Samstag, 31. März 2012

Wunderland 39


Als ich dem Militärschneider gesagt hatte, ich bin part of the game, hatte ich beschlossen, zu fliehen - genauer gesagt, war zuerst der Entschluß gekommen, dann das part of the game.

Ich war - um meine Familie vor den Repressalien der religiösen Faschisten zu
schützen -, bereit gewesen, bei ihrem Mädchen-Projekt mitzumachen. Vielleicht hatten mich auch die Argumente der Professorin und Teheraner Feministin überzeugt, die Religion Teherans sei in der Lage, sich selbst auszutricksen, und ich hatte die Mädchenweihe als Beitrag betrachtet, das Problem der Männerliebe in Teheran zu lösen.

Was aber der Militärschneider verlangt hatte, ging mir zu weit. Ich mochte Paskarani weder als Schaupieler noch als Sänger, aber mich von ihm, im Auftrag der religiösen Faschisten, ficken zu lassen, um ihn zu kompromittieren, konnte ich nicht.

Ich beschloß zu meinen Eltern, und dann - zusammen mit ihnen - aus Teheran zu flüchten. Um meine Brüder machte ich mir keine Sorgen. Einer war ja im Untergrund, und der andere, wenn ich mich richtig erinnere, aber ich mir nicht sicher, war, kurz bevor sie mich in das Lager verschleppt hatten, zum Studium in die Deutschsprachigen Berge gegangen“, der Junge sprach über seine Brüder als wären sie nicht da, tatsächlich wirkten die Brüder, regungslos und mit starren Gesichtern, wie abwesend.

"Beim Ausziehen meiner vollgekotzten Kleider wurde mir klar, daß sich eine Gelegenheit zur Flucht so schnell nicht wieder ergeben würde, wenn überhaupt je, anders als das Lager, konnten wir das Militärgebäude nicht einfach verlassen.

Ich mußte mich beeilen – jeden Augenblick konnte jemand kommen und nach meinem Befinden fragen“, der Junge wandte sich an mich, „Wie Sie wissen, ist man in Teheran höflich. Und freundlich. Vielleicht wissen Sie auch, daß einem die Höflichkeit, und die Freundlichkeit, der Teheraner nerven kann – deshalb bin ich eigentlich froh, in den Deutschsprachigen Bergen zu sein. Über die Deutschsprachigen Berge kann man sagen, was immer man will, aber daß sie einen hier mit ihrer Höflichkeit und ihrer Freundlichkeit nerven, kann man nicht sagen.

Da mein T-Shirt, meine Hose und meine Unterhose, voll waren, nur die Turnschuhe hatte ich verschont, und ich nackt nicht flüchten konnte, mußte ich eines der Mädchen-Uniformen nehmen. Ich nahm einen grünbraunen Offiziersmantel . Eine Hose fand sich weder auf der Stange, noch sonst wo im Zimmer, unter dem eleganten Offiziersmantel war ich nackt“.

„Nackt?“, riefen der Grobe und der Feine, unisono. Der Junge ignorierte sie wieder.

„Hinter der Rollgarderobe befand sich ein Vorhang, den ich beiseite schob. Dahinter gab ein breites und hohes Fenster den Blick auf eine Parklandschaft frei. Ich suchte nach einer Vorrichtung, um das Fenster zu öffnen - vergeblich. Da sah ich, in einer Ecke des Zimmers, ein Fernsehgerät, ich hob es auf, es kam mir leicht vor, und schlug die Fensterscheibe ein. Das Zerbrechen der Scheibe klang wie das Rascheln von Seidenpapier, ich betrat einen sonnigen Tag, und spazierte durch den Park oder den Garten, oder was immer es war, ganz entspannt, als sei ich nicht auf der Flucht vor den religiösen Faschisten, sondern ein Flaneur in einem Park in Paris.“

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Donnerstag, 29. März 2012

Wunderland 38










Die Kollektion Hinterland

Ich soll Euch also helfen, sagte ich, daß in der Gesellschaft Teherans was weitergeht, indem ich mich von Paskarani ficken, und von Euch filmen lasse. Der Militärschneider schüttelte den Kopf, wie erschüttert, und schloß die Augen, als sei die Idee, Paskarani zu kompromittieren, nicht von ihm gekommen, sondern von mir.

Ich wollte aufstehen, oder ich sollte, und das Atelier des Militärschneiders verlassen, aber ich war auf einmal ganz ruhig. Ich bin, sagte ich, part of the game. Der Militärschneider strahlte, stand auf und umarmte mich fest und väterlich, und geleitete mich zur Tür.

Einer, der für uns zuständig war, betrat am Tag nach jenem Gespräch den Unterrichtssaal - wir hatten Konversationsunterricht, man brachte uns bei, das Interesse der Männer zu erregen, ohne vulgär zu erscheinen. Der Zuständige meinte, daß wir uns bereithalten sollten, am Nachmittag würde man uns zur Anprobe unserer Uniformen in eine Scheiderei bringen.

Die Schneiderei war ein Modesalon in Nord-Teheran, unendlich feiner als das ohnehin schon feine Atelier des Militärschneiders. Man brachte uns in eine Halle, wo eine Modeschau stattfand. Mannequinns, die aussahen, und sich bewegten, als sei der Kaiser noch an der Macht, trugen schwarze T-Shirts und Röcke, die Röcke sahen aus der Entfernung alle gleich aus, tatsächlich war aber jeder Rock mit einer anderen, ländlichen Ansicht der Deutschsprachigen Berge bedruckt - Äcker, Heuballen, Vogelscheuchen, Bauernmädchen und –jungen. Die Kollektion nannte sich Hinterland.

Wie wunderten wir uns, daß die Präsentation einer solchen Kollektion in der klerikalen Republik möglich sein konnte. Außer uns ‚Mädchen‘ und zwei hochgewachsenen Inhaberinnen des Modesalons, die wie Schwestern aussahen, befand sich noch ein Kamerateam in der Halle. Unsere Verwunderung wurde größer, als es hieß, es handle sich um ein Kamerateam des Zweiten Kanals des Teheraner Fernsehens, und die Modeschau würde tags darauf vom Teheraner Rundfunk gesendet.

Wie ist das möglich?, wagte ich, eine der hochgewachsenen Schwestern zu fragen. Sie schaute mich an, irritiert und womöglich verärgert: Im Fernsehen wird man nur Röcke sehen, die über den Laufsteg laufen. Daher - damit den Zusehern nicht langweilig wird - die ländlichen Motive auf den Röcken.

Ich versuchte, mir die ländlichen Röcke ohne die Mädchen vorzustellen, das schaffte ich nicht, den Versuch aufzugeben, schaffte ich auch nicht. Statt die Röcke ohne die Mädchen, sah ich die Mädchen am Ende vor meinem geistigen Auge ohne die Röcke, und mußte mich schämen.

Während des Versuches, die Röcke vor meinem geistigen Auge ohne die Mädchen zu sehen, spürte ich einen Schmerz in der Gegend des Magens, der größer wurde, man brachte mich in ein spärlich beleuchtetes Zimmer, und legte mich auf eine Couch. Ich übergab mich, sobald ich allein war. Die Couch, und meine Hose und mein T-Shirt, waren voll, ich mußte mich ausziehen. Gegenüber der Couch stand eine Rollgarderobe, auf deren Stange elegante, taillierte Offiziersmäntel hingen, mit goldenen Knöpfen, und Krägen aus kurz geschorenem Pelz. Daneben hatte man, auf einer Holzbank, ein Dutzend Pelzbaretts aufgestellt. Es waren unsere Mädchenuniformen.

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Freitag, 2. März 2012

Warum wir über den Islam nicht reden können - Vortrag und Diskussion




Helmut Dahmer│Vladimir Vertlib │Sama Maani

Warum wir über den Islam nicht reden können

Wie kommt es, daß wir die Ablehnung des Islams als „rassistisch“ wahrnehmen – nicht jedoch die Ablehnung des Christentums?
Warum sind die Demonstranten des arabischen Frühlings für uns in erster Linie Moslems – die Demonstranten der Occupy-Bewegung in New York aber nicht christlich? Warum reden wir, wenn wir vorgeben über den Islam zu reden, über alles mögliche andere (Terrorismus, Migration, „Integration“) – nur nicht über den Islam? Und: Was hat unser (Nicht-)Reden über den Islam mit unserer eigenen Beziehung zur Religion zu tun?

Drei Vorträge mit anschließender Publikumsdiskussion.

Helmut Dahmer studierte Soziologie und Philosophie bei Helmuth Plessner, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas. In den Jahren 1968-1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche. 1984 gehörte er zum Gründungsbeirat des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 1974-2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Seit 2002 lebt er als freier Publizist in Wien.
Publikationen: Libido und Gesellschaft (1973, 1982); Pseudonatur und Kritik (1994); Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert (2001); Divergenzen (2009); Die unnatürliche Wissenschaft (2012); Interventionen (2012).

Vladimir Vertlib, in Leningrad (St. Petersburg) geboren, Schriftsteller, lebt in Salzburg und Wien. Zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays. Erhielt 2001 den Anton-Wildgans- und den Adalbert von Chamisso-Förderpreis.

Sama Maani, geboren in Graz. Studium der Medizin in Wien und der Philosophie in Zürich, Lebt als Autor, Psychoanalytiker und Psychiater in Wien.
Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (u.a. kolik und wespennest) und Anthologien. 2004 Preis des Literaturwettbewerbs schreiben zwischen den kulturen. 2007 österreichisches Staatsstipendium für das Romanprojekt Ungläubig.

Fr., 23. März 2012 19:00 Uhr
Hauptbücherei am Gürtel


Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien

Sonntag, 12. Februar 2012

Wunderland 37

Den Kunden abholen, wo er ist ...


"Du wirst Dich so positionieren, daß er nicht merkt, oder nicht sofort, daß Du kein … daß Du nicht wirklich ein Mädchen bist. Der Militärschneider lächelte gütig, wie ein Vater. Das werden wir üben. Und in der Zeit, die er braucht bis er es merkt, werden wir Euch filmen.

Sie verwechseln da etwas, rief ich empört, man bildet uns aus, um uns Männern zur Verfügung zu stellen, die sich freiwillig unserer bedienen.

Der Militärschneider schwieg.

- Und … wie wollen Sie uns - in der Dunkelheit filmen?

Mit der Infrarotkamera, der Militärschneider lachte auf einmal ein schrilles, hysterisches Lachen.

Auf einmal war Paskarani, der mir bis dahin gleichgültig gewesen war, sympathisch.

- Und warum überhaupt? Warum wollt Ihr den Armen kompromittieren?

Von irgendwoher nahm der Schneider ein Buch und schlug es auf. Kompromittieren, las er, ist das Bloßstellen eines Menschen. Und nach einer Pause: Wenn man aber jemanden bloßstellen kann,dann muß es das, was man bloßstellt, auch geben. Dann ist er also schwul. Und wenn er liberal und schwul ist, muß er sich bekennen.

Ich spürte, daß die Argumentation des Militärschneiders falsch war, hätte aber nicht sagen können, warum. Ist doch seine Sache, daß er schwul ist, sagte ich - ich hatte angefangen, über Paskarani zu reden, als stünde es fest, daß er schwul sei.
Du spricht wie ein Liberaler, sagte der Militärschneider, nahm seine Mütze ab, und legte sie auf den Tisch. Die Liberalen bringen uns aber nicht weiter. Genauso wenig wie die Linken.

Weißt Du übrigens, warum unsere Revolution gesiegt hat?


Eure Revolution?, wollte ich rufen, Eure? Unsere Revolution. Die habt Ihr gestohlen!

Die Revolution
, sagte der Schneider, hätte niemals gesiegt, hätten wir, religiöse Faschisten, sie den Linken und Liberalen nicht gestohlen. Ohne Religion geht in Teheran nichts. Glauben Sie jetzt aber nicht, daß ich die Religion nicht verabscheue. Ich verabscheue sie. Und unsere Religion Teherans ist von allen die verabscheuungswürdigste. Aber Teheran ist ein Kunde. Du mußt ihn abholen, wo er ist.“ Der Junge sah, bedrückter als ohnehin schon, in sein Bier. „Wie oft habe ich hier, in den Bergen, während des Studiums der Betriebswissenschaften, den Satz gehört: Du mußt den Kunden abholen, wo er ist! So oft bis ich das Studium aufgab. Ich weiß aber nicht mehr, ob ich das Studium wegen des Militärschneiders aufgab, oder ob ich Du mußt den Kunden abholen! zum ersten Mal in den Deutschsprachigen Bergen gehört, und ihn dem Militärschneider dann, in der Erinnerung, in den Mund gelegt habe.

Ich war ein aufgeweckter Junge, ich sagte es schon. Vor Autoritäten hatte ich keine Angst, und wollte dem Militärschneider, wie vor und nach ihm Faschisten und Religiösen aller Art, widerprechen und ihn systematisch niederreden. Aber sein Zynismus im Umgang mit der Religion machte mich sprachlos.

Ohne Religion, sagte der Schneider, geht in Teheran nichts, und überhaupt müßten wir Religion, wenn es sie nicht gäbe, erfinden - ich meine uns Politische, wenn ich wir sage, und wenn ich uns Politische sage, nicht die bürokratischen sondern die Politiker des Politischen, die wollen, daß in der Gesellschaft -“, der Junge hielt inne, „welche Worte er an dieser Stelle gebrauchte, kann ich nicht sagen, aber ein Bewohner der Deutschsprachigen Berge hätte an dieser Stelle gesagt: - die wollen, daß was weitergeht in der Gesellschaft, hingegen die Bürokratischen, sagte der Militärschneider, jenem Staatsmann den Satz in den Mund gelegt haben, 'Politik ist die Kunst des Möglichen', was er nicht gesagt hat. Er sagte, daß Politik eine Kunst sei, und keine Wissenschaft. Aber als Kunst muß sie das Unmögliche wollen, weshalb sie ohne Religion nicht auskommt. Zumal in Teheran, wenn sie will, daß was weitergeht. Religion macht das Unmögliche möglich.

Und weißt Du, wo wir, Politiker des Politischen, beginnen müssten, wenn wir wollten, daß was weitergeht in der Gesellschaft in Teheran? Ich wußte es natürlich nicht. Weder bei den Rechten der Bürgerinnen und Bürger, der Militärschneider setzte sich die Schlafmütze wieder auf, noch bei dem Gegensatz zwischen den Klassen - sondern beim Sex.

Und wieder wunderte ich mich, daß der Militärschneider, mit der phrygischen Mütze, Sex gesagt hatte, und nicht Liebe."

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Donnerstag, 2. Februar 2012

Sama Maani, ZEITZEUGENSTUNDE



Regie: Andreas Kurz
Lukas Schiske, Percussion


Graz, 1978. Ein Perserjunge und die Reaktionen auf die TV-Serie "Holocaust".


24., 25. Februar und 3., 4. März 2012
Beginn: 19:30 Uhr

Brick-5 , 1150 Wien, Fünfhausgasse 5

Karten: zeitzeuge@chello.at
12.-/8.-

Sama Maani, geboren als Kind iranischer Eltern in Graz, wuchs in Österreich, Deutschland und dem Iran auf. Studium der Medizin in Wien und der Philosophie in Zürich. Arbeitet als Autor, Psychoanalytiker und Psychiater in Wien. Preis des Wettbewerbs schreiben zwischen den kulturen 2004. Österreichisches Staatsstipendium 2007. Zahlreiche Publikationen in deutschsprachigen und iranischen Literaturzeitschriften und Anthologien.

Andreas Kurz, geboren in Attnang-Puchheim/OÖ, lebt als Autor, Regisseur, Radiomacher und Universitätslektor in Wien und Budapest. Zahlreiche Stipendien, Preise und Festivalteilnahmen. Zuletzt veröffentlicht: "Zwischen Himmel und Erdnuss", Theatermonolog mit Musik, Festival der Regionen 2011; "Unter Umständen", Kurzfilm (Buch und Regie), RubatoFilm Produktion, 2011. Aktuelle Arbeiten: Debütfilm "Rattenkinder" und die Kino-Dokumentation "freiräumen".

Lukas Schiske, Schlagwerk, geboren in Wien. Mitglied des Klangforum Wien. Spezialisierung auf Neue Musik. Daneben Zusammenarbeit mit Orchestern unterschiedlicher Stilrichtungen (u.a. Los Angeles Philharmonic Orchestra, Wiener Symphoniker und etlichen Barockorchestern). Als Jazz- und Rockdrummer u. a. bei Wolfgang und Christian Muthspiel und Franz Hautzinger. Szenische Auftritte: u. a. mit Christoph Marthaler. Als Solist national und international tätig.

Sonntag, 8. Januar 2012

"Dabei schreiben wir doch schon 1806!"

Wenn der Zug der Geschichte in den Abgrund führt, wie Benjamin meint, dann haben die Revolutionen im Iran nicht die Notbremse gezogen, sie sind - im Gegenteil - aufs Gas gestiegen.


Kämpfer der konstituionellen Revolution im Iran, 1905 bis 1911

Ein vor kurzem aus Teheran nach Wien emigrierter Freund - nennen wir ihn Kave - schloß einen Bericht über seine erste Begegnung mit dem Rassismus hierzulande mit den Worten: Das es so etwas noch gibt. Dabei schreiben wir doch schon 2011! Ich mußte an eine Szene aus der Verfilmung von Jane Austens Sense and Sensibilty denken, in der einer der Protagonisten, ähnlich empört wie mein Freund aus Teheran, ausruft: Dabei schreiben wir doch schon 1806! – woraufhin im Kino gelacht wurde.

Wären wir Teheraner nicht überaus höflich, und wäre mir der österreichische Rassismus aus eigener Erfahrung nicht allzu bekannt – ich hätte über das Doch-schon-2011 meines Freundes genauso gelacht wie über das Doch-schon-1806 im Kino. Das Gelächter über das Doch-schon-1806 im Kino hatte sich natürlich auf die Jahreszahl 1806 bezogen, wohingegen mein - aus Rücksicht unterdrücktes - Lachen über das Doch-schon-2011 meines Freundes mit dem Doch-schon zu tun gehabt hätte.

Hätte ich meine Rücksichtnahme beiseite geschoben und tatsächlich gelacht, hätte ich (nachdem ich fertig gelacht hätte) meinen belesenen und politisch interessierten Freund gefragt, wie er denn nach der iranischen Erfahrung der letzten einhundert Jahre an ein solches Doch-schon überhaupt glauben könne.

Wenn es nämlich ein Land gibt, das geeignet wäre, einen an diesem Doch-schon - am Gedanken also, es würde auf der Welt von Jahr zu Jahr freier, brüderlicher und gerechter, zugehen - irre werden zu lassen, ist es der Iran.

Vor einhundert Jahren erkämpften sich iranische Kaufleute, Handwerker, Intellektuelle, aber auch Teile des Klerus und der Aristokratie, während der blutigen, sogenannten konstitutionellen Revolution, 1905 bis 1911, ein Parlament und eine demokratische Verfassung nach belgischem Vorbild. Dabei kämpften und siegten sie gegen die absolut herrschenden Kajaren–Kaiser und ihrem Verbündeten, dem zaristischen Russland. Frauen(rechtlerinnen) spielten bei dieser - überwiegend säkularen - Revolution übrigens eine herausragende Rolle.

Unter der Pahlevi-Dynastie (1925 bis 1979), die die Kajaren ablöste, blieb die konstitutionell-demokratische Verfassung in Kraft. De facto waren die Pahlevi-Kaiser aber Dikatoren, und ihre Regime repressiver als die zum Teil schwachen Kajaren-Kaiser. Eine Ausnahme bildeten die Jahre 1941 bis 1953, die wohl demokratischste Periode in der Geschichte Irans, an deren Ende ein weiterer revolutionärer Schub stand: Die Bewegung zur Verstaatlichung des iranischen Erdöls, die mit dem Namen des damaligen Premierministers, Mohammad Mossadegh, verbunden ist. 1953 wurde Mossadegh gestürzt - danach begann die Diktatur des zweiten und letzten Pahlevi-Kaisers.

1979 kam es zur Islamischen Revolution – die entgegen anderslautender Gerüchte das Prädikat islamisch durchaus zurecht trägt, war sie doch von Anfang islamisch geprägt. Dennoch zielte die Mehrheit der Revolutionäre auf eine gerechtere und freie Gesellschaft. Was herauskam, ist bekannt. Nicht genug, daß die iranische Gesellschaft nicht freier wurde; daß Freiheiten, die es unter dem letzten Kaiser noch gab, etwa das Recht der Frauen auf Scheidung, oder das Sorgerecht für geschiedene Frauen, um nur zwei Beispiele zu nennen, abgeschafft wurden - in der Islamischen Republik erlebten die Iraner(innen) gänzlich neue - bzw. seit langem unbekannt gewesene - Dimensionen der Unfreiheit: Kopftuchzwang, die Todesstrafe für Homosexuelle, Steinigung bei außerehelicher Liebe, die Todesstrafe für den Abfall vom Islam, die Entrechtung hundertausender Angehöriger religiöser Minderheiten und anderes mehr. Unfreiheiten, die man sich im Iran der 1950er und 1960er Jahre nicht hätte vorstellen können, zum Teil vielleicht nicht einmal zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, zur Zeit der konstitutionellen Revolution.

Hier liegt allerdings eine doppelte Unvorstellbarkeit vor: Daß ein Ehemann in der Islamischen Republik seine Ehefrau, die er beim Ehebruch erwischt hat, ohne Strafverfolgung befürchten zu müssen, töten kann, 9-jährige Mädchen hingegen strafmündig sind – das hätte sich vor einhundert Jahren eine Frauenrechtlerin der konstitutionellen Revolution nicht vorstellen können. Umgekehrt können wir im Jahre 2011 uns nicht vorstellen, daß es Frauenrechtlerinnen im Iran vor einhundert Jahren überhaupt gab.
Wie wir uns ohnehin nicht vorstellen können, daß es in einem Land, in dem sich 1979 eine islamische Revolution ereignete, 1905 bis 1911 eine demokratisch-liberale stattgefunden haben soll.

Revolutionen sind für Marx die Lokomotiven der Weltgeschichte, die deren Grundtendenz zum Fortschritt – jenes Doch-schon meines Freundes Kave – noch beschleunigen sollen. Die iranische Erfahrung scheint Marx, und Kave, aber krass zu widersprechen. Und sie befindet sich dabei in allerbester Gesellschaft: Seit Jahren wird die Rede von der Revolution als Lokomotive fast nur mehr im Zusammenhang mit dem Widerspruch zitiert, die sie beim Literaturkritiker und Philosophen Walter Benjamin erfahren hat:

Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.

Anders als für Marx ist für Benjamin Geschichte die Stätte des Unheils,

eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft,

und wenn denn geschichtlicher Fortschritt für Benjamin überhaupt einen Sinn hat, dann als ein Fortschreiten der Herrschenden von einem Sieg zum nächsten. So gesehen sollten uns Revolutionen nicht die Befreiung in der Geschichte bescheren, sondern die Erlösung von ihr.

Wird diese Geschichtstheorie Benjamins der iranischen Erfahrung gerechter als diejenige von Marx, und meines Freundes Kave? Was Marx‘ Geschichts-Optimismus - und Kaves Doch-schon – betrifft, bzw. Benjamins radikalen Pessimismus, scheint dies der Fall zu sein. Was vor einhundert Jahren so hoffnungsvoll begann, mit einem für ein islamisches Land des Jahres 1905 unmöglichen demokratischen Aufbruch, endete mit einem Im-Grunde-Unmöglichen anderer Art: Der Islamischen Republik.

Die Rolle der Revolutionen scheint Benjamin aber, zumindest was den Iran anbelangt, ebenso falsch einzuschätzen wie Marx. In den letzten einhundert Jahren scheint es im Iran nach jeder revolutionären Anstrengung noch schlimmer geworden zu sein. Die konstitutionelle Revolution mündete in die Diktatur des ersten, die Bewegung zur Verstaatlichung des Erdöls in die Diktatur des zweiten Pahlevi-Kaisers. Und die islamische Revolution in ein Mörderregime, das uns an das Universum eines perversen Fantasy-Autors erinnert.

Wenn der Zug der Geschichte in den Abgrund führt, wie Benjamin meint, dann haben die Revolutionen im Iran nicht die Notbremse gezogen, sie sind, ganz im Gegenteil, aufs Gas gestiegen. Das drängt sich zumindest im Fall der islamischen Revolution auf.

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Sonntag, 11. Dezember 2011

Wunderland 36


Gefällt er Dir?, fragte der Militärschneider.

Obwohl ich ein ‚Mädchen‘ war, oder auf dem Weg zu einem solchen, dachte ich, daß er wissen wollte, ob ich Paskarani als Sänger, resp. Schauspieler mochte, was ich verneinte, weil ich weder Teheraner Lieder noch Teherano-Western mag.

Paskarani steht zwar nicht auf ‚Mädchen‘ wie Euch, sagte der Militärschneider – und erst da kapierte ich, was er mit der Frage, ob mir Paskarani gefiel, gemeint hatte; daß Paskarani nicht auf ‚Mädchen wie uns‘ stand, verletzte mich übrigens, obwohl ich ihn als Schauspieler, wie gesagt, und Sänger nicht mochte, und sich seine Ablehnung von ‚uns Mädchen‘ nicht auf mich persönlich bezog, und ich mich ohnehin nicht als ‚Mädchen‘ fühlte, und mich zur Teilnahme an der Mädchenweihe nur bereit erklärt hatte, um das Lager verlassen zu können - Paskarani steht zwar nicht auf ‚Mädchen‘ wie Euch, aber darum geht es hier nicht, der Militärschneider sah mich erwartungsvoll an.
Nein, sagte ich.
Ich kannte mich nicht aus.

Paskarani ist verheiratet, sagte der Scheider, und er hat eine Affäre. Eine Studentin und Mitarbeiterin seines Teams“, der Junge wandte sich an mich, „Paskarani hatte für das Präsidentenamt der klerikalen Republik kandidiert. Er galt als linksliberal. Die Wahlen sollten ein halbes Jahr nach jenem Gespräch mit dem Militärschneider stattfinden.

So weit ich weiß, sagte der Militärschneider, ist die Geliebte unsere Agentin, aber ich bin mir nicht sicher. Wie auch immer - sie wird kooperieren. Paskarani hat ein Appartement in Nord-Teheran, wo die beiden sich treffen. Wir wissen, daß er immer nur im Dunkeln Sex hat. Und immer nur im Schlafzimmer.

Wovon reden Sie überhaupt, sagte ich, oder wollte ich sagen. Es irritierte mich übrigens, daß der Militärschneider mit seiner phrygischen Mütze und den Folianten auf dem Tisch, Sex gesagt hatte, und nicht etwa Liebe. Auf meine Frage - falls ich sie wirklich gestellt haben sollte - reagierte er nicht.

An das Schlafzimmer schließt ein großer begehbarer Schrank an. Darin wartest Du. Kurz nachdem der Sex begonnen hat, verläßt das Mädchen unter irgendeinem Vorwand das Schlafzimmer, um in das Badezimmer zu gehen, und vom Badezimmer, das durch eine Tür ebenfalls mit dem begehbaren Kleiderschrank verbunden ist, in eben diesen. Dort löst Du sie ab und gehst über das Badezimmer in das Schlafzimmer, wo Paskarani glauben wird, Du seiest das Mädchen. Du wirst Dich nach Möglichkeit so positionieren, daß er nicht gleich merkt daß Du … kein richtiges Mädchen bist, das werden wir natürlich üben, und die Zeit, die er braucht, bis er es merkt, nützen wir, um Euch zu filmen.

Als er das sagte, lächelte der Schneider wie ein gütiger Vater“.

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