aus freien Stücken angenommen hätten – eher im Gegenteil. Dies möchte ich anhand eines Vergleiches illustrieren. Nach dem Sieg der islamischen Revolution sprach sich die überwältigende Mehrheit der iranischen Bevölkerung für die Errichtung einer „islamischen Republik“ aus. Viele der damaligen Anhänger dieser islamischen Republik zählen heute zu ihren erbittertsten Gegnern. Die Tatsache, daß sie seinerzeit aus freien Stücken zu Anhängern der Islamischen Republik wurden und zu ihrer Errichtung beigetragen haben, heizt ihre heutige Gegnerschaft gegen das islamische Regime eher noch an, als daß sie diese abmildern würde. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Zwischen den beiden Phänomenen - „spätere Enttäuschung über das islamische Regime nach anfänglicher Begeisterung“ einerseits und der „Konvertierung der Iraner zum Islam“ und dem mehr oder weniger verborgenen antiislamischen Diskurs im Iran andererseits - besteht lediglich eine Strukturverwandschaft. Keineswegs soll eine Identität dieser beiden Phänomenbereiche behauptet werden.

- Der Kommentator schreibt: „Da er [i.e. der Verfasser von Warum wir über den Islam nicht reden können (Anm. von mir)] nun gegen die Gleichung

Islamfeindlichkeit = Rassismus

ins Felde zieht in dem er nolens volens in Islamfeindlichkeit eine kritische [sic] Moment entdeckt und die Gleichung selbst als rassistisch entartet betrachtet, bestätigt er damit seine auf Hegel bezogene Aussage ‚die Sprache aber, würde Hegel sagen (also was wir sagen im Unterschied zu dem, was wir meinen), ist das wahrhaftere‘ - und legitimiert den Diskurs der Islamfeindlichkeit“.

Für den Kommentator legitimiert also das In-Frage-Stellen der Gleichung

Islamfeindlichkeit = Rassismus

den Diskurs der Islamfeindlichkeit. Im Klartext heißt das: Die Delegitimierung und Verurteilung der Islamfeindlichkeit hängt für den Kommentator (auch) von dessen Gleichsetzung mit dem Rassismus ab. Die möglichen Hintergründe dieser seltsamen – wenn auch verbreiteten - Denkfigur werden uns noch beschäftigen.

Zunächst interessiert aber etwas anderes: Folgt aus dem Gesagten, daß der Kommentator tatsächlich der Meinung ist, Islamfeindlichkeit sei eine Form von Rassismus? Müßte man ihn also darüber aufklären, daß dem österreichischen Durchschnittsrassisten, der - Schaum vor dem Mund – ausruft: „Der Moslem erobert den Gemeindebau!“ das Thema Religion in aller Regel genauso „Blunzn“ (österreichischer Dialektausdruck für "egal") ist, wie die Frage, ob es sich bei dem „Moslem“ in der Nachbarschaft, nicht auch um einen ägyptischen Kopten, einen syrischen Katholiken oder einen areligiösen Türken handeln könnte? Daß sich die „Islamfeindlichkeit“ solcher Alltagsrassisten weder aus einem „fanatischen Christentum“ noch auch aus einem „militanten Atheismus“ speist - sonst müßte sich dieser (im ersteren Fall) doch auch über einheimische Atheisten empören. Aber die Parole „Atheisten raus aus dem Gemeindebau!“ ist mir nicht bekannt.

Muß man den Kommentator also erst darüber aufklären, daß „Moslem“ in diesem Zusammenhängen nur scheinbar eine religiöse Kategorie ist?

Muß man nicht. Er scheint es selbst zu wissen. Er schreibt:

„Religionsfeindlichkeit und insbesondere die Islamfeindlichkeit in diesen Tagen haben nicht einmal den Anschein eines fein und dennoch scharfsinnig geführten kritischen Diskurses. Ihre Sprache ist aufbrausend, hitzig, dreist, provozierend und destruktiv. Und gerade ist diese Sprache prädestiniert für die europäischen Rassisten in ihrem derzeitigen Feldzug gegen Islam und gerade dies bringt die Islamfeindlichkeit ‚so Nah an Rassismus heran‘“.

Woran der Kommentator bei dieser Charakterisierung der „Religionsfeindlichkeit und insbesondere Islamfeindlichkeit in diesen Tagen“ gedacht haben mag, und warum er glaubt, die „europäischen Rassisten“ hätten erst auf jene „dreiste Sprache der Religionsfeindlichkeit“ warten müssen, um sich rassistisch artikulieren zu können (zuvor also gewissermaßen sprachlos waren), sagt er nicht. Davon abgesehen sind für ihn – und das geht aus dieser Passage unmißverständlich hervor – Islamfeindlichkeit und Rassismus „zwei verschiedene Paar Schuhe“, auch wenn sie, aus seiner Sicht, "die Dreistigkeit der Religionsfeinde" nahe aneinander gerückt haben mag.

Der Kommentator selbst anerkennt die Gleichung Islamfeindlichkeit = Rassismus also keineswegs. Daher bleibt es zunächst unklar, warum er eben diese Gleichsetzung, die er ablehnt, mit immer neuen Verrenkungen verteidigt. Und vor allem: Warum ihn die Kritik an dieser Gleichsetzung und an dessen (kultur)rassistischen Implikationen derart empört - er schreibt:

„Andererseits verleiht die Gleichung Islamfeindlichkeit = Rassismus [dem] Islam nicht einen ethnisch-rassischen Charakter wie der Verfasser uns weis machen möchte und zwar deshalb nicht, weil die beiden Seiten der Gleichung klar und deutlich sind: Islamfeindlichkeit ist Rassismus. Aus diesem Urteil kann man nicht weithergeholt [sic] ableiten, dass Islam auf Grund dessen notwendig logisch einen ethnisch-rassischen Charakter annimmt. Hier ist die Aussage über die Islamfeindlichkeit getroffen und nicht über Islam als solche [sic]“.

Offenbar überzeugt den Kommentator seine eigene Argumentation ("die beiden Seiten der Gleichung sind klar … Islamfeindlichkeit ist Rassismus") aber nicht, denn er muß sie wieder umstoßen und durch eine neue, ganz anders geartete ersetzen:

„Außerdem gehört die genannte Gleichung wahrscheinlich zu der [sic] AnalogieUrteilen oder Räsonnement par [sic] Analogie wodurch die Gemeinsamkeit oder verbindende Gemeinsamkeit zwischen zwei Dingen zu solchen Äquivalenten führt.“

Der Kommentar versäumt es, zu erwähnen, daß die in Warum wir über den Islam nicht reden können geleistete Kritik an der Gleichung

Islamfeindlichkeit = Rassismus

von dem folgenden Satz im Aufruf „Schluß mit der Integrationsdebatte“ ausgeht:

„Islamfeindlichkeit wird nicht als Rassismus anerkannt“.

Diese Aussage ist unmißverständlich. Wer etwa beklagt, daß die zarathustrische Gemeinde in Österreich nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist, bringt unmißverständlich zum Ausdruck, daß die Zarathustrier für ihn eine Religionsgemeinschaft sind. „Religionsgemeinschaft“ ist hier der Oberbegriff in einer Begriffshierarchie, dem der Begriff „zarathustrische Gemeinde“ subsummiert wird. Analog dazu ist für jemanden, der beklagt, daß Islamfeindlichkeit nicht als Rassismus anerkannt ist, Islamfeindlichkeit ganz offensichtlich eine Form des Rassismus – und nicht „irgendetwas dem Rassismus analoges“.

Bizarr mutet auch das folgenden bereits zitierte Argument an:

„Islamfeindlichkeit ist Rassismus. Aus diesem Urteil kann man nicht weithergeholt [sic] ableiten, dass Islam auf Grund dessen notwendig logisch einen ethnisch-rassischen Charakter annimmt. Hier ist die Aussage über die Islamfeindlichkeit getroffen und nicht über Islam als solche [sic].“

Im Klartext: Bei der Gleichsetzung von „Feindschaft gegen den Islam“ auf der einen Seite mit der „Feindschaft gegen eine bestimmte Rasse“ auf der anderen Seite, würde es überhaupt nicht um den Islam gehen. Hier handelt es sich um eine weitere (an dieser Stelle unerwartete) Variante der Abwehrformel „Hat mit dem Islam nichts zu tun!“ - siehe Teil 9 von Warum wir über den Islam nicht reden können.

Folgt man der Logik des Kommentars („Hier ist die Aussage über die Islamfeindlichkeit getroffen und nicht über den Islam als solchen“), müßte man den Term „Islam “ aus der Gleichung eliminieren. Übrig bliebe entweder die Gleichung:

Feindschaft = Rassismus,

was heißen könnte: Jegliche Feindschaft gegen jegliches Objekt ist Rassismus. Oder man würde – wenn man auf der anderen Seite der Gleichung den Term „Rasse“ ebenfalls eliminiert - die Gleichung erhalten:

Feindschaft = Feindschaft …

Dem Kommentator geht es hier möglicherweise um eine Strukturverwandtschaft zwischen zwei Arten von Feindschaft (der rassistischen und der anti-islamischen), die er aber vom Objekt der jeweiligen „Feindschaftsvarianten“ zu abstrahieren versucht. Das könnte auf einen Satz der folgenden Art hinauslaufen: „Die Intensität der feindseligen Gefühle gegenüber dem Islam ist der Intensität der durch den Rassismus mobilisierten feindseligen Gefühle vergleichbar.“
Davon abgesehen, daß ein solcher - sehr vage formulierter - Satz die konkreten Positionen in der real existierenden Islam-Debatte völlig verfehlen würde (siehe den oben zitierten Satz aus dem Aufruf „Schluß mit der Integrationsdebatte“) müßte hier zunächst einmal geklärt werden, wovon wir denn reden, wenn wir „Religionsfeindschaft“ sagen. Mehr dazu im folgenden post.

Bei der Diskussion um die Gleichung

Islamfeindlichkeit = Rassismus

geht es aber - und hier betreten wir die angekündigte Ebene der Diskurskritik - um weit mehr als um formallogische Spitzfindigkeiten. Hinter jener hartnäckig vorgebrachten und wütend verteidigten Gleichsetzung steckt eine bestimmte (Diskurs-)Logik.

Die These, daß die Gleichung

Islamfeindlichkeit = Rassismus

- ungewollt - die Zugehörigkeit zum Islam zu einer rassisch-ethnischen Kategorie erklärt, scheint zunächst bloß auf einer formal-logischen Ebene zuzutreffen. Auf der pragmatischen Ebene des Diskurses hingegen scheint es allen Beteiligten klar zu sein, daß der Islam eine Religion und keine Rasse ist (siehe auch Warum wir über den Islam nicht reden können Teil 2). Bloß hat dieses Wissen einen seltsamen Status. Es bleibt über weite Strecken unwirksam. Ähnlich dem Wissen, daß die Fußballmannschaft, die wir bei der Fernsehübertragung anfeuern, uns natürlich nicht hören kann. „Ich weiß zwar, daß sie mich nicht hören können, aber ich muß sie dennoch anfeuern.“ Dieses „Ich weiß zwar, aber dennoch ...“ bezeichnet die Struktur des von Freud beschriebenen Abwehrmechanismus der Verleugnung, die in den Islam-Debatten auf der ganzen Welt eine zentrale Rolle spielt.
So konstatierten etwa „linke“ österreichische Publizisten, wie Robert Misik oder Georg Hoffmann-Ostenhof, angesichts der Revolutionen in Tunesien und Ägypten „eine Niederlage der Islamkritik“. Die Behauptung, „die Moslems“ bzw. „der Islam“ seien nicht reif für die Demokratie, sei nun eindrucksvoll widerlegt. Seltsam bloß, daß dieselben Kommentatoren nicht müde wurden, zu betonen, daß „der Islam“ bei jenen Revolutionen überhaupt keine oder nur eine marginale Rolle gespielt hätte. Daß hier eine vorwiegend säkulare, an Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit - und eben nicht an Religion - interessierte Jugend revoltiert hätte u.ä. Die revoltierenden jungen Menschen in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Ländern mochten in der Wahrnehmung westlicher Kommentatoren noch so säkular, westlich und freiheitsliebend etc. erscheinen - zu guter Letzt werden sie dennoch, und auch dort, wo sie Dinge tun, die nach Meinung derselben Kommentatoren „mit dem Islam nichts zu tun haben“, als „Moslems“ wahrgenommen. Von den ägyptischen Kopten, die bei der Revolution ebenso präsent waren wie ihre Mitbürger moslemischen Glaubens, ganz zu schweigen.

Niemand käme – um ein beliebiges Beispiel zu nennen – auf die absurde Idee, die Demonstranten gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ als „christliche Demonstranten“ zu bezeichnen, bloß weil diese Proteste in einem Land stattfanden, dessen Bevölkerung als mehrheitlich christlich gilt. Menschen, die aus Ländern mit mehrheitlich moslemischer Bevölkerung stammen, werden hingegen zuallererst - und zu guter Letzt - auf ihre tatsächliche oder vermeintliche Religionszugehörigkeit reduziert. Zwischen dem „Orientalen“ und „seinem“ Islam paßt kein Blatt. Das ist Kulturrassismus im exakten Sinne des Wortes.

Im nächsten post werde ich die Auseinandersetzung mit der Diskurslogik hinter der Gleichung

Islamfeindlichkeit = Rassismus

fortsetzten und mich u.a. mit den Begriffen „Religionsfeindschaft“ und „Religionskritik“ befassen.

Sonntag, 8. Mai 2011

Weitere Irrungen und Wirrungen in der Islam-Debatte (1)

Unlängst ließ mir L.O., ein iranischer Bekannter, einen kritischen Kommentar zu meinem Essay Warum wir über den Islam nicht reden können (siehe die früheren posts auf diesem blog) zukommen, den ich hier etappenweise veröffentlichen - und meinerseits kommentieren möchte.

Hier der erste Teil von L.O.‘s Kommentar:


"Warum wir über den Islam nicht reden können - ist der Titel Eines Essays, das Sama Maani ins Netz gesetzt hat. Man kann den ersten Teil des Essays, der wohl die Grundlage deren was nachgefolgt sind bildet, in folgenden Punkten Zusammenfassen.

1. Die Iraner haben ein von hasserfüllten Ressentiment gegenüber Araber

2. Dieses Ressentiment richtet sich im Grunde genommen gegen Islam. Nur ist es chiffriert und wird als Ressentiment gegen Araber verkleidet. Dieses verkleidete Ressentiment gegen Islam ist hauptsächlich unbewusst. Der Verfasser betont selber, dass das Essay van Ansichten des in Köln lebender iranischen Intellektueller inspiriert worden ist.

3. Es folgt die Argumentation zur Untermauern der erwähnten Behauptungen: Iran wurde einmal durch Alexander der Großen und einmal in 13. Jahrhundert durch Mongolen erobert, die unsäglichen und unvergleichlichen Leid über Iraner brachten. Dennoch sieht man in Iran weder gegen Griechen noch gegen Mongolen derartiges Ressentiment. Der Grund dafür ist nach Meinung des Verfassers, dass die Araber die kulturell Iraner weit unterlegen waren sie dazu zwangen ihre eigene Religion aufzugeben und zur Islam zu konvertieren. Daher rührt diese Feindseligkeit. Sama Maani würde sie auch als traumatisches Erlebnis in Unterbewusstsein der Iraner bezeichnen.

4. In Europa drückt sich der Rassismus in Form der Islamfeindlichkeit aus.

5. Aber jene, die diesen Rassismus bekämpfen begehen ein Kardinalfehler in dem sie die Islamfeindlichkeit mit Rassismus gleich setzen und damit jede Islamverneinende Stimme als rassistisch abkanzeln.

Aus den gesagten leite ich ab: Verfasser möchte Rassismus verurteilen aber die Islamfeindlichkeit - nicht dezidiert als antiislamischer Diskurs sondern eher als religoinskritischer Stimme - im Schutz nehmen dadurch, dass er die Gleichung Islamfeindlichkeit = Rassismus als falsch und nicht adäquat, aburteilt. In seiner Vorstellung existieren angeblich zwei Arten von Islamfeindlichkeit. Einer davon dient als Maske für den europäischen Rassisten und die andere enthält einen rational kritischen Moment. Vermischt man die beiden Diskurse mit einander, so verleiht man Islam einen ethnisch rassischen Charakter und nimmt den anderen die Möglichkeit einer rationalen Kritik an Islam. Da er nun gegen die Gleichung: Islamfeindlichkeit = Rassismus ins Felde zieht in dem er nolens volens in Islamfeindlichkeit eine kritische Moment entdeckt und die Gleichung selbst als rassistisch entartet betrachtet, bestätigt er damit seine auf Hegel bezogene Aussage „die Sprache aber, würde Hegel sagen( also was wir sagen im Unterschied zu dem, was wir meinen), ist das wahrhaftere“ und legitimiert den Diskurs der Islamfeindlichkeit. Darauf kann man erwidern ,dass jener Diskurs falls er eine religions bzw. islamkritische ist ,grenzt sich von Anfang an von Religionsfeindlichkeit und in diesem Fall von der Islamfeindlichkeit ab und zwar nicht durch Erklärungen sondern durch die Art der Auseinandersetzung, die jeden kritischen Diskurs immanent ist. Religionsfeindlichkeit und insbesondere die Islamfeindlichkeit in diesen Tagen haben nicht einmal den Anschein eines fein und dennoch scharfsinnig geführten kritischen Diskurses. Ihre Sprache ist aufbrausend, hitzig, dreist, provozierend und destruktiv. Und gerade ist diese Sprache prädestiniert für die europäischen Rassisten in ihrem derzeitigen Feldzug gegen Islam und gerade dies bringt die Islamfeindlichkeit „so Nah an Rassismus heran“. Anderseits verleiht die Gleichung
Islamfeindlichkeit = Rassismus Islam nicht einen ethnisch- rassischen Charakter wie der Verfasser uns weis machen möchte und zwar deshalb nicht, weil die beiden Seiten der Gleichung klar und deutlich sind: Islamfeindlichkeit ist Rassismus. Aus diesem Urteil kann man nicht weithergeholt ableiten, dass Islam auf Grund dessen notwendig logisch einen ethnisch-rassischen Charakter annimmt. Hier ist die Aussage über die Islamfeindlichkeit getroffen und nicht über Islam als solche. Außerdem gehört die genannte Gleichung wahrscheinlich zu der AnalogieUrteilen oder Räsonnement par Analogie wodurch die Gemeinsamkeit oder verbindende Gemeinsamkeit zwischen zwei Dingen zu solchen Äquivalenten führt. Sama Maani hat möglicherweise so verfahren: Islamfeindlichkeit = Rassismus. Rassismus ist eine Ideologie, die sich der „angeborene“ Überlegenheit einer Rasse bzw. Ethnie über den anderen Ethnien und Völkerschaften verpflichtet fühlt und daher rassisch bedingt ist, daraus folgt logisch notwendig: Islam ist ethnisch und rassisch bedingt. Es ist so als wolle man aus dem Urteil: die Tür ist offen, „Ofen“ ist ein Heizkörper, schließen: daher sei die Tür ein Heizkörper. So kann man nicht argumentieren. Außerdem fehlt dem Verfasser die Weitsicht zwischen Religionskritik und Religionsfeindlichkeit, zwischen Ablehnung des Islams als persönliche Religion und Islamfeindlichkeit zu unterscheiden und da er vermeintlich den Islam als Religion ablehnt - warum - sei dahin gestellt - sieht er sich berechtigt die Islamfeindlichkeit als „ kritischen Diskurs“ zu legitimieren. Man kann das Phänomen der Religion kritisch durchleuchten und das ist sicherlich gerechtfertigt. Man kann gegen theokratische Herrschaft in jeder Religionsform auch immer die Stimme erheben aber Religionsfeindlichkeit als solche klingt durchaus intolerant und Islamfeindlichkeit in ihrer derzeitigen Gestalt ist nichts anderes als rassistisch getarnter Form des Kulturrassismus".



***

Soweit der erste Teil des Kommentars von L.O., den ich demnächst meinerseits kommentieren werde.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Iran – Österreich – Schweiz

Der Heiligenscheinorgasmus

Text: Sama Maani
Akkordeon: Krassimir Sterev
Konzept: Sama Maani und Andreas Kurz

21. 26. 27. Mai 2011, Beginn 20.00 Uhr

e c h o r a u m
A-1150 Wien Sechshauser Straße 66

Sama Maanis Text Der Heiligenscheinorgasmus erhielt 2004 einen Preis des Literaturwettbewerbs schreiben zwischen den kulturen und wurde u. a. in der Anthologie best of ten –10 jahre exil-literaturpreise sowie in der Literaturzeitschrift kolik veröffentlicht.

Ein sprachlich virtuos gearbeiteter Text, der schonungslos Identitätszuschreibungen in Frage stellt. Im Spiel mit Klischees, deren Doppelbödigkeit durch groteske Überzeichnungen erst erkennbar wird, werden scheinbar die Abgründe der österreichischen, der Schweizer, aber auch der persischen „Seele“ ausgelotet. Doch der aus Persien stammende Protagonist ist genauso ein typischer Österreicher, der die Ressentiments seiner Schweizer Nachbarn auf sich zieht, wie er ein typischer Zuwanderer oder typischer Perser ist, also letztlich überall untypisch und somit wieder sehr gewöhnlich für die heutige Zeit. Vladimir Vertlib

Sama Maani wurde als Kind iranischer Eltern in Graz geboren und wuchs in Österreich,
Deutschland und im Iran auf. Studium der Medizin in Wien und der Philosophie in Zürich. Er arbeitet als Autor, Psychiater und Psychoanalytiker in Wien.

Krassimir Sterev wurde in Bulgarien geboren und ist seit 2003 Mitglied des Klangforum Wien. Ebenso konzertiert er regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern, dem London Philharmonia Orchestra, der musikFabrik, dem Ensemble Nikel Tel Aviv, dem RSO Wien und dem Ensemble PHACE und wirkt auch in zahlreichen Theater- und Tanzproduktionen (u. a. mit Alain Platel) mit.

e c h o r a u m
A-1150 Wien Sechshauser Straße 66
Tel 812 02 09 30
www.echoraum.at

Eintritt 10.–/5.–
Kartenbestellungen unter heiligenschein@chello.at

P.S.: Am So, 22.Mai, bringt die ORF2-Kultursendung a.viso ab 9.05 einen Bericht über den "Heiligenscheinorgasmus."
http://tv.orf.at/a.viso/













Sonntag, 24. April 2011

Wunderland 26

„Nach der Vorstellung spazierten das Mädchen und ich durch den Park, es war warm, wir legten uns auf eine Wiese. Das Mädchen gab mir einen joint, und erklärte, daß es im Lager weder Umerzieher noch Aufseher gäbe, nur Inhaftierte, aber Inhaftierte sei
Colascione

nicht das richtige Wort. Man könnte, wann immer man wollte, das Lager verlassen, aber die Konsequenzen dieses Verlassens seien nicht klar. Es hieße, daß man, wenn man das Lager verlasse und untertauche, von den Faschisten aber aufgegriffen werde, in ein gewönliches Lager komme, was niemand wollte, so das Mädchen.

Ich fragte, wie das mit der Umerziehung ohne Umerzieher funktionieren sollte, und woher man überhaupt wüßte, daß das Ziel die Umerziehung sei. Die Fragen schienen das Mädchen zu irritieren, das im Übrigen hübsch war. Seit ihrer Ankunft hätten ihr alle gesagt, das Lager sei ein Umerziehungslager der Reform-Faschisten, niemand, sie miteingeschlossen, hätte das je hinterfragt. Wie aber eine Umerziehung ohne Umerzieher funktionieren sollte, hätte sie sich selbst schon gefragt - und warum sich die Faschisten das überhaupt antaten. Wenn sie schon ein Umerziehungslager errichteten, und Menschen in dieses verschleppten, warum keine Umerzieher? Wenn es aber - gegen den äußeren Anschein - sehr wohl Umerzieher geben sollte, so das Mädchen, also als Inhaftierte getarnte Spione, warum dann dieser Aufwand mit der Tarnung, wo doch jeder wüßte, daß er sich in einem Umerziehungslager der religiösen Faschisten befände?

Aber die Umerziehung könnte auch ohne Umerzieher funktionieren, erklärte das Mädchen. Hin und wieder würden einzelne Lagerbewohner Zertifikate erhalten, die sie für berechtigt erklärten, das Lager auf der Stelle zu verlassen. Daß manche die Zertifikate erhielten, und andere nicht, könnte man, so das Mädchen, als Hinweis auf das Eintreten eines Umerziehungs-Effektes interpretieren, der den Erhalt des Zertifikates zur Folge hätte. Im Übrigen drohten einem die Zertifikate für den Fall politischer Aktivitäten nach der Entlassung mit der Einweisung in die berüchtigte Anstalt -“, der Junge nannte einen Namen, ich habe ihn aber vergessen, „in Nord-Teheran. Allerdings sei der Zusammenhang zwischen dem Erhalt des Zertifikates und einem - den Erfolg der Umerziehung belegenden – Verhalten des Inhaftierten oft nicht ersichtlich. Immerhin, so das Mädchen, schienen dem Erhalt des Zertifikates häufig Äußerungen des Betroffenen vorauszugehen, die auf dessen Bekehrung schließen lassen könnten, resp. könnte man jene Äußerungen – oft aber nur im weitesten Sinn - als Bekehrung zum religiösen Faschismus interpretieren, also zur Religion Teherans.

'Auf der anderen Seite', sagte das Mädchen, 'müßten die religiösen Faschisten von jenen Äußerungen, die sie - mutmaßlich - als Ausdruck einer Bekehrung interpretieren, irgendwie erfahren, was aber doch wieder heißt, daß es Spione im Lager gibt. Oder sie verschicken die Zertifikate ganz willkürlich'.

Wir spazierten wieder durch den Park, der in Terrassen angelegt war, auf der höchsten wußte man nicht, ob man sich noch im Park befand oder in der Kanada-Landschaft. Mir war schwindlig. Im Lager, erklärte das Mädchen - mir war schwindlig und ich spürte eine Euphorie, ich wollte nach ihrer Hand greifen, tat es aber nicht -, im Lager, erklärte das Mädchen, hätte das Jahr drei Epochen‚ wir befänden uns in der ersten, Kirschblüte genannten. Jede Epoche hätte ein Thema, das aktuelle lautete Wege aus der Moderne. Der Betrieb im Lager war nämlich dem einer Universität nachempfunden. Es gab eine Unzahl Veranstaltungen - Seminare, Vorlesungen, Praktika, Privatissimma, aber auch praktische Projekte und Kurse, in denen man z.B. Instrumente lernen konnte, auch ganz ausgefallene, wie das Colascione, ein historisches Zupfinstrument aus Unteritalien, oder die Tromba marina, in den Deutschsprachigen Bergen auch Trumscheit oder Nonnengeige genannt. Wer wollte, konnte auch das Bauen dieser Instrumente erlernen, und ganz andere Dinge, wie Tontechnik, Töpfern, Tischlerei, die Kunst des Marionettentheaters; es gab eine Filmwerkstatt, die sie damals gerade aufbauten, später wurden dort die besten der international beachteten Teheraner Filme gemacht. Es gab Werkstätten für Kunsthandwerk, Kraftfahrzeugtechnik, Kalligraphie, eine Schule der Teheraner Dichtung, Zeitungen, Tanz-und Theaterwerkstätten, man konnte Malerei, Bildhauerei, Videokunst oder Fotografie studieren sowie diverse Sportarten.

Samstag, 15. Januar 2011

Warum wir über
den Islam nicht
reden können (9)

"DEN Islam gibt es nicht!" - und DIE Semmel schon gar nicht

Die Abwehrmechanismen, die das Reden über den Islam zu unterbinden versuchen, erschöpfen sich nicht in diversen Anwendungen des
Dodo-Prinzips. Am häufigsten werden kritische Äußerungen über den Islam – und seien sie noch so zart formuliert – mit der Formel „Den Islam gibt es nicht!“ gekontert. Wahrscheinlich der häufigste Satz in deutschsprachigen Islam-Debatten. "Den Islam gibt es nicht!" meint vordergründig, daß der Islam kein monolithisches Phänomen ist, daß es verschiedene Lesarten des Islams geben kann, daß Moslems in Bosnien einen „liberaleren Islam“ leben als jene in Saudi-Arabien usw.
Der Hinweis auf diese Selbstverständlichkeiten scheint die Ermahnung zu enthalten, nicht über „den Islam“ zu reden, da der Begriff Islam zu abstrakt, resp. zu allgemein sei – eine harmlose Ermahnung, möchte man meinen.
Es stellt sich aber die Frage, ob es in unserer Sprache überhaupt Begriffe gibt, auf die eine solche Formel nicht zutrifft. Denn mit demselben Recht - oder Unrecht -, mit dem ich sagen kann: „Den Islam gibt es nicht!“ kann ich natürlich auch sagen: „Das Fahrrad/ den Fisch/ die Frau/ die Demokratie usw. … gibt es nicht!“. So daß ich auch über alle diese Begriffe nicht reden dürfte - d.h. über überhaupt keinen Begriff. Mehr noch: Dieses Verbot müßte nicht bloß für Begriffe, sondern auch für konkrete Personen oder Gegenstände gelten – sodaß wir überhaupt aufhören müßten zu reden. Folge ich der Logik von "Den Islam gibt es nicht!" könnte ich auch über Freund Erwin und diese Semmel auf dem Teller nicht reden. Denn auch "den Erwin" gibt es nicht: In zehn Jahren wird "der Erwin" ein ganz anderer sein - ganz zu schweigen von "der Semmel" auf dem Teller.

Um der Absurdität solcher Konsequenzen zu entkommen, könnte ein Verteidiger der Formel "Den Islam gibt es nicht!" argumentieren, es ginge darum, über den Islam in differenzierter Weise zu reden. Man solle eben nicht über "den Islam" reden - das sei nicht konkret genug -, sondern zum Beispiel über den bosnischen Islam oder den saudiarabischen Islam. In diesem Fall würde sich allerdings die Frage stellen, ob die Einheiten „bosnischer Islam“ und „saudiarabischer Islam“ klein genug bzw. die Begriffe „bosnischer Islam“ und „saudiarabischer Islam“ konkret genug sind, um sinnvoll über sie reden zu können. Denn, wenn es "den Islam" nicht gibt, könnte es ja sein, daß es auch "den bosnischen" und "den saudiarabischen Islam" nicht gibt.

Entscheidender ist aber, daß wir über die Begriffe „bosnischer Islam“ und „saudiarabischer Islam“ überhaupt nichts sagen können, solange wir über „den Islam“ nichts wissen, d.h. solange wir nicht wissen, was diese beiden Varianten des Islams - neben ihrer Unterschiedlichkeit – gerade verbindet. Über „den Islam“ müßten wir also erst recht reden, also über jenen allgemeineren Begriff, der den spezielleren Begriffen „bosnischer“ und „saudiarabischer Islam“ zugrunde liegt – über genau jenen „den Islam“, den es angeblich nicht gibt.

Vertreter der Formel "Den Islam gibt es nicht!“ spechen im Übrigen unter bestimmten Umständen sehr wohl über "den Islam im allgemeinen". Wenn zum Beispiel in einem Online-Forum der Satz auftaucht: Der Islam hat ein grundsätzliches Problem mit Demokratie, weil Islam Unterwerfung (unter dem Willen Allahs) bedeutet – wohingegen Demokratie auf der Souverenität des Volkswillens gründet, wird früher oder später jemand antworten: „Den Islam gibt es nicht!“, um dann, in einem anderen posting, zu sagen: "Der Islam läßt sich auch liberal interpretieren“, oder „Der Islam ist eine tolerante Religion. Das hat sich während der islamischen Herrschaft über Spanien gezeigt.“ u.ä.
Diese hochselektive Anwendungspraxis weist „Den Islam gibt es nicht!“ als klassische Abwehrformel aus, die nur dann in Stellung gebracht wird, wenn es gilt, Kritik am Islam zu unterbinden – niemals, wenn „positive Aspekte des Islams“ zur Sprache kommen.

… hat nichts mit dem Islam zu tun

Genauso zielgerichtet – und für ihre Zielgerichtetheit blind - verfährt die andere Abwehrformel der Islam-Debatte: „Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun!“. Auch sie kommt nur dann zum Einsatz, wenn es um "negative" bzw." als „negativ“ empfundene Aspekte des Islams geht. Etwa in Debatten über die Stellung der Frau. Die Stellung der Frau im Islam habe überhaupt nichts mit dem Islam zu tun, so ein gängiges „feministisches“ Argument, sehr wohl aber - und sehr viel - mit dem „Patriarchat“ (Interessant wäre an dieser Stelle der Einwand: "Das Patriarchat gibt es nicht!").
Und auch hier gilt, daß die Formel "Das hat ja mit dem Islam nichts zu tun!" ihre Gültigkeit in anderen, „positiven“ Zusammenhängen auf einmal verliert. Wenn man zum Beispiel vom mittelalterlichen Transfer antiken Wissens durch die „islamische Wissenschaft“ nach Europa spricht, hat dieser Transfer auf einmal alles mit dem Islam zu tun – und es würde niemandem einfallen zu sagen: "Das hat ja mit dem Islam nichts zu tun!".

Was aber verwundert. Nicht bloß, weil es sich hier um den Transfer antiken – und eben nicht „islamischen“ – Wissens handelt. Zu bezweifeln ist auch die Charakteriserung der Träger dieses Transfers als „islamisch“. Jemanden, wie den iranischen Philosophen und Naturwissenschaftler Zacharias Rases „islamisch“ zu nennen, ist genauso absurd, wie die Bezeichnung von Marx, Nietzsche oder Freud als „christliche Denker“. Rases war zwar Theist, aber kein Moslem. Er lehnte das Konzept der göttlichen Offenbarung gänzlich ab. Andere für diesen Zusammenhang wichtige Denker, wie etwa Avicenna oder Farabi, waren zwar Moslems - ob ihr Beitrag zum besagen Transfer antiken Wissens mit dem Islam zu tun hatte, darf aber bezweifelt werden. Beide versuchten (verzweifelt) die antike Philosophie mit den Lehren des Islams in Einklang zu bringen. Vergebens, wie der – in diesem Fall zu Recht - als islamisch zu bezeichnende Denker Ghazali in seiner Destructio philosophorum mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten darlegt: In ihrem Bemühen die Lehren des Islams an die Philosophie der Griechen anzupassen, wären Avicenna, Farabi und die anderen „islamischen Philosophen“ vom Islam abgefallen.

Während sie also Phänomene, die tatsächlich nichts mit dem Islam zu tun haben - oder bei denen der Islam eher die Rolle eines Hindernisses gespielt hat, wie bei jenem Kulturtransfer - , mühelos dem Islam einverleiben, behaupten Vertreter der Formel „Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun!“ auf der anderen Seite, die Stellung der Frau im Islam habe nichts mit dem Islam zu tun.
Von solchen Abwehrformeln geht gerade wegen ihrer Absurdität eine hypnotische Kraft aus, die für das Offensichtliche blind macht, das Denken vernebelt und den Diskurs über den Islam, wo sie ihn nicht gänzlich verunmöglicht, lahmlegt.

Die Notwendigkeit, über den Islam zu reden, bedarf keiner Begründung. Die Bedingungen der Unmöglichkeit dieses Redens zu analysieren, ist die Bedingung seiner Möglichkeit.

Ende